{"id":7776,"date":"2018-04-03T15:11:23","date_gmt":"2018-04-03T15:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7776"},"modified":"2024-06-26T07:28:02","modified_gmt":"2024-06-26T07:28:02","slug":"wenn-das-glueck-kommt-musst-du-ihm-einen-stuhl-hinstellen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7776","title":{"rendered":"Wenn das Gl\u00fcck kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7776&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7776&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich habe viele St\u00fchle in meinem Haus, viel mehr, als meine Familie braucht. Immer schon habe ich herrenlose St\u00fchle aufgelesen, die auf Dachb\u00f6den, in Kellern oder Garagen ihr vorl\u00e4ufiges Ende gefunden hatten. In mir regt sich bis heute das Mitleid, wenn ich einen ausrangierten Stuhl sehe. Er tut mir unendlich leid und ich nehme ihn mit, repariere ihn oder lasse ihn reparieren und gebe ihm ein neues Zuhause. Auch ein Stuhl braucht ein Zuhause! Einen liebevoll geschreinerten Stuhl setzt man nicht aus, wenn seine Bauart aus der Mode gekommen ist, wenn die geflochtene Sitzfl\u00e4che zerrissen ist, wenn die Lehne abf\u00e4llt. \u2013 Nein, das tut man nicht. Ich habe also eine kleine Sammlung von verschiedenen St\u00fchlen. Zu jedem einzelnen kann ich eine Geschichte erz\u00e4hlen und die Geschichte betrifft nur die kurze Zeit, die ich mit dem jeweiligen Stuhl verbringe. Jeder Stuhl k\u00f6nnte also selber auch noch eine viel l\u00e4ngere Geschichte erz\u00e4hlen, wenn die Stummheit nicht zum Wesen der St\u00fchle geh\u00f6rte.<br \/>\nEin guter Stuhl muss leicht sein, sodass er jederzeit hochgehoben und an einen anderen Platz gestellt werden kann. Die Qualit\u00e4t eines Stuhles erkennt man an seiner Leichtigkeit.<\/p>\n<p>Wenn ein Gast kommt, geh\u00f6rt es zur guten Sitte, ihm einen Stuhl, einen Sitzplatz anzubieten, sodass er verweilen und sich erholen kann. Bei den Juden ist es am Sederabend Brauch, ein Gedeck zu viel aufzulegen und einen zus\u00e4tzlichen Stuhl an den Tisch zu stellen, damit der Prophet Elija, sollte er vorbeikommen, einkehren kann. Jederzeit kann der Messias kommen, wir kennen weder Zeit noch Stunde, aber wir wollen doch ger\u00fcstet sein.<br \/>\nAuch ich will ger\u00fcstet sein, wenn ein Fremder kommt und um Einlass bittet. So ist die Geschichte mit den St\u00fchlen f\u00fcr mich auf ganz besondere Weise lebendig geworden. \u2013 Wenn das Gl\u00fcck kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen, so lautet ein Sprichwort. \u2013 Ich habe viele St\u00fchle, auf denen sich das Gl\u00fcck niederlassen kann. Aber das ist wahrscheinlich zu aufdringlich f\u00fcr das Gl\u00fcck, und es geht lieber vorbei. Auch das Gl\u00fcck mag es, wenn es sich nicht entscheiden muss, wenn gleich der richtige Platz gefunden ist. Zu viele St\u00fchle sind ein Gottversuchen.<\/p>\n<p>Beim Sperrm\u00fcll habe ich einmal einen ausgesetzten Stuhl gefunden. Die Sitzfl\u00e4che \u2013 aus Bast geflochten \u2013 war zerrissen. Offensichtlich ist ein R\u00fcpel oder gar ein Brackel mit dem Fu\u00df daraufgestiegen. \u00a0Als die filigrane Sitzfl\u00e4che unter der Last st\u00f6hnte und \u00e4chzte, nachgab und riss, zeigte sich eine klaffende Wunde. Der Stuhl wurde ausrangiert, auf die Stra\u00dfe gestellt. \u2013Herzlos! Gott sei Dank hat mich mein Weg daran vorbeigef\u00fchrt, mein mitleidiges Herz hat sich sofort geregt und ich habe dem siechen Stuhl Obdach gegeben. \u2013 Monate sp\u00e4ter fand ich einen Korbmacher, der sich noch auf die Kunst des Flechtens versteht. Er hat meinen maladen Stuhl repariert. \u2013 Wohlgemerkt f\u00fcr teures Geld!<br \/>\nEin andermal bin ich an einem Tag, an dem Sperrm\u00fcll gesammelt wurde, auf einen kleinen Sessel aufmerksam geworden, der mich gedauert hat, und ich habe ihn vor der M\u00fcllpresse bewahrt. Jetzt hat er in meinem Haushalt eine neue Heimat gefunden und jeder Gast nimmt gern auf ihm Platz.