{"id":770,"date":"2014-01-13T17:16:58","date_gmt":"2014-01-13T17:16:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=770"},"modified":"2014-03-25T12:57:34","modified_gmt":"2014-03-25T12:57:34","slug":"drei-eins-zwei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=770","title":{"rendered":"Drei, eins, zwei"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts770&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts770&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Zigarette war aus. War sie an? Kein Rauch, nein, kein Rauch, ja. Nein, sie war aus. Roter Kreis, Zigarette durchgestrichen, Herr Mauerstahl konnte sich wieder erinnern. Er\u00a0 rauchte gar nicht, er hatte nie geraucht, er hasste Rauchen. Schon gar nicht drinnen, drau\u00dfen auch nicht. Dieser Gestank, diese gr\u00e4sslichen Schwaden, die unter dem verschn\u00f6rkelten Lampenschirm ihre graue Zwischendecke einziehen w\u00fcrden oder die der Wind davonrei\u00dfen w\u00fcrde am Balkon und hinein in die Statistik, in den Balken f\u00fcr die Feinstaubbelastung, hinein in die Zeit im Bild. Ja, er hatte Wichtigeres mit seinen Lungen anzufangen, ja, genau, Schluss damit. Sauerstoff, mehr Sauerstoff. Schluss damit. Endg\u00fcltig.<br \/>\nEin Zweier.<br \/>\nDer W\u00fcrfel hatte sich kaum \u00fcberschlagen. Nur ein l\u00e4cherliches Umkippen und dann war er auf die Seite gefallen, widerwillig, ungelenk, nein, h\u00e4misch grinsend. Der Winkel war zu stumpf geraten, ja, das musste es gewesen sein. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel, federleicht, gleitend, wie ein flacher Stein auf dem Wasser. Drei Mal, vier Mal, sechzehn Mal, bam bam barapapam. Ja, Herr Mauerstahl h\u00e4tte nur so eine Chance, seinen R\u00fcckstand wieder aufzuholen. Eine Chance, dachte er, ja, genau! Chancen hatte jeder, nur: Er hatte ein System. Ein System! Ein ganzes! Auf das eine Sechstel verlassen? L\u00e4cherlich, einfach lachhaft!<br \/>\nKonzentration.<br \/>\nEinatmen, Ausatmen.<br \/>\nDen Zweier musste Herr Mauerstahl schnell vergessen.<br \/>\nLangsam und tief, langsam, und bis es brennt.<\/p>\n<p>Dann f\u00fcr die n\u00e4chste Runde schon einmal gedanklich den Vierer fest in die Lebenslinie dr\u00fccken, diagonal von links oben nach rechts unten, links oben nach rechts unten, nicht vergessen! Dann die Handfl\u00e4che w\u00f6lben f\u00fcr den Unterdruck, leicht nur, nicht zu viel, schwingend ausholen, nicht nur mit dem Handgelenk. Der Ellbogen, der Ellbogen war der Schl\u00fcssel. F\u00fcnfundvierzig Grad \u00d6ffnungswinkel und ein F\u00fcnfer zu vierundsiebzig Prozent, zweiunddrei\u00dfig Grad und ein Dreier in \u00fcber der H\u00e4lfte aller F\u00e4lle.<br \/>\nDer Sechser aber war am schwierigsten.<br \/>\nBeinahe neunzig Grad.<br \/>\nUnd ganz knapp vor der Tischkante musste er dann loslassen. Zu fr\u00fch oder zu sp\u00e4t und alles davor war umsonst gewesen. Umsonst! Da ging es um Millisekunden, wenn nicht gar um viel weniger. Und feuchte H\u00e4nde, oh, das w\u00e4re sein Untergang. Unvorhersehbar, alles Zufall sonst. Nein, Herr Mauerstahl glaubte nicht mehr daran, schon lange nicht mehr. In seinem Keller hatte er das Spiel ja studiert, dann, wenn alle anderen schon im Bett waren, wenn sie sich herumw\u00e4lzten in ihrer Ahnungslosigkeit. Nichts wussten sie \u00fcber seine Tischtuchtheorie. Nichts wussten sie! Gar nichts.