{"id":7743,"date":"2018-03-26T14:48:53","date_gmt":"2018-03-26T14:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7743"},"modified":"2018-03-30T18:22:44","modified_gmt":"2018-03-30T18:22:44","slug":"puschkins-hase","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7743","title":{"rendered":"Puschkins Hase"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7743&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7743&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war der 23. Dezember 2000, als sich eine Gruppe von Menschen am Leningrader Bahnhof (hie\u00df wirklich noch so!), Bahnsteig 2, vor dem Waggon 17 versammelte, alle dick vermummt, denn es hatte in diesem Tagen um die zehn Grad minus. Au\u00dfer Andrej Bitow kannte ich niemanden pers\u00f6nlich, und diesen nur fl\u00fcchtig und aus einer Situation, die ich am liebsten aus dem Ged\u00e4chtnis streichen wollte. Ich hatte das Ungl\u00fcck, einmal bei einem Dinner in der Botschaft neben ihm platziert worden zu sein. Ganz am Ende der Tafel, fast schon am Katzentisch. So konnte man seine Stellung in der Hierarchie unzweideutig ermessen. Der Schriftsteller und die Kulturr\u00e4tin der Botschaft unermesslich weit weg vom Gastgeber und seinem Hauptgast, dem Wirtschaftsminister, die einander in der Mitte gegen\u00fcber sa\u00dfen, jeweils flankiert von ihren Dolmetschern, dann abgestuft je nach Wichtigkeit die anderen Geladenen.<\/p>\n<p>Der mir oder ich ihm zugeteilte Schriftsteller hatte offenbar beschlossen, grimmig und beharrlich zu schweigen, vielleicht, weil er das immer so hielt bei solchen Einladungen oder weil er gerade mit einem Schnupfen k\u00e4mpfte. Die lange, schmale Nase rann ununterbrochen, Tr\u00f6pfchen im sch\u00fctteren Schnurrbart, ein Taschentuch wischte \u00fcber die h\u00e4ngenden Lider. In einem schrumpeligen Anzug eine vorn\u00fcber gebeugte Person, viel zu klein f\u00fcr den ausladenden Botschaftsstuhl.<\/p>\n<p>Oder war es umgekehrt, machte ihn erst der Stuhl so klein? Er a\u00df nichts au\u00dfer der Suppe und trank nur Wasser; vielleicht hat er ein Magengeschw\u00fcr oder es ist ihm einfach Kascha und Borschtsch lieber als das hochgez\u00fcchtete Diplomaten-Essen. Ich unternahm vieles, um ihm etwas zu entlocken, mit dem man Konversation machen konnte und kam mir bald vor wie der Hofnarr in der Runde. Ich prallte an ihm ab wie an der H\u00fctte der Baba Jaga. Neben hundert anderen Vermutungen und Annahmen wird es wahrscheinlich eine ung\u00fcnstige Eigenschaft an mir gewesen sein, die ihn abgesto\u00dfen hat. Die \u00fcbergro\u00dfe Ehrfurcht vor gro\u00dfen Menschen, die kindliche Verehrung von Dichtern, die mir den letzten Grips raubte, sodass ich neben ihm ziemlich dumm gewirkt haben musste und ihm die Vorurteile gegen Westler und Diplomaten im Besonderen pr\u00e4chtig best\u00e4tigt haben werde. Vielleicht auch gegen Frauen, schoss es mir durch den Kopf. Er war nie verheiratet, als Familie gibt es bekannterweise nur einen Bruder. Ich war damals noch nicht lange genug Diplomatin, um meine Ressentiments gegen diesen eigenartigen Beruf abgelegt zu haben. Wie und warum sollte ich mit jemandem reden, der das offensichtlich nicht wollte? Der feindselig gegen mich eingestellt war und ich mich auch nicht f\u00fcr ihn interessierte?