<\/p>\n<p>Nun hat es sich ereignet, dass seit geraumer Zeit ein junger Mann, der im Jahr 2015 seine Heimat Afghanistan verlassen hat, in mein Haus kommt. Er m\u00f6chte Deutsch besser lernen und wir sprechen und lesen miteinander. Ich m\u00fche mich, W\u00f6rter wie R\u00fcckbank, Ersatzreifen, Aufgabe oder noch viel schwieriger Schicksal und Paradies zu erkl\u00e4ren. Wir kommen auch auf Himmel und H\u00f6lle zu sprechen, auf Gott und Teufel. \u2013 \u00a0Mir wird wieder einmal klar, wie schwer es ist, eine fremde Sprache zu lernen. Es geht ja nicht nur um die Worte. Hinter jedem Begriff verbirgt sich eine Geschichte und jedes Volk erz\u00e4hlt sich andere Geschichten, weil es in anderen historischen Gegebenheiten lebt. Will oder muss man also in einem fremden Land heimisch werden, so muss man sich mit den Worten vertraut machen, deren Herkunft auch sehr kompliziert ist. Wer denkt zum Beispiel daran, dass der Ausdruck: \u201eIch halte mich bedeckt\u201c mit \u201eder Decke\u201c und \u201ezudecken\u201c zusammenh\u00e4ngt. W\u00e4hrend ich mich m\u00fche, derartige Zusammenh\u00e4nge zu erkl\u00e4ren und auch zu zeigen, was sich hinter manchen Worten verbirgt, lerne ich selber die Tiefe und Sch\u00f6nheit meiner Muttersprache erneut kennen. Gleichzeitig fange ich an zu erahnen, wie in einer mir v\u00f6llig fremden Sprache wie Paschtu manches ausgedr\u00fcckt wird und welch anderer Erfahrungshintergrund dem zugrunde liegt.<\/p>\n<p>Der junge Mann, von dem ich hier erz\u00e4hle, hat den auch f\u00fcr unsere Ohren sch\u00f6n klingenden Namen Khushal. Schon bei einem unserer ersten Treffen erz\u00e4hlte er mir, dass seine Mutter diesen Namen von einer anderen Frau, deren Sohn so hie\u00df, gestohlen hat. Es ist ein besonderer Name.<br \/>\n\u201eMeine Mutter hat wirklich Probleme mit dieser Frau bekommen, weil sie einfach den Namen von ihrem Sohn geklaut hat.\u201c \u2013 Manchmal kann man einfach keine Kompromisse eingehen!<br \/>\nWenn man einen Namen bekommen hat, kann man ihn nicht mehr wegnehmen. Wenn er einmal gegeben ist, bleibt er. Die andere Frau mochte schimpfen und zetern, der sch\u00f6ne Name Khushal hat einen zweiter Tr\u00e4ger bekommen. Ich wei\u00df nicht, was aus dem ersten Khushal geworden ist, den zweiten habe ich kennengelernt. Er erz\u00e4hlt mir von seiner Heimat und ich bin von meiner Unwissenheit ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Khushal sagt: Ich habe keine Angst, ich bin im Krieg gewachsen.<br \/>\nAls ich ihm erz\u00e4hle, dass meine S\u00f6hne als Kinder Auseinandersetzungen gescheut haben, sich nicht mit anderen gepr\u00fcgelt haben, lieber nachgegeben haben, da entgegnet mir Khushal, dass ein afghanischer Mann nie sagt, dass er schwach ist. Ein Mann ist stark und muss k\u00e4mpfen. \u2013 Als aber am Bahnsteig einmal ein gro\u00dfer Hund neben uns Platz nimmt, beobachtet Khushal ganz genau die Augen und Bewegungen dieses Tieres und geht auf die andere Seite, hinter mich.<\/p>\n<p>Auf verschlungenen und abenteuerlichen Wegen ist Khushal tausende Kilometer im Alter von f\u00fcnfzehn Jahren nach Europa gewandert und in einem Land angekommen, von dem er nur den franz\u00f6sischen Namen Almani kannte. Er ist ohne Eltern, Geschwister und Verwandte hier und dieses unbekannte Land h\u00e4lt erneut viele Probleme f\u00fcr ihn bereit. H\u00e4tte er zu Hause davon gewusst, wie schwierig es ist, als Asylbewerber anerkannt zu werden und einen Pass zu bekommen, so h\u00e4tte er vermutlich die Strapazen der Reise nicht auf sich genommen. Oft zweifelt er, ob die Entscheidung zu gehen, richtig war. \u2013 Ich sage: Jetzt bist du hier! Das ist dein Schicksal.<br \/>\nKhushal stimmt mir zu: Allah hat meinen Weg auf meine Stirn geschrieben. \u2013 Was auf meine Stirn geschrieben ist, das kommt. \u2013 Emah patandi jelikuli harasi, so habe ich die Worte verstanden.<br \/>\nJa genau, so ist es. Wer kann sich seinen Lebensweg schon aussuchen?<br \/>\nJetzt sitzen wir hier zusammen und ich lasse mir erz\u00e4hlen, was Khushal auf der Flucht alles erlebt hat.<\/p>\n<p>Im Kofferraum eines Autos war er versteckt, so eng eingezw\u00e4ngt, dass er jegliches Gef\u00fchl f\u00fcr Raum und Zeit verlor. Im Bus ist er durch Intuition einer Verhaftung entgangen, indem er sich einfach wieder hingesetzt hat und nicht der Weisung des Polizisten gefolgt und ausgestiegen ist. \u2013 Gl\u00fcck gehabt! Hundertmal!