{"id":8335,"date":"2018-06-20T11:27:57","date_gmt":"2018-06-20T11:27:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8335"},"modified":"2018-08-05T16:54:20","modified_gmt":"2018-08-05T16:54:20","slug":"die-liebe-der-seekuh-italien-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8335","title":{"rendered":"Die Liebe der Seekuh (Italien 6)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8335&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8335&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>1.<br \/>\nLetztlich bin ich doch noch nach Punto Maria del Leuca gekommen.<br \/>\nEntt\u00e4uschung pur. An der Kirche und dem Leuchtturm vorbei. Ist das die einzige h\u00e4ssliche Kirche in Italien? Und der Leutturm passt besser nach Gotland als nach Apulien. Dann die Palmen-Eukalyptus-Oleander-Promenade entlang. Sie stehen stehen still da, zernepft und habtacht wie preu\u00dfische Feldwebel. Beim Holzkreuz f\u00fcr den Woityla-Papst-Besuch liegt ein verdorrtes Lorbeergebinde mit polnischer Inschrift. Polnische Papst-Touristen. Ansonsten gl\u00e4nzt die Riviera mit verrammelten Pizzarien und Eissalons, die Strandvillen blind und abweisend mit den zugeschlagenen Fensterl\u00e4den, Boote umgedreht, kieloben am Bauch und in Zeltplanen gewickelt wie Polizeileichen.<br \/>\nNur wenige Spazierg\u00e4nger unterwegs, einige mit Hunden, diese scheinen mir alle dreibeinig, vielleicht ziehen sie ein Bein ein wegen der K\u00e4lte. Ein dunkler M\u00e4nnerhaufen vor einem Caf\u00e9, ein anderer vor einem Tabacchi an der heute nicht sonnenbeschienenen H\u00e4userfront.<\/p>\n<p>Auf einer Bank sitzt die alte Engl\u00e4nderin vom Vortag und liest in einem Buch \u2013 Apulien-Dumont auf Englisch mit bunten Sommerfotos. Sie hat also trotz meiner mangelhaften Auskunft das Meer gefunden. Ich gr\u00fc\u00dfe sie, aber sie erkennt mich offensichtlich nicht wieder. Das h\u00f6fliche, den Briten angeborene L\u00e4cheln klebt in ihrem viktorianischen Porzellangesicht. Eine Teekanne mit Schnabeltasse. Wahrscheinlich muss man von den britischen Inseln kommen, um es am Punto lauschig zu finden. Sie kann nichts daf\u00fcr, ich sehe wirklich sehr anders aus als gestern bei meinem ersten Spaziergang \u00fcber die Piazza San Rocco. Ich bin fest in meinen violetten Daunenmantel eingemummelt, habe mich mit gleichfarbiger Wollm\u00fctze, gro\u00dfem Schal und festem Schuhwerk k\u00e4lte- und windresistent zu machen versucht. Die komplette Winterausr\u00fcstung aus Wien! Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass ich meine Reisegarderobe hier im S\u00fcden brauchen w\u00fcrde. Die abgebrochene Sturmwanderung von gestern war mir eine Warnung.<\/p>\n<p>Ich gehe aus dem Ort hinaus zum \u00e4u\u00dfersten Absatz des Stiefels. Von wegen Stiefelabsatz \u2013 ich hab ihn eigentlich immer eher als St\u00f6ckelschuhspitzel angesehen oder einen Handschuhfinger, in den man hineinschl\u00fcpfen muss. So eng ist mit jetzt auch zumute. Gegen\u00fcber soll Korfu liegen, das traumhafte Kerkyra mit dem Achilleon. Nicht einmal hundert Kilometer entfernt. Noch viel fr\u00fcher, als ich noch Sisi-Fan war \u2013 nicht wegen Romy, sondern weil ich Axel C\u00e4sar Conte-Corti verschlungen habe \u2013 bin ich ins Achilleon gepilgert und der Kaiserin bis heute dankbar, dass sie mich mit ihrer gro\u00dfen Liebe, mit Heinrich Heine, angesteckt hat. Genau hier soll sich die Adria mit dem Ionischen Meer <em>verm\u00e4hlen<\/em>. Wenn man das Tyrrhenische dazunimmt, k\u00f6nnte man von einer M\u00e9nage-\u00e0-trois reden.<\/p>\n<p>Meine Vermieterin hat mir erz\u00e4hlt, dass die Meere im Sommer einen scharfen Kamm bilden und sich kilometerlang nicht mischen. Was f\u00fcr eine Ehe! Die Liebe der Stachelschweine und der Warane. So eine wie ein St\u00fcckchen weiter s\u00fcdlich zwischen Skylla und Charybdis? Nichts davon ist heute mit freiem Auge zu sehen. Das Meer ist einheitlich grau-gr\u00fcn-wei\u00dflich wie meine Waschmaschine im letzten Schleudergang, es tobt, brodelt, kocht, braust und zischt, obwohl kein Wind zu sp\u00fcren ist. Der feuchte Hauch kommt vom Wasserdampf der aufsteigenden Gischt. Die sp\u00e4ten Ausl\u00e4ufer des Sturmes der letzten Tage lecken unerbittlich an dem Sand, braun-gelbe Bl\u00e4schen und Schaumkr\u00f6nchen an den auslaufenden Enden wie fl\u00fcssige Babyschei\u00dfe. So wie sie aussehen, k\u00f6nnten sie auch riechen. An den D\u00e4mmen der Wellenbrecher steigt das Wasser in hohen Font\u00e4nen auf, die Bojen drumherum tanzen wie verr\u00fcckt auf und ab, tauchen unter, einmal rot, einmal blau oben.