{"id":8299,"date":"2018-06-10T12:44:03","date_gmt":"2018-06-10T12:44:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8299"},"modified":"2018-06-16T13:23:04","modified_gmt":"2018-06-16T13:23:04","slug":"schreibend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8299","title":{"rendered":"Schreibend"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8299&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8299&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Um zu schreiben, so dachte er, muss man sich einfach hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Dass dies Arbeit erfordern k\u00f6nnte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Henrik hatte mit seinen 59 Jahren von Camus bis Kehlmann alles gelesen und hatte die letzten Jahrzehnte damit verbracht, eine beachtliche Sammlung von Erstausgaben der klassischen Literatur anzulegen. Sein besonderer Stolz war eine signierte Erstauflage von <em>Madame Bovary,<\/em> die er in Paris bei einem Stand auf der Porte de Clignancourt zu einem Spottpreis von drei\u00dfig Francs ersteigern hatte k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seiner Frau hatte Henrik angek\u00fcndigt, einen Roman zu schreiben. Einen Roman, von dem man leben k\u00f6nne. Also sprich, ein au\u00dferordentliches Epos, das sowohl Kritiker als auch das Lesepublikum in nachhaltige Begeisterung versetzen sollte. Sechs Wochen, hatte seine Frau gesagt. Du hast sechs Wochen. Nimm dir Urlaub. Nach sechs Wochen w\u00fcrde sich die Sache schon weisen.<\/p>\n<p>Die erste Woche verging wie im Flug, er schlief lange, so lange, wie er es seit drei\u00dfig Jahren nicht mehr getan hatte. Dann fr\u00fchst\u00fcckte er ausgiebig, las die Zeitung und marschierte mit breitem Sonnenhut, einem Stapel Papier und seiner Federschachtel unterm Arm in den Garten. Dort in der Laube, umgeben vom Duft der Rosen und des wilden Weines, ja, dort sollte er seinen Roman beginnen.<\/p>\n<p>Schriftsteller wollte er immer schon werden. Seit er ein kleiner Bub gewesen war und die ersten Zeilen der Wild-West-Romane seines Bruders gelesen hatte. Schreiben, so, dass die staubige, menschenleere Weite der Pr\u00e4rie vor dem geistigen Auge auftaucht, so, dass man die Sch\u00fcsse knallen h\u00f6rt und die Cowboys und Indianer bluten sieht. Doch weder sein Vater noch seine Mutter waren begeistert. Schriftsteller, das war kein Beruf. Das war kein Leben.<\/p>\n<p>Dennoch begann Klein Henrik alles aufzuschreiben, was ihm in den Sinn kam. Er kritzelte bis sp\u00e4t in die Nacht auf dem alten Zeitungspapier, das eigentlich schon zum Verheizen hinterm Ofen gelegen hatte. Wenn die Mutter es fand, las sie es und lobte ihn f\u00fcr sein \u201esch\u00f6nes Talent\u201c, aber es landete dennoch jedes Mal in den unerbittlichen Flammen des Kachelofens.<\/p>\n<p>Als er in der Schule durch seinen immer vertr\u00e4umten Blick aus dem Fenster auffiel, empfahl man den Eltern, dem Jungen jegliche Ablenkung zu entrei\u00dfen. Seine B\u00fccher wurden in einer Kiste auf den Dachboden verbannt, seine Bleistifte wurden in Mutters Kleiderschrank Nacht f\u00fcr Nacht versperrt und in der Fr\u00fch zur\u00fcck in den Rucksack gesteckt und jeder gelesene Zeitungsabschnitt wurde sofort verbrannt, damit keinerlei Ideen in dem Kopf des Jungen nisten k\u00f6nnten. Die einzigen B\u00fccher, die ihm geblieben waren, waren die Schulb\u00fccher. Ein Stapel unscheinbarer, lustleerer Ansammlungen von qu\u00e4lend langweiligen Vorstellungen, wie das Leben zu lernen und zu leben war. Leidend b\u00fcffelte er Mathematik und Chemie, er hasste Zahlen. Sie waren unsch\u00f6n, unromantisch und farblos. Er hatte nie einen h\u00e4sslicheren Klang geh\u00f6rt als das Wort <em>Substitution<\/em>.<\/p>\n<p>Im Gymnasium schrieb er die sch\u00f6nsten Texte, wurde gelobt und durfte sogar einmal ein Gedicht vor der versammelten Schulgemeinde nach der Weihnachtsmette vortragen. Gut, sagten seine Eltern. Du kannst schreiben, das wird dir beim Studium helfen. Also studierte Henrik Jura. Er schrieb lange Gesetzestexte, formulierte Klagen, konzipierte Briefe und hatte in seiner Karriere abertausende Aktenbl\u00e4tter ausgef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Er hatte w\u00e4hrend seines Studiums, bei der ersten Stelle am Gericht und bis er dann endlich seine eigene Kanzlei er\u00f6ffnet hatte, kein einziges Mal allein zur Freude seiner Schriftstellerseele geschrieben. Erst als er Mitte drei\u00dfig war, schrieb er ein paar Leserbriefe und Kommentare an verschiedene Zeitungen, deren Ver\u00f6ffentlichung ihn immer in H\u00f6chstlaune versetzte.