<\/p>\n<p>Die aus Baumwolle, die war die schlimmste.<br \/>\nZu weich, zu leicht schlug sie Wellen.<br \/>\nEin Glas Wasser, voll, halb-voll, dreiviertel-voll, leer, mit oder ohne Untersetzer. All das galt es miteinzuberechnen, akribisch auszutesten. Und war es nur eins oder zwei oder vier Gl\u00e4ser und wo stand die Flasche, die in dem wenigen Licht kurze Schatten warf. 150 Gramm Chips, neun Stangen Soletti, dreiunddrei\u00dfig Gummib\u00e4ren, es war das Gewicht, das den Ausschlag gab. Nein, nicht nur das Gewicht, es war auch die Grundfl\u00e4che, hohe Physik, dachte Herr Mauerstahl, h\u00f6chste Physik. Ja, und erst die ganzen Unterarme, die die dazugeh\u00f6rigen Kiefer abst\u00fctzten, und das Kauen, das Schlucken und die ganze Vibration, die sich fortpflanzte durch die Knochen und hinein in den Stoff, der sich spannte und dehnte, synchron mit dem Mahlger\u00e4usch ihrer Z\u00e4hne. Mehr Schwung, ein bisschen weniger. N\u00e4chtelang hatte Herr Mauerstahl all das im Keller simuliert. A4-Hefte, voll mit Skizzen, bis \u00fcber den Korrekturrand, ganze Werkzeugschr\u00e4nke bis oben hin voll, von oben bis unten.<br \/>\nSechs, noch mal w\u00fcrfeln, vier, zehn.<br \/>\nDas Klappern von Plastik auf Karton.<br \/>\nZehn!<br \/>\nHerr Mauerstahl konnte es kaum fassen.<\/p>\n<p>Und erst diese grauenhafte Zahnl\u00fccke in diesem Milchgesicht, das ihm da gegen\u00fcber sa\u00df und triumphierend die F\u00e4uste ballte. Ekelerregend, einfach ekelhaft. Allein nur wie sich die Mundwinkel nach oben schoben, hinauf zu einem schiefen L\u00e4cheln, einer grauenvollen Fratze, einer Verh\u00f6hnung all seiner M\u00fchen. Zu einer Kampfansage, die Herrn Mauerstahl das Blut gegen die Stirn schie\u00dfen lie\u00df, so als wollte es ihm aus dem Sch\u00e4del fahren wie die Font\u00e4nen vom Springbrunnen am Schwarzenbergplatz. Diese Hitze, diese uns\u00e4gliche Hitze, nein, kalt, nein, Prickeln, nein, Hass, blanker Hass. Was wusste er schon, dachte Herr Mauerstahl, was wusste er schon. Nichts wusste er! Reines Gl\u00fcck, nur Gl\u00fcck und nichts als Gl\u00fcck und erst diese Wurstfinger, nein, mit rechten Dingen konnte das nicht zugehen hier. Nein, der W\u00fcrfel, der musste es sein. Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten im Material, ja, ein Fabrikationsfehler, mehr nicht. Ja, freu\u2019 dich nur ruhig weiter, dachte Herr Mauerstahl, das kommt alles retour. Alles!<br \/>\nDann der n\u00e4chste, eine \u00fcbelriechende Gestalt, die an einem St\u00fcck Plastik kaute.<br \/>\nEins!<br \/>\nHa, der war weg, zweifellos, zu hundert Prozent, 99,999 periodisch.<br \/>\nNur noch einer vor ihm.<br \/>\nEine!<br \/>\nEine Frau.<br \/>\nWurfhand sch\u00fctteln, auflockern, unter dem Tisch, Schwei\u00df an der Hose abwischen, im Geheimen. Nein, nein, sie brauchte das nat\u00fcrlich nicht. Das geht sicher auch so. Amateurin! Zum Abgew\u00f6hnen!<br \/>\nEin Trauerspiel.