<\/p>\n<p>Am Ortsrand ziehen sich links von mir flache Sandst\u00e4nde hin, zu denen im Sommer die Menschenmassen str\u00f6men. Rechts ins Landesinnere hineingestapelt, abgeschn\u00fcrt von einer Schnellstra\u00dfe, h\u00e4ufen sich die geballten H\u00e4sslichkeiten des Massentourismus: Die K\u00fcstenlinie ist zubetoniert mit Hotels, Pensionen und Appartmenth\u00e4usern, mit ihren kleinen, angeklebten Balkonen r\u00e4udigen Reptilien \u00e4hnlich, dazwischen r\u00f6cheln br\u00f6ckelnde Ferienvillen aus dem 19. Jahrhundert ihrem Untergang entgegen, eingezw\u00e4ngt zwischen Asphaltw\u00fcsten mit Parkpl\u00e4tzen, Superm\u00e4rkten, Sportparcours, Mac Donalds, FFC und Pizzahuts. H\u00fctten, genau, Barackenlager. Wo habe ich zum letzten Mal so viel Grindigkeit an einem Ort gesehen? Budva in Montenegro mit seinen realsozialistischen Bettenburgen f\u00e4llt mir ein, die die Schmetterlingsbucht verschandeln. Keine Spur von den sanften H\u00fcgeln mit den ber\u00fchmten Weintrauben und Oliven, Feigen- und Mandelhainen, alles bis weit hinauf von Anti-Architektur verkr\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Die Menschen bauen sich ihr eigenes Krebsgeschw\u00fcr in die Landschaft.<br \/>\nMag sein, dass es hier sch\u00f6n aussieht, wenn alles bl\u00fcht, es warm, gr\u00fcn und bunt ist, wenn Menschen flanieren und sich vielf\u00e4ltig vergn\u00fcgen. Am Strand brav und faul die brutzelnden K\u00f6rper dicht an dicht unter f\u00e4rbigen Fransenschirmen und sich w\u00e4lzen in der tr\u00fcben Flut, in den Hotels \u00fcbersichtlich in Pferche geschlichtet, in Appartmentsiedlungen wie in aufgestapelten Schuhkartons, die eigentlich schon l\u00e4ngst entsorgt werden m\u00fcssten. Alles zeigt den Charme eines zerplatzten Mars-Asteroiden. Ist das das nach au\u00dfen gest\u00fclpte Abbild der Mafia und des Berlusconismus?<br \/>\nWie k\u00f6nnen die Menschen sich selbst eine solche H\u00f6lle ins Paradies hineinbauen? Vielleicht sollte man \u00fcberhaupt nur im Winter kommen, um sich von der dummen Krankheit Reisesehnsucht heilen zu lassen. Mit Wehmut denke ich an die Gem\u00fctlichkeit der Weltreise durch mein Zimmer. Gibt es ein Wort, das alle diese Eindr\u00fccke zusammenfasst? Suche und finde es: Lieblosigkeit und Geldgier. Warum \u2013 diese Frage kommt erst sp\u00e4ter, und ich f\u00fcrchte, die Antwort wird mir versagt bleiben.<\/p>\n<p>Weiter nach S\u00fcden, geht der flache Sandstrand allm\u00e4hlich \u00fcber in steiniges Gel\u00e4nde, anfangs nur Steinbrocken ins Wasser gestreut, dann immer h\u00f6here Felsen und ein kleiner Fjord am Ende der Bucht. An der Kante setze ich mich auf einen Stein und schaue hinaus auf das Meer. Finis terrae. Ob man das sehen kann, wann und wie, dar\u00fcber war nichts zu lesen, ob sie verschiedene Farben haben, verschiedene Wellen und Wirbel, Str\u00f6mungen und Energien zwischen zwei Vulkanen, ob Ebbe und Flut andere Rhythmen haben? So viele Fragen, vielleicht sollte ich wieder einmal die Odyssee lesen. Keine Ahnung, und die bekomme ich an diesem Tag nicht mehr, denn alles vor mir zerflie\u00dft in einem ununterscheidbaren Gischtvorhang ohne Horizont, ein Gef\u00fchl wie auf einem sturmumtosten Schiffsbug.<br \/>\nNicht verwunderlich, ganz nat\u00fcrlich, wie es der geografischen Form und Exponiertheit des Stiefelabsatzes entspricht. Aber warum ich davon etwas so stark sp\u00fcre, ohne jemals esoterische Mond- oder Sonnenanbeterin gewesen zu sein. Irgendetwas versucht mich zu zerreissen, zerrt an mir. Das kommt nicht von innen, es ist eine \u00e4u\u00dfere Macht, und ich boxe mit meinen Ellbogen um mich wie gegen eine Wattemauer.<\/p>\n<p>Wie ich so da sitze, auf einem flachen Stein und gegen einen Felsen gelehnt, f\u00e4llt mir auf, dass es nicht einmal nach Meer riecht. Keine der bekannten W\u00fcrzemischungen aus Jod, Salz und Botanik, Algen und Erde, Fisch und Moder, als sei die Luft geruchsdicht eingeschwei\u00dft in Tiefk\u00fchlplastiksackerlt\u00fctenzellophanfoliendosen im untersten Fach. Keine Geruchsspur von Zitronenmelisse, Passionsblume, Baldrian, Mohn, Hopfen, Thymian, Lorbeer, Oregano, Arnika, Wermuth, Klee, Anis, Strohblume oder Kaktus.<br \/>\nSo wie das Rauschen des Meeres alle anderen Ger\u00e4usche geschluckt hat. Sogar das hysterische Geschrei der unvermeidlichen M\u00f6wen. L\u00f6schtaste. Stummfilm.<br \/>\nWarum mir gerade jetzt <em>Manchester by the Sea <\/em>einf\u00e4llt, wei\u00df ich nicht. Zwei Gesichter wenden sich voneinander ab und bleiben eingefroren stehen. Kommen Onkel und Neffe zusammen? Gro\u00dfartiger Film, hat mir sehr gut gefallen, aber ratlos gelassen. Trostlosigkeit? Nein, eher Melancholie. Ein kleiner Lebensausschnitt von wenigen Personen mit wenig Handlung an der Oberfl\u00e4che, aber gro\u00dfer Tiefe.