{"id":8328,"date":"2018-06-20T11:12:17","date_gmt":"2018-06-20T11:12:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8328"},"modified":"2018-07-15T14:46:02","modified_gmt":"2018-07-15T14:46:02","slug":"loblied-auf-eine-zwergenbahn-ii-italien-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8328","title":{"rendered":"Loblied auf eine Zwergenbahn II (Italien 4)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8328&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8328&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Abreise 19.2., 10 Uhr 07 zur\u00fcck nach Lecce,<\/em><br \/>\n<em>statt 14 Tage 4 Tage, Flucht in den Norden<\/em><\/p>\n<p>Seit ich um 3 Uhr 45 aufwachte, rauscht schwerer Regen nieder, senkrechte Str\u00f6me aus Scheffeln, ab und zu weht eine Sturmb\u00f6e volle Gie\u00dfkannen waagrecht gegen die Fenster. Unter Heulen, Klappern und \u00c4chzen vom Balkon her bleibt wenig von der Italianita \u00fcbrig. So geht das schon mit einer Ausnahme den vierten Tag. Der Entschluss ist gefasst, der Koffer gepackt, die Panini-Jause im Rucksack verstaut, die Thermoskanne voll mit Kaffee f\u00fcr die n\u00e4chsten 24 Stunden auf diversen Bahnh\u00f6fen und in trenitalia.<\/p>\n<p>Ich bin anfangs der einzige Passagier im Triebwagen, sp\u00e4ter steigen zwei junge Afrikaner zu, die Handys halten, laut mit Buon Giorno gr\u00fc\u00dfen und nach einigem Herumspielen einschlafen. Die Wiesen und Ackerfurchen stehen voll Wasser, von der Terracotta r\u00f6tlich-braun gef\u00e4rbt. Wintergetreide w\u00e4chst halbhoch und hellgr\u00fcn, in langen Reihen St\u00e4ngelkohl, Brokkoli, Salat, Artischocken und anderes Gem\u00fcse, das ich nicht kenne. Fr\u00fchlingsblumen wie bei uns vielleicht in zwei Monaten, Klatschmohn, L\u00f6wenzahn, Hahnenfu\u00df, alles so gr\u00fcn und bunt, wie es die n\u00e4chsten sieben, acht Monate unter der gnadenlosen Sonne nicht mehr sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Uralte Olivengiganten so weit das Auge reicht, nicht wenige davon ihrer Kronen beraubt, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Das t\u00f6dliche Bakterium Xylella w\u00fctet seit f\u00fcnf Jahren in Apulien, eingeschleppt mit Kaffeepflanzen aus Mittelamerika. Die Wissenschaft hat bisher keine Rettung gefunden. Braune, d\u00fcrre Zweige, kaum noch irgendwo ein durchgehendes silbriges Bl\u00e4tterdach, wie es die alten G\u00f6tter schon kannten. Es sieht aus wie mitten im Krieg, eine Dauerschlacht. Ich habe in Artikeln von der Seuche gelesen, aber dies zu sehen, ist unendlich trauriger und grausiger. Apokalypse.<\/p>\n<p>Ein kluger Freund hat mich vorgewarnt \u2013 die \u00f6kologische Katastrophe sei ein Abbild der ethischen. Ich habe ihm nicht geglaubt und ihn bel\u00e4chelt. Ach, du alter Schwarzseher! Welch ein b\u00f6ser Fehler. Ich sehe es mit eigenen Augen \u2013 keine Zeit, keine Epoche, kein Regime, kein Krieg hat es bisher zustande gebracht, das Land zugrundezurichten. Wer von den Baumriesen noch lebt, den h\u00f6re ich gleichsam aus den Seen zu ihren F\u00fc\u00dfen schl\u00fcrfen, r\u00f6chelnd in den letzten Z\u00fcgen. Schreckensgestalten, wie sie dastehen mit den wenigen nach oben gestreckten \u00c4sten, Trauerbilder ihrer selbst, die altehrw\u00fcrdigen G\u00f6tter sind gest\u00fcrzt und zu l\u00e4cherlichen Schatten verkommen.<br \/>\nDer prophetische Mail\u00e4nder meinte, das Ende sei nahe, aber der einzige Trost sei, dass wir zwei Alten das Ende nicht mehr erleben werden.<\/p>\n<p>Die Apulier sind wahrlich keine \u00f6kologischen Mustersch\u00fcler. Es liegen sicher noch mehr Abf\u00e4lle herum als Feldsteine. Sind das die selben Menschen, die seit Jahrhunderten m\u00fchsam die Felsbrocken aus der Erde klauben und sie zu Trulli und Mauern aufstapeln, die dann genau hinter diesen Mauern ihren Dreck abladen? Es ist nicht der landwirtschaftliche Abfall, sondern der Industriem\u00fcll, der den Anblick so besonders gr\u00e4sslich macht. Alte Autoreifen, K\u00fchlschr\u00e4nke, TV-Antennen, ein verbogener W\u00e4schest\u00e4nder, Kanister, Plastik in jeder Form und Farbe: Eimer, St\u00fchle, Flaschen, Planen. Am schlimmsten aber sieht es aus, wenn man versucht hat, diese Berge zu verbrennen. Bunt und schwarz gefleckte Narben in der Landschaft.