<br \/>\nOhne Pass hat er eine \u201eboarder\u201c nach der anderen \u00fcberschritten, im Dschungel, wie Khushal den Wald nennt, hat er tags\u00fcber an B\u00e4ume gelehnt versucht zu schlafen oder zu d\u00f6sen.<br \/>\nAngespannt hat er auf einen verabredeten Pfiff gehorcht und ist unter Tr\u00e4nen, wie er mir gesteht, aufs Geratewohl losgeschlichen, in der Hoffnung, den Treffpunkt zu finden. Er hat ihn gefunden. Sein Schutzengel, Malaike, wie er sagt, hat die sch\u00fctzenden Fl\u00fcgel \u00fcber ihn gehalten. \u2013 Tausendmal!<\/p>\n<p>Im Sommer 2015 ist Khushal in Passau gelandet oder gestrandet. Als unbegleiteter Jugendlicher ist er zuerst nach Geiselh\u00f6ring, dann nach Mallersdorf ins Wohnheim gekommen. Er geht in die Schule, lernt Deutsch und Mathematik und Staatsb\u00fcrgerkunde. Was ist eine Demokratie, welche Versicherungen gibt es, wie viele Bundesl\u00e4nder hat die Bundesrepublik, von wie vielen L\u00e4ndern ist Deutschland umgeben oder eingeschlossen? Fragen \u00fcber Fragen, auf die ich auch nicht immer gleich eine Antwort habe. Nichts ist einfach, auch nicht in Deutschland. Besonders die B\u00fcrokratie.<br \/>\nKhushal hat seine Freude am Kickboxen entdeckt. Er trainiert eifrig und m\u00f6chte darin richtig gut werden. \u2013 Disziplin, Kraft und Geschicklichkeit sind wichtig, damit man im Wirrwarr nicht so leicht die Nerven verliert. Es bieten sich viele Gelegenheiten, zu straucheln, schwach zu werden, aufzugeben, davonlaufen zu wollen, aber wohin?<\/p>\n<p>Wir sind uns in der Schule begegnet und einmal hat mich Khushal vorsichtig gefragt: \u201eHaben Sie bisschen Zeit? Ich m\u00f6chte Deutsch lernen mit Sie.\u201c Wer h\u00e4tte gedacht, wie schwer das ist. Bin ich froh, dass ich mich in meiner Muttersprache verst\u00e4ndigen kann.<\/p>\n<p>Khushal kommt nun regelm\u00e4\u00dfig in mein Haus und setzt sich auf einen freien Stuhl. Inzwischen wei\u00df ich auch, dass man in seiner Heimat auf Kissen am Boden sitzt, auf einem sch\u00f6nen weichen Teppich, aus dem Iran. Dort ist immer Platz f\u00fcr einen Gast.<br \/>\nWir trinken Tee oder Cola, backen zusammen Bulani, wie in Paschtu das Brot genannt wird, lesen zusammen ein Buch und sprechen \u00fcber dieses und jenes.<br \/>\nIch erz\u00e4hle ihm von meinen Kindern, von Sebastian, der ein Haus baut und dessen Freundin ein Reitpferd hat, von Jonas, der wieder aus Berlin zur\u00fcckgekehrt ist, und davon, dass Jakob eine t\u00fcrkische Freundin hat, die \u2013 im Spa\u00df, hoffe ich \u2013 von ihm 83 Kamele als Brautpreis fordert.<\/p>\n<p>Khushal setzt sich auf einen freien Stuhl, isst mit meiner Familie am Tisch. Oh, vieles wird nicht nach seinem Geschmack sein, vieles wird ihm seltsam vorkommen. So ist das in der Fremde!<br \/>\nEr erz\u00e4hlt mir von der gro\u00dfen Entt\u00e4uschung, der Abschiebung. Ich m\u00f6chte ihn tr\u00f6sten und erfahre die Schw\u00e4che und Machtlosigkeit meiner Worte. Was soll ich sagen? Ich bin hilflos. Es wird weitergehen, es wird gut werden. Ich helfe dir. Aber wie?<\/p>\n<p>Khushal bedeutet in unserer Sprache Gl\u00fcck. Wie weise deine Mutter deinen Namen gew\u00e4hlt hat. Khushal bedeutet Gl\u00fcck!<\/p>\n<p>November 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> |Inventarnummer: 18033<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe viele St\u00fchle in meinem Haus, viel mehr, als meine Familie braucht. Immer schon habe ich herrenlose St\u00fchle aufgelesen, die auf Dachb\u00f6den, in Kellern oder Garagen ihr vorl\u00e4ufiges Ende gefunden hatten. In mir regt sich bis heute das Mitleid, wenn ich einen ausrangierten Stuhl sehe. Er tut mir unendlich leid und ich nehme ihn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71],"tags":[115],"class_list":["post-7776","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kellnhofer-claudia","tag-wortglauberei"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7776","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7776"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7776\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18325,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7776\/revisions\/18325"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}