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nSitze nur und schaue. By the way, by the sea: Ich war hier schon einmal, dieser Sandstreifen, der Buchtabschluss mit der Wand, dieses kreisrunde Loch in dem einzeln stehenden Stockzahn, Emmentalerwand, wei\u00df und rosa vom Tuff, dem typischen Apulien-Gestein. Darauf habe ich schon einmal geschaut, vor wie vielen Jahren? Oder war\u2018s in Sizilien, auf den \u00c4u\u00dferen Hybriden, in Island, am Baikalsee oder bei Wladiwostok? Das hat man nun vom Vielreisen und Vielschauen. Ich kriege die Zeiten und Bilder nicht mehr zusammen. Oder doch? Wie funktioniert Erinnern? Es ist der S\u00fcden, definitiv. Es ist warm, wir sitzen nackt am Strand, hier muss es eine S\u00fc\u00dfwasserquelle geben, das Segelboot ankert weiter drau\u00dfen vor der Bucht, die \u201eJoy of Freedom\u201c schaukelt leicht, das kleine Schlauchboot l\u00e4sst vor uns in der D\u00fcnung seine Ruder schleifen. Wir haben Frischwasser getankt und zwischen den Steinen ein Lagerfeuer gemacht. Die Rotweinflasche geht im Kreis \u2013 drei M\u00e4nner und ich.<\/p>\n<p>Da ist es wieder, ich rechne zur\u00fcck, es kann nur der Sommer von 1984 gewesen sein, meine letzten Schulferien, mein letzter langer Sommer als Lehrerin und Obermaat auf der Joy. Aber es ist anfangs noch ein zerschnipselter Stummfilm, schwarz-wei\u00df, in Fetzen, ein unterbrochene Diaschau mit Schwarzstellen dazwischen, als klemmte der Wagen. Jetzt kommt nichts mehr, der alte Diaapparat bettelt darum, sich im technischen Museum f\u00fcr immer ausrasten zu d\u00fcrfen. Daf\u00fcr beginnen Bilder aus der Schw\u00e4rze aufzuflackern und zu laufen, erst stockend, verklemmt, \u00fcberlagert, sie stolpern und \u00fcberholen einander, dann werden sie l\u00e4nger, klarer und zusammenh\u00e4ngend. Einzelne Figuren tauchen auf. Der dicke Christof sitzt im mageren Schatten einer alten Tamariske \u2013 oder einer Pinie? \u2013 und zeichnet, nein, er aquarelliert, deutlich ist der Pinsel zu sehen, das Brettchen, der Farbkasten und das Wasserglas neben ihm. Die Felsen mit ihren L\u00f6chern, wei\u00df-gelblich, an manchen Stellen rosa, pastellig, Tuff wie fast alles alte Gem\u00e4uer in Apulien.<\/p>\n<p>Ich habe ein sehr sch\u00f6nes Bild von ihm, der Hafen von Otranto, Theo hat er eines mit dessen afrikanischer Stadtlandschaft geschenkt. Roberts Gestalt taucht auf, wie er robinsonartig auf seinen langen Beinen herumspringt und unter den Pinien\/Tamarisken Holz sammelt. Theo ist der gute Freitag, stumm, immer l\u00e4chelnd und in jeder Lage hilfsbereit. Es sind bewegliche, bewegte und bewegende Bilder, dazu kommen langsam die alten Ger\u00e4usche und Ger\u00fcche herauf, Gespr\u00e4che und Gef\u00fchle. S\u00e4gende Zikaden bringen die Luft zum Vibrieren, hysterisches M\u00f6wengeschrei. Von diesem Punto Maria del Leuca werden wir nach Korfu und Ithaka hin\u00fcberstechen.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nWir sind in Dubrovnik aus verschiedenen Richtungen zusammengetroffen, die jugoslawische K\u00fcste hinuntergesegelt, dann steil hinaus auf die Adria hinausgekreuzt, um dem kommunistischen Musterland Albanien auszuweichen. Dessen Soldaten lieben es, vom Land aus auf kapitalistische, imperialistische, ausbeuterische, faschistische und kriegstreiberische Segler zu schie\u00dfen. Ob als Freizeitvergn\u00fcgen, Zielscheiben\u00fcbungen oder auf Befehl, wer wei\u00df das schon. Jedes Jahr gibt es Tote und Verletzte bei dieser besonderen Art von V\u00f6lkerfreundschaft.<\/p>\n<p>Ziemlich genau in der Mitte der Adria setzt eine vollst\u00e4ndige Flaute ein, und als Theo den Motor anwerfen will, streikt dieser. Theo hat \u00dcbung im Basteln. Seine \u201eJoy of Freedom\u201c ist eine britische Rennsportyacht Baujahr 1913, der Volvo j\u00fcngeren Datums. Der Halb-Amerikaner Theo spricht sie pers\u00f6nlich mit <em>She <\/em>an und nennt sie liebevoll <em>My fair Lady <\/em>oder respektvoll <em>Her Majesty Joy. <\/em>Der Volvo wird in Einzelteile zerlegt, geschmiert und wieder zusammengesetzt. Zweimal ohne Erfolg, w\u00e4hrenddessen die Seglerneulinge an Bord fast verschmachten. Hei\u00df, windstill, das Meer luluwarm und so voller Quallen, dass wir uns durch Schwimmen nicht abk\u00fchlen k\u00f6nnen. Robert und ich holen am Seil Eimer um Eimer herauf, die wir aber erst von den Quallen befreien m\u00fcssen, bevor wir uns das Wasser \u00fcbergie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Maler Christof ist gegen alle Unbilden gefeit; in seinem Kugelk\u00f6rper ruhend wie Buddha, hockt er unter einem Sonnensegel am Heck, zeichnet einen Block voll und malt Aquarelle, fifty shades of sea, blau, t\u00fcrkis, gr\u00fcn, grau, wei\u00df untertags, vergoldet, burgunderrot, violett und schwarz bei Sonnenuntergang. Der Maler erkl\u00e4rt uns, dass Wasser und Himmel von allem am schwersten zu malen seien. Ich erg\u00e4nze \u2013 und Kleinkinder. Theo, der Altphilologe, zitiert Homer und beruhigt damit den nervig-nerv\u00f6sen Robert.