<\/p>\n<p>Als Journalistin musste ich oft mit Menschen reden und sie ausfragen, obwohl sie mich nicht interessierten oder ich von vornherein wusste, dass sie mich anlogen, vor allem Politiker. Da war ich professionell genug unterwegs, weil ich ein Resultat brauchte. Aber bei einem Schriftsteller verrammelte und verriegelte sich aus einem verqueren Ehrgef\u00fchl heraus mein Hirn, sodass mir nicht einmal mehr einfiel, was ich von ihm gelesen hatte. Dabei hatte ich einiges gelesen, konnte mich aber nur vage erinnern, Reiseberichte aus Armenien und Georgien zum Beispiel. Und wie w\u00e4re es mit Puschkins \u201eGefangener im Kaukasus\u201c gewesen oder mit Tolstojs \u201eHadschi Murat\u201c? Das war so eine ungl\u00fcckselige Situation, in die man manchmal v\u00f6llig unschuldig hineinger\u00e4t.<br \/>\nEs war offenbar ein Gast ausgefallen, und da kam der Botschafter auf die unglorreiche Idee, die Kulturr\u00e4tin neben den Dichter zu setzen. Da kann nichts passieren, weil nicht wichtig genug. Ich erfuhr davon erst eine Stunde vor dem Dinner und konnte mich nicht vorbereiten, wie ich das sonst tat.<br \/>\nJammerschade! Wenn ich damals schon gewusst h\u00e4tte, was ich seit der Reise nach Pskow wei\u00df, h\u00e4tten wir uns vielleicht befreundet oder uns zumindest in einer gleichen Leidenschaft ausgetauscht.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Bahnsteig 2, Waggon 17 am 23. Dezember um 18 Uhr.<\/p>\n<p>Bitow ist in Moskau eine bekannte Figur, ein viel gelesener Autor, Tr\u00e4ger vieler in- und ausl\u00e4ndischer Ehrungen, eine integre Pers\u00f6nlichkeit, h\u00e4ufig im Fernsehen zu sehen, der sicher oft gegr\u00fc\u00dft wird wie ein Bekannter oder sogar Freund, weil man seine B\u00fccher sch\u00e4tzt. Im Westen w\u00fcrde man ihn einen Literaturpapst nennen. Also sprach ich ihn auf das Botschaftsessen an, scherzhaft, flapsig, ob er sich davon erholt habe. Er versuchte h\u00f6flich zu sein und setzte ein L\u00e4cheln auf, das zwischen unwissend und gezwungen lag, man kann auch d\u00fcmmlich sagen. Also hatte er keine Ahnung, wer ich war und war dankbar daf\u00fcr. Den Mantel des Vergessens dar\u00fcber breiten und schweigen.<\/p>\n<p>Aber das kann auch wiederum daran liegen, dass man auf einem zugigen Bahnsteig an einem dunklen, kalten Dezemberabend anders aussieht als unter den glei\u00dfenden Lustern eines Speisesaals. Seit dem unseligen Dinner waren einige Monate vergangen, und ich habe meine Schmach wettzumachen und das Trauma aufzuarbeiten versucht, indem ich alles Erreichbare von Bitow las und mich von meinen Moskauer Literaturfreunden unterrichten lie\u00df. Der russische James Joyce, der beste lebende Stilist, der ehrlichste Erz\u00e4hler, der genaueste Chronist der sowjetischen Seele, den wir haben, ein postsowjetischer Melancholiker \u2013 kein Superlativ wurde ausgelassen. Das war nicht immer so.<\/p>\n<p>Er war einer der Schriftsteller der Tauwetter-Periode mit vielen Erz\u00e4hlungen, Romanen, Almanachen und Essays, erhielt nach dem Sturz Chruschtschows Publikationsverbot, wurde aber nicht ausgewiesen wie viele seiner Freunde und Kollegen. Erst unter Gorbatschows Glasnost und Perestroika durfte er ab 1986 wieder ver\u00f6ffentlichen. <em>Das Puschkinhaus, Georgisches Album, Armenische Lektionen, Der Symmetrielehrer, Der Geschmack<\/em>, alles schon in den 70er Jahren geschrieben und seither neu aufgelegt und \u00fcbersetzt, und einiges davon in sehr guten \u00dcbersetzungen im Suhrkamp-Verlag.<\/p>\n<p>Da traf es sich gut, dass ich von meinem Freund Mischa Shulman, einem Puschkin-Forscher, erfuhr, dass es um Weihnachten eine Pilgerreise nach Michailowskoje geben sollte, zu dem Landgut der Familie Puschkin, auf das Zar Alexander I. den Dichter von 1824 bis 1826 verbannt hatte.<br \/>\nDer Nachtzug ging um 18 Uhr 30 ab und sollte um 7 Uhr 30 in Pskow ankommen.