{"id":8331,"date":"2018-06-20T11:18:01","date_gmt":"2018-06-20T11:18:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8331"},"modified":"2018-07-29T12:07:12","modified_gmt":"2018-07-29T12:07:12","slug":"die-taube-vom-bologna-centrale-italien-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8331","title":{"rendered":"Die Taube vom Bologna Centrale (Italien 5)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8331&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8331&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sagt sich leicht und oft. Aber wenn es einmal ein eindeutiges Beispiel gibt, wird aus dem banalen Satz eine tiefe Wahrheit. Man reagiert nie situationsgenau, sondern ferngesteuert von Erinnerungsfetzen. <\/em><\/p>\n<p>Ich steige auf dem Bahnhof Bologna Centrale aus dem Schnellzug von Lecce und steuere ohne Nachdenken das Caf\u00e9 Emma B. auf dem Bahnsteig 6 ovest an. Rolltreppe hinunter, ein langer, hell ausgeleuchteter Kachelgang, Rolltreppe hinauf, weiter durch den alten Teil des Bahnhofs, Rolltreppe wieder runter, Gang, Rolltreppe hinauf. Eigentlich liegen auf dem Weg dorthin drei Caf\u00e9s, aber mein Koffer rollt ganz leicht auf vier Rollen wie von selbst zu Emma B. Das Gehirn-GPS ist auf Emma B. eingestellt, das hat sich eingepr\u00e4gt.<br \/>\nVor f\u00fcnf Tagen habe ich dort schlaftrunken in den fr\u00fchen Morgenstunden bei einem Zwischenaufenthalt einen k\u00f6stlichen Cappuccino getrunken, 1,20 Euro, wahrscheinlich woanders auch nicht weniger gut und ebenso g\u00fcnstig. Das Lokal hei\u00dft anders, wie richtig, habe ich nicht wahrgenommen oder vergessen. Sicher, da war eine Reklame von Illy-Kaffee.<\/p>\n<p>Aber auf dem Bildschirm im Lokal und drau\u00dfen vor dem Bahnsteig l\u00e4uft in Endlosschleife eine Wahlwerbung der Kandidatin Emma Bonino, liberal, f\u00fcr Frauen, f\u00fcr Europa, mehr Europa, das ist alles, was ich verstehe. Noch dazu ein sehr schlecht gemachter Clip. So kann man nicht gewinnen, nirgends. Hat die keine Medienexperten? Emma Bonino ist doch kein Neuling, ein Altgestein in der Politik. War sie nicht einmal eine feministische F\u00fchrungsfigur? Es klingelt leicht, aber ich wei\u00df nicht, wohin genau ich sie tun soll. Es flimmert alles schnell verzerrt und unscharf \u00fcber den Bildschirm, durchkreuzt von Werbung f\u00fcr Pasta und Pampers.<br \/>\nWeil ich nach sieben Stunden nikotinfreien Sitzens im Rapido Bianco eine Zigarette rauchen will, stehe ich wie drei andere G\u00e4ste vor dem Lokal. Emma Bonino l\u00e4uft noch immer \u00fcber die Bildschirme zwischen Reklame f\u00fcr Pasta, Pampers und Kaugummi. Ich wende mich ab und sehe ein reales Bild.<\/p>\n<p>Auf einem der Tische sitzt eine Taube. Was hei\u00dft Taube, sie ist der letzte Rest einer Taube, ein Wrack von einer Taube, eine Ruine wie Palmyra. Sie ist nur der Rest einer Form, ein Umfang, kopflos, einbeinig und breit gefiedert. Warum ich sofort annehme, dass es ein T\u00e4uberich ist, wei\u00df ich nicht. Er ist Cristoforo Colombo f\u00fcr mich, der Colombo. Das schwarz-weiss-grau gesprenkelte Gefieder ist struppig wie das Fell eines Stra\u00dfenhundes oder einer Hy\u00e4ne, was bei Federv\u00f6geln eigentlich gar nicht m\u00f6glich ist. Zausig, verklebt, mit vielen Spitzen nach au\u00dfen, igelartig. Auf jeden Fall liegen die Federn nicht am K\u00f6rper an, sondern sind dauernd nach allen Richtungen gestr\u00e4ubt und zucken, obwohl er allein und unbeweglich dasteht, leicht geduckt, an ein braunes K\u00e4stchen mit Illy-Servietten gelehnt.