{"id":781,"date":"2014-01-13T18:34:23","date_gmt":"2014-01-13T18:34:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=781"},"modified":"2014-03-25T12:58:24","modified_gmt":"2014-03-25T12:58:24","slug":"mein-vater-beim-kuebelausleeren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=781","title":{"rendered":"Mein Vater (beim K\u00fcbelausleeren)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts781&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts781&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Tag war blau hinten und gr\u00fcn vorne, keine V\u00f6gel, ein paar Katzen, ein Pferd. Ein Zaun drumherum, um die Tiere, ein wei\u00dfer, ohne Bretter, nur die Pfosten, die ganz allein in der Erde steckten, auf einem ein Schmetterling, oben drauf.<br \/>\nEs war ein sch\u00f6ner Tag.<br \/>\nMein Vater hat schon begonnen damit, die Kohle zum Hacken.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen St\u00fccke in kleinere, damit die dann besser ins B\u00fcgeleisen passen, so auf einer Picknickdecke wegen den ganzen Restln, die zu klein sind zum Aufheben. Die sollen ja nicht da liegen bleiben, im Gras, um den Hackstock herum, sagt mein Vater immer, und beim n\u00e4chsten Regen dann weiter ins Grundwasser. Deswegen auch die Decke. Die, die um die Mitte selbst schon ganz schwarze, in die mein Vater dann die zu kleinen Kohlerestln immer vorsichtig einschl\u00e4gt, und dann in den Eisenk\u00fcbel sch\u00fcttelt, im Schuppen hinten.<\/p>\n<p>Mein Vater sagt immer, wohin denn leicht sonst daweil?, manchmal zuckt er aber nur mit den Schultern.<br \/>\nDas geht aber auch nicht immer.<br \/>\nManchmal ist der K\u00fcbel auch voll.<br \/>\nSo wie heute, randvoll voll, und mit Gupf oben drauf, weil der K\u00fcbel wird ja nur ausgeleert, wenn \u00fcberhaupt nichts mehr reingeht schon. Wenn alle neuen Kohlerestln nur noch am Gupf runter rodeln w\u00fcrden und \u00fcber die Kante vom K\u00fcbel, und das geht ja nicht. Da w\u00e4r\u2019n ja die Kohlerestln dann erst wieder am Boden unten, was ja, sagt mein Vater immer, dann ja alles nichts bringt das Ganze. Da k\u00f6nnte er die Kohlerestln ja gleich auch drau\u00dfen im Gras liegen lassen, weil so ein richtiges Fundament hat der Schuppen genauso nicht. Und das Dach?, naja, solala, ein Haufen L\u00f6cher sind da ja schon drin, sch\u00f6n verteilt \u00fcber das ganze rostige Wellblech, Tupferln aus Licht von drau\u00dfen, auf die mir mein Vater dann immer zeigt. Weil der Regen, der da dort dann ja auch durch tr\u00f6pfeln kann wie die Sonne jetzt, der wascht uns die ganzen Kohlerestln dann erst wieder rein ins Grundwasser, das sagt mein Vater da dann immer dazu und fragt:<br \/>\nWer trinkt\u2019n das Wasser denn dann?<br \/>\nNa wer?<br \/>\nNa genau.<\/p>\n<p>Aber n\u00e4chstes Jahr dann aber, dann steigt er dann eh rauf aufs Dach, und stopft die L\u00f6cher eh endlich zu mit Stroh. Das hat sich mein Vater fest vorgenommen, seit drei Jahren schon, heuer aber, heuer wird\u2019s halt noch so geh\u2019n m\u00fcssen einmal, und er legt dann immer die Decke mit den heutigen Kohlerestln behutsam rauf auf die Werkbank, weil er zum K\u00fcbelausleeren ja alle zwei H\u00e4nde braucht. Der K\u00fcbel, der ist ja dann schon ein bissi schwer, so bis oben hin voll mit Kohlerestln, und der Gupf, auf den muss mein Vater dabei ja dann immer ganz besonders gut aufpassen. Der ist ja dann immer schon hoch, der Gupf, wenn nichts mehr oben drauf passt, da kommen dann gleich ja ganz leicht gleich Lawinen. Lawinen aus