<br \/>\nDer inoffizielle Club der Puschkinisten mit Bitow an der Spitze hatte dazu aufgerufen, 28 Menschen hatten sich eingestellt. Das war ziemlich genau ein Waggon mit zwei Zweier- und sechs Vierer-Abteilen. Es war kein Schnellzug wie der Rote Pfeil nach St. Petersburg, sondern wir bummelten gem\u00e4chlich durch das flache Land nach Nord-Westen Richtung Pskow. Misha bedauerte, dass er nicht mitkommen konnte \u2013 seine Frau erwartete das zweite Kind \u2013 so war ich ganz allein unter lauter russischen Puschkin-Kennern und Liebhabern.<\/p>\n<p>Trotz des Datums war es f\u00fcr die Russen keine Weihnachtsreise, sondern ein ungerades Jubil\u00e4um, das die Puschkinisten begehen wollten: 175 Jahre seit dem denkw\u00fcrdigen Tag, als Puschkin einen Ausbruchsversuch aus seinem Verbannungsort machte, sich nach dem alten Kalender am 11. Dezember 1825 in eine Kutsche warf und die Richtung St. Petersburg einschlug. Alles unertr\u00e4glich, schnell weg, nur weg von hier, ohne jede Vorbereitung und Unterst\u00fctzung, ohne Genehmigung, eine Verzweiflungstat, aufs \u00c4u\u00dferste erregt durch das Ausbleiben aller Nachrichten der Freunde in der Hauptstadt und von allerlei Vorgef\u00fchlen geplagt. Der Diener, der ihn begleiten sollte, erkrankte, dann der zweite, der ihn ersetzen sollte. Er f\u00e4hrt trotzdem los.<\/p>\n<p>Da passierte es: Auf der Stra\u00dfe zum Landgut Trigorskoje, wo er sich von der Nachbarsfamilie Wulf-Ossipow verabschieden wollte, st\u00fcrzte aus dem Geb\u00fcsch ein Hase heraus und kreuzte den Weg. Puschkin z\u00f6gerte keine Sekunde und kehrte um. Kurz vor seinem Landgut sprang ein anderer Hase mit zur\u00fcckgelegten Ohren und vorgestreckten Pfoten vor ihm in die H\u00f6he. Er raste unentschlossen durch das Haus. Doch der Wagen stand bereit, und er konnte nicht mehr zur\u00fcck. Der zweite Aufbruch. Als ihm ein schwarz gekleideter M\u00f6nch auf der verschneiten Stra\u00dfe entgegenkam, lie\u00df er wieder den Kutscher wenden. Das war zu viel f\u00fcr sein abergl\u00e4ubisches Gem\u00fct. Er f\u00fchlte, dass er vergeblich gegen einen h\u00f6heren Willen ank\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Im unendlichen Universum des russischen Aberglaubens geh\u00f6rt der Hase zu den Schicksalsk\u00fcndern. Nebenbei gilt der Rammler im Volksmund auch noch als ein Symbol f\u00fcr die verwerfliche, ungez\u00fcgelte Sexualit\u00e4t. Niemand, vom Kutscher bis zum Zaren, wagt es, nicht auf ihn zu achten. In Puschkins Fall hat der Hasen-Mythos sich scheinbar als Wahrheit herausgestellt.<\/p>\n<p>Wenn der Hase nicht \u00fcber den Weg gehoppelt w\u00e4re, h\u00e4tte Puschkin nach zwei Tagen Kutschenfahrt St. Petersburg erreicht, w\u00e4re gerade rechtzeitig zum Aufstand der sogenannten Dekabristen gekommen. In seiner Abgeschiedenheit wusste er nichts von dieser Adelsverschw\u00f6rung und war nicht beteiligt, h\u00e4tte aber sicher aufgrund der Inhalte und der freundschaftlichen Verbindungen mit vielen der Akteure sympathisiert.<\/p>\n<p>Seit dem Sieg \u00fcber Napoleon brodelte es in Russland. Viele Armeeangeh\u00f6rige waren in Frankreich mit europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnissen in Ber\u00fchrung gekommen und forderten b\u00fcrgerliche Freiheiten. Sie n\u00fctzten das kurze Interregnum in der Nachfolge zwischen den Romanow-Br\u00fcdern Konstantin und Nikolaus. Mehrere hunderte Adelige, Offiziere und Schriftsteller gewannen Teile der Armee f\u00fcr ihren dilettantischen Umsturzversuch, verlangten eine Verfassung und die Einrichtung einer Volksvertretung. Es sollte noch fast einhundert Jahre dauern, bis es dazu kam.