{"id":8219,"date":"2018-05-22T16:13:41","date_gmt":"2018-05-22T16:13:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8219"},"modified":"2018-06-11T07:21:06","modified_gmt":"2018-06-11T07:21:06","slug":"was-waere-wenn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8219","title":{"rendered":"Was w\u00e4re, wenn?"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8219&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8219&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mark schaut aus dem Hotelfenster, sieht Capitol Hill und die sch\u00f6ne Parkanlage, es herrscht reges Treiben auf den Stra\u00dfen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verr\u00e4t ihm, dass er nun aufbrechen muss, er nimmt seine Aktentasche vom Stuhl, darin befindet sich nur das N\u00f6tigste, was man als Schriftsteller f\u00fcr das National Book Festival eben so braucht.<\/p>\n<p>Die knappe Meile l\u00e4uft er zu Fu\u00df zum Gel\u00e4nde der Library of Congress, der gr\u00f6\u00dften Bibliothek der Welt. Obwohl es seine erste Teilnahme an diesem Festival ist, findet er sich schnell zurecht. Er trifft einige Kollegen und interessierte Leser. Der Tag ist gespickt mit Small Talk und mit zahlreichen Fans, die sich B\u00fccher von Mark signieren lassen. Er ist ein sch\u00fcchterner und stiller Mann im besten Alter und eine sehr interessante, gut aussehende Erscheinung. Freunde sagen \u00fcber ihn, dass er trotz seiner Zur\u00fcckhaltung einen phantastischen Humor hat, den man ihm nicht zutrauen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Zeit vergeht wie im Flug und Mark w\u00e4re es gerade recht, k\u00f6nnte er sich bald in sein Hotelzimmer zur\u00fcckziehen. Er schaut in die Menschenmenge und als er so \u00fcberlegt, wie er den Abend noch verbringen soll, sieht er ihn. Das rot-orange Tuch, das er immerw\u00e4hrend tr\u00e4gt, leuchtet aus der Menge, einige Menschen verbeugen sich, andere beobachten ihn neugierig. Mark l\u00e4sst ihn nicht aus den Augen und er kann es fast nicht glauben, der Dalai Lama geht tats\u00e4chlich in seine Richtung, zu Marks Tisch.<\/p>\n<p>\u201eMister Lewis, es ist mir eine Ehre!\u201c Der M\u00f6nch deutet eine leichte Verbeugung an und l\u00e4chelt. Mark sucht nach Worten, ist v\u00f6llig perplex, fasst sich dann und verbeugt sich in buddhistischer Manier. \u201eEure Heiligkeit.\u201c Pl\u00f6tzlich scheint sich alles rundherum zu drehen, ihm wird schwindlig und hei\u00df-kalt im Wechsel, er braucht dringend frische Luft. Als w\u00fcrde der Dalai Lama es erahnen, fasst er ihn sogleich am Arm und hakt sich ein, schnellen Schrittes f\u00fchrt er Mark Richtung Ausgang. Die angenehme, frische Luft und die sanfte Herbstsonne in der Parkanlage tun ihm richtig gut. Sie halten unter einer Linde und stehen sich gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>\u201eMister Lewis, ich habe ein Anliegen. Es handelt sich um ein Experiment, welches seinesgleichen sucht. Sie werden erstaunt sein!\u201c Mark sieht die funkelnden Augen und das schelmische L\u00e4cheln seines Gegen\u00fcbers.<\/p>\n<p>\u201eEure Heiligkeit, ich w\u00fcsste nicht, wieso Sie sich diesbez\u00fcglich ausgerechnet an mich wenden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun, Mister Lewis, ich kenne Ihre B\u00fccher und Sie sind Buddhist. Sie k\u00f6nnen dieses Experiment durchf\u00fchren, davon bin ich \u00fcberzeugt. Es wird Ihnen gro\u00dfen Spa\u00df machen!\u201c, wieder ein verschmitztes L\u00e4cheln, als w\u00fcrden sie gemeinsam einen Streich aushecken wollen.<\/p>\n<p>\u201eWorum geht es denn?\u201c Mark wird nun zunehmend neugierig.<\/p>\n<p>\u201eIch \u00fcberreiche Ihnen heute einen Schl\u00fcssel, suchen Sie die Bibliothekarin der Library of Congress auf und folgen Sie den V\u00f6geln.\u201c Der Dalai Lama kramt in seinem Samtbeutel, der an seiner Tunika an einem G\u00fcrtel h\u00e4ngt, und reicht Mark einen kleinen, goldenen Schl\u00fcssel.