<\/p>\n<p>Nach einer Bewegung mit meiner Zigarette hebt der T\u00e4uberich den Kopf aus dem Hals \u2013 also er hat einen Kopf und rote Augen darin \u2013 und trippelt auf einem Bein zwei Schritte aus dem Schatten des Serviettenhalters heraus in meine Richtung. Er flattert kurz auf, als ich aus meinem Rucksack ein Panino herausklaube, es in meiner hohlen Hand in Kr\u00fcmel zerlege und sie auf den Tisch streue. Colombo pickt und pickt und pickt, langsam, alles auf dem einen roten Beinchen, so schnell er kann, bis die Mitstreiter kommen. Einige Krumen fallen durch die Ritzen auf den Boden.<br \/>\nDas muss ein Signal sein, als g\u00e4be es ein unsichtbares Alarmsystem. Aus allen Richtungen kommen im Hoch- und Tiefflug andere Tauben herangeflogen und \u00fcbernehmen den Kampfplatz. Mein T\u00e4uberich versucht, sich hinter den Serviettenhalter zur\u00fcckzuziehen, aber immer mehr Artgenossen fallen in Sturzfl\u00fcgen \u00fcber ihn her. Kann man ihn noch mehr zerzausen? Ich leide und brauche eine Pause.<\/p>\n<p>Gehe ins Lokal und hole mir einen becchiere di vino rosso \u2013 enorme 3 Euro im Gegensatz zu den 1,20 f\u00fcr den Cappuccino.<br \/>\nItalien, das Land der Weine? Nicht gut, auch nicht ganz schlecht, aber sauer wie ein Br\u00fcnnerstra\u00dfler, immerhin auch auf dem Bahnhof in einem Stielglas und nicht in einem Plastikbecher. Da fallen die Bilder wie Kalenderbl\u00e4tter. Die j\u00fcngste Abgeordnete aller Zeiten von der radikalen Partei, Jugoslawien-Tribunal, f\u00fcr Abtreibung, f\u00fcr Drogenbetreuung, gegen Rassentrennung. Skandale \u00fcberall, immer extrem mutig.<\/p>\n<p>Als ich wieder rauskomme, ist mein Colombo allein, sitzt wieder an den Serviettenst\u00e4nder gelehnt, das K\u00f6pfchen mit den roten Augen auf mich gerichtet. Gibt\u2018s noch was? Ja klar, ich hab noch ein halbes Panino. Es schmeckt ihm, gestern noch aus dem Panificio von maestro Fortunato in Gagliano. Aber sehe ich richtig? Aus dem Bauch kommt langsam der Rest eines zweiten Beinchens hervor, etwas k\u00fcrzer, unten breit und gelb wie ein Entenfu\u00df. Ich bin so fasziniert, dass ich vergesse zu fotografieren. Tats\u00e4chlich, neben den drei roten Krallen hat er einen kleinen, gelben, breiten Entenfu\u00df aus Plastik mit einer Schiene oder einer St\u00fctze wie von einem Leukoplastwickel. Ist das denn m\u00f6glich? Sehe ich richtig? Der becchiere kann nicht schuld sein, das ist weniger als ein Achtel. Wer hat ihm dieses Ersatzbein gebastelt? Er kann es nicht selbst gemacht haben, auch nicht seine Genossen, also kann es nur ein Mensch gewesen sein. Welcher Mensch? Ein Tierarzt, eine mildt\u00e4tige Sanit\u00e4terin der Bahnhofstaubenmission?