<br \/>\nOh, ja, und erst diese k\u00fcmmerlichen Fingern\u00e4gel, dieser geschmacklose rostbraune Lack. Viel zu lang f\u00fcr eine nennenswerte Flugkurve, viel zu lang schon, verachtenswert lang. Herr Mauerstahl sah sich schon im R\u00fccken des Ersten, ein Messer zwischen den Z\u00e4hnen, drei oder vier. Drei Runden vielleicht noch, vier maximal. F\u00fcnfeinhalb Augen pro Wurf, ja, das sollte reichen. Risiko, jawohl, vertretbar ebenfalls. Nur keine Fehler jetzt, nur keinen Fehler.<\/p>\n<p>F\u00fcnf!<br \/>\nUm Himmels Willen, dachte Herr Mauerstahl, um Himmels Willen.<br \/>\nEine Verschw\u00f6rung, ja, das ganze Universum hatte sich verschworen gegen ihn, anders konnte das gar nicht sein, das ganze Universum! Die Sch\u00f6pfung selbst vielleicht sogar! Buddha, Jesus und dieser Elefantengott. Ja, das sah ihnen \u00e4hnlich. Dabei hatte er ganz genau hingesehen, gesehen, wie ihr der W\u00fcrfel viel zu sp\u00e4t vom viel zu abrupten Abbremsen ihres Wurfarms von der klebrigen Haut gesch\u00e4lt worden war von dessen Tr\u00e4gheit. Mit ihrem Wurfarm, das musste man sich nur einmal vorstellen, dachte Herr Mauerstahl, mit den Fingerkuppen ihres Wurfarms hatte sie davor Schokolade in ihren Mund bef\u00f6rdert, Schokolade! Fett und Karamell, geschmolzenes Gift f\u00fcr jeden Versuch einer sinnvollen Herangehensweise. Nein, dachte Herr Mauerstahl, so nicht, nicht mit mir, nein, so ganz sicher nicht!<br \/>\nEr war an der Reihe.<br \/>\nEinatmen, Ausatmen, her mit der inneren Ruhe.<br \/>\nEinatmen, Ausatmen, in langen, tiefen Z\u00fcgen.<br \/>\nJa!<\/p>\n<p>Jetzt noch einmal alles durchgehen, nur nicht abschweifen, oh, dieser Bauch mit seinen krampfhaften Nerven. Nur keine falsche Bewegung, nicht einmal ein Zucken mit der Wimper war jetzt noch tolerierbar, bedrohte gar Herr Mauerstahls weitere Existenz, sein Weiterleben und wer wei\u00df was noch \u00fcber die Hintert\u00fcr. Aufpassen! Aufgepasst!<br \/>\nJawohl!<br \/>\nPerfekt!<br \/>\nWas f\u00fcr eine Sch\u00f6nheit!<br \/>\nNoch nie hatte Herr Mauerstahl eine derart makellose Rollphase hinbekommen, ja \u00fcberhaupt gesehen, ja, sich \u00fcberhaupt vorstellen k\u00f6nnen. Bam bam barapapam wippte sein Fu\u00df, bam bam barapapam h\u00fcpfte der W\u00fcrfel, ein herrlicher Purzelbaum nach dem anderen.<br \/>\nSechs!<\/p>\n<p>Herr Mauerstahls Herz sprang. Er konnte es gerade noch verhindern, dass sich seine Arme von selbst mit nach oben in Siegerpose rissen. Noch war ja noch nichts gewonnen, dachte er, zwar greifbar nah, ja, wirklich greifbar, und au\u00dferdem war ja ohnehin festgestanden, dass sein Plan nichts anderes konnte als zu funktionieren. Fl\u00fcssigkeit in seinen Augenwinkeln, ein undefinierbares Gef\u00fchl, das ihm den Nacken hinauf zog.<br \/>\nNoch einmal, dachte Herr Mauerstahl, noch einmal, und alles war wieder offen. F\u00fcr ihn. F\u00fcr niemanden sonst. Das war das, was ihm von der Gerechtigkeit her zustand, und worauf er schon viel zu lange hatte warten m\u00fcssen. Jetzt! Endlich! Erst!<br \/>\nF\u00fcnf!<br \/>\nElf!<br \/>\nElf!<\/p>\n<p>Jetzt zeigte er es ihnen! Endg\u00fcltig! Er zeigte es ihnen, so wie er es ihnen immer hatte zeigen wollen, dann aber am Ende wieder nur dagesessen und sich gewundert hatte, warum da jemand vor ihm die vier bunten Kreise voll hatte, der aus seiner Sicht nie h\u00e4tte auch nur einen Trostpreis gewinnen sollen bei der Technik, bei diesem Wahnsinn, den sie W\u00fcrfeln nannten. Ja, weit weg von Fairness war das Ