{"id":8321,"date":"2018-06-20T11:05:41","date_gmt":"2018-06-20T11:05:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8321"},"modified":"2018-06-24T12:51:42","modified_gmt":"2018-06-24T12:51:42","slug":"eine-italienische-nacht-in-der-casa-franca-italien-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8321","title":{"rendered":"Eine italienische Nacht in der Casa Franca (Italien 2)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8321&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8321&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als ich in Gagliano del Punto aus dem Zug steige, bin ich genau 24 Stunden unterwegs gewesen. Rocco, der fr\u00fchere Besitzer des Hauses, holt mich p\u00fcnktlich vom Bahnhof ab und f\u00e4hrt mich an die Adresse mit dem sch\u00f6nen Via Monte Grappa gleich hinter dem Dom. Von der Stadt sehe ich fast nichts, es regnet und ist stockfinster. Es geht durch kaum beleuchtete, menschenleere Stra\u00dfenz\u00fcge, glatte, abweisende Mauern ohne Fenster, \u00fcber einen mit Kugelb\u00e4umen ges\u00e4umten Boulevard und zwei st\u00e4dtische Pl\u00e4tze, die von Kandelaber-Lampen schwach beleuchtet sind. Menschen sind keine unterwegs, obwohl es erst kurz nach sieben ist.<\/p>\n<p>Rocco weist mich in die Casa Franca ein, zeigt mir alles N\u00f6tige, die zwei Zimmer, Heizung, Wasser, Herd, K\u00fchlschrank, Geschirr, Toilette, den Bettzeugkasten, den Ausgang zum kleinen Balkon und den Aufstieg zur Dachterrasse \u2013 alles klar, vabene, ich verabschiede ihn schnell und bin allein.<\/p>\n<p>Eine K\u00fcche mit offenem Kamin, ein Esszimmer, ein Schlafzimmer mit zwei schmalen Betten. Mehr kann ich vorerst nicht wahrnehmen. Ich bin fast ohnm\u00e4chtig vor M\u00fcdigkeit. Ich habe im Schlafwagen von Wien nach Bologna nicht geschlafen und im Zug nach Lecce nur wenig nachgeholt. Au\u00dfer dem Mosaikboden nehme ich vorerst keine architektonischen Sch\u00f6nheiten wahr und die bunten Steine nur deswegen, weil es von dort verdammt kalt auf die F\u00fc\u00dfe zieht. Die Schuhe werde ich hier wahrscheinlich h\u00f6chstens unter der Dusche ausziehen. Zwei Paar Socken, an Hausschuhe habe ich nicht gedacht. Ich packe den Koffer sofort vollst\u00e4ndig aus, schlichte die Sachen in den Kasten, richte mich in Bad und K\u00fcche ein und stelle einige St\u00fchle um.<br \/>\nEine Manie von mir, mich sofort h\u00e4uslich niederzulassen, den Raum besetzen, markieren, wie ein Tier seinen Bau oder sein Terrain.<\/p>\n<p>Dann krame ich aus den Tiefen des Rucksackes den Rest meines Reiseproviants hervor und breite ihn auf den gro\u00dfen Esstisch: ein Weckerl mit Salami, von Mayonnaise, Tomaten- und Zucchinischeiben durchn\u00e4sst und labbrig, eine Ecke Gouda, zwei Mandarinen, ein Sackerl getrocknete Maroni von \u201eja! Nat\u00fcrlich\u201c, je eine Packung Mannerschnitten und Reiscracker. Scharfe Fishermans friends Mint-Zuckerl. Nicht gerade \u00fcppig, aber ein Genuss ohnegleichen. Seligkeit sickert langsam in den K\u00f6rper ein, zusammen mit dem Rest von Mineralwasser und lauwarmem Kaffee aus der treuen Thermoskanne. Dieser Platz an dem gro\u00dfen, alten Holztisch unter der Lampe mit einem abstrakten Bild gegen\u00fcber, das ich sofort mag \u2013 das wird meiner werden f\u00fcr den Rest der dreizehn Tage.