<\/p>\n<p>Es erinnert mich an meine Orchidee zu Hause, deren Auswuchs ich k\u00fcrzlich beim Gie\u00dfen leicht geknickt und mit Zahnstocher und Bindfaden bandgiert habe \u2013 wei\u00df genug, wie schwierig schon bei einer ruhig stehenden Pflanze \u2013 und mich daran erfreue, dass sie meine Therapie annimmt, weiter w\u00e4chst und sogar Knospen ansetzt. Aber bitte, wer um Gottes Willen, h\u00e4tte diesem grindigen T\u00e4uberich sein verletztes Bein schienen sollen? Verletzt in einer zugehenden Schwenkt\u00fcr, mit einem Kabel, durch einen Koffer, ein Kippfenster, einen b\u00f6sen Menschenmutwillen? Ich paffe kurz und heftig und lasse mich ein in alle m\u00f6glichen Schicksale des Colombo, w\u00e4hrend er seine Br\u00f6sel verteidigt. Er wird immer besser, flinker und wendiger. Er kann den Entenfu\u00df sogar ein bisschen aufstellen und ihn wie einen Schild ben\u00fctzen.<\/p>\n<p>Wieder einige Panini-Kr\u00fcmel gestreut, sie fallen durch die Ritzen des Tisches, er flattert auf den Boden, andere Tauben sind schneller, scheuchen ihn und pecken auf ihn hin. Ist da nicht auch ein Spucken beim Pecken dabei? Warum ist das Gefieder sonst so verklebt? Naja, es gibt noch viel anderen Dreck. Ich versuche, ihn mit meinen F\u00fc\u00dfen zu sch\u00fctzen und streue ihm die Krumen in eine Ecke zwischen zwei Mistk\u00fcbeln.<br \/>\nJe mehr er frisst, desto lebendiger wird er, er f\u00e4ngt sogar an, zur\u00fcckzupecken auf die jungen Eindringlinge. Sie m\u00fcssen immer alles im Auge haben. Das geschiente Bein mit dem gelben Entenfu\u00df wird immer beweglicher, wie mir scheint, hat er ein Scharnier oder so etwas wie ein Knie an der Schiene? Fast kein Hinken mehr, daf\u00fcr wird sein Schnabel l\u00e4nger, und er verteidigt seine Br\u00f6sel immer besser. Den Entenfu\u00df verwendet er als Schild und Waffe. Einmal holt er weit aus und klatscht einer frechen, jungen Taube eine in die Seite rein, dass alle auffliegen. Ha, der wird einmal mein Champion.<\/p>\n<p>Ich bin mitten drin in seinen Revierk\u00e4mpfen. Hier, du bekommst etwas Besseres aus meinem dick belegten Brot, etwas von der Salami, vom K\u00e4se, dem Paradeiser, der Gurke \u2013 Cristoforo nimmt alles und erwacht zum Leben. So, mein Lieber, hier noch eine Nachspeise f\u00fcr uns beide, und ich teile mit ihm die letzten zwei St\u00fcck Mannerschnitten \u2013 mag man eben.<br \/>\nEigentlich ist er ein imposant gro\u00dfer T\u00e4uberich. Vielleicht war er einmal der Padre Padrone vom Bologna Centrale, der Gro\u00dfe Gatsby, der Leopard, Gattopardo, der Garibaldi. Ohne ein Wissen zu haben, bin ich \u00fcberzeugt, dass es unter den Tauben eine Hierarchie gibt.<br \/>\nBravo, Colombo! Mein Colombo! Ich bin bei dir!<\/p>\n<p>Obwohl ich immer und \u00fcberall fotografiere, habe ich doch glatt angesichts des Colombo darauf vergessen, so eng f\u00fchlte ich mich mit seinem Schicksal verbunden und identifizierte mich mit seinem \u00dcberlebenskampf.<br \/>\nMir ist inzwischen so kalt geworden, dass ich versuche, meine zwei, zweifelsfrei intakten Beine einzuziehen und mit den F\u00fc\u00dfen aufzustampfen. Nat\u00fcrlich vertreibe ich damit alle Tauben, so schnell, dass ich nicht einmal mitbekomme, wohin sich mein Colombo getrollt hat.