<br \/>\nAlexanders Nachfolger, Nikolaus I., lie\u00df f\u00fcnf M\u00e4nner als R\u00e4delsf\u00fchrer hinrichten, 120 in die sibirische Verbannung schicken, ganze Familien zogen mit ihnen, niemand au\u00dfer der Gr\u00e4fin Wolkonskaja kehrte zur\u00fcck, nach vierzig Jahren. Fast alle Angeklagten berufen sich bei ihren Freiheitsideen auf Puschkins Gedichte und Epigramme. Keine guten Aussichten f\u00fcr den Dichter, der nun schon seit zwei Jahren in Briefen an den Zaren um Begnadigung aus seinem Gef\u00e4ngnis in der russischen Ein\u00f6de bettelt. Niemand von seinen hochgestellten Freunden wagt es, sich beim Zaren f\u00fcr ihn einzusetzen. Er hatte immer einen \u00e4u\u00dferst hei\u00dfen Charakter, sagen alle, aber diesmal, nachdem er vier Monate keine Briefe aus St. Petersburg und Moskau erhalten hatte, konnte er nicht mehr stillhalten. Ausbrechen, komme, was da wolle.<\/p>\n<p>Wer war es, zwei Hasen und ein M\u00f6nch oder die Vorsehung, die Puschkin davor gerettet haben, hingerichtet oder zumindest in die sibirische Verbannung transportiert zu werden? Die Welt h\u00e4tte keinen Gro\u00dfdichter Puschkin bekommen, denn erst in der Abgeschiedenheit von Michailowskoje bildete sich sein Talent zur vollen Bl\u00fcte heraus. Er begann den Eugen Onegin, den Boris Godunow zu schreiben, er h\u00f6rte das Russisch der Landbev\u00f6lkerung und entwickelte die Sprache zu einer Volkssprache, wie sie bis heute g\u00fcltig ist. So schrecklich die Jahre in Michailowskoje f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich waren, sie stellten sich als Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Geschichte der russischen Literatur heraus. Er reifte zu dem gro\u00dfen Dichter heran, der bis zu diesem Tag als Genie und Nationalheiligtum verehrt wird.<\/p>\n<p>So befand ich mich zusammen mit 27 Verehrern auf einer Pilgerreise, um den Hasen zu feiern, der Puschkin gerettet hatte. Im Speisewaggon, wohin sich die Gesellschaft verlagert hat, wird m\u00e4chtig vorgefeiert. Andrej Bitow ist der K\u00f6nig der Puschkinisten. Er spricht nicht viel, lacht viel, h\u00f6rt zu, hebt das Wodka-Glas, ohne zu trinken, an Nahrung nimmt er nur die Beilagen zu sich, Schwarzbrot, eingelegte Zwiebel, Pilze und Gurken. Da erfuhr ich, dass er magenkrank ist und einen Herzinfarkt hinter sich hat. Die Stimmung erreicht ihren ersten H\u00f6hepunkt, als sich herausstellt, dass einer der Pilger ein blinder Passagier ist, der im Russischen H\u00e4schen, zaitschik, genannt wird.<br \/>\nDer Schwarzfahrer, ein junger Literatur-Student, hei\u00dft Sasha Swarz, er ist der gefeierte Held dieser Nacht im Zug nach Pskow. Er hat eine Gitarre, singt recht gut, keine Puschkin-Gedichte, sondern alte Hits von Wissotzki und Okudschawa, alle singen mit, k\u00f6nnen alle Strophen auswendig. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, muss ich meine Mundstarre der Bewunderung vor so viel Gemeinsamkeit \u00fcberwinden, mit Lippenbewegungen und Wangent\u00e4tscheln. Einiges kann ich doch auch schon lange mitsingen, mitklatschen und mitschunkeln. Ein Tisch wird freiger\u00e4umt f\u00fcr den Tanz oben.<\/p>\n<p>Mir gelingt es, mich nicht als Ausl\u00e4nderin zu verraten, damit h\u00e4tte sich die Atmosph\u00e4re sofort ge\u00e4ndert. Viel ist nicht anders geworden, seit von Sigmund von Herberstein an die ersten Westler ins Moskowitische Reich gekommen sind und es beschrieben haben. So komme ich in den Genuss eines Tarnkappenblicks. Schon gar nicht habe ich mich freiwillig vor Andrej Bitow zu erkennen gegeben. Er bleibt bis zuletzt ohne Verdacht.<\/p>\n<p>Irgendwann kann ich mit der unendlichen russischen Feierenergie nicht mehr mithalten und ziehe mich in mein Abteil zur\u00fcck. Das h\u00e4tte als Einziges verr\u00e4terisch sein k\u00f6nnen. