{"id":7740,"date":"2018-03-26T14:44:58","date_gmt":"2018-03-26T14:44:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7740"},"modified":"2018-04-15T07:56:27","modified_gmt":"2018-04-15T07:56:27","slug":"als-putin-mir-die-tuer-oeffnete","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7740","title":{"rendered":"Als Putin mir die T\u00fcr \u00f6ffnete"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7740&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7740&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Obwohl journalistisch keineswegs unerfahren, war ich in den letzten Mai-Tagen 1991 ungew\u00f6hnlich aufgeregt. Eine pers\u00f6nliche Einladung vom 1. Vorsitzenden des Lensowjets zu bekommen, war auch in jenen st\u00fcrmischen Monaten des Jahres 1991 nicht allt\u00e4glich. Anatolij Alexandrowitsch Sobtschak wollte dem ORF in seinem Amtsitz in Leningrad ein Interview geben. Ein Monat sp\u00e4ter sollte er als erster, mit fast achtzig Prozent der Stimmen demokratisch gew\u00e4hlter Gouverneur das Ruder in der n\u00f6rdlichen Hauptstadt \u00fcbernehmen, dessen erste Amtshandlung die R\u00fcckbenennung in St. Petersburg war.<\/p>\n<p>Ich hatte den Jura-Professor und Deputierten des \u201eDemokratischen Russland\u201c im Obersten Sowjet kennengelernt. Es war die Zeit, als diese verkrustete Abstimmungsmaschinerie die ersten Schritte auf dem Weg in den Parlamentarismus tat, sich Parteien und Fraktionen herauszubilden begannen, und die meist w\u00fcsten, noch kaum geregelten Debatten schon mal vierzehn oder sechzehn Stunden dauern konnten. Der damals 53-j\u00e4hrige Sobtschak fiel in der Masse von ranzigen Armeeuniformen und mausgrauen Parteifunktion\u00e4ren in mehrfacher Hinsicht auf: Er wirkte jugendlich, spr\u00fchte vor Energie und sah gut aus; war schlank und hochgewachsen, hatte einen gepflegten Haarschnitt, saubere Schuhe und kleidete sich gerne entweder in Ma\u00dfanz\u00fcge mit Gilets und exquisiten Krawatten oder machte mit gro\u00dfkarierten Jacketts und grellen Steckt\u00fcchern Furore.<\/p>\n<p>Am Rednerpult stellte er regelm\u00e4\u00dfig sein dialektisch geschultes rhetorisches Talent und die brillante Intelligenz unter Beweis. Den z\u00fcndenden Vortrag hatte er sich nicht etwa in der Politik angeeignet, sondern als Jura-Professor vor den wachen, westlich orientierten Studenten der Leningrader Universit\u00e4t. Ende der 80er-Jahre war er der unbestrittene Wortf\u00fchrer der Demokraten. Die westlichen Journalisten liebten ihn daf\u00fcr, dass er sich auch noch nach den l\u00e4ngsten Sessionen in den Kreml-Couloirs f\u00fcr Fragen zur Verf\u00fcgung stellte und dabei mit offenen Worten nicht geizte.<br \/>\nDas war die Gallionsfigur, die das neue, postsowjetische Zeitalter repr\u00e4sentierte, der Held, in den viele ihre Hoffnung auf eine demokratische Wende setzten und der sogar von den Massen daf\u00fcr belohnt wurde.<\/p>\n<p>Dieser politische Wunderwuzzi hatte mich also zu einem Interview eingeladen, ihn nicht wie sonst immer im Geschrei und Journalistengew\u00fchl zwischen T\u00fcr und Angel zu befragen, sondern exklusiv im Lensowjet. Der Termin wurde \u00fcber die B\u00fcros festgesetzt, und wir brachen Ende Mai erwartungsvoll nach Leningrad auf. In der Eingangshalle des imposanten Geb\u00e4udes, dem ehemaligen Smolnij-Institut, wo schon Lenin seine F\u00e4den gezogen hatte, wurden mein Zwei-Mann-Team und ich einer f\u00fcr