<\/p>\n<p>Kaum ist dieser Spuk vorbei, gerate ich in den n\u00e4chsten.<br \/>\nIm absto\u00dfend h\u00e4sslichen, kaum geheizten Warteraum komme ich zu einem Sitzplatz gleich neben dem Denkmal f\u00fcr die Opfer des Bombenanschlags am 2. August 1980 \u2013 85 Menschen waren durch den faschistischen Terror ums Leben gekommen. Eine wei\u00dfe Marmortafel an der Wand, lange Kolonnen mit den Namen der Ermordeten in Goldbuchstaben, auf dem Boden ein Bombenkrater im alten Mosaikboden, in dessen Mitte ein wei\u00dfe Rose liegt, frisch, von einer Mutter, am Rand ein immergr\u00fcnes Kranzgebinde, offizell mit Tricolore-Schleife. Mit den Namen der Hunderten von Verletzten k\u00f6nnte man den ganzen Bahnhof austapezieren. Ich studiere die Daten hinter den Namen, sehr viele junge Leute, 18, 19, 24, 29, Sch\u00fcler, Studenten, Pendler am fr\u00fchen Morgen des 2. August vor 35 \u00bd Jahren. Einige Touristen machen vor der Absperrung Selfies. Wenn es nicht Italiener w\u00e4ren, k\u00f6nnte ich selbst zum Terroristen werden.<\/p>\n<p>Die Temperatur liegt um die null Grad, es soll nur ja niemand auf die Idee kommen, das sei eine W\u00e4rmestube. Obdachlose, Sandler, einfache Aufw\u00e4rmer oder Rastende werden nicht hereingelassen, an der T\u00fcr kontrollieren zwei bewaffnete W\u00e4chter die Tickets \u2013 angezogen und ausger\u00fcstet wie Robocops, wenn jemand kein offensichtliches Reisegep\u00e4ck hat. Trotzdem sitzt in der Reihe mir gegen\u00fcber ein alter Mann, der nur einen Kr\u00fcckstock und ein Nylonsackerl bei sich hat, keinen Koffer, keine Reisetasche. Und nach Reise sieht er auch sonst nicht aus.<\/p>\n<p>Eine d\u00fcnnes Sakko mit Hemd und Pullover darunter, worin man auch an einem Herbsttag fr\u00f6steln k\u00f6nnte, ausgelatschte Nike-Turnschuhe, eine schlotternde Trainingshose, am Kopf ein buntbesticktes K\u00e4ppchen, um den Hals geschlungen ein abgenudelter indischer Seidenschal, ehemals vielf\u00e4rbig. Althippie, K\u00fcnstler? Er ist offensichtlich kein Reisender, warum lassen ihn die Securities hier in Ruhe sitzen? Aber ein Gesicht, ja Antlitz muss man sagen, edel, ebenm\u00e4\u00dfig, wie ein altr\u00f6mischer Senator in wei\u00dfem Marmor, wie viele Generationen aus dem alten Geschlecht der Auguster oder Julianer.<\/p>\n<p>So kann Marc Aurel ausgesehen haben, als er in Carnuntum in seinem Lager sa\u00df und seine Lebensbeichte schrieb. Vielleicht ist der Mann der letzte Stoiker, ein sp\u00e4ter Verwandter des Seneca oder Epiktet, der als Einziger die L\u00f6sung des Weltr\u00e4tsels wei\u00df. Die ganze Zeit sitzt er unbeweglich da in leicht vorn\u00fcbergebeugter Haltung, nicht einmal die Augen bewegt er, eine Skulptur, hager bis zur Magerkeit, aber unter dem fein getrimmten Bart eine gesunde Sonnenbr\u00e4une. Vom Leben auf der Stra\u00dfe, in den Parks, den Arkaden und an den Uferpromenaden des Reno?