<\/p>\n<p>Dann, einem lang verdr\u00e4ngten Trieb folgend, begann er wieder zu lesen. Und die ersten B\u00fccher waren wie Tropfen auf einen hei\u00dfen Stein. Es waren B\u00fccher seiner Frau gewesen, die er immer am Nachttisch vorfand und zu denen er aus reiner Neugierde gegriffen hatte. Geschichten voller Herzeleid und flacher Charaktere, die zu erforschen zu blass waren.<\/p>\n<p>Dennoch las er sie, saugte die Worte auf wie ein Verdurstender das Wasser in der W\u00fcste. Danach las er alles, wof\u00fcr er nie Zeit gehabt hatte. Ein, zwei B\u00fccher in der Woche lesend bis sp\u00e4t in die Nacht. Jeden Samstag ging er in die Bibliothek, durchstreifte die G\u00e4nge, wie ein Raubtier auf der Suche nach seiner n\u00e4chsten Beute.<\/p>\n<p>Nun, endlich. Mit 59 Jahren sollte er seinen ersten Roman schreiben. Und was f\u00fcr einen noch dazu! Er sa\u00df nun mit ausgestreckten Beinen unterm Bl\u00e4tterdach der lieblichen Gartenlaube und sinnierte. Es fiel ihm ein, dass sein Gro\u00dfvater immer mit Pfeife sinniert hatte und wie sehr ihn das immer beeindruckt hatte. Also fuhr er in die Stadt und kaufte sich Tabak und Pfeife.<\/p>\n<p>Als die erste Woche vorbei war, hatte er kein einziges Wort geschrieben. Doch anstatt zu verzweifeln, f\u00fchlte er sich so befreit wie noch nie. Er summte, kochte seiner Frau Abendessen und putzte sogar die Fenster, m\u00e4hte den Rasen und pflanzte Blumen ins Balkongitter.<\/p>\n<p>Nach der zweiten Woche fragte ihn seine Frau, ob sie denn schon etwas lesen d\u00fcrfe. Henrik sch\u00fcttelte den Kopf. Es sei noch zu abstrakt, die Ideen seien noch luftleer, und er h\u00e4tte noch keinen konkreten Handlungsbogen.<\/p>\n<p>Als er bei der H\u00e4lfte der vereinbarten sechs Wochen angekommen war, wurde Henrik unruhig. So, sagte er sich, setzt dich hin und schreib. Also setzte er sich hin. Also schrieb er. Er schrieb \u00fcbers Wetter, \u00fcber den Garten, \u00fcber seine Frau. Dokumentarisch. Wie ein Jurist z\u00e4hlte er Vor- und Nachteile auf und schilderte detailgetreue Verl\u00e4ufe von Ereignissen. Das war keine Schriftstellerei. Das war Beamtendeutsch. W\u00fctend zerriss Henrik jeden Abend, was er geschrieben hatte, und verbrannte es im Griller.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit begann er intensiv zu tr\u00e4umen. Charaktere und Ideen flogen wirr in seinem Kopf herum, doch als er aufwachte verblassten sie. All die ungeschriebenen Worte, all die Geschichten und Abenteuer, die ihm als Junge so leicht aus der Feder gekommen waren, schienen jetzt versiegelt und vergraben unter den Jahren seines Lebens.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die f\u00fcnfte Woche anbrach, weinte Henrik sich in den Schlaf. Hatte er es verlernt? War das, was er immer aus tiefster Seele geliebt, ja, was sein innerstes Wesen ausgemacht hatte, ihm nun f\u00fcr immer abhandengekommen?<\/p>\n<p>Panik stieg in ihm hoch, und er las bis sp\u00e4t in die Nacht, begann seine Lieblingsromane, verwarf sie wieder, griff zu neuen B\u00fcchern, suchend nach Ideen, nach Inspiration, bis er ersch\u00f6pft in seinem Ohrensessel und umgeben von knisterndem Papier einschlief.<\/p>\n<p>Er verfluchte seine Eltern, seine Frau und sich selbst. Wie hatte er es zulassen k\u00f6nnen, dass er sein Leben der niedrigen Laufbahn eines Juristen widmete und nicht der eines Sch\u00f6pfers, eines Fantasten und Verseschmiedes?<\/p>\n<p>Ende der sechsten Woche resignierte Henrik. Geknickt sa\u00df er vor einem Stapel unbeschriebenen Papiers und gestand sich sein Versagen ein. Er w\u00fcrde seiner Frau alles erz\u00e4hlen, er w\u00fcrde am Montag wieder in die Kanzlei gehen und bis zum Ruhestand als braver Diener des Staates sein Bestes geben. Vielleicht in der Pension dann, wenn er wirklich Zeit h\u00e4tte. Ja, tr\u00f6stete er sich, dann w\u00fcrde er seine Glanzstunde als Autor haben.<\/p>\n<p>Henrik ging durch den Garten, atmete die s\u00fc\u00dfe Schwere der Abendluft ein und atmete tief aus. Er betrachtete den Mond und die ersten aufglimmenden Sterne und empfand eine allumfassende Seelenruhe. Dann schritt er gem\u00e4chlich hinein, setzte sich an den K\u00fcchentisch und schrieb bis zum Morgengrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 18121<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um zu schreiben, so dachte er, muss man sich einfach hinsetzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Dass dies Arbeit erfordern k\u00f6nnte, war ihm nie in den Sinn gekommen. 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