<\/p>\n<p>Ohne mich auszuziehen oder zu waschen, schl\u00fcpfe ich unter die Decke. Das Licht am Nachtk\u00e4stchen ist zum Lesen nicht optimal, die Kissen auch nicht. Aus der Mauer str\u00f6mt K\u00e4lte, also binde ich mir mein gro\u00dfes Tuch um die Schultern und kn\u00fcpfe es auf der Brust fest.<br \/>\nGro\u00dfmutter, babuschka. Die mitgebrachten B\u00fccher \u2013 ein Viertel des Kofferinhalts \u2013 staple ich auf dem Nebenbett, griffbereit, auch die Tag- und Nachtb\u00fccher, Kulis und Bleistifte ebenfalls.<br \/>\nVerdammt, ich habe in den Vorgespr\u00e4chen mit der Vermieterin nicht nach Bettlicht und Kissen gefragt, obwohl genau das immer schon und \u00fcberall die wichtigsten Elemente meiner N\u00e4chte sind.<br \/>\nMein aktuelles Buch \u201eUnter der Drachenwand\u201c habe ich in der Bahn begonnen und es fasziniert mich von der ersten Zeile an. Irgendwie laufen zwei Filme gleichzeitig ab, in einem zusammengeschmolzen \u2013 drau\u00dfen die Adriak\u00fcste von Ancona nach S\u00fcden, wenn ich hinausschaue, und im Buch steht das Salzkammergut im Jahr 1944 vor mir. Der Held friert die ganze Zeit in seiner Dachkammer am Mondsee, das Heizen ist eine der wichtigsten \u00dcberlebensfragen. Im Rapido war es wohlig warm. Ich suche im Kasten nach einer zweiten Decke, rotes Fleece, jetzt schon schwer wie eine Ziegeldecke, aber ohne echte W\u00e4rme. Der Berg um meinen K\u00f6rper wird gr\u00f6\u00dfer, ich versuche, nicht in den Spiegel des Schrankes gegen\u00fcber zu schauen.<\/p>\n<p>Irgendwann bemerke ich, dass der Regen st\u00e4rker wird und hart an die Scheiben der Balkont\u00fcre schl\u00e4gt. Irgendwelche Dinge am Balkon klappern st\u00e4ndig aneinander, rasseln und quietschen? Sind das gequ\u00e4lte Katzen unten auf der Stra\u00dfe? Als ich so an die zwei Kissen gegen die Wand gelehnt sitze und in der Drachenwand lese, bemerke ich, dass sich die Buchseiten von selbst bewegen. Die Zugluft kommt von der Balkont\u00fcre her. Ich steige auf einen Stuhl und versuche, mit einem Leintuch den fingerbreiten Spalt von oben nach unten auszustopfen. Es rutscht immer wieder herunter, ich bin zu klein f\u00fcr diese italienische T\u00fcr, Abendgymnastik hatte ich nicht vorgehabt.<\/p>\n<p>Auf dem Fu\u00dfbodenmosaik breitet sich eine Wasserlache aus. Ich wische sie auf und klemme einen Stuhl unter die T\u00fcrklinke. Ok, unten ist es dicht und trocken, oben versuche ich weiter, auf einem Stuhl balancierend, das Leintuch in den klaffenden Spalt zu dr\u00e4ngen. Da gibt es einen furchtbaren Knall, und vor Schreck falle ich fast vom Stuhl. Der Regen ist in ein Gewitter mit Donner und Blitz \u00fcbergegangen. Nachdem ich mich aufgerappelt habe, stopfe ich das Leintuch in den Ritz. Nach einigen Versuchen \u2013 erfolgreich. Wieder im Bett, stelle ich fest, dass sich die Buchseiten der Drachenwand nicht mehr eigenwillig bewegen. Aber immer noch Fr\u00f6steln unter den zwei Decken. Eine dritte aus dem Kasten. Da kommt ein Durcheinander auf. Also l\u00f6se ich das Bergunget\u00fcm auf und ziehe Schicht f\u00fcr Schicht die Decken und Laken von der Matratze ab. Weil ich noch die Lesebrille vor den Augen habe, nehme ich kleine, dunkle Punkte wahr.