{"id":8325,"date":"2018-06-20T11:09:35","date_gmt":"2018-06-20T11:09:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8325"},"modified":"2018-06-29T14:16:27","modified_gmt":"2018-06-29T14:16:27","slug":"der-korkenzieher-il-cavatappi-italien-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8325","title":{"rendered":"Der Korkenzieher \u2013 il cavatappi (Italien 3)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8325&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8325&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ich glaube an die Magie der Orte.<br \/>\nFranz Kafka \u00fcber M\u00fcritz, Juli 1923<\/em><\/p>\n<p>Vom Sonnenschein angelockt, r\u00fcstete ich mich gegen Mittag zum ersten Gang durch die Stadt. Die Schrecken der Nacht w\u00fcrden sich unter dem blauen Himmel aufl\u00f6sen, so die Hoffnung. Ein paar Schritte von der Haust\u00fcre die enge Gasse hinunter kreuzt sich meine Via Monte Grappa mit der Via Settembrini und der Galileo Galilei \u2013 wunderbare Schutzheilige, denke ich mit Befriedigung. Die Kirche San Rocco ist so gro\u00df, dass sie auf jedem Platz Mailands stehen k\u00f6nnte, der anschlie\u00dfende Corso Emmanuele I. ebenfalls. Immer wieder diese Freude und Sentimentalit\u00e4t der Alpenl\u00e4ndlerin, wenn unter den Kugelb\u00e4umen vom Sturm abgesch\u00fcttelte Orangen liegen und nicht angefaulte Mostbirnen oder zerdeptschte Zwetschken. Das ist schon mal der Anfang von der Italieneta!<\/p>\n<p>Als Erstes im Tabacchi Zigaretten kaufen, suche nach Schulheften und Kulis, sollten meine mitgef\u00fchrten Vorr\u00e4te nicht reichen, Il Giorno von gestern f\u00fcr die Aufbesserung meines eingerosteten Italienisch, Ansichtskarten gibt es keine zu dieser touristenfreien Jahreszeit. Oder ist die freundliche, aber sehr runde Angestellte nur zu bequem, diese aus dem Lager herauszukramen? Wahrscheinlich wirke ich auf sie zu komisch und exotisch, dass sie wie gel\u00e4hmt ist.<br \/>\nAls ich mit meinen Sch\u00e4tzen wieder auf den Corso heraustrete, steuert eine alte Frau ausgerechnet auf mich zu \u2013 eindeutig die einzige Touristin au\u00dfer mir \u2013 und fragt mich \u2013 mich? Warum? Schaue ich italienisch aus? \u2013 in f\u00fcnf gebrochenen Italien-Worten nach dem Weg zum Meer. Sie sieht aus wie eine wei\u00dfhaarige Virginia Woolf, und ich antworte daher auf Englisch, gebe ihr die vage Richtung an, nach S\u00fcden, soviel ich vom Balkon aus hatte sehen k\u00f6nnen.<br \/>\nSie schenkt mir ein so dankbares L\u00e4cheln, als h\u00e4tte ich sie von irgendetwas erl\u00f6st.<\/p>\n<p>Ich will eigentlich auch dorthin, durchquere aber zuerst die Stadt der L\u00e4nge nach. Erst als sie in Felder \u00fcberzugehen beginnt, nehme ich die Stra\u00dfe nach Punto Maria della Leuca, das ist dem F\u00fchrer nach das Kap mit dem Leuchtturm und der Wallfahrtskirche.<\/p>\n<p>Die Ausfahrtsstra\u00dfe ist ges\u00e4umt von verschlossenen Villen, eingewinterten G\u00e4rten, zerfressen von Gewerbeparks \u2013 Industriekeramik, Teppichland, Fliesenland, Grabsteinland, Autozubeh\u00f6r, Tankstellen. Auch die grindige Pizzaria Vesuvio und eine B\u00e4ckerei haben geschlossen. Ich bem\u00fche mich, mir die Sch\u00f6nheit dieser Gegend im Sommer vorzustellen. Das ist gerade schwer. Der Wind st\u00f6\u00dft mich ruppig vorw\u00e4rts, manchmal zur Seite. An einer schmalen Stelle des Gehsteiges fegt mich eine Windb\u00f6e auf die Stra\u00dfe. Zum Gl\u00fcck kommt gerade kein Auto daher, aber der Schock ist so heftig, dass ich in die n\u00e4chste zur Stadt zur\u00fcckf\u00fchrende Gasse einbiege und meinen Gang zum Meer auf besseres Wetter verschiebe.