{"id":8123,"date":"2018-05-14T15:47:36","date_gmt":"2018-05-14T15:47:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8123"},"modified":"2018-05-21T12:42:12","modified_gmt":"2018-05-21T12:42:12","slug":"abgrundtiefe-freundschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8123","title":{"rendered":"Abgrundtiefe Freundschaft"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8123&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8123&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Spiel weiter, Alessandro, lass deine Finger weiterhin so anmutig \u00fcber den Hals der Gitarre gleiten. Lass es mich nochmals h\u00f6ren, dieses scharfe Glissando, und dazu der kurze Aufschrei deiner rauen Stimme. Nicht satt kann ich mich an dir sehen, dein feines Antlitz gel\u00f6st wie selten, und nicht satt wird meine Kamera, dich abzubilden trotz des sp\u00e4rlichen Lichtes, das uns umgibt, hervorgerufen von ein paar funzeligen Kerzen auf dem Tisch zwischen uns im Kampf gegen das Dunkel des toskanischen Nachthimmels.<\/p>\n<p>Denn wieder einmal ist einer unserer Abende in den Zustand der Zeitlosigkeit abgetaucht, einzig durchflutet von unserer abgrundtiefen Freundschaft, dem Durchfluss blinden bedingungslosen Vertrauens zueinander, der vor gef\u00fchlten Jahrhunderten seinen Anfang genommen hat. Du wei\u00dft schon, damals in Udine, als du mich Unbekannten, mich Fremden von jenseits der Alpen an deinen Tisch in Paolos Taverne geladen hast, und wir uns mehr mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen als mit Worten unterhalten haben, so erb\u00e4rmlich ist mein Italienisch damals gewesen, aber in der Kunst der Handbewegungen spielst du als Italiener sowieso in einer eigenen Klasse.<\/p>\n<p>Sing weiter, Alessandro, stimme nochmals diesen melancholischen Refrain des Lebensgl\u00fccks an, der so gut zu dem toskanischen H\u00fcgel passt, auf dem wir hier sitzen, wir beide ganz alleine, umgeben einzig von stummen Olivenb\u00e4umen, die sonderbare Schatten werfen.<\/p>\n<p>Sonderbar auch der Zufall, als ich dich einige Monate sp\u00e4ter zur erbarmungslosesten Winterzeit in Wien aufgelesen hatte, der Stadt, die du nicht ausstehen kannst, und die du nur besucht hattest, um es mir gleichzutun, im Springen \u00fcber die Alpen \u2013 und das gerade du, der so heimatverwurzelt in seiner udinesischen Ebene ist. Und wie du deinem \u00c4rger \u00fcber das bitterkalte Wien Luft gemacht hast, im Kaffeehaus nebenan bei unserem vergeblichen Versuch einer Partie Schach, als du ausgezogen bist, deine Bauern gegen ihre eigenen Reihen aufzuhetzen, sie zur Revolution aufzuwiegeln gegen das altersschwache Adelsgeschlecht hinter ihnen mit dem verkalkten K\u00f6nig, der hochn\u00e4sigen K\u00f6nigin und den anderen zu Kreuze kriechenden Vasallen. Und als sie deinem Ruf des unheilbaren Anarchisten nicht folgen wollten, hast du nach der n\u00e4chst erreichbaren Zeitung gegriffen und dich trotzig in das Kleingedruckte eines Artikels vertieft, verfasst in einer Sprache, von der du kein Wort verstehst. Keinen einzigen Schachzug haben wir an diesem Tag zustande gebracht.<\/p>\n<p>Ja doch, Alessandro, ich schenke uns noch den Rest der Flasche nach, und die n\u00e4chste ist ebenfalls bereits offen, aber du mach weiter mit dem Drehen der Kr\u00e4uterzigarette f\u00fcr uns anstatt so viel zu quatschen. Ja, allen erdenklichen Schabernack werden wir treiben, wir Lausbuben allein unter uns, die ohne Obhut sich selbst \u00fcberlassen sind, nichts davon werden wir bereuen und schon gar nichts werden wir daraus gelernt haben, am n\u00e4chsten Morgen.