{"id":8311,"date":"2018-06-13T17:25:15","date_gmt":"2018-06-13T17:25:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8311"},"modified":"2018-06-16T17:27:45","modified_gmt":"2018-06-16T17:27:45","slug":"loblied-auf-eine-zwergenbahn-i-italien-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8311","title":{"rendered":"Loblied auf eine Zwergenbahn I (Italien 1)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8311&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8311&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Lecce, 14.2.18, 16 Uhr 50, Bahnsteig 6<\/em><\/p>\n<p>Jetzt fahre ich also in den Stiefelabsatz hinein, ins \u00e4u\u00dferste Spitzerl im S\u00fcdosten. Nicht Fahren, sondern Schl\u00fcpfen ist mein Vorgef\u00fchl, wie mit den Fingern in einen Handschuh oder mit einem Schuhl\u00f6ffel. M\u00fchsam. Ich bin aufgeregt und angespannt wie vor einer Himalaya-Expedition, obwohl nichts auf ein Abenteuer hindeutet. Alles spielt sich nur im Kopf ab, in alten Bildern. Der schmale Bahnsteig ist gef\u00fcllt mit Sch\u00fclern und Pendlern, darunter viele Afrikaner. Einer verkauft Regenschirme. Kann man brauchen, es beginnt zu nieseln. Die Bahn besteht aus einem einzigen Waggon, au\u00dfen blau-gr\u00fcn-t\u00fcrkis gestreift, drinnen 32 abgewetzte Plastiksitze, fast vollbesetzt. Das B\u00e4hnlein muss der Traum eines jeden Kleinbahnliebhabers sein, eins zu eins. Der k\u00f6nnte sie in seinem Garten um die Zwerge kreisen lassen.<\/p>\n<p>Au\u00dfer mir und einem jungen Liebespaar sind alle Passagiere mit ihren Handys besch\u00e4ftigt. Das B\u00e4hnlein f\u00e4hrt im Schritt hinaus aus den \u00f6den Vororten von Lecce auf die Halbinsel Salento, in den Stiefelabsatz zwischen Adria und Ionischem Meer. Wei\u00dfgekalkte Trulli, Masserien und Trockensteinmauern s\u00e4umen den Weg, Scharen von Elstern flattern dar\u00fcber, lassen sich auf Oliven- und Feigenb\u00e4umen nieder und schrecken ohne sichtbaren Anlass wieder auf. Ohne sie h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, wei\u00df ich, dass sie genauso hysterisch kreischen und in Schwarz-wei\u00df flattern wie ein alter Stummfilm. Viele Olivenb\u00e4ume sehen krank aus oder sind schon gef\u00e4llt. Lange Reihen am Boden wie Grabh\u00fcgel auf einem Friedhof. Das b\u00f6se Bakterium Xylella hat sie befallen. Obwohl Abgase in den Waggon gelangen, dringt der s\u00e4uerliche Geruch von den ausgepressten Oliven der j\u00fcngsten Ernte herein; sie liegen in dunklen H\u00fcgelgebirgen links und rechts der Strecke. Wie hei\u00dfen Olivenreste, Trester? Die bl\u00fchenden Mandel- und Pistazienb\u00e4ume besprenkeln in wei\u00dfen und rosa Tupfern die Landschaft.<\/p>\n<p>Das B\u00e4hnchen tuckert, pfaucht, rattert und stinkt wie ein alter Steyrer Traktor. Aber es ist sehr musikalisch. Wenn es h\u00e4lt, tutet es wie ein Ozeandampfer; solange die T\u00fcren offen sind, rasselt und scheppert es wie ein Blechwecker, und wenn es abf\u00e4hrt, ert\u00f6nt ein Martinshorn. Aber manchmal musiziert sie auch unterwegs, ein lauter Knall \u2013 Fehlz\u00fcndung, langgezogenes Pfeifen \u2013 Anfahrt, klingt wie ein Tuberkulosepatient. So klein es ist, will es doch alles gleichzeitig sein.