<\/p>\n<p>Die Sonne ist da, aber sie ist so kalt, dass ich mir ein warmes Kaffeehaus herbeiw\u00fcnsche. Nix da, gibt\u2018s nicht, ein einziges Caf\u00e9 am Ende des Corso ist offen, drinnen und davor schwarz vor alten M\u00e4nnern. Also setze ich mich mit einem Fingerhut von Espresso \u2013 so schmeckt Kaffee! \u2013 an einen der Tische vor dem Lokal, dazu einen un\u00fcbertroffenen Fruttone, ein mit Mandelcreme und Quittenmarmelade gef\u00fclltes T\u00f6rtchen. Mich umschwirrt ein M\u00e4nnergeschw\u00e4tz, in dem ich kein einziges italienisches Wort erlauschen kann. Die apulische Sprache soll wie das Sizilianische angeblich durchsetzt sein mit Gaben aus dem Altgriechischen, Albanischen und Arabischen, wer wei\u00df was noch Afrikanisches. Viele Orte sind griechische Gr\u00fcndungen, die Nachkommen nennen sich Greki. Der Sonnenseite des Corso entlang stehen M\u00e4nner an die Hausw\u00e4nde gelehnt \u2013 aha, nicht nur mir ist kalt, auch sie w\u00e4rmen sich.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr meinen ersten Gro\u00dfeinkauf, beim ersten Queren bin ich an einem Supermercato Sigma vorbeigekommen. Ich raffe zusammen, was an Italianita ich bei mir in meinem Wohnturm haben will: Kaffee, Tee, Parmesan, Schinken, Gorgonzola, Yoghurt, Gl\u00e4ser mit Carceofini, Sugo, Kapern, Oliven, Mayonnaise, Honig, Marillenmarmelade, eingelegte Tomaten, Paprika und Silberzwieberl, schwarzen Pfeffer unbedingt, weil der wirklich nach Pfeffer schmeckt. Dann Orangen, Mandarinen und frisches Gem\u00fcse. Alles etwas teurer als bei uns, wie machen sie das? In einer au\u00dfertouristischen Saison?<br \/>\nLange Reihen mit dem \u00fcblichen europ\u00e4ischen Schrott von Danone und d\u00e4nischer Butter, von Schokoriegeln und Katzenfutter. Jetzt noch Wein. Lange suche ich in der gro\u00dfen Auswahl, vergleiche Herkunft und Preise, die einheimischen Marken sagen mir nichts, sie haben aber sch\u00f6ne Namen wie Negroamaro oder Aleatica, und nat\u00fcrlich pr\u00fcfe ich die H\u00e4lse ausgiebig nach Stoppel\/Korken und Rillen. Endlich finde ich eine passende wei\u00dfe und eine rote Flasche mit barbarischem, aber praktischen Schraubverschluss. Ich kaufe einen rosso um sagenhafte 7,90 Euro, einen Sanpietrana aus Brindisi, und einen billigeren bianco aus Tarento.<\/p>\n<p>Jetzt noch schnell beim Panificio vorbei, ein paar Panini und einen kleinen Laib Schwarzbrot, und zur\u00fcck in den Wohnturm zu meinem ersten italienischen Essen. All das gibt es nat\u00fcrlich auch in Wien zu kaufen, aber hier schmeckt es hundertmal besser. Warum nur? Weil die Sehns\u00fcchte so stark sind. Trotz eines starken Kaffees \u00fcberkommt mich beim Lesen des Il Giorno schnell der Schlaf \u2013 die Nacht hat ja nicht viel davon hergegeben.<br \/>\nAls ich aufwache, ist es schon d\u00e4mmrig im Zimmer. Die Sonne ist noch nicht untergegangen, aber von grauen Wolkenb\u00e4nken \u00fcber dem Meer verdeckt. Schlechte Aussichten f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Das Wetter kommt ja immer aus dem Westen. Die Palmen und Eukalyptusb\u00e4ume im Garten gegen\u00fcber werden gebeutelt und neigen sich bedrohlich zu Boden. An den Mauern haben die Rosen und Bougainvilleas noch Bl\u00fcten, werden aber wie Lorbeer und Feitschi arg durchgesch\u00fcttelt. Eine schwarz-wei\u00dfe Katze schleicht geduckt \u00fcber eine Steinmauer. Weil es drau\u00dfen auf dem Balkon zu kalt und windig ist, hole ich den kleinen Tisch ins Zimmer und genie\u00dfe, gesch\u00fctzt, aber bei offener T\u00fcre, Mahl und Aussicht.<br \/>\nEs kann nicht mehr sch\u00f6ner werden, ich habe alles, wovon ich im Wiener Winter getr\u00e4umt hatte.<\/p>\n<p>Aber oje, die Flasche hat einen Korken, was ich nicht bemerkt habe, weil die Schlaumeier k\u00fcnstlich Rillen in den Plastikbezug des Flaschenhalses gemacht haben. Das kann nicht sein, ein italienischer Haushalt ohne Stoppelzieher? Ich suche die beiden Zimmer systematisch ab, den Geschirrschrank, die Bestecklade im Esstisch, die K\u00fcche \u2013 vergeblich, bis ich auf dem Sims des offenen Kamins f\u00fcndig werde. Aber oh Schreck, es ist ein italienischer Korkenzieher, den Kellner so genial einh\u00e4ndig h\u00e4ndeln k\u00f6nnen, aber Laien wie ich nicht beherrschen. Ich kann, wenn \u00fcberhaupt, nur mit dem zweiarmigen Hebelkorkenzieher umgehen. Ich hole mir Blasen an den Fingern, aber der Korken h\u00e4lt, beste italienische Qualit\u00e4t. Vielleicht der teure Rote? Nix da, der gleiche Trick, wieder k\u00fcnstliche Rillen und ein fest sitzender Korken, in den ich die Spirale zuerst fast nicht hineinkriege, die aber dann auch noch unbeweglich stecken bleibt.