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Uhr im Restaurantwagen, die weit nach zwei zeigt und ein Schild mit der Aufschrift: Nach Mitternacht wird kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Denkmal f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zur Obrigkeit: Wir tun so, als machten wir, was ihr wollt, tun aber, was uns gef\u00e4llt. Ich bleibe unentdeckt, zusammen mit meiner alten, ganz einsamen Schande. Im unteren Bett meines Zweier-Abteils, knapp vor dem Augenschlie\u00dfen, fliegt noch der Gedanke vorbei, ob die Russen nur zu dezent sind, mich zu \u00fcberf\u00fchren. Die meisten anderen, glaube ich, haben in dieser Nacht nicht viel Schlaf abbekommen.<\/p>\n<p>Ankunft im D\u00e4mmer des Morgens am 24. Dezember im tief verschneiten Pskow. Welch ein Wunder, tats\u00e4chlich steht der bestellte Autobus mit Chauffeur bereit, der die Gruppe in zwei Stunden die 120 Kilometer nach Michailowskoje schaukelt, wovon die meisten Passagiere nur im Schlaf etwas mitbekommen, obwohl es ohne Heizung bitterkalt ist. Ebenen in Schnee und Nebel, kaum Erhebungen, wenig Abwechslungen von D\u00f6rfern und W\u00e4ldern, eine russische Unlandschaft im Nordwesten. Fl\u00fcsse und Seen sind zugefroren und verschneit, ohne Tafeln w\u00e4ren sie nicht auszumachen.<\/p>\n<p>Dabei fahren wir durch die gr\u00f6\u00dfte russische Seenplatte, auf der sich vor 800 Jahren Russlands Schicksal entschieden hat. In der Schlacht auf dem Peipus-See vernichtete Alexander Newski die Armee des Deutschen Ritterordens und sicherte Pskow f\u00fcr die Republik Nowgorod, sp\u00e4ter f\u00fcr das F\u00fcrstentum Moskau. Das also war der Ausblick, den Puschkin hatte, als er hier zwei lange Winter festsa\u00df. Das musste auch f\u00fcr stabilere Seelen, als er eine hatte, schwer sein. Mir ging es schon in diesen zweieinhalb Stunden nicht gut.<br \/>\nVom Landgut Michailowskoje ist nach zwei deutschen Besatzungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nichts \u00fcbrig geblieben, was wir nun langsam zu sehen bekommen, ist nachgebaut. Von den einst ber\u00fchmten 200-j\u00e4hrigen Eichen- und Lindenalleen stehen nur noch einzelne alte Riesen, ein Tor, eine Br\u00fccke, ein niedriger, langgezogener Herrensitz aus Holz mit einer kleinen, \u00fcberdachten Vortreppe, angeblich alles originaltreue Kopien. Der Vorplatz ist vom Schnee ger\u00e4umt und dient als Parkplatz, zurzeit noch leer. Im Bus wird es langsam lebendig, und die vermummten Gestalten krabbeln ins Freie.<\/p>\n<p>Ich hatte mitbekommen, dass als Erstes eine Zeremonie vorgesehen war: Es sollte ein Denkmal f\u00fcr Puschkins Hasen aufgestellt werden.<br \/>\nDie Metallskulptur hatten die Puschkinisten im Gep\u00e4ck, allerdings war der als Fundament vorgesehene Holzpfahl nirgends zu finden. Da hatte nur ein Teil der Organisation geklappt. Die Pilger wussten sich zu helfen und schleppten aus einem Nebengeb\u00e4ude einen Balken heran, den man kurzerhand zu dem Werstpfahl erkl\u00e4rte, mit denen im zaristischen Reich die Staatsstra\u00dfen ges\u00e4umt waren.<br \/>\nEinige M\u00e4nner bearbeiteten den Pfosten mit \u00c4xten, schlugen ihn provisorisch in den Boden und setzten den Metallhasen auf ein oben angebrachtes Querbrett. Danach einige Reden von Andrej Bitow, Lew Schlosberg und einem eingetrockneten Redakteur der Literaturnaja Gazeta. Viele gro\u00dfe Worte, wenig in Erinnerung. Die Museumsmitarbeiter bewirten die Besucher mit Brot und Salz, erw\u00e4rmende Getr\u00e4nke sind vorbereitet, f\u00fcr den Hasen gibt es Gebinde aus Karotten und Kohl. Bitow h\u00e4ngt sie ihm unter Gel\u00e4chter und Applaus um den Hals, der Schwarzfahrer Sasha Swarz schm\u00fcckt den improvisierten Werstpfahl mit Kr\u00e4nzen aus Tannenreisig.