{"id":802,"date":"2014-01-16T17:22:29","date_gmt":"2014-01-16T17:22:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=802"},"modified":"2024-08-27T06:53:46","modified_gmt":"2024-08-27T06:53:46","slug":"kurze-geschichte-eines-mannes-mit-127-eiern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=802","title":{"rendered":"Kurze Geschichte eines Mannes mit 135 Eiern"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts802&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts802&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich bin auf einer H\u00fchnerfarm aufgewachsen. Meine Eltern widmeten sich voll und ganz der Aufzucht und dem Wohlergehen der Legehennen, die Eierproduktion war unser Lebensunterhalt, noch mehr als das, auch der Lebensinhalt unserer Familie.<br \/>\nVielleicht erkl\u00e4rt das meine Eigenbr\u00f6tlerei. Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der so ist, wie ich es bin. Meine Geschwister, die sind fr\u00fcher ausgezogen als ich, vielleicht ist das der Grund, warum sie als \u201enormal\u201c durchgehen, w\u00e4hrend bei mir die endg\u00fcltige Diagnose noch abzuwarten bleibt.<br \/>\nBei uns zu Hause jedenfalls drehte sich tagein, tagaus alles um das sch\u00f6nste Lebensmittel von allen, unnachahmlich in Form und Inhalt: erstklassiges Design, Vollendung. Es ist mir nach wie vor ein R\u00e4tsel, wie etwas so Sch\u00f6nes in einem so h\u00e4sslichen Tier wie einem Huhn entstehen kann.<\/p>\n<p>Schon beim Fr\u00fchst\u00fcck ging es los, meine Eltern unterhielten sich nicht mit uns, sondern miteinander: L\u00e4sst die Zahl der gelegten Eier etwa nach? Geht es unseren Hennen gut, bekommen sie auch genug hochwertiges tierisches Eiwei\u00df? Soll ein Hahn behalten werden, oder mehrere? Wird der Auslauf zu klein, sind wir der Kokzidiose endlich Herr geworden? Der Winter naht, wir sollten die Ern\u00e4hrung sch\u00f6n langsam fettreicher gestalten \u2026<\/p>\n<p>Ob wir Kinder neidisch waren auf die viele Aufmerksamkeit, die in anderen Familien dem Nachwuchs zukommt? Wir wussten ja nicht, wie ein morgendliches Elterngespr\u00e4ch anderswo ablief.<br \/>\nAuf dem Tisch standen nat\u00fcrlich kernweiche Eier, oder auch einmal R\u00fchrei, Waffeln oder Spiegelei.<br \/>\nDoch nicht nur das erste Mahl des Tages stand im Zeichen des Eies, o nein, keine Speise blieb Ei-frei, tags\u00fcber gab es Sp\u00e4tzle mit Paradeissalat, selbstgemachte Nudeln (selbstverst\u00e4ndlich mit Hartweizengrie\u00df, Wasser und Eiern), paniertes Schweinefleisch mit Reis oder \u00fcberhaupt Allerlei vom Huhn.<br \/>\nMein K\u00f6rper gew\u00f6hnte sich an das viele Eiwei\u00df, wie auch meine Geschwister bin ich gro\u00df gewachsen und das Wort Cholesterin war in unserem Haushalt verp\u00f6nt, das waren eindeutig Werte, die uns niemals vermittelt wurden. Damals wurde noch die M\u00e4r aufgetischt, dass zwei Eier pro Woche das H\u00f6chste der Gef\u00fchle seien, mehr sei ungesund.<br \/>\nL\u00e4ngst widerlegt inzwischen, gl\u00fccklicherweise; was haben sich meine Eltern jahrelang ge\u00e4rgert, nun k\u00f6nnen sie wieder beruhigt Ern\u00e4hrungssendungen im Fernsehen verfolgen.<br \/>\nKurz gefasst, so etwas pr\u00e4gt zwangsl\u00e4ufig, keiner hatte so viel mit Eiern am Hut wie meine Geschwister und ich.<\/p>\n<p>Anders als sie habe ich mich als logischer Erbe der Farm nie ganz von daheim l\u00f6sen k\u00f6nnen, und damit auch nicht von diesem dominanten Thema.