<\/p>\n<p>\u201eIch bin nat\u00fcrlich sehr gerne behilflich, und wie Sie wahrscheinlich wissen, mag ich Experimente sehr. Aber eine Frage sei mir erlaubt: Wieso gehen wir nicht gemeinsam zur Bibliothekarin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine berechtigte Frage. Ich bin jedoch nur der \u00dcberbringer des Schl\u00fcssels, eine von mir ausgew\u00e4hlte Person sorgt f\u00fcr die Durchf\u00fchrung des Experimentes. Es funktioniert nur innerhalb der jeweiligen Zeitzone, in der der Auserw\u00e4hlte \u2013 das sind in diesem Falle Sie \u2013 lebt. In meiner Zeitzone wurde das Experiment schon durchgef\u00fchrt. Warum es keine Aufzeichnungen, Videos oder Berichte in den Medien dar\u00fcber gibt, werden Sie fr\u00fch genug erfahren. Jedoch, das k\u00f6nnen Sie mir glauben, ist dieses Experiment formvollendet. Mister Lewis, ich w\u00fcnsche Ihnen viel Freude, verlasse mich auf Sie und werde Sie morgen wieder kontaktieren.\u201c Der Dalai Lama verbeugt sich nochmals kurz und verl\u00e4sst die Parkanlage flotten Schrittes.<\/p>\n<p>Da steht er nun, unter der Linde, sieht auf seine Hand mit dem kleinen Schl\u00fcssel darin.<\/p>\n<p>\u201eFolgen Sie den V\u00f6geln\u201c, hat er gemeint. Was auch immer das hei\u00dfen mag. Mark sieht sich um und entdeckt den Eingang der Library in einiger Entfernung.<\/p>\n<p>Nun gut, auf zur Bibliothekarin. Solche R\u00e4tsel machen Mark Spa\u00df, das kommt auch deutlich in den Inhalten seiner B\u00fccher zum Vorschein.<\/p>\n<p>\u201eMrs. Hayden? Mark Lewis mein Name, der Dalai Lama schickt mich.\u201c Frau Hayden reicht ihm die Hand, l\u00e4chelt und meint:<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, wer Sie sind und freue mich, Sie endlich pers\u00f6nlich kennenzulernen, Mister Lewis. Habe ich richtig geh\u00f6rt, der Dalai Lama schickt Sie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Sie haben richtig geh\u00f6rt\u201c, entgegnet Mark freundlich. \u201eEs handelt sich scheinbar um ein Experiment und er meinte nur \u201aFolgen Sie den V\u00f6geln\u2018.\u201c Die Bibliothekarin verschr\u00e4nkt die Arme vor der Brust und scheint in Gedanken. Nach einer Weile geht sie an ihren Schreibtisch und tippt auf der Tastatur des PCs.<\/p>\n<p>\u201eGar nicht so einfach. Wir haben hier jede Menge B\u00fccher \u00fcber Ornithologie. Ich wei\u00df jetzt nicht, wo wir mit der Suche beginnen sollen?\u201c Sie zuckt die Schultern und sieht Mark \u00fcber die Brille hinweg an. \u201eAh, Moment, jetzt h\u00e4tte ich es beinahe vergessen. Ich habe hier einen Schl\u00fcssel, der wohl einen Code knackt?\u201c Etwas hektisch sucht Mark nach dem Schl\u00fcssel in seiner Jacke.<\/p>\n<p>\u201eDann muss es wohl eine gr\u00f6\u00dfere Ausgabe sein.\u201c Sie recherchiert wieder in ihrem PC und hebt dann beide H\u00e4nde:<\/p>\n<p>\u201eJa nat\u00fcrlich! Das muss das Buch von John James Audubon sein, The Birds of America. Das weltweit wertvollste Buch, Mr. Lewis. Folgen Sie mir in Gallery B.\u201c<\/p>\n<p>Ein riesiges Buch liegt vor ihnen, Mark sch\u00e4tzt es auf fast einen Meter Gr\u00f6\u00dfe im Quadrat. Die Bibliothekarin zieht wei\u00dfe Baumwollhandschuhe \u00fcber und \u00f6ffnet vorsichtig den wertvollen Buchdeckel. Achtsam bl\u00e4ttert sie weiter. Mark sieht die buntesten V\u00f6gel gezeichnet, mit Beschreibungen darunter. Er ist sehr beeindruckt von diesem Werk, welches 1826 erschienen ist.<\/p>\n<p>\u201eLassen Sie uns die letzte Seite suchen, vielleicht werden wir f\u00fcndig\u201c, meint er. Tats\u00e4chlich finden sie auf der vorletzten Seite ein zusammengefaltetes, sehr zartes Blatt Seidenpapier, auf dem mit Tinte in feinster Schrift folgendes steht:<\/p>\n<p>\u201eWas w\u00e4re, wenn \u2026<br \/>\n&#8230; alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Codes in die Freiheit entlassen w\u00fcrden?<\/p>\n<p>\u201eWas w\u00e4re, wenn \u2026<br \/>\n&#8230; sie sich gemeinsam mit den V\u00f6geln dieses Buches in den Himmel erh\u00f6ben und davonschwebten?<\/p>\n<p>\u201eWas w\u00e4re, wenn \u2026<br \/>\n&#8230; f\u00fcr eine Stunde die Erde scheinbar still st\u00fcnde?\u201c<\/p>\n<p>Sie bl\u00e4ttert weiter und entdeckt auf der letzten Seite des Buches, im letzten Einbanddeckel, einen Schlitz.