<br \/>\nEs hat sogar einen Schaffner. Der kontrolliert aber nicht die Fahrkarten, sondern schaut ab und zu aus dem F\u00fchrerhaus bei den Passagieren vorbei, fragt, wie es geht, va bene? und plaudert mit dem einen oder anderen famili\u00e4r. Nach einer Stunde Fahrt beginnt es zu regnen, und ein dunkler Abend zieht heran. F\u00fcr die Strecke von 60 Kilometern braucht das Z\u00fcglein zwei Stunden und zehn Minuten, f\u00e4hrt also mit 30 Stundenkilometern. Da es aber die H\u00e4lfte der Zeit steht, in den Stationen, aber auch unterwegs, werden es nur 15 Stundenkilometer sein. Ein Radfahrer k\u00f6nnte daneben mithalten. Und ich mit meinem Notizbuch kann eins zu eins mitschreiben, was ich sehe, h\u00f6re und rieche. Analoger geht\u2018s nicht.<\/p>\n<p>Jetzt wei\u00df ich es, es ist ein \u201eTriebwagen\u201c! Ich habe lange nachgesonnen und hineingef\u00fchlt, es ist ein Triebwagen wie an der Donauuferbahn meiner Kindheit, dieses Gemisch aus Ger\u00e4uschen und Ger\u00fcchen, das leise Erzittern aus dem tiefen Inneren des Dieselmotors heraus beim Halten und Anfahren in Wei\u00dfenkirchen oder Spitz, Persenbeug oder Sarmingstein \u2013 ein langsamer Express in die Zeit zur\u00fcck. Wenn man die Farben wegl\u00e4sst \u2013 sie verblassen ohnedies immer mehr \u2013 kann man die schwarz-wei\u00dfen Filme des italienischen Verismo hier ansiedeln, im Mezzogiorno. Einige Bahnhofsgeb\u00e4ude sehen so aus, als h\u00e4tten sie schon im \u201eLeoparden\u201c mitgespielt.<\/p>\n<p>Zwei Besonderheiten fallen mir auf: In jeder Station stehen M\u00e4nner herum, die nicht ausgestiegen sind und nicht einsteigen; die winterliche Gegenwart der D\u00f6rfer ist so ereignislos, dass die Ankunft des B\u00e4hnleins begr\u00fc\u00dft wird. Und jedes Mal, bevor das B\u00e4hnlein in eine Station einf\u00e4hrt, bleibt es rasselnd stehen, wie um Atem zu holen, putzt seine Kehle durch, um sich dann langsam an den Bahnhof heranzupirschen. Vielleicht spielt es so etwas wie \u201eR\u00e4uber und Gendarm\u201c auf Apulisch? Ich horche ihm ins Herz hinein, ob es sich nicht etwas von der Tarantella angeeignet hat.<\/p>\n<p>Irgendwann muss ich eingenickt sein, der Schaffner hebt mein zu Boden gefallenes Notizbuch auf, ich sitze mit zwei Frauen allein im Abteil, und das B\u00e4hnlein l\u00e4sst ein endloses Martinshorn ert\u00f6nen \u2013 Endstation Gagliano del Punto. Rocco holt mich ab und bringt mich zu Klaras Wohnturm in der Via Monte Grappa. Sch\u00f6ne Adresse, vor dem Haus kreuzen sich die Via Settembrini und die Via Galileo Galilei, stelle ich am n\u00e4chsten Morgen fest. Was kann da noch schiefgehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18122<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lecce, 14.2.18, 16 Uhr 50, Bahnsteig 6 Jetzt fahre ich also in den Stiefelabsatz hinein, ins \u00e4u\u00dferste Spitzerl im S\u00fcdosten. Nicht Fahren, sondern Schl\u00fcpfen ist mein Vorgef\u00fchl, wie mit den Fingern in einen Handschuh oder mit einem Schuhl\u00f6ffel. M\u00fchsam. Ich bin aufgeregt und angespannt wie vor einer Himalaya-Expedition, obwohl nichts auf ein Abenteuer hindeutet. Alles [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[10],"class_list":["post-8311","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8311"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8314,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8311\/revisions\/8314"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}