sowjetische Verh\u00e4ltnisse eher l\u00e4ssigen Kontrolle durch bullenartige Sicherheitsleute unterzogen, eigentlich nur unsere TV-Ausr\u00fcstung zerlegt. Nachdem wir unsere Sachen wieder zusammengepackt hatten und die breite Treppe hinauf verwiesen worden waren, kam uns in der Beletage ein unscheinbarer, kleinw\u00fcchsiger Mann entgegen und erkl\u00e4rte uns, dass wir erwartet w\u00fcrden, uns aber noch gedulden m\u00fcssten, bis der Genosse Vorsitzende Sobtschak uns empfangen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Er bat uns zu einer langen Lederbank und postierte sich selbst vor einer Doppelfl\u00fcgelt\u00fcr, die wie alles im Smolnij hoch, gro\u00df, massiv, gigantisch war. Welche Pracht in den weitl\u00e4ufigen Treppenh\u00e4usern und Korridoren, in deren \u00fcbermannsgro\u00dfen Nischen Imitate griechischer Statuen, Amphoren und Malachitvasen zu bewundern gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tten sie die revolution\u00e4re Zerst\u00f6rungswut des bolschewistischen Sturmes im Oktober 1917 \u00fcberlebt. Irgendwo in diesem 1808 in streng klassizistischem Stil von italienischen Architekten als Erziehungsanstalt f\u00fcr H\u00f6here T\u00f6chter erbauten Palastes musste sich das Lenin-Museum befinden. Und auch das Zimmer, in dem 1934 der beliebte Leningrader Parteichef Sergej Kirov im Auftrag Stalins erschossen worden war.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des stummen Wartens hatte ich Gelegenheit, den W\u00e4chter, der vor dem Sobtschak-Heiligtum auf und ab ging, n\u00e4her zu betrachten: unter vierzig, sch\u00e4tzte ich, das d\u00fcnne, blassblonde Haar an der hohen Stirn angeklebt, tiefliegende Augen, Farbe nicht erkennbar unter den amphibienartigen Lidern, lange Nase, schmaler Mund, gro\u00dfer Adamsapfel, das blasse Gesicht in absoluter Ausdruckslosigkeit. Dem br\u00e4unlichen Anzug in bestem Ostblock-Nylonschick mit den sich wellenden N\u00e4hten, zu kurzen Hosen \u00fcber grauen Socken und schlechtem Schuhwerk, dem gr\u00fcnlichen Hemd und dem w\u00fcrgend-schmalen Krawattenstrick nach zu schlie\u00dfen \u2013 ein verkleideter Tschekist.<br \/>\nMir fiel noch auf, dass der Mann, den ich f\u00fcr einen internen Portier hielt, st\u00e4ndig auf seine Uhr am rechten Handgelenk sah und nerv\u00f6s an ihr herumnestelte, eine gro\u00dfe, runde, goldene der Luxus-Sowjetmarke Zenit. Warum ich das wusste? Weil ich die gleiche habe, ich trage sie aber links.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ein Ger\u00e4usch von innen, der W\u00e4chter st\u00fcrzte an die T\u00fcr, riss die linke H\u00e4lfte auf und lie\u00df einige Herren heraustreten, verschwand f\u00fcr wenige Augenblicke und bat dann uns hinein. Wir waren mit Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nden voll bepackt, sodass uns der Mann zuerst den Au\u00dfenfl\u00fcgel aufhielt und dann im Saal den Innenfl\u00fcgel. F\u00fcr so viel Zuvorkommenheit dankend, dr\u00e4ngelten wir an ihm vorbei, wobei mir seine kleine, kaum merkliche Verbeugung nicht entging: Zehn Minuten und nicht l\u00e4nger, murmelte er dabei, weniger autorit\u00e4r als devot und \u00e4ngstlich, wie mir schien.