<\/p>\n<p>Sie diskutieren \u00fcber Homers Beobachtung, dass das Meer manchmal <em>die Rotweinfarbe von reifem Weizen <\/em>annimmt. Ja, es ist wahr, wir werden es sp\u00e4ter einmal erleben. Schlussfolgerung \u2013 Homer, oder wer immer der Autor war \u2013 muss viel vom Meer und von der Seefahrt verstanden haben, vielleicht selbst Matrose oder Kapit\u00e4n gewesen sein und doch kein Blinder. Ich koche uns ein feines Essen und produziere zumindest viel zuk\u00fcnftiges Fischfutter. Das macht alle zufrieden und hoffnungsvoll. Zwanzig oder sowas Stunden schaukeln wir sacht inmitten der Adria, auf der Joy of Freedom, in einer Nussschale von einer Yacht. Ich intoniere, nur innerlich: <em>Wir lagen vor Madagaskar\/ und hatten die Pest an Bord <\/em>\u2026 Nicht laut, weil ich schon wei\u00df, dass das ein Nazi-Lied war. Als irgendwann der Volvo geruht anzuspringen, steuert Theo das gegen\u00fcberliegende Brindisi an.<\/p>\n<p>Bevor er vor Ersch\u00f6pfung fast vom Steuerruder f\u00e4llt, springen Robert und Christof \u2013 beide das erste Mal auf einer Yacht \u2013 ein und steuern die Joy unter Theos Anleitungen in den Hafen von Brindisi. Er ist ein guter Lehrer. Sie k\u00e4mpfen heldenhaft, angeseilt an die Reling, Theo bedient den Sextanten. Mitternacht ist weit vorbei, wir nehmen nur Wasser und Proviant auf und segeln weiter Richtung Otranto. Das ist die alleinige Entscheidung des Kapit\u00e4ns, die Landratten w\u00e4ren lieber in einem Hotelbett von Brindisi gelegen. Ich habe schon zwei Jahre unter Theo Borderfahrung und wei\u00df, dass man dem Skipper absolut vertrauen und sich seinem Urteil widerspruchslos unterzuordnen hat. Diesmal f\u00fchrt uns dieses Gesetz aber um ein Haar ins Verderben. Oder Gottes Vorsehung.<\/p>\n<p>Knapp hinter Brindisi bricht ein Sturm los, wie es ihn in der Adria mitten im Sommer selten gibt. Selbst der erfahrene Kapit\u00e4n gesteht ein, dass er das noch nie erlebt hat. Die Joy of Freedom tut das, was sie gelernt hat, im letzten Friedenssommer von Brighton, sie wirft sich mit sieben Knoten in die Fluten, schneidet in die Wellenberge und -t\u00e4ler, der Bug senkrecht \u00fcber uns und in rasender Fahrt hinunter in den Schlund. Mahlstrom, oje, das ist nicht gut ausgegangen. Das Gl\u00fcck dabei ist, dass Robert und Christof in der letzten Nacht Erfahrung gesammelt haben und sich als gehorsam und gelehrig erweisen. In Lebensgefahr soll ja so mancher Faule r\u00fchrig werden. Die Gefahr geht nicht so sehr vom Sturm und seinen Wellen aus, sondern von den zahlreichen Sandb\u00e4nken, die vor der flachen K\u00fcste zwischen Brindisi und Otranto lauern. Auch auf gr\u00f6\u00dfere Schiffe als unsere Nussschale. Untiefen nennt man das mit diesem sch\u00f6nen, euphemistischen Wort. Ich sehe mich in der Kaj\u00fcte liegen und zu Poseidon, Neptun und allen Meeresg\u00f6ttern beten, dass sie mich sterben lassen oder zumindest den Walfisch vorbeischicken.<\/p>\n<p>Kurz nach Sonnenaufgang laufen wir in den Hafen Otranto ein und werden reichlich belohnt f\u00fcr die n\u00e4chtliche H\u00f6llenfahrt. Ein nat\u00fcrliches Rund einer senkrecht aufragenden Felsenbucht aus eierschalenfarbenem Tuff, ein Kratersee, mit einer schmalen Einfahrt wie ein Flaschenhals, auf dem tintenblauen Meer schaukeln wei\u00dfe Segelboote, dar\u00fcber flocken Scharen von M\u00f6wen, die kubischen H\u00e4user in Wei\u00df und T\u00fcrkis sitzen auf dem Rand oben wie eine Krone. Der Maler Christof wird fast verr\u00fcckt vor Freude, eine solche Sch\u00f6nheit haben seine verw\u00f6hnten Augen noch nie gesehen. Ob Otranto in das Oeuvre des Dichters eingegangen ist, ist mir nicht bekannt.<\/p>\n<p>Der Kapit\u00e4n legt vor der Hafenwerkst\u00e4tte an und will den braven Volvo \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Christof bleibt an Bord und malt, Robert und ich wandern durch die Stadt. Ich kann ihn damit verbl\u00fcffen, dass er ausnahmsweise nicht wei\u00df, wer hier seine vielf\u00e4ltigen, st\u00fcrmischen Karrieren als \u201eHerzog von Otranto\u201c beenden musste, ge\u00e4chtet und verbannt. \u00c4tsch, ein Punkt f\u00fcr mich in unserem ewigen Literaturwettstreit. (Das politische Cham\u00e4leon Joseph Fouchet in Stefan Zweigs Biografie-Roman.) In einem Keramikatelier kaufe ich eine Sch\u00fcssel, fast so gro\u00df wie das Hafenbecken von Otranto. Sp\u00e4ter motzt Theo \u00fcber diese \u00fcberm\u00e4\u00dfige Beladung der Joy. Er wei\u00df ja nicht, dass ich sie ihm schenken will. Es soll das erste Erinnerungsst\u00fcck f\u00fcr unseren gemeinsamen Haushalt werden. Ich habe sie noch immer, seither vielfach ben\u00fctzt f\u00fcr gro\u00dfe Mengen von Nudeln, Salaten und Suppen, aber bis heute ohne jede Erinnerungsverkn\u00fcpfung zu dem denkw\u00fcrdigen Sommer 1984. Verdr\u00e4ngung kann man auch sagen.