<\/p>\n<p>\u201eHier, Mister Lewis. Hier muss der Schl\u00fcssel rein!\u201c Mit leicht zittrigen Fingern steckt Mark den Schl\u00fcssel ins Schloss des Einbanddeckels und dreht ihn um neunzig Grad.<\/p>\n<p>Leises Flattern ert\u00f6nt, die Seiten des Buches schlagen sachte aufeinander und zart erheben sich alle bebilderten V\u00f6gel, alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Punkte, Beistriche, Strichpunkte und fliegen mit sanftem Summen den Fenstern entgegen, dr\u00e4ngen gegen den Fensterspalt und bahnen sich den Weg ins Freie. Alle B\u00fccher in der Library machen es dem Band von Audubon nach, ein allgemeines, rhythmisches Rascheln erf\u00fcllt die R\u00e4ume. Mark und Mrs. Hayden b\u00fccken sich, denn manche Zeichen sind besonders keck und fliegen ihnen um die Ohren. Die Bibliothekarin h\u00e4lt eine Hand vor ihren Mund und will sich ein Lachen verkneifen, was nicht ganz gelingen mag.<\/p>\n<p>\u201eEs ist \u2026\u201c, m\u00f6chte sie sagen, jedoch auch ihre gesprochenen Worte l\u00f6sen sich in Luft auf, vergehen, verwehen, verschwinden mit den anderen geschriebenen Zeichen durchs Fenster der weltgr\u00f6\u00dften Bibliothek. Mark l\u00e4uft hinterher, z\u00fcckt sein Smartphone, m\u00f6chte gerne auf Video aufzeichnen, was hier passiert. Doch auch aus dem Handy schl\u00fcpfen Buchstaben und Zeichen beinahe lautlos ins Freie und verschwinden in der Ferne. Der Bildschirm des Handys wird dunkel, es ist nicht mehr zu bedienen. \u00dcber Capitol Hill und der Library of Congress schweben nun tausende Zahlen, Buchstaben, Satzzeichen, scheinbar schwerelos in den Himmel. Mark und die Bibliothekarin laufen zum Ausgang, m\u00f6chten sich gerne unterhalten, es ist aber nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Sie beobachten die Stra\u00dfen der Stadt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Buchstaben und Zeichen der Werbeanzeigen an Tankstellen, Einkaufsm\u00e4rkten, Banken und Geb\u00e4uden rundherum schlie\u00dfen sich den V\u00f6geln und Zeichen der Library an und entschwinden. Die Menschen gestikulieren, Worte sind zwecklos. Stille rundherum. Nur das leise Flattern und Rascheln der wegfliegenden Zeichen. Hoch hinaus, in das Blau des Himmels mit der untergehenden Sonne. Absoluter Stillstand.<\/p>\n<p>Alle Menschen, die dieses Schauspiel beobachten, blicken hoch und nach einiger Zeit sieht man die formvollendete Formation der Zeichen am wolkenlosen Himmel:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Friede<\/p>\n<p>steht da. In allen Sprachen der Welt. F\u00fcr eine Stunde in der Zeitzone von Washington D.C. Stille. Kein Angriff, keine Aggression, kein Befehl, kein b\u00f6ses Wort, kein Stra\u00dfenl\u00e4rm, keine Musik, nichts. Nur Friede, als Botschaft an den Himmel gepinselt.<\/p>\n<p>Mark \u00f6ffnet die Augen.<\/p>\n<p>\u201eDas war nur ein Traum!\u201c, denkt er, steht auf und geht ans Fenster seines Hotelzimmers. Reges Treiben auf den Stra\u00dfen, der \u00fcbliche L\u00e4rm. Er streicht sich durch das zerzauste Haar und \u00fcber die Bartstoppeln, sch\u00fcttelt den Kopf und geht ins Badezimmer. Pl\u00f6tzlich l\u00e4utet das Haustelefon auf dem Schreibtisch, Mark nimmt den H\u00f6rer ab \u2026 und \u2013 da liegt ein kleiner, goldener Schl\u00fcssel auf dem dunklen Holz des Tisches und eine Frauenstimme am Telefon sagt:<\/p>\n<p>\u201eMr. Lewis? Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, wartet hier in der Lobby auf Sie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Erstver\u00f6ffentlichung beim Schreiblust-Verlag<br \/>\n(Der Text erhielt den 2. Preis beim <a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-april-2018\" target=\"_blank\">Monatswettbewerb im April 2018<\/a><br \/>\nzum Thema &#8222;Das Experiment&#8220;)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 18118<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark schaut aus dem Hotelfenster, sieht Capitol Hill und die sch\u00f6ne Parkanlage, es herrscht reges Treiben auf den Stra\u00dfen. 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