<\/p>\n<p>Um Punkt 22 Uhr holen die Robocops dicke Ketten aus einem Schrank hervor, breiten sie aus, zeremoniell und gen\u00fcsslich schlingen sie sich diese rasselnd um die Schultern. Die Wachabl\u00f6se schlie\u00dft zuerst die \u00e4u\u00dferen, dann die inneren T\u00fcren zu. Ich blinzle erst nur schlaftrunken und ungl\u00e4ubig durch die \u00f6de Halle. In welcher H\u00f6lle bin ich gelandet. Unter dem Klirren der Ketten springen die Menschen im Warteraum auf und lassen sich hinaus in die K\u00e4lte scheuchen. Freiwillig, keine gro\u00dfen Gesten, kein Protest, ein eingespieltes Ritual. Danach gibt es auf dem gesamten Bahnhofsareal keine Sitzgelegenheit mehr, nicht oben im alten Teil, nicht unten in den modernen, hell ausgeleuchteten Korridoren, durch die noch einige Passagiere hasten.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es dort unten noch grausamer, weil septisch sauber und kachelglatt, grell ausgeleuchtet von Neonlampen an den Decken wie eine ewig lange, nicht enden wollende Verh\u00f6rzelle oder ein Operationssaal von zynischen Schl\u00e4chtern, keine einzige Sitzgelegenheit, nicht einmal an den W\u00e4nden darf man sich anlehnen, geschweige denn in einen Winkel legen. St\u00e4ndig wird patroulliert und verscheucht. Sogar das Gep\u00e4ck hat es besser als die Menschen. In der deposito bagagli ist es bacherlwarm. Ich studiere alle Aufschriften so lange, bis der Diensthabende hinter einem Verschlag hervorkommt und sich nachhaltig r\u00e4uspert. Es n\u00fctzt mir zwar nichts, aber f\u00fcr so viel Eleganz liebe ich die Italiener.<\/p>\n<p>Kaum auszudenken, was ich in Wien zu h\u00f6ren h\u00e4tte bekommen: Schauns weida. Wauns ka Gep\u00e4ck abzugem haum, schleichns Ihna. Do is ka W\u00e4rmestubm.<br \/>\nDa lob ich mir doch die Taubengesellschaft. Gesch\u00e4fte und Lokale sperren eins nach dem anderen zu, nur noch Putztrupps und Carabinieri sind unterwegs. Die Passagiere verteilen sich auf die Bahnsteige oder verlaufen sich \u00fcberraschend schnell. Wohin nur? Wie die Tauben finden sie ihre unsichtbaren Mauerritzen, Turmgiebel, Regenrinnen und Kanalsch\u00e4chte. Auch mein alter R\u00f6mer. Nur wenige Schritte kann ich ihm folgen. Ich h\u00e4tte ihn gern zu einem Kaffee eingeladen und mehr \u00fcber ihn erfahren. Weg war er, wie vom Erdboden verschluckt, samt seiner Kr\u00fccke und dem d\u00fcnnen Sackerl.<\/p>\n<p>Auf dem Vorplatz eine kurze, ungem\u00fctliche Zigarette, der Kaffee in der Thermoskanne ist nur noch lauwarm und bitter-schal, das Wasser fast aus \u2013 da gerate ich in Versuchung, ein Zimmer im Hotel \u201eI-PERIALE\u201c gegen\u00fcber zu nehmen, das mit einer Leuchtschrift auf dem Dach lockt. Nein, nur nach Hause! Ich habe eine sauteure Fahrkarte gekauft. Sehns\u00fcchtig sehe ich den niedrig fliegenden Flugzeugen nach. Noch nie habe ich mich so nach einer Nordrichtung gesehnt. Ein Polizeipanzer rollt langsam vorbei und dreht mehrere Runden \u00fcber den Bahnhofsplatz, w\u00e4hrend Menschen auf die Autobusse zusteuern. Alles normal, gute Nacht, Europa!