<br \/>\nVielleicht musste ich gerade dazu im Februar 2018 dorthin fahren, zur\u00fcckkehren. Die Erkenntnis \u2013 nichts ist ganz vergangen und alles kann zur\u00fcckkommen. In der einen oder anderen Form.<\/p>\n<p>Weiter, weiter, wieder \u00fcber die Adria nach S\u00fcdosten kreuzen, diesmal unter frischem Wind und ohne Pannen, auf Korfu zu, der gl\u00fccklichen Insel der Nausikaa und Heimat der Ph\u00e4aken. In Homers Zeiten war sie unter dem Namen <em>Scheria &#8211; der Schild <\/em>oder <em>Drepanon, die Sichel<\/em>, bekannt, der albanischen K\u00fcste zugekehrt mit dem 914 Meter hohen Pandokrator als Buckel des Schildes: <em>\u201eDunkel erschien ihm das Land, wie ein Schild im Nebel des Meeres \u2026\u201c<\/em><br \/>\nSo zitiert Theo die Beschreibung der Insel, wie sie Odysseus von seinem Flo\u00df aus zuerst erblickt.<\/p>\n<p>Da ist Theo, der Latein- und Griechischlehrer, ganz in seinem Element. Odysseus befindet sich nach \u00dcberquerung des Ionischen Meeres etwas n\u00f6rdlich der Insel, als er zum ersten Mal nach dem letzten Schiffbruch wieder Land sichtet. Die Gew\u00e4sser n\u00f6rdlich von Korfu, die wir gerade friedlich gequert haben, sind h\u00f6chst t\u00fcckisch; sie liegen in der M\u00fcndung der Adria, und wenn die Bora weht, w\u00e4lzen sich eine hochgehende See und eine gewaltige D\u00fcnung und werfen sich gegen die Insel. Genau unter diesen Umst\u00e4nden wird das Flo\u00df des O. zertr\u00fcmmert und er selber weggeschwemmt, um zuerst auf einer der vielen Klippen zu landen, die die Nordwestk\u00fcste der Insel ums\u00e4umen. Er l\u00e4sst sich in der starken Str\u00f6mung nach S\u00fcden treiben und kommt nach neunzehn Kilometern zu einer seichten Bucht, in die ein <em>Fl\u00fcsschen <\/em>m\u00fcndet. Auch heute hei\u00dft es noch <em>Ormos Eumones<\/em>. Ersch\u00f6pft kriecht O. in ein Oliven- und Feigengeb\u00fcsch und schl\u00e4ft auf dem sch\u00f6nen Strand ein.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wecken ihn Frauenstimmen und Gel\u00e4chter. Nausikaa und ihre Freundinnen sind gekommen, um zu baden und Kleider zu waschen. Diese breiten sie dann zum Trocknen auf dem Kieselstrand aus und vergn\u00fcgen sich nach getaner Arbeit mit Ballspiel. O. hat nach seinem letzten Kentern nicht einmal einen Lendenschutz mehr, so schmiert er sich mit dem Flussschlamm den K\u00f6rper ein, vor das Geschlecht h\u00e4lt er sich ein Feigenblatt. Die M\u00e4dchen sind nat\u00fcrlich auch nackt und lachen sich krumm, wie er so vor ihnen steht. Sie haben keine Angst, sondern geleiten den Fremden zw\u00f6lf Kilometer weiter ins Landesinnere zum K\u00f6nigspalast. Wir gleiten gerade an der M\u00fcndung des Fl\u00fcsschens vorbei, und diese Szene k\u00f6nnte heute noch genauso stattfinden. Theo triumphiert, alles ist da, wie es beschrieben wird, \u2026. <em>und die Odyssee hat doch recht! <\/em><\/p>\n<p>Der Fluss, die Bucht, der Strand, die Oliven, die Weinst\u00f6cke, die Wasserbecken, wo man M\u00fchlen betreibt, Kan\u00e4le in die Pflanzungen leitet und W\u00e4sche w\u00e4scht \u2013 heute genauso wie damals. Die bezaubernde Nausikaa bringt den Schiffbr\u00fcchigen in den Palast ihres Vaters Alkinoos, der ihn freundlich begr\u00fc\u00dft, bewirtet, badet und einkleidet. Er h\u00e4tte ihn gern seiner Tochter zum Mann gegeben, der Held will aber nur eines, nach Hause in sein geliebtes Ithaka!<\/p>\n<p>Im Palast erz\u00e4hlt ihm O. von seinen zehn Jahre dauernden Irrfahrten. Alkinoos hat Einsehen. Nach einer Erholungsnacht gibt ihm der freundliche Alkinoos ein Schiff mit 52 Ruderern, das ihn nach Hause bringen soll.<br \/>\nMit der Stadt der Ph\u00e4aken verh\u00e4lt es sich genauso, wie Nasikaa sie dem Odysseus schildert: <em>\u201eAn jeglicher Seite ist ein trefflicher Hafen, und die Einfahrt ist schmal.\u201c <\/em>Sie liegt etwa zw\u00f6lf Kilometer entfernt, an der Ostk\u00fcste Korfus. Dort findet man die zwei nat\u00fcrlichen H\u00e4fen beiderseits von Garitsa, der modernen Vorstadt von Korfu. Der eine eignet sich f\u00fcr die Sommermonate, der andere ist das ganze Jahr durch seine g\u00fcnstige Lage gesch\u00fctzt. Korfu ist fruchtbar wie keine andere der Ionischen Inseln, und an der Beschreibung der \u00fcppigen Sch\u00f6nheit Scherias ist nichts, was sich nicht auch von dem heutigen Korfu sagen lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Wir kommen an den Mini-Inseln Paxos und Anti-Paxos (heute Paxi) vorbei, zwei grauen Buckeln, auf denen sich die knorrigen Olivenb\u00e4ume wie Ringk\u00e4mpfer an den kargen Boden klammern. Wir n\u00e4hern uns dem wei\u00dfen Steilufer am \u00e4u\u00dfersten Vorgebirge von Leukas, und dann tut sich die schmale Durchfahrt zwischen Ithaka und Kephallenia vor uns auf. Wir halten nach Backbord, um den Hafen am Ostufer zu erreichen. Von der zerkl\u00fcfteten Insel her kommt der Duft von Tannen und feuchtem Gras.