<\/p>\n<p>Wenn man nichts wei\u00df und keinen zum Fragen hat, kann man sich in die w\u00fcstesten Vermutungen versteigen. Warum versagt ihr ansonsten untr\u00fcgliches Talent und Gef\u00fchl f\u00fcr Formen und \u00c4sthetik hier so sch\u00e4ndlich? Ist den Bauern die Industrieproduktion so fremd, dass sie ihre \u00dcberreste abspalten und nicht als solche wahrnehmen? Aber besser so als umgekehrt, sage ich mir zum Trost und lache grimmig \u00fcber unser zum verinnerlichten moralischen Gesetz gewordenes Umweltbewusstsein. Man sagt der Natur ja eine fast unendliche Anpassungsf\u00e4higkeit nach. So entwickle ich die Fantasie, dass die Ohrwaschelkakteen imstande sind, die Industrieabf\u00e4lle in ihre fleischigen K\u00f6rper aufzunehmen und zu verarbeiten. M\u00f6glich allerdings, dass dann die Kaktusfeigen, die ficcetini, nach Schmier\u00f6l und Blech schmecken.<\/p>\n<p>Ich registriere an mir immer noch das selbe alte Entz\u00fccken, wenn an B\u00e4umen Orangen und Zitronen wachsen oder die Erde darunter mit Fallobst bedeckt ist. Frisch wie gestern die Erinnerung, als Zitrusfr\u00fcchte bei uns selten waren und nur einzeln auftauchten als etwas Aufregendes, Exotisches aus unbekannten, weit entfernten, aber unsagbar sch\u00f6nen L\u00e4ndern. Sehnsuchtsorte \u2013 Kennst du das Land, wo die Zitronen bl\u00fch\u2018n? Geheimnisvolle Boten, geballte Versprechungen, ihnen einmal in den S\u00fcden entgegenreisen zu k\u00f6nnen. Diese uns\u00e4glichen Freuden der Kindheit, wenn im Nikolaussackerl neben Kletzen, Affenbrot und N\u00fcssen die erste Orange oder Mandarine auftauchte. Wir, die zur Bescheidenheit erzogenen Nordl\u00e4ndler, die sich schon freuten \u00fcber die sauren Fr\u00fch\u00e4pfel, die Klar\u00e4pfel, die Gute Luise, Gravensteiner, Schafsnasen, Renette, Boskoop und vielleicht sogar einen honigs\u00fc\u00dfen Cox Orange.<\/p>\n<p>In Lecce kaufe ich an einem Stra\u00dfenstand drei Riesenorangen, fast eineinhalb Kilo schwer, die noch St\u00e4ngel und Bl\u00e4tter dranhaben. Wortlos erkennt der Verk\u00e4ufer meine kindliche Freude, steckt extra noch einige gl\u00e4nzende \u00c4stchen ins Sackerl und strahlt mich im Besitzerstolz aus seinen Zahnstummeln an. Warum bekommen wir in unseren Breiten nie solche K\u00f6stlichkeiten zu kaufen? S\u00fc\u00df, saftig, fleischig, sommerduftgetr\u00e4nkt. Allein vom Riechen k\u00f6nnte man satt und gl\u00fccklich werden!<br \/>\nDie Italiener haben schon recht, dass sie diese G\u00f6ttergeschenke f\u00fcr sich behalten und uns nur den Ausschuss schicken. Geschmackssymphonien zerplatzen im Mund, zerst\u00e4uben gegen den Gaumen und steigen in die Nase. Eine einzige Orange h\u00e4lt meinen Gaumen von Lecce \u00fcber Brindisi, Bari, Tarni, Foggia und Termoli, am Gargano vorbei bis nach Pescara in Entz\u00fccken, w\u00e4hrend rechts vor den Fenstern die grau-gr\u00fcne Adria unter einem Februarsturm kocht und sch\u00e4umt, Gischtfont\u00e4nen aufsteigen und gegen die Wellenbrecher toben, bis die Finsternis alles verschluckt. Ciao, bella Italia!<\/p>\n<p>Wien, 22.2.18<\/p>\n<p><em>Gewidmet Klara Obereder<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18125<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abreise 19.2., 10 Uhr 07 zur\u00fcck nach Lecce, statt 14 Tage 4 Tage, Flucht in den Norden Seit ich um 3 Uhr 45 aufwachte, rauscht schwerer Regen nieder, senkrechte Str\u00f6me aus Scheffeln, ab und zu weht eine Sturmb\u00f6e volle Gie\u00dfkannen waagrecht gegen die Fenster. 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