<\/p>\n<p>Bevor die Entt\u00e4uschung in Verzweiflung umschl\u00e4gt, laufe ich schnell zum freundlichen Panificio und frage nach einem Gesch\u00e4ft mit Haushaltsger\u00e4ten, nicht ohne dass ich zuvor die paar Worte aus dem W\u00f6rterbuch herausgesucht und auf einem Zettel notiert hatte. Dove posso trovare cavatappi? Vorrei casalinghi, vorrei cavatappi, ich suche ein Haushaltswarengesch\u00e4ft, einen Korkenzieher. Der B\u00e4cker ist noch freundlicher und erkl\u00e4rt mir wort- und gestenreich den Weg zu einem Laden mit dem wunderbaren Namen Fortunato. Ich verstehe nur sempre diritto bis zu einem Platz und dann sinistra, gleich an der Ecke ist der negotio von senior Fortunato. Da renne ich also durch die d\u00e4mmrigen Gassen und finde den Fortunato auch wirklich. Ein Gemischtwarenladen, eine Grei\u00dflerei, wie ich sie bei uns schon lange nicht mehr gesehen habe, von allem ein bisschen was. Dove, vorrei, uno cavatappi. Ich habe immer memoriert \u2013 cavatappicavatappi mit jedem Schritt \u2013 hchhch, das Herz schl\u00e4gt.<br \/>\nDa ist Fortunatuo! Fortunatus Wurzel, denke ich nat\u00fcrlich. Wo kommt der her? Nestroy oder Raimund? Es ist zu kalt daf\u00fcr. Er bietet einen Riesen um 8,95 und einen bescheidenen um 3,95 an. Den ich kaufe, dazu noch Zwiebeln, Knoblauch, Ricotta, Eier, Nudeln, Sugo, eine Melone und eine dicke Schnitte Speck. Fortunato sch\u00fcttelt wortlos den Kopf, weil ich f\u00fcr all das noch zweimal zur\u00fcckkomme.<\/p>\n<p>Kochen, aufdecken, essen. Ist das ein Fest! Ich habe ein paar St\u00e4ngel gelber Blumen am Stra\u00dfenrand gepfl\u00fcckt und in eine Vase gestellt, nehme an, Klee. H\u00fcbsch, aber sie knicken sofort ein. Jetzt nur noch der Wein! Aber ich kriege den Stoppelzieher nicht aus der Verpackung, verdammt. Versuche es mit meiner Nagelschere, Feile, mehreren Messern aus der Bestecklade, nichts geht. Er ist atombombenfest in Plastik eingeschwei\u00dft \u2013 Made in Taiwan. Die Wohnung ist so karg eingerichtet, dass es nichts mehr zu untersuchen gibt. Endlich die Erl\u00f6sung, im Kamin finde ich eine Axt, die ansonsten sicher nur zum Holzspalten dient. Mit ihr kann ich das Korkenzieher-Geh\u00e4use zertr\u00fcmmern, aber breche dabei gleich einen Arm ab. Den Sanpietrino kann ich doch noch \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Ich bin ersch\u00f6pft, aber Anspannung und K\u00e4lte gleiten allm\u00e4hlich in allgemeines Wohlbefinden \u00fcber. Dann will ich das auf dem gro\u00dfen Holztisch ausgebreitete Stillleben mit meinen Eink\u00e4ufen fotografieren, die beiden Korkenzieher im Vordergrund und den befreiten Sanpietrino dahinter. Da zeigt meine Kamera blinkend an, dass sie keinen Saft hat. Und das Aufladekabel ist zu Hause geblieben. Wer denkt schon an so was? Wer hat \u00fcberhaupt noch eine aufladbare Kamera? Also morgen eine neue Suche aufnehmen, beim B\u00e4cker anfangen bis zum Fortunato, vielleicht.<\/p>\n<p>Da h\u00f6re ich ein Klopfen unten an der T\u00fcr, es ist eher ein Donnern, da tief unten eine Eisent\u00fcr. Rocco fragt, wie es mir geht. Alles in Ordnung? Tutto bene, grazie, vabene. Grazie! Mein Italienisch ist so gut wie bei Donna Leon. Selig, Abreise noch einmal aufgeschoben.<\/p>\n<p>Wien, 7.3.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18124<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich glaube an die Magie der Orte. Franz Kafka \u00fcber M\u00fcritz, Juli 1923 Vom Sonnenschein angelockt, r\u00fcstete ich mich gegen Mittag zum ersten Gang durch die Stadt. Die Schrecken der Nacht w\u00fcrden sich unter dem blauen Himmel aufl\u00f6sen, so die Hoffnung. 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