Kohlerestln, vorn oder hinten und seitlich, beim kleinsten Wackler nur, und dann fallen ja erst wieder Kohlerestln am Boden runter und dann erst wieder ins Grundwasser rein. Ganz langsam also, ganz langsam muss das also dann gehen immer, das mit dem K\u00fcbelausleeren, auch wenn die Arme bald weh tun und die Oberschenkel. Langsam, mit beiden H\u00e4nden fest herum um den Griff von dem Henkel, und mein Vater hebt den K\u00fcbel dann immer vorsichtig weg vom Boden, und muss mit Luftanhalten da dann immer am allerfestesten drauf achten, was der Gupf gerade macht.<br \/>\nRodelt da schon was?<br \/>\nUi, da oder?<br \/>\nNein, nur Schatten, nein, Licht.<br \/>\nEin Schritt.<br \/>\nUnd jetzt?<br \/>\nNein.<br \/>\nOder?<br \/>\nDer n\u00e4chste Schritt.<\/p>\n<p>Mein Vater kommt da dann ja so immer nur sehr m\u00fchsam vorw\u00e4rts. So vorn\u00fcber gebeugt, leicht in den Knien, und mit dem Kopf unten, und nicht erst einmal ist er da schon \u00fcber was dr\u00fcber geflogen beim K\u00fcbelausleeren so. Ein Mal \u00fcber den Rechen, das war lustig. Auch auf einen angebissenen Apfel, da ist er einmal drauf gestiegen, was aber nicht ganz so lustig war. Einmal abgebissen nur, von ihm selber, und dann weg damit, im hohen Bogen, weil der Apfel doch noch nicht ganz s\u00fc\u00df genug war, und mein Vater hat sich dann ordentlich in die Zungen gebissen beim Hinfallen, also beim Aufkommen am Boden dann gleich danach.<br \/>\nSein Gesicht, das ist dann ganz schwarz gewesen.<br \/>\nDas Gras rundherum genau so.<br \/>\nDen K\u00fcbel hat mein Vater dabei ja halbert ausgesch\u00fcttet dabei.<\/p>\n<p>Und dann halt wieder das \u00dcbliche: das Gras drunter weggraben. Mit der Schaufel, mein Vater sagt immer, \u00fcberhaupt der feine Kohlenstaub, der geht halt nicht mehr so runter zum Wischen vom Gras. Also Weggraben. Ein paar Zentimeter tief, mindestens, schaufelblattbreite Quadrate aus verkohltem Gras, also Gras wo halt Kohlenstaub oben drauf liegt, und die dann rein damit in die Scheibtruhe, die mein Vater erst letztens erst wieder gebraucht hat.<br \/>\nEr hat da n\u00e4mlich pl\u00f6tzlich niesen m\u00fcssen, beim K\u00fcbelausleeren letztes Mal.<br \/>\nEin neuer Regenwurmrekord.<br \/>\nGleich f\u00fcnf, f\u00fcnf Regenw\u00fcrmer hab\u2019 ich da gefunden das Mal, und wieder zur\u00fcck auf den Boden, hinter dem dann nicht irgendwann nur mehr Luft kommt wie bei den Grasquadraten. Ja. Regenw\u00fcrmer sind ja auch gut f\u00fcr was, oder?, mein Vater sagt aber immer, \u201eGeh bitte. Was die da herumgraben, davon wachst da ja trotzdem nix mehr\u201c, und sticht ein neues Quadrat aus.<\/p>\n<p>Die Wiese schaut auch schon aus genau deshalb.<br \/>\n\u00dcberall Fleckerl, die fehlen, in so eckigen L\u00f6chern, so ohne Gras, lehmig, und wenn\u2019s regnet: voll Gatsch. Voller dreckigem Wasser, voll braun und so, besonders tief dort, wo mein Vater immer am \u00f6ftesten unabsichtlich Kohlerestln ausstreut, fr\u00fcher ja hinter und vor dem Zaun. Fr\u00fcher halt, und der Zaun noch mit Latten drauf, also Dr\u00fcberheben, weil durchs offene Tor vorn w\u00e4r\u2019 das ja ein Umweg gewesen, ein ordentlicher. Schon f\u00fcnfzig Schritte knapp, viel zu weit mit so einem wackligen Gupf zum Schleppen, aber das war nat\u00fcrlich auch nicht so einfach, den K\u00fcbel da weit genug hoch zum Heben und dann sanft wieder runter auf der drau\u00dferen Seite. Immer ein bissi, ein bissi was von den Kohlerestln ist da dabei dann ja immer dann runter gerodelt, vom Gupf, und weiter auf den Boden, weshalb die ganzen Latten jetzt ja auch weg sind alle. Zuerst ja nur zwei, die im k\u00fcrzesten Weg r\u00fcber aufs Nachbargrundst\u00fcck, damit das endlich ein Ende hat mit dem Dr\u00fcberheben \u00fcber den Zaun, nur ist mein Vater dann aber dann drauf gekommen: \u201eWie schaut das denn aus, bitte? Als w\u00fcrd\u2019 da was fehlen! Was soll\u2019n sich die Leute da denken?