<\/p>\n<p>Sobtschak sa\u00df am Ende eines endlos scheinenden, holzget\u00e4felten Saales, der wie alle B\u00fcrokratens\u00e4le der Sowjetunion mit einer langen Reihen von Tischen und St\u00fchlen l\u00e4ngs der Mitte und an der Kopfseite mit quergestellten Tischen in T-Form m\u00f6bliert war, an deren Kreuzungspunkt Sobtschak seinen Schreibtisch hatte, flankiert von der sowjetischen und der russischen Fahne. Bei unserem Eintreten sprang er auf, umrundete das gro\u00dfe T links, kam uns freundlich, offen, lachend mit ausgestreckten H\u00e4nden wie alten Bekannten entgegen.<br \/>\nEin solch unzeremonielles Begr\u00fc\u00dfungsverhalten hielten wir Journalisten am Ende der Sowjetunion noch f\u00fcr die wahre Revolution, es warf mich kurz aus dem Konzept meines Fragenkatalogs, verwirrte die Sinne der einheimischen TV-Leute und entspannte uns alle ungemein. Sein Dreiteiler war \u00fcbrigens diesmal nachtblauer Nadelstreif, das Hemd lila-wei\u00df mit Kn\u00f6pfchen an den Kragenenden und die Krawatte in gedecktem Gelb mit bourbonischen Lilien. Geht er schon in Paris einkaufen, schoss es mir durch den Kopf.<\/p>\n<p>Es war auch noch ungewohnt, dass ein Funktion\u00e4r keine von seinem B\u00fcro gepr\u00fcfte Frageliste vorgelegt bekommen wollte, sondern <em>mich <\/em>fragte, was <em>ich <\/em>denn <em>wissen wolle<\/em>. Er legte frei von der Leber weg mit seinem Vortrag los, was er f\u00fcr die brennendsten Probleme Russlands! \u2013 ja, Russlands, nicht der Sowjetunion \u2013 hielt. Die bolschewistische Revolution sei ein gro\u00dfer Fehler gewesen, es h\u00e4tte zuerst die b\u00fcrgerliche Revolution vollendet und der Kapitalismus entwickelt werden m\u00fcssen. Ein Voll-Revisionist! Er f\u00fchrte aus, wie jetzt seiner Meinung nach in einem gigantischen Reformprojekt Russland \u2013 ja, er sagte Russland, nicht Sowjetunion \u2013 umgestaltet werden m\u00fcsste: Durch die Zulassung des Privatkapitals die Demokratie entfalten, garantiertes Recht auf Geld und Unternehmungen f\u00fcr jeden B\u00fcrger als Garant f\u00fcr die Demokratie, das war seine Hauptthese, wie er schon oft im Obersten Sowjet, im Lesowjet und in TV-Runden dargelegt hatte.<\/p>\n<p>Sobtschak sprach immer lebhaft und ungezwungen, gei\u00dfelte die bodenlose Dummheit der KPdSU-Funktion\u00e4re und gab Politschnurren voller Situationskomik wieder \u2013 er war wie f\u00fcr das Fernsehen geschaffen. Ein scharfer Denker und brillanter Formulierer, uferte aber immer wieder aus, von der Geschichte der franz\u00f6sischen Revolution bis zur russischen von 1905, als fast schon die Weichen gegen die Autokratie und f\u00fcr die Bourgeoisie gestellt waren. Seine Begeisterung galt dem kurzen 20. Jahrhundert vor 1914, als Russland vollst\u00e4ndig in die europ\u00e4ische Politik, Wirtschaft und das B\u00fcndnissysem integriert gewesen sei. Ebenso verbreiterte er sich \u00fcber den noch k\u00fcrzeren Zeitraum zwischen dem Sturz des Zarentums im Februar 1917 mit seiner provisorischen b\u00fcrgerlichen Regierung und dem bolschewistischen Oktoberputsch.<\/p>\n<p>Ich bem\u00fchte mich durch mein Fragen, ihn m\u00f6glichst lange bei der Stange zu halten. Da bemerkte ich in seinem Gesicht eine leichte Irritation, und er gab in Richtung Eingangst\u00fcre einen Wink ab. Ich drehte mich ganz gegen die Interview-Regeln um und sah das T\u00fcrsteherm\u00e4nnlein, das die rechte Hand hochreckte und mit ausgestreckten Fingern eine F\u00fcnf zeigte, f\u00fcnf Minuten Interview hatten wir also noch. Sobtschak verscheuchte ihn ungeduldig wie eine l\u00e4stige Fliege; er war in seinem Gedankenfluss gest\u00f6rt worden, und wir mussten die Kassette wechseln, diese Passage wiederholen, aber