<\/p>\n<p><em>\u201eAls nun \u00f6stlich der Stern mit funkelndem Schimmer emporstieg, welcher das kommende Licht der Morgenr\u00f6te verk\u00fcndet\u201c<\/em>, setzen die Ph\u00e4aken ihr Schiff in der Bucht des Phorkys ans Ufer.<\/p>\n<p>So wie wir. Maler und Schriftsteller laufen, unterschiedlich t\u00f6lpelhaft, hinter Theo \u00fcber die Odysseus-Insel und sind beeindruckt von seinem Homer-Wissen. Durch stachelige Maccia zuerst, unter uralten Olivenb\u00e4umen durch, auf einem schmalen Pfad, Fu\u00df f\u00fcr Fu\u00df vorsichtig voreinander. Achtung, Schlangen! Achtung, Ruinen! Hier ist das Haus des treuen Freundes, <em>\u201edes g\u00f6ttlichen Sauhirten Eumaios\u201c, <\/em>der als einziger Odysseus erkennt und den Homer als einzige Person mit Du anredet \u2013 <em>oh du g\u00f6ttlicher Sauhirt! <\/em>Sein Hund Argos soll ihn auch erkannt haben. Das ist am wenigsten wahrscheinlich, das gibt sogar Theo zu, dass der so alt geworden ist. Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Irrfahrten. Steil bergauf geht es in der Hitze, wir setzen \u00fcber M\u00e4uerchen, durch Weing\u00e4rten und unter Obstb\u00e4umen durch. Die Asphaltpflanzen aus der Leopoldstadt schwitzen, st\u00f6hnen und fluchen, ich mit meinen Genen von Bergziegen und G\u00e4msen nehme es sportlicher.<\/p>\n<p>Auf der h\u00f6chsten Kuppe stehen noch Mauern: Das ist die Kemenate der treuen Penelope, ein freistehender halber Steinbogen \u2013 die Festhalle der Freier, wo sie gefeiert und die K\u00f6nigin bedr\u00e4ngt haben, Grundmauern der Vorratskammern, hier der Stall, wo der Heimkehrer die besiegten Freier den Schweinen zum Fra\u00df vorwirft. Viel Phantasie, Theos Begeisterung und sein Detailwissen machen die alten Geschichten lebendig und sichtbar. Manchmal weitet sich der Steig zu einem Eselspfad in breiten, niedrigen Stufen. Theo redet, zeigt und erkl\u00e4rt \u2013alles in der Gegenwartsform. Die Odyssee ist f\u00fcr ihn keine Erfindung, keine Ausgeburt eines Dichter- oder Chronistenhirns, keine Sagen- oder Fabelsammlung und auch keine F\u00e4lschung. F\u00fcr ihn sind es Fakten. Nicht nur die Ereignisse und Ortsangaben, sondern bis in die Details von Wetter, Seefahrt, Schiffbau, Waffen, Kleidung und Essen und Botanik. Theo ist die Strecken nachgesegelt, hat Zeitangaben nachgemessen und mit den Wetter- und Str\u00f6mungsbedingungen \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p>Ich falle fast von einem M\u00e4uerchen, als ich einer gro\u00dfen Smaragdeidechse nachklettere, sicher ist sie das Einzige, was sein Aussehen seither nicht ge\u00e4ndert hat. Theo demonstriert immer mehr Beweise f\u00fcr seine \u00dcberzeugung, dass alles so war wie in der Odyssee beschrieben, man sie ernst und w\u00f6rtlich nehmen m\u00fcsse. Er habe ihre Orte \u00fcber zwanzig Jahre lang abgesegelt mit dem Vorteil vor anderen Forschern, dass er des Altgriechischen m\u00e4chtig ist und die Sprache Homers nicht nur liest, sondern auch versteht. Ich h\u00f6re Theo wiederholen: <em>Ich glaube an die Magie der Orte.<\/em><\/p>\n<p>Den beiden K\u00fcnstlern ersch\u00fcttert er ihr bisheriges Weltbild. Gern gemacht! Theo ist in seinem Element, freundlich wie immer und froh, dass er neue Adepten gefunden hat, noch dazu so einf\u00fchlsame, produktive und prominente. Ich pers\u00f6nlich mag Theos Erz\u00e4hlungen \u00fcber die Person Odysseus am liebsten. Er spricht von ihm wie von einem Zeitgenossen, einem Menschen aus Fleisch und Blut mit allen seinen Vorz\u00fcgen und M\u00e4ngeln, einem Freund, einem ganz normalen, modernen Menschen.<br \/>\nEr spricht von ihm als einem <em>gerissenen Kerl<\/em>, von einem griechischen Pantagruel gewisserma\u00dfen, schlauen Dr\u00fcckeberger, nicht als einem Helden. In einer romantischen Bucht erz\u00e4hlt er uns die Szene, wie K\u00f6nig O., Herrscher \u00fcber Ithaka, in der Maskerade eines schwachsinnigen Bauern den Sandstrand pfl\u00fcgt und mit Salz d\u00fcngt, um sich der Einberufung in den Krieg zu entziehen. Die H\u00e4scher aber erkennen ihn an seinem Hinken, denn nichts anderes hei\u00dft Odysseus, der Humpler.