<\/p>\n<p>Es tut mir leid, Alessandro, dass mir \u00fcber die Lippen gekommen ist, du w\u00fcrdest zu viel reden, gut hat es uns getan, dass wir die Sache mit Filomena zwischen uns aus der Welt schaffen haben k\u00f6nnen, dass du nicht \u2013 wie von mir angenommen \u2013 es mir \u00fcbel genommen hast, dass ich mich damals mit deiner Schwester so tief eingelassen hatte. Sondern im Gegenteil, dass du es ihr zum Vorwurf gemacht hattest, mich so unentrinnbar in den Bann gezogen zu haben, so gef\u00e4hrdet und gef\u00e4hrlich wie sie war, keinem noch so h\u00e4sslich g\u00e4hnenden Abgrund abgeneigt. Und dass ich endlich die Gelegenheit habe wahrnehmen k\u00f6nnen, dir die Wahrheit zu erz\u00e4hlen, was sich auf Staglieno, dem Friedhof von Genua, tats\u00e4chlich zugetragen hat, dass ich gezwungen gewesen war, deine Schwester zur\u00fcckzulassen, Filomena sich nicht mehr von mir finden hatte lassen wollen, am Ende ihres lebensm\u00fcden Weges war sie gewesen. Und wie knapp es auch f\u00fcr mich gestanden hatte, f\u00fcr immer dort zu verbleiben, ebenfalls hinter der Kurve in der Stra\u00dfe zu verschwinden, hinter der man nicht mehr gesehen werden kann. Hoch hatte das Schicksal damals mit mir gew\u00fcrfelt, einem Wunder gleich, dass wir beide, Alessandro, jetzt und hier in einer nachtvertr\u00e4umten Toskana bei zu viel Wein sitzen und uns in die Arme fallen k\u00f6nnen, nun, da unser letztes Missverst\u00e4ndnis aus dem Weg ger\u00e4umt ist.<\/p>\n<p>Komm schon, Alessandro, ein letztes Lied noch, auch wenn ich bereits so berauscht bin, von all den Dingen, die wir zu uns genommen haben, und besonders von der endlosen Wertsch\u00e4tzung dir gegen\u00fcber sowie der hemmungslosen Zuneigung zu dir, denn wahrlich abgrundtief auch unsere Freundschaft, die uns fast aufgezehrt und umgebracht h\u00e4tte, in der Sehnsucht, der eine im anderen zu sein.<\/p>\n<p>An diese eine sizilianische Klippe kannst du dich bestimmt noch erinnern, Alessandro, zu deiner bleiernen Zeit, in der es dir so schlecht gegangen ist, dir die Seele aus dem Ruder gelaufen ist, und du mich in Fesseln geschlagen und mich unbarmherzig zu treten und zu steinigen begonnen hast, w\u00e4hrend dir die Tr\u00e4nen unaufhaltsam aus den Augen liefen. Ja, diese schroff \u00fcberh\u00e4ngende Klippe, das Meer tosend unter ihr, von der du uns beide beinahe in den felsigen Tod gesto\u00dfen h\u00e4ttest, in deiner ma\u00dflosen Verzweiflung, w\u00e4re es mir nicht gelungen, an dein Herz des Italieners zu appellieren: dass ich nicht weit von hier einen Gastwirt kenne, der den besten <em>tonno<\/em> des gesamten Mittelmeerraums zuzubereiten wei\u00df. Und wie hatten wir diesen Paolo zum Staunen gebracht, als wir blut\u00fcberstr\u00f6mt in seine Taverne eingekehrten und a\u00dfen wie die L\u00f6wen. \u00dcberhaupt, ein letztes Geheimnis zwischen uns wirst du mir eines Tages noch l\u00fcften m\u00fcssen: warum alle Gastwirte in deinem Land auf den Namen Paolo h\u00f6ren.<\/p>\n<p><em>L\u2019alba<\/em>, der Ausdruck daf\u00fcr, was als Einziges unser Band zu zerschneiden vermag, das Morgengrauen, das uns aus unserem Zwillingsgef\u00fchl rei\u00dfen, und dessen hartes Licht uns jeweils in die Einzelhaftigkeit entlassen wird. Ach, wie liebe ich dein ansatzloses Auflachen, w\u00e4hrend ich dir die Doppeldeutigkeit der deutschen \u00dcbersetzung erkl\u00e4re, dieses Lachen, das meine Kamera als letzte Aufnahme zur Unvergesslichkeit dieses Abends stempeln wird \u2013 mit einem letzten unvergesslichen Klick.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 18114<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiel weiter, Alessandro, lass deine Finger weiterhin so anmutig \u00fcber den Hals der Gitarre gleiten. Lass es mich nochmals h\u00f6ren, dieses scharfe Glissando, und dazu der kurze Aufschrei deiner rauen Stimme. 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