<\/p>\n<p>Auf dem Bahnsteig 4 soll um 22 Uhr 57, carozza 410, sed. 95F, der Zug aus Rom nach M\u00fcnchen\/Wien ankommen. Das habe ich seit meiner Ankunft memoriert und mehrmals die Auf- und Abg\u00e4nge geprobt. Mehr Zigaretten kann ich auf dem Vorplatz nicht mehr rauchen. Die vollbesetzten Polizeipanzer werden auch schon langweilig, vor allem weil nicht zu erkennen ist, wem sie gelten, auch wenn die Au\u00dferirdischen manchmal \u00fcber den leeren Platz stiefeln. Gegen jede Hoffnung schaue ich noch einmal bei Emma B. vorbei, an der T\u00fcre schwere Ketten, die Tische davor wegger\u00e4umt, kein Colombo mehr und auch keine anderen Tauben. Habe ich je einen unwirtlicheren, unmenschlicheren Bahnhof kennengelernt? Mir kommt keine Erinnerung, aber vielleicht ist auch mein Gehirn schon eingefroren. Ja doch, einmal im olympischen Dorf \u201eParadiestal\u201c oberhalb von Sarajewo im Winter 1994. Aber um Gottes Willen, ich bin doch in Bologna! Auch das ist eine Art von Krieg.<\/p>\n<p>Also bleibt nur noch Binario 4, centrale, Zug 22 428 von Rom nach M\u00fcnchen und Wien Hbhf. Ich \u00fcbe auswendig carrozza 410, Sitz 95F, gehe dabei auf und ab und starre hinauf auf den Bildschirm. Erst rit,. versp\u00e4tet 5 Minuten, dann 10, 15, Rit. Kaum wage ich mehr hochzuschauen, da springt es auf 25min. Verzweiflung kommt hoch. Mir ist saukalt. Gegen\u00fcber ein Mann auf seiner m\u00e4chtigen Putzmaschine hat Spa\u00df am Taubenscheuchen. Und hier wieder ein Sandler, halbnackt bis zum Stei\u00df, r\u00fchrt sich nicht, ich sehe seinen nackten R\u00fccken und frage mich nur kurz, warum ihm nicht kalt ist und ich so friere. Er erregt nur Ekel und Irritation. Zum Gl\u00fcck wird er mich nicht um Zigaretten angehen, er raucht eine nach der anderen. W\u00fcrde ich mit ihm die Panini teilen, so wie mit Colombo?<\/p>\n<p>Der Bahnsteig ist schlecht beleuchtet von einem einzigen grellen Scheinwerfer \u00fcber der Rolltreppe. Dort suchen Passagiere ihren Zug nach Milano. Auch versp\u00e4tet und mehrmals auf verschiedenen Bahnsteigen angezeigt. Sie rasen herum und diskutieren aufgeregt. Vielleicht wird ihnen davon warm? Der Rest des binario 4 centrale liegt im Dunkeln. Auf der Metallbank sitzt noch immer der Mann. Bei meinen Versuchen, mich aufzuw\u00e4rmen, Koffer schieben und rollen, Knie beugen und F\u00fc\u00dfe auf den Boden stampfen, Beine abwechselnd \u00f6ffnen und schlie\u00dfen, Arme hochklappen, oben klatschen und runter an die Oberschenkel schlagen, es funktioniert noch, das Aufw\u00e4rmen wie vor einem V\u00f6lkerballspiel im Sportverein. Ich bin schon mehrmals an ihm vorbeigekommen.<\/p>\n<p>Ein Sandler. Langes, dichtes, graues Haar, er raucht ohne Unterbrechung, vorne ein Sporthemd, unten wabbelnde Hosen, seine F\u00fc\u00dfe stehen auf dem Asphalt, die Schuhe neben ihm so wie eine halbleere Reisetasche. F\u00fcr den T\u00e4uberich hatte ich schnell einen Namen, das letzte Br\u00f6tchen, viel Mitgef\u00fchl und Anteilnahme an seinem Leben. F\u00fcr den da gar nichts, nur Momentaufnahmen, klickklickklick, Registrierungen.<\/p>\n<p>Aber auch diese Erkenntnis stammt von sp\u00e4ter und die Ersch\u00fctterung. Zu meiner Entschuldigung \u2013 drei Stunden davor mit Colombo war mir noch nicht so sterbenskalt.