<\/p>\n<p>Die Bedeutung von Puschkin als Zentralgestirn der russischen Literatur und Kultur insgesamt ist in der nicht Russisch sprechenden Welt nie ganz angekommen. Im Gegensatz zu Tolstoj, Dostojewski oder Tschechow ist er nicht heimisch, kein Europ\u00e4er und kein Weltenb\u00fcrger geworden. Ist das so, und wenn ja, warum?<br \/>\n<em>\u201ePuschkin stellt in der russischen Literatur ein Zentrum dar, wie es keine andere (nationale) Literatur aufzuweisen hat. (Hallo, was ist mit Shakespeare?) Er ist der Abschluss der vorhergehenden und zugleich der Beginn und das einzige Fundament aller sp\u00e4teren Dichtung.<br \/>\nEr ist der Brennpunkt, in dem sich alle von den Vorg\u00e4ngern ausgesandten Strahlen treffen, und zugleich die Sonne, deren Licht die ganze sp\u00e4tere russische Literatur bis auf unsere Tage durchdringt. Die Literatur w\u00e4re ohne ihn ebens<\/em>o <em>undenkbar wie die russische Sprache und Nation.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ganz so verz\u00fcckt wie der Artikel des sowjetischen Literaturwissenschaftlers Alexander Eliasberg 1924 fielen die Reden der Puschkinisten nicht aus. Bitow und Schlosberg schnitten eher ironische T\u00f6ne an, mit denen sie sich \u00fcber die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Puschkin-Verehrung zu Sowjetzeiten lustig machten. Der karotten- und tannenbekr\u00e4nzte Hase auf dem Werstpfahl zeigte am besten den Wandel, ohne die Gr\u00f6\u00dfe Puschkin auch nur um ein Jota zu verkleinern. Dass Puschkin im Ausland nie eingemeindet und zum gemeinsamen Besitz wurde, gerade darin sieht Bitow einen Vorzug der Russen.<br \/>\nDas ist eben ein Geheimnis, das ganz allein den Russen geh\u00f6rt, erkl\u00e4rt Bitow augenzwinkernd. Oder war es nur die bei\u00dfende K\u00e4lte, die die Tr\u00e4nen in die Augen zwingt? Puschkin gilt allen anderen h\u00f6chstens als Tschaikowskis Libretto-Schreiber, die Dramen von Eugen Onegin, Boris Godunow und Pique Dame kennt und sch\u00e4tzt man anderswo h\u00f6chstens als Opern, ganz zu schweigen vom un\u00fcbersetzbaren Genuss an seinen Versen. Wenige Dichter sind mehr untersucht und weniger verstanden worden.<br \/>\nKaum ein Dichterleben ist so dramatisch verlaufen wie das seine. Das Geheimnis, das Leben und Tod Puschkins umgibt, hat sich hartn\u00e4ckig der Nachforschung entzogen, r\u00e4umt auch Bitow ein und entschuldigt damit den unverst\u00e4ndigen Rest der Welt au\u00dferhalb Russlands. Danke!<\/p>\n<p>Die Puschkin-Anbetung war nicht Religionsersatz wie der Personenkult um Stalin, sondern sie war Religion. Bitow greift weit aus. Weil die Russen ein areligi\u00f6ses, heidnisches Volk sind, neigen sie zu solchen Verirrungen. Sie kennen keinen wirklichen Glauben, kennen den Wortlaut der Bibel nicht, sind in diesem Sinne nicht gottgl\u00e4ubig, sondern beten die Ikonen und das rote \u00d6ll\u00e4mpchen an, den Weihrauch und die Wachskerzen. Die sind viel handlicher als die Evangelien. Das ist G\u00f6tzendienst, Popanz. Der l\u00e4sst sich so leicht mit sich rumtragen, verehren, k\u00fcssen, ist gem\u00fctlich und tr\u00f6stlich. Denn wehe, man w\u00fcrde die Bibel lesen und ernst nehmen, das ist zu viel f\u00fcr die Menschen.<br \/>\nDie Russen lieben den Verstand nicht, nicht die Vernunft, nur Zauber und Spintisiererei. Niemand geht so streng ins Gericht mit den Russen wie Bitow.