Sobtschak fand von Neuem in seinen Traum von einem durchkapitalisierten, demokratischen, rechtssicheren Russland hinein, das sich in die europ\u00e4ischen und westlichen Entwicklungen einklinken werde. Mit Vehemenz warb er f\u00fcr sein damaliges Lieblingsprojekt, die Schaffung einer wirtschaftlichen Sonderzone St. Petersburg mit den baltischen Republiken und anderen Anrainern der Ostsee. Er sollte damit allein bleiben, die Balten verabschiedeten sich aus der Sowjetunion und strebten auf eigene Faust nach Europa.<\/p>\n<p>Zweimal noch wedelte er den ungeduldig Minuten zeigenden Zerberus hinaus, da waren es aber nur noch drei und dann zwei Finger; im Vorzimmer muss es einen hektischen Besucherstau gegeben haben. Letztendlich hatten wir mehr als eine Stunde Interview auf Band aufgenommen, bevor uns Sobtschak, intellektuell befriedigt und ges\u00e4ttigt wie von einem guten Mahl, entlie\u00df. An die Verabschiedung vom T\u00fcrsteher kann ich mich, wahrscheinlich im Journalistengl\u00fcck schwelgend, nicht mehr erinnern.<\/p>\n<p>Drei Monate nach dem Mauerfall kam ein abgehalfterter Spion aus Dresden\/DDR zur\u00fcck und wurde vom KGB Leningrad wegen personeller \u00dcberkapazit\u00e4ten als Oberstleutnant in die Reserve entlassen. Anfangs schlug er sich als Taxifahrer durch, bis ihm sein fr\u00fcherer Jura-Professor an der Universit\u00e4t eine Assistentenstelle verschaffte. Als wir im Mai 1991 W.W. Putin trafen, war er im B\u00fcrgermeister-Amt M\u00e4dchen f\u00fcr alles, nach Sobtschaks Wahl zum Gouverneur von St. Petersburg wurde er einer von dessen Stellvertretern, zust\u00e4ndig f\u00fcr die Au\u00dfenhandelsbeziehungen, wegen seiner Deutschkenntnisse mit Schwerpunkt Deutschland.<br \/>\nErst als 1998 ein gewisser W.W. Putin FSB-Chef (Inlandsgeheimdienst, Nachfolger des KGB) wurde, tauchten sein Gesicht und sein Name in einer breiteren \u00d6ffentlichkeit auf.<br \/>\nErst da wurde mir klar, wer mir damals im Smolny die T\u00fcr aufgehalten hatte.<\/p>\n<p>Die weiteren Karrierespr\u00fcnge des W.W. Putin in den Jahren seither sind hinl\u00e4nglich bekannt. Als Sobtschak 1996 abgew\u00e4hlt wurde, zeigte sich schon das Menetekel an der Wand: Nicht intellektuelle Romantiker mit hochfliegenden Demokratietr\u00e4umen, sondern die alten KGB-Seilschaften griffen nach der Macht. In einer politischen und medialen Hetzjagd wurde Sobtschak betr\u00fcgerischer Machenschaften in der Au\u00dfenwirtschaft beschuldigt und ins Exil getrieben. Zwei Jahre lehrte er an der Sorbonne, kehrte 1999 nach Petersburg zur\u00fcck, wurde Putins Wahlhelfer und starb 2000 unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden \u2013 offiziell an Herzinfarkt \u2013 bei Kaliningrad, gerade als W.W. Putin zum ersten Mal russischer Pr\u00e4sident wurde. Dieser hat seither Regierungs- und Kleidungsstil mehrmals gewechselt, die Vorliebe f\u00fcr Protzuhren ist ihm geblieben.<\/p>\n<p>26.12. 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">ver\u00f6ffentlicht in <em><a href=\"http:\/\/www.omvs.at\/de\/literatur-und-kritik\/heftarchiv\/heft-481482\/\" target=\"_blank\">Literatur&amp;Kritik, M\u00e4rz 2014, Nr. 481\/482<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 18030<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl journalistisch keineswegs unerfahren, war ich in den letzten Mai-Tagen 1991 ungew\u00f6hnlich aufgeregt. 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