\u201c<br \/>\nSeit dem hat der Zaun nur noch Pfosten.<br \/>\nOhne Bretter dazwischen \u00fcberall.<br \/>\nJa.<\/p>\n<p>Also mein Vater hat die Pfosten dann eben nicht aus der Erde heraus bekommen, wie die ganzen Latten schon unten waren, so tief sind die Pfosten da drin gesteckt, und, ja, aber die Tiere, die sind gar nicht davon gelaufen deswegen. Aber, gut, da waren ja auch nur noch die paar Katzen, f\u00fcr die der Zaun eh nie wirklich gegolten hat, und dann das Pferd, das nur noch zu alt war f\u00fcr alles. Der Rest, die H\u00fchner und die Schweine und alle, die waren da ja lang schon verkauft schon, von damals, wo mein Vater noch den ganzen Tag nur noch Schnaps getrunken hat.<br \/>\n\u00dcber ein Jahr hat das gedauert.<br \/>\nUnd Viehbauer hat mein Vater dann ohne Vieh ab dann nicht mehr weiter sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nein, er muss ja jetzt sogar B\u00fcgeln f\u00fcr sein Geld, sagt mein Vater immer, wie eine Frau, und am K\u00fcbelausleeren f\u00fchrt dann wegen der zu gro\u00dfen Kohlen kein Weg halt vorbei, und er macht auf halbem Weg dann immer seine Rast. Wegen den Armen, weil die schon zu schwach werden, und die Beine, und er muss sich dann immer kurz hinsetzen, immer auf halbem Weg, immer beim Walnussbaum, und mein Vater erz\u00e4hlt mir dann immer dasselbe dort. Wie er als junger Mann da hier immer her gekommen ist mit meiner Mamma, zum Sterneanschaun, damals, wie der Baum noch gelebt hat. Und meine Mamma auch.<br \/>\n\u201eVorbei\u201c, sagt mein Vater dann immer, niemand mehr da zum Sterneschaun, was aber gar nicht so schlimm w\u00e4re, w\u00fcrde der Baum auch endlich komplett verwittert sein. Am besten verschwunden, gleich, jetzt, und mit ihm das Herzerl, das er damals hinein geschnitzt hat in die Rinde. Das mit dem ersten Buchstaben von seinem Vornamen und dann dem ersten Buchstaben vom Vornamen von meiner Mamma drin, und dazwischen ein Plus.<br \/>\nJ+S.<br \/>\nDie Schrift ist zwar schon d\u00fcnkler geworden, und grauer, da aber noch immer.<br \/>\n\u201eJa, so is\u2019 das halt.\u201c<br \/>\n\u201eWuascht ob gut oder schlecht.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht hat mein Vater den Baum auch deshalb nie umgeschnitten, und irgendwann geht er dann weiter.<br \/>\nMit dem K\u00fcbel und dem Gupf voller Kohlerestln am Henkel, vorn\u00fcbergebeugt, Schritt f\u00fcr Schritt, und dann kommt dann auch schon nachher der Steg bald.<br \/>\nDa ist n\u00e4mlich so ein kleiner Bach im Weg dann, und gleichzeitig auch die Grenze.<br \/>\nSo ein kleiner Bach mit einem rutschigen Steg dr\u00fcber, zwischen unserm Grund und dem vom linken Nachbarn, und auch wenn\u2019s lang schon nicht mehr geregnet hat, im Bach drin ist immer Wasser, und der Steg immer rutschig. Wegen dem Holz wahrscheinlich, voller Schimmel, oder Algen, aber gr\u00fcn auf jeden Fall, und rutschig, und das ist dann auch dort, wo mein Vater dann immer, dann immer auch aufh\u00f6rt damit, ganz genau hinzuschauen.