<br \/>\nIn diesem Sinne seien die meisten russischen Dichter falsch verstanden worden, zuallererst Puschkin und Gogol, die er als Rationalisten und Realisten bezeichnet, andersrum wieder bei Dostojewski und Tolstoj.<br \/>\nDarum haben sie ihre zusammengepappten Religionen, ihre Ideologien und Nationalismen, seien es Puschkin oder Ikonen, das Volk oder Politiker. Als grausame Religionskriege rasen sie \u00fcber den Erdball.<\/p>\n<p>In dieser Gesellschaft von Puschkin-Liebhabern schleicht sich bei mir eine Ahnung ein, dass Puschkin dort anf\u00e4ngt, wo mein Verst\u00e4ndnis aufh\u00f6rt, und dass Puschkin lebt und leben wird. Die kaum nachvollziehbare Innigkeit der Dichter-Verehrung wird aber eine russische Spezialit\u00e4t bleiben.<br \/>\nTrotz Bitows kritischer Anmerkungen geht der Personenkult munter weiter:<br \/>\nfeierliche Anbetung bei der obligaten F\u00fchrung durch den Landsitz. Es wird aus Puschkins verzweifelten Briefen dieser Zeit vorgelesen, das dramatische Gedicht <em>Graf Nulin <\/em>vorgetragen, das er in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1825 in seiner verrauchten Bude geschrieben hat. Beim Vortrag seiner Gedichte sprechen viele laut mit, was mich an unsere Gottesdienste erinnert.<br \/>\nDas Mittagessen gab es im angrenzenden Freiluftmuseum Bugrowo, dem nachgebauten Dorf, in dem die Leibeigenen der Puschkins gelebt haben. Puschkin war oft dort, hat ihnen bei ihrem Leben zugesehen, ihnen zugeh\u00f6rt, ihre Sprache studiert, sich aber an der Leibeigenschaft nie gesto\u00dfen. Zumindest gibt es nichts Schriftliches dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Nach zwei Stunden Zur\u00fcckrumpeln \u00fcber schlecht ger\u00e4umte Landstra\u00dfen blieb noch ein bisschen Zeit. Der aus Pskow stammende Journalist und Aktivist der liberalen Jabloko-Partei Lew Schlosberg leitete zum Abschluss vom Bus aus eine kurze F\u00fchrung durch die Stadt, die gerade ein noch \u00e4lteres Jubil\u00e4um begeht: 1000 Jahre seit ihrer Gr\u00fcndung durch Altslawen und War\u00e4ger. Zu sehen ist nicht viel, alles tief verschneit und im Nebel, in der Nachmittagsd\u00e4mmerung nur die gigantischen Mauern und T\u00fcrme des Kreml, von den vielen Kirchen nur verschwommene Konturen.<br \/>\nViel, sehr viel m\u00fcsste hier zu sehen und zu erfahren sein. Immerhin so viel, dass bei mir der feste Vorsatz bleibt, zu einer menschenfreundlicheren Zeit nach Pskow zur\u00fcckzukommen. Lew Schlosberg sagt nichts \u00fcber die j\u00fcngere Vergangenheit der Stadt, weil die jeder Russe von der Grundschule an kennt. Ich habe sie nach meiner R\u00fcckkehr nachgelesen.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen das auch: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pskow\" target=\"_blank\">Wikipedia Pskow (dt. Pleskau)<\/a><\/p>\n<p>17.9.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 18029<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der 23. Dezember 2000, als sich eine Gruppe von Menschen am Leningrader Bahnhof (hie\u00df wirklich noch so!), Bahnsteig 2, vor dem Waggon 17 versammelte, alle dick vermummt, denn es hatte in diesem Tagen um die zehn Grad minus. Au\u00dfer Andrej Bitow kannte ich niemanden pers\u00f6nlich, und diesen nur fl\u00fcchtig und aus einer Situation, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[102],"class_list":["post-7743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-anno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7743"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7751,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7743\/revisions\/7751"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}