<\/p>\n<p>Da h\u00e4tte ich nicht so gut hinschauen sollen. Aber weil ich vom Land bin, erkenne ich sofort, was das ist \u2013 M\u00e4usedreck, B\u00e4mmerl hie\u00df das in meiner Kindheit. Mir graust nicht wirklich, aber erfreut bin ich auch nicht. Das zweite Bett untersuchen, es ist sauber, trotzdem darunter Besenkehren, alles ab- und frisch \u00fcberziehen, Unterbett, Leintuch auf der Matratze, Leintuch unter der ersten Decke nach au\u00dfen umschlagen, vier Fleecedecken drauf und Kissen aufsch\u00fctteln. Mir ist kalt und gleichzeitig rinnt mir Schwei\u00df \u00fcber den R\u00fccken und zwischen die Br\u00fcste.<\/p>\n<p>Es ist klar, ich werde bestraft, und ich frage mich, wodurch ich den Zorn Gottes auf mich gezogen habe. Eindeutig, ich z\u00e4hle nach, die Reste der M\u00e4useinvasion sind die f\u00fcnfte Plage. Nach der biblischen Erz\u00e4hlung w\u00fcrde es noch f\u00fcnf brauchen bis zum gl\u00fccklichen Exodus. Die sechste herrscht ohnedies st\u00e4ndig, die undurchdringliche Finsternis der Nacht. Von nun an bleibt EXODUS an der Wand stehen. Was war geschehen? Wie war ich in diesen g\u00f6ttlichen Rachefeldzug geraten? Ich horche in mich hinein und kann keine Schuld finden.<br \/>\nIm \u201eFalter\u201c die Annonce gefunden, die Vermieterin Klara kontaktiert \u2013 spontane W\u00e4rme und Sympathie \u2013 und im Reiseb\u00fcro Ruefa die Bahnreise gebucht, gl\u00fccklich \u00fcber die g\u00fcnstige Sparschiene. Alles hat sich so richtig angef\u00fchlt. Keine b\u00f6sen Vorzeichen, Warnungen oder Tr\u00e4ume. Ich bleibe uneinsichtig, werde pathetisch, trotzig und wehleidig. Mir fehlt ein Adressat f\u00fcr Schuldzuweisungen. Und noch zeigt nichts auf mich.<\/p>\n<p>Nach der Putzorgie kehre ich unter den Schutz der Drachenwand zur\u00fcck und gerate wieder in ihren Sog. Der Mondsee ist doch meine zweite Kindheitsheimat, mal sehen, wie der Vorarlberger Arno Geiger mit meinem Lebensjuwel umgeht. Soweit sehr einf\u00fchlsam. Ich habe bisher nichts auszusetzen. Fast nichts. Nur, warum erw\u00e4hnt er das Loch in der Drachenwand nicht? Das h\u00e4tte er doch leicht verwenden k\u00f6nnen in seinem Plot, geradezu symbolisch. Immer muss ich die Schriftsteller verbessern, eine unsympathische Lehrer- und Lektoren-Krankheit, aber nicht abzulegen wie der Radiergummibleistift in der Hand beim Lesen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich \u00fcberlege, wie er die Sage vom Jungfrauen verschlingenden Drachen verarbeiten h\u00e4tte k\u00f6nnen, gibt es in den Tiefen des Gem\u00e4uers einen furchtbaren Rums, der mich ich aus dem Bett springen l\u00e4sst. Eine Explosion? Gas, Wasser, hier, in der Nachbarschaft, Terror? Was habe ich bei Roccos Erkl\u00e4rungen nicht verstanden? Na gar nichts. Ich stehe wie versteinert da und erwarte mein Todesurteil. Danach gibt es ein leichtes Nachtuckern, das zusammengekrampfte Herz erleichtert sich \u2013 es war das An- und Abschwellen des Heizungsthermostats, das Ger\u00e4usch ist mir vertraut. Aber was ist das wieder? Erst nach dem dritten Klogang verstehe ich, dass es f\u00fcr den Wassertransport eine heulende und r\u00f6chelnde Pumpe gibt. Ich wohne schlie\u00dflich in einem mittelalterlichen Turm. Irgendetwas klappert noch immer, es kommt vom Balkon, zum Gl\u00fcck, es sind nicht meine Z\u00e4hne. Ich werde es hoffentlich am Morgen erfahren.