<br \/>\nIch friere in meinen Daunenklamotten und festen Wildlife-Schuhen so entsetzlich wie nie zuvor, auch nicht in Sibirien oder am Eismeer. Beuge Knie, stampfe die F\u00fc\u00dfe, schmei\u00dfe Beine und Arme in die H\u00f6he, trotzdem kommt keine W\u00e4rme auf. Die Tafel springt auf Rit. aus Roma 30 Minuten. Nein, das halte ich nicht aus. Gehe ins Hotel. Aber verdammt, ich habe 99 Euro bezahlt, und das nur f\u00fcr einen Sitz. Kofferrollen den Bahnsteig rauf und runter, Achterschleifen um S\u00e4ulen, Papierk\u00f6rbe, Metallb\u00e4nke herum samt K\u00f6rper\u00fcbungen an jedem Ende.<\/p>\n<p>Meine in der kalten M\u00fchlviertler Kindheit einge\u00fcbte Methode versagt zum ersten Mal: Atem anhalten, alle K\u00f6rperteile anspannen, loslassen, anspannen, loslassen. Anspannen bis in die Zehen hinein und alle Gesichtsteile. In meiner Kindheit hatte ich die \u00dcberzeugung mit dieser Reibungsenergie das kleine Kraftwerk am Gie\u00dfenbach am Laufen halten zu k\u00f6nnen. Am Bologna Centale keine Spur von W\u00e4rme. Eine junge Italienerin, unterwegs nach Milano, macht es mir nach, wir l\u00e4cheln einander zu, sie hat kein Feuer, dann rauchen wir eine gemeinsam, obwohl es am Bahnsteig verboten ist.<\/p>\n<p>Bei meinen Kofferwanderungen komme ich einmal zu nahe an dem Menschenwrack vorbei und nehme einen Geruch von Schei\u00dfe wahr, frisch, scharf, warm. Gerade den angeschissenen Hosen entstr\u00f6mt. Er aber sitzt v\u00f6llig ruhig da, pafft eine Zigarette nach der anderen und gr\u00e4bt mit der anderen Hand in seinem dichten, grauen Haar, die F\u00fc\u00dfe in Socken neben den Schuhen auf dem Boden. Um den linken Kn\u00f6chel ist lose eine Flasche gewickelt, sie endet irgendwo unter der Bank.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberschlage kurz, was ich noch im Rucksack habe: ein gut belegtes Panino und ein leeres, eine Packung Reiswaffel, eine Orange, eine Schachtel Philadelphia-Streichk\u00e4se, ein Eckerl Parmesan, ein hart gekochtes Ei, als Jause f\u00fcr unterwegs; eine Schachtel mit glasiertem Mandelgeb\u00e4ck, je ein Glas Akazienhonig und schwarze Oliven, und eine Riesentafel Mandel-Trauben-Schokolade \u2013 Apulien-Mitbringsel f\u00fcr Agnes, meine Katzensitterin. Gar nicht so wenig, das k\u00f6nnte unter anderen Umst\u00e4nden ein kleines Picknick abgeben.<br \/>\nVielleicht war er der Wunderornithologe, der dem Colombo sein Entenbein gebastelt hat? Es ist schon eher Wahn, richtig denken kann ich nicht mehr. Warum, verdammt nochmal, ist ihm nicht kalt oder zeigt er es nicht? Mich packen Ingrimm und Neid.<\/p>\n<p>Ich trage an meinem K\u00f6rper eine dicke Daunenjacke, zwei Unterhemden, eine Bluse, eine gesteppte Fleecejacke, einen Wollpullover bis in die Kniekehlen, an den F\u00fc\u00dfen festes Schuhwerk mit Filzeinlagen und zwei Paar Socken. Oben eine dicke Strickm\u00fctze, einen Schal, modisch ausladend wie eine Pferdedecke und nat\u00fcrlich Handschuhe.<br \/>\nTrotzdem friere ich bis zum Erbrechen \u2013 oder wird es ein Herzinfarkt oder Schlaganfall? Habe noch nichts davon erlebt. Wie k\u00fcndigt sich so etwas an? Friert man mehr, wenn man K\u00e4lte an einem Ort nicht erwartet, sie einen \u00fcberf\u00e4llt wie Wegelagerer? Oder doch noch vor dem Sterben ein b\u00f6ser Anschlag auf die \u00d6BB und trenitalia. Dieser Gedanke h\u00e4lt bei allen rasenden Rachegel\u00fcsten nicht warm.