<\/p>\n<p>Er gibt\u2019s zwar nicht gern zu, also \u00fcberhaupt, aber trotzdem: Ich kann das dann ja immer in seinen Augen schon sehen, wenn er dann den ersten Fu\u00df auf den Steg setzt. Mit dem K\u00fcbel mit den Kohlerestln und dem wackligen Gupf, und in den Bach sollte davon ja eigentlich schon gar nix reinfallen d\u00fcrfen, oder? Weil das Grundwasser und so, viel schneller drin dann die Kohle, und da gibt\u2019s ja dann nicht mal ein Weggraben mehr.<br \/>\nSchon, oder?<br \/>\nAlso das, was mein Vater nicht wollen hat, von Anfang an.<br \/>\nWeshalb auch das Ganze.<br \/>\nDas, wegen dem, wegen dem B\u00fcgeleisen, das kleine Kohlen braucht, und den Restln, und dem Grundwasser vor allem.<br \/>\nAlso ja.<br \/>\nWegen dem allem so.<br \/>\nBis dahin wenigstens.<\/p>\n<p>\u201eDer erste Fu\u00df zuerst\u201c, sagt mein Vater dann immer, der erste Fu\u00df zuerst, was nicht unbedingt das Einfachste war. Der erste Fu\u00df, ich mein\u2019, das ist dann ja schon wie zum Ausrutschen gedacht. Wie das ist eben, mit einem Fu\u00df am Glitsch, und dem anderen noch am Ufer, also so ohne Glitsch, also mit Halt halt.<br \/>\nDa wird\u2019s dann schon schwierig ohne Ausrutschen.<br \/>\nAlso es geht schon, aber die Gefahr is\u2019 schon, also da.<br \/>\nDa halt, und nicht erst einmal, nicht erst einmal ist mein Vater da nass geworden. Nicht erst einmal, und dann lauter Kohlerestln im Bach, noch nie alles zum Gl\u00fcck, aber trotzdem.<br \/>\n\u201eNaja, der Bach, der, der flie\u00dft eh schon fast dr\u00fcben\u201c, sagt mein Vater da immer.<br \/>\nHalb so schlimm also alles.<\/p>\n<p>Und nach dem Bach und dem Steg, da passt mein Vater dann so und so nicht mehr ganz so richtig auf, dass der Gupf oben bleibt am K\u00fcbel. Dort rieselt was, und da rieselt was, aber dann sind die Kohlerestln am Boden dann nicht mehr so ganz das Drama, dr\u00fcben, auf der anderen Seite.<br \/>\n\u201eJa, ewig hamma auch nicht Zeit, oder?\u201c, fragt mein Vater dann immer, und es geht damit dann dadurch auch wirklich viel schneller weiter. Nicht mehr so Schritt f\u00fcr Schritt, jetzt ohne Pause dazwischen, der K\u00fcbel, der schwingt dann schon, zwischen seinen Beinen, wie eine Kuhglocke, halt ohne L\u00e4uten halt, und der Gupf, der wird auch dann schnell niedriger und niedriger vom Beeilen.<br \/>\nNiedriger.<br \/>\nUnd niedriger.<br \/>\nAber dann kommt aber da eh schon der Brunnen vom Nachbarn, von dem, der gar nicht mehr da wohnt.<br \/>\nSeit dem Unfall, da hat der es bei uns in Gamsbruck irgendwann nicht mehr ausgehalten.<\/p>\n<p>Sogar einmal in der Kirche, wie da mein Vater noch den ganzen Tag Schnaps getrunken hat, ja, h\u00f6flich war was mein Vater da geschrien hat eher nicht.<br \/>\nIm Gegenteil.<br \/>\nUnd: \u201eSo\u201c, sagt er dann immer, \u201eUnd das daf\u00fcr\u201c, und er leert dann die Kohlerestln mit einem komischen Grinsen rein in den Brunnen vom Nachbarn, und klopft den K\u00fcbel danach gr\u00fcndlich von au\u00dfen auch aus.<br \/>\nUnd dann wieder zur\u00fcck wieder.<br \/>\nHalt bis zum n\u00e4chsten Mal.<br \/>\nMein Vater sagt immer, \u201eDa schau! Das alles nur wegen dem Grundwasser.\u201c<br \/>\nNur kann ich\u2019s ihm nur nie so recht glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 14013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tag war blau hinten und gr\u00fcn vorne, keine V\u00f6gel, ein paar Katzen, ein Pferd. Ein Zaun drumherum, um die Tiere, ein wei\u00dfer, ohne Bretter, nur die Pfosten, die ganz allein in der Erde steckten, auf einem ein Schmetterling, oben drauf. Es war ein sch\u00f6ner Tag. 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