<\/p>\n<p>Da durchf\u00e4hrt es mich hei\u00dfkalt \u2013 habe ich hinter Rocco abgeschlossen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich wollte ihn nur so schnell wie m\u00f6glich loswerden und habe immer nur zu allem si, si, vabene, grazie gestammelt.<br \/>\nSofort springt das rassistische Ged\u00e4chtnis an. Die Massen von Afrikanern auf den Bahnh\u00f6fen von Bologna an allen Stationen bis nach Lecce. Ich tappe die enge, gewundene und steile Treppe nach unten in die Eisesk\u00e4lte, schlotternd vor Angst und Schlaftrunkenheit. Die eiserne Eingangst\u00fcre ist tats\u00e4chlich nicht abgesperrt, drehe den Schl\u00fcssel zweimal herum und sinke kurz auf die Steinstufe. Durchatmen, aus, ein, aus, ein, H\u00e4nde aufs Sonnengeflecht.<br \/>\nAls w\u00e4re dort wirklich ein schwarzer Mann gestanden, mit \u00fcblen Absichten, so sehr klopft das Herz, als ich wieder unter die Decken krieche und mit Hilfe von Lekt\u00fcre einzuschlafen versuche. Der Dumont-Reisef\u00fchrer Apulien mit seinen vielen bunten Bildern von sonnigen Str\u00e4nden, Olivenhainen und Blumenwiesen hilft ungef\u00e4hr so viel wie ein M\u00e4rchenbuch als Trost und Wahrheitsquelle.<\/p>\n<p>Lustig war diese Nacht gewiss nicht, trotzdem erwache ich erst mitten am Vormittag, ungew\u00f6hnlich erfrischt und fr\u00f6hlich. Ausnahmsweise ist kein Alptraum in der Erinnerung h\u00e4ngengeblieben. Es gibt kein Aalen und Schlunzen, Herumdrehen im Bett. Die Glocken von San Rocco bimmeln beharrlich, und ihre zwei Uhren schlagen hintereinander jede Viertelstunde zweistimmig, also fast die ganze Stunde hindurch. Ich trete mit dem ersten italienischen Espresso auf den Balkon \u2013 ein Hoch auf Klara, sie hat einen Kaffee-Vorrat und f\u00fcnf verschiedene Gr\u00f6\u00dfen von Alessi-Maschinen \u2013 und stelle fest, dass der Regen aufgeh\u00f6rt hat und eine bleiche Sonne durch die Wolkenfetzen scheint.<br \/>\nAllerdings muss ich die Tasse am Tischchen abstellen und mich mit beiden H\u00e4nden am Gel\u00e4nder festhalten, damit der Sturm mich nicht in die Via Monte Grappa hinunterweht. Rund um mein Haus ein Gewirr von wei\u00dfen Flachd\u00e4chern, dazwischen Palmen und Eukalyptusb\u00e4ume, vom Wind wild gebeutelt. In der Ferne winken das gr\u00fcne Kap von Maria della Leuca, der wei\u00dfe Leuchtturm und am Horizont ein blassblauer Streifen, die Adria. Hallo, Italien, ich bin angekommen am finis terrae. Ich sch\u00f6pfe Hoffnung. Riecht es nicht schon nach dem italienischen Fr\u00fchling? Und vergesse sofort die n\u00e4chtliche Wandinschrift. Flucht aufgeschoben. Welch eine Hybris!<\/p>\n<p>Wien, 1.\/2.M\u00e4rz 18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18123<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich in Gagliano del Punto aus dem Zug steige, bin ich genau 24 Stunden unterwegs gewesen. 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