<br \/>\nSo kam ich \u2013 als erwachsener Mensch, wie man so sagt \u2013 zum Studium der Philosophie, denn eines besch\u00e4ftigte mich von Kindesbeinen an: das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henne-Ei-Problem\" target=\"_blank\">Henne-Ei-Problem<\/a>.<i><br \/>\n<\/i>Ich nahm mir vor, dem ernsthaft auf den Grund zu gehen und hatte ein ambitioniertes Ziel: Ich wollte der erste Mensch sein, der dieses R\u00e4tsel einwandfrei l\u00f6st. Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Das kann ja nicht so schwierig sein.<br \/>\nDachte ich mir \u2013 so war es aber keineswegs, selbst bei eifrigster, reiflichster \u00dcberlegung nicht \u2026 Nie bin ich an ein Ende gekommen, weder dieser Fragestellung noch des Studiums: Wie viel ich auch lernte und studierte, es war und blieb ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Ich war verzweifelt. In meiner schlimmsten Phase begann ich, g\u00e4ngige W\u00f6rter, die Z\u00e4hlbares beschrieben, durch das Wort \u201eEi\u201c oder \u201eEier\u201c zu ersetzen. So war eine Nachbarin eine Frau von 32 Eiern (also Jahren); wer Geld brauchte, dem fehlten 20 Eier oder mehr; wer nicht alle Eier im Schrank hatte, dem war nicht mehr zu helfen.<br \/>\nMein Zustand wurde so offensichtlich, dass wohlmeinende Personen in meinem Umfeld beschlossen, es sei an der Zeit, gegenzusteuern, bevor endg\u00fcltig niemand mehr mit meiner eigent\u00fcmlichen Sprache zurechtk\u00e4me (meine Eltern \u00fcbrigens waren die Einzigen, die darauf gelassen reagierten, wir hatten in dieser Hinsicht keinerlei Verst\u00e4ndnisprobleme).<\/p>\n<p>Die Therapeutin, die mir empfohlen worden war, machte mir gleich eine gro\u00dfe Freude, als sie mich mit einem einladenden L\u00e4cheln bat, einzutreten, und wir erzielten auch schnell einige Fortschritte in Richtung Ei-befreites Denken.<br \/>\nSie war es auch, die mir vorschlug, meine Gedanken schriftlich festzuhalten, und so erhielt ich einen aufschlussreichen Einblick in meine kl\u00e4glich verbo(r)gene Gedankenwelt:<br \/>\nKeinen einzigen Satz konnte ich schreiben, in dem nicht mindestens ein \u201eEi\u201c oder zumindest \u201eei\u201c vorkam.<br \/>\nWer es nicht glaubt, dem sei die Textbearbeitung meiner schlauen Therapeutin <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/hier.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a> mit zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Meine Fixierung wird sich hoffentlich bald bessern, aber selbst wenn es einige Zeit dauern sollte, bleibe ich dabei: Diese Frau genie\u00dft mein Vertrauen, sie ist mein Anker und mein Sonnenschein und ich gehe jedes Mal gerne zu ihr. Dort f\u00fchle ich mich wohl und ich behalte diesen Kurs bei, egal wie lange wir bis zur Heilung brauchen werden, es ist mir einerlei.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 14012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin auf einer H\u00fchnerfarm aufgewachsen. Meine Eltern widmeten sich voll und ganz der Aufzucht und dem Wohlergehen der Legehennen, die Eierproduktion war unser Lebensunterhalt, noch mehr als das, auch der Lebensinhalt unserer Familie. Vielleicht erkl\u00e4rt das meine Eigenbr\u00f6tlerei. Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der so ist, wie ich es bin. 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