<\/p>\n<p>Dazu kam er, weil er in seiner Jugend auf dem Abhang des Parnass von einem wilden Eber angefallen wurde. Die Narbe am Oberschenkel, Eunaios wird ihn unter anderem daran erkennen. Au\u00dferdem war er kurz- und o-beinig, rothaarig, wahrscheinlich auch rotgesichtig und sommersprossig, mit einer lustigen Knollennase wie Clown Enrico oder die Clinis und einem krummen Spitzbart. Also das Gegenteil des klassischen blonden griechischen Helden mit edlen Gesichtsz\u00fcgen. Zu dem haben ihn erst die deutschen Griechensucher und Altphilologen gemacht.<\/p>\n<p>Odysseus hat damals absolut keinen Bock auf Troja; den Kriegsgrund, eine jugendliche Idiotie des Paris, sieht er auch nicht ein. Ihm geht es gerade so pr\u00e4chtig, er hat ein kleines, aber feines K\u00f6nigreich geerbt, eine h\u00fcbsche, junge Frau, Penelope, die er liebt, das S\u00f6hnchen und Thronfolger Telemach ist auch schon da. Mit seinen Kumpels geht er gern jagen, fischen und feiern. Aber Agamemnon und die kriegsl\u00fcsternen Spartaner schicken H\u00e4scher, die ihn mehr oder weniger kidnappen und auf den Kriegszug gegen Troja entf\u00fchren. Auch vom Herumreisen hat er die Schnauze voll, von all den Poliphems, Sirenen, Kirkes, Kalypsos und Nausikaas. Er wird ein Held wider Willen, genauso war es mit seiner Seefahrerkarriere.<br \/>\nTheo hat nicht nur uns mit seinem Odysseus-Bild angesteckt, ich kann mir vorstellen, auch seine Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerseelen w\u00e4lzen sich in Entz\u00fccken, dass man die Geschichte auch so lesen kann und geraten in der Folge \u00fcber ihre Lieblingshelden der Ilias in Streit. Hektor, nein Achill!<br \/>\nAls die Dichter- und Maler-Philosophen in Patras von Bord gehen, sind sie voll Dank und versichern Theo, dass sie von nun an anders schreiben, malen, lesen, denken, schauen und leben w\u00fcrden, m\u00fcssen. Kein Stein soll auf dem anderen bleiben, wie auf Ithaka im einstigen K\u00f6nigspalast.<\/p>\n<p>Anders leben m\u00fcssen, das wird auch mein Schicksal, als ich am Ende des langen Lehrer-Sommers nach Wien zur\u00fcckkehre. Theo war f\u00fcr mich nicht mehr erreichbar, dann ein Anruf von Robert. Theo hat entdeckt, dass er sich in Christof verliebt hat, gemerkt, also schwul ist. Christof ist bi, hast du das nicht gewusst? Nein, gar nichts, und auch nichts gemerkt, nichts gesehen oder gef\u00fchlt. Von Blitz und Donner zerschmettert liege ich da in Tr\u00fcmmern wie die Burg von Ithaka und alle anderen Ruinen des Mittelmeeres zusammen. Wo habe ich bisher gelebt? Wenn ich nichts wei\u00df, das wei\u00df ich mit absoluter Sicherheit: Ich habe damals zum ersten Mal das Wort schwul geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Von Menschen, die schwul leben, nicht weil sie es sich ausgesucht haben, sondern es <em>sind<\/em>. Zuerst war ich sehr verletzt \u00fcber die abrupte Abwendung, Ablehnung und Theos R\u00fcckzug, verwirrt \u00fcber ein f\u00fcr mich neues Menschenbild. Gerade hatten wir uns noch dar\u00fcber gestritten, ob wir ein Kind machen sollten. Ich war in Scheidung, er wollte stante pede heiraten und noch mindestens zwei Kinder, ein Haus bauen, ein zweites, gr\u00f6\u00dferes, kindersicheres Boot und einen Caravan kaufen. Ich hatte schon eine Tochter und wollte kein Kind mehr. F\u00fcr mich war das Kapitel Kinderkriegen abgeschlossen. Dieser Segelt\u00f6rn sollte die Vers\u00f6hnungs- und Probefahrt werden. Und dann das? So ein Scherbenhaufen, Ithaka nix dagegen.<\/p>\n<p>Eine schwierige Zeit f\u00fcr mich, welche Gef\u00fchle da miteinander k\u00e4mpften. Aber dann auch von mir absolute Funkstille. Ob es etwas zwischen Theo und Christof gegeben hat, wei\u00df ich nicht. Vorstellen mag ich mir das nicht \u2026 Nur eine kurze Konfusion? Nicht lange danach, kommt mir zu Ohren, dass Theo eine sehr viel j\u00fcngere Frau geheiratet und mit zwei Kindern ein Musterfamilienleben gef\u00fchrt hat, bis ihn ein fr\u00fcher Krebs von allem wegriss. Jaja, Joy of Freedom.<\/p>\n<p>Der Videofilm ist zu Ende. Die Schwarzblende rattert und bleibt dann stehen. Punto. Mir ist kalt geworden, ich bin steif, klopfe mich ab und sch\u00fcttle die klammen Glieder. Es d\u00e4mmert, auf dem Meer liegt schon ein silbriger Streifen von einem Halbmond. Gerade als ich mich umwende, um zum Dorf zur\u00fcckzukehren, sehe ich aus dem letzten Augenwinkel eine leichte Bewegung im Wasser. Ein kleiner Wirbel zwischen zwei Steinen in Ufern\u00e4he und aufsteigende Bl\u00e4schen. Sie blubbern, das hei\u00dft Luft, also etwas, das atmet. Zuerst ist es nicht mehr als ein dunkler Schatten wie etwa von einem unter der Oberfl\u00e4che liegenden Holz. Aber das war vorher nicht da, habe es vorher nicht gesehen, obwohl ich w\u00e4hrend des Flashback st\u00e4ndig ins Wasser gestarrt habe, wie auf eine Filmleinwand.