<\/p>\n<p>Als der Zug kurz vor Mitternacht endlich einf\u00e4hrt, wird der Sandler munter; er schl\u00fcpft in seine Schuhe, stopft die Fasche in einen Socken und bindet die losen Schn\u00fcre zu. Er zieht seine Jacke an, die ich vorher f\u00fcr einen roten Fetzen neben ihm gehalten habe. Er schultert seine Tasche, steht pl\u00f6tzlich aufrecht und hat ein Billett in der Hand, so wie ich auch. Als der Zug einrollt, stehen wir kurz nebeneinander, er genauso suchend wie ich. Oh Gott, denke ich noch, weniger als ein Gedanke, bitte, nicht in mein Abteil.<\/p>\n<p>Ich laufe weiter, suche carrozza 410, noch einmal steht er neben mir, ich rieche Schei\u00dfe, komme mit meinem Koffer knapp rauf \u00fcber die Stufen und finde den Sitz 95F, in einem Sechserabteil, so alt und h\u00e4sslich, wie ich schon vor vierzig und mehr Jahren mit den \u00d6BB gereist bin, diese unseligen, in der Mitte zusammenschiebbaren Sitze, die immer auseinanderrutschen. So was gibt\u2018s noch in Betrieb? Da ist schon ein junger Japaner, der im Abteil residiert wie in einem High-Tech-Studio. Aber er ist h\u00f6flich, entfernt blitzschnell alle seine ausgebreiteten Ger\u00e4te und legt sich unter einer Kabeldecke schlafen. Er wird in Bruck an der Mur aussteigen. (Was macht ein Japaner in Bruck an der Mur?)<\/p>\n<p>Wo der Sandler untergekommen ist, kriege ich nicht mehr mit. Von Bologna bis zum Brenner, drei Stunden ohne Halt und Kontrolle in der W\u00e4rme eines WC. Oder wo sonst?<br \/>\nAber das ist eine Frage von sehr viel sp\u00e4ter, als Herz, Hirn und Gebeine schon wieder etwas aufgetaut waren.<br \/>\nBis zum Brenner bin ich nicht mehr aufgewacht. Ich habe von Colombo und seinem geheimnisvollen Entenbein getr\u00e4umt: Hoppauf, Colombo, gib\u2018s ihnen, das ist dein Brot! Vom Sandler nicht. Das Verschieben der Waggons nach Rosenheim\/M\u00fcnchen\/Wien scheint endlos. Als ich kurz aus dem Fenster luge, sehe ich, wie zwischen Schneebergen ein Mann von zwei vermummten Polizisten abgef\u00fchrt wird. Es ist dunkel, er erscheint mir kleiner, aber das rote Blouson und die d\u00fcnne Tasche glaube ich schon einmal gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Wien, 23.\/ 24.2.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18126<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sagt sich leicht und oft. Aber wenn es einmal ein eindeutiges Beispiel gibt, wird aus dem banalen Satz eine tiefe Wahrheit. Man reagiert nie situationsgenau, sondern ferngesteuert von Erinnerungsfetzen. Ich steige auf dem Bahnhof Bologna Centrale aus dem Schnellzug von Lecce und steuere ohne Nachdenken das Caf\u00e9 Emma B. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[10],"class_list":["post-8331","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8331"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8345,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8331\/revisions\/8345"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}