<\/p>\n<p>Als ich n\u00e4hertrete, sehe ich zwei gro\u00dfe, geradestehende Augen zwischen einer Knollennase, die jetzt aus dem Wasser ragt, schn\u00fcffelt. Nein, eher ein etwas breit geratener R\u00fcssel mit Borsten darauf . Das Ding ist halslos, walzenf\u00f6rmig und hat gleich hinter dem Kopf zwei gabelf\u00f6rmige Flossen. Das Ende kann ich nicht erkennen, sehe aber, dass sich etwa drei Meter vom Ufer entfernt das Wasser in Wirbeln dreht. Eine Robbe? In der Adria? Nie geh\u00f6rt, nie gesehen. Das Tier schnaubt und wirbelt mit der Schnauze Sand auf.<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir wieder ein, wie uns Theo zwischen Paxi und Antipaxi uns auf eine H\u00f6hle aufmerksam machte, von der die Sage geht, dass dort die letzten Seek\u00fche des Mittelmeeres leben sollen. Von den Fischern werden die pflanzenfressenden S\u00e4ugetiere Seejungfrauen oder Sirenia genannt; noch nie hat sie jemand gesehen, aber die Legende h\u00e4lt sich seit Odysseus hartn\u00e4ckig in dieser Gegend. Bevor sie ganz ins Meer wandert, war sie im fr\u00fchen Eoz\u00e4n vor sechzig Millionen Jahren die n\u00e4heste Verwandte des Elefanten. In der griechischen Mythologie kommen sie in Form der Neiden und Tritonen vor. Die Babylonier kannten die Fischmenschen als Dugongs und bildeten sie ab als einen Gott Oannes und zwei G\u00f6ttinnen Atagatis und Derketo. Auch Jules Verne ist ihnen auf seiner Reise 20 000 Meilen unter dem Meer begegnet. In der Karibik hei\u00dfen sie Manati, und 1492 hat Christoph Kolumbus in seinem Logbuch vermerkt, dass die Sirenen im Golf von Mexico weniger sch\u00f6n sind als bei Horaz. Sch\u00f6n ist sie wirklich nicht, aber obwohl es schon d\u00e4mmert, kann ich wahrnehmen, dass dieses Tier mit seinen frontal stehenden Augen, der Knautschnase, dem Stoppelbart und brustst\u00e4ndigen Zitzen menschlich aussieht. Eine gro\u00dfe, runde, Schwimmerin. Nicht besonders sch\u00f6n, aber freundlich und absolut friedlich. Als man sie noch nicht zoologisch einordnen konnte, wurde sie von der Wissenschaft so genannt, wie sie aussieht: <em>Pflanzenfressende Borkenr\u00fcsslerin. <\/em><\/p>\n<p>Ich bin sicher, dass meine Erinnerung an Theo sie hergelockt hat. 34 Jahre habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Ich hoffe, dass er in den seligen Gefielden am sch\u00f6nsten Strand der Welt gelandet ist. Bei Rudyard Kipling trifft der Held Kotik auf eine Herde von Seek\u00fchen, die ihn an den sch\u00f6nsten Strand der Welt f\u00fchren. Denn entgegen ihrem Aussehen sind sie \u00c4stheten.<br \/>\nJetzt macht sie mit ihrem massigen K\u00f6rper eine elegante Rolle auf den R\u00fccken und scheint, bevor sie abtaucht, mit der Schwanzflosse zu winken. L\u00e4chelt sie nicht dabei und zwinkert mir zu? Sie wirkt witzig und gutm\u00fctig, <em>gentle giants <\/em>nennt man sie in Florida, wo man mit ihnen tauchen kann.<\/p>\n<p>Schade, zu einer anderen Jahreszeit w\u00e4re ich gern mit ihr mitgeschwommen. Wie soll ich den Besuch der Seekuh verstehen? Ich nehme es pers\u00f6nlich, sie selbst spricht ja nicht zu mir. Aber Bedeutung hat ihr Auftauchen sicher. Sie wollte mir sagen, dass Theo, der Homer-Kenner und Mittelmeer-Segler, mit seiner \u00dcberzeugung, dass alle Geschichten \u00fcber Odysseus wahr sind, Recht hat. Er ist schlie\u00dflich der einzige Mensch, der je eine Seekuh gesehen hat, zwischen Paxi und Anti-Paxi. Weil ich hier an ihn gedacht habe, ist sie her\u00fcbergeschwommen. Ihre Art von in memoriam.<\/p>\n<p>Genauso gut kann es viel banaler sein; die Seekuh ist nur auf eines aus, auf das Violett meiner Kleidung. Ihre Lieblingsspeise, die violetten Wasserhyazinthen, hat sie zum Fressen gern.<br \/>\nIch habe sie Kalina genannt. Ihr Schatten riecht nach Zimt.<\/p>\n<p>Wien, 9. &#8211; 12. 3.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18127<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Letztlich bin ich doch noch nach Punto Maria del Leuca gekommen. Entt\u00e4uschung pur. An der Kirche und dem Leuchtturm vorbei. Ist das die einzige h\u00e4ssliche Kirche in Italien? Und der Leutturm passt besser nach Gotland als nach Apulien. Dann die Palmen-Eukalyptus-Oleander-Promenade entlang. Sie stehen stehen still da, zernepft und habtacht wie preu\u00dfische Feldwebel. Beim [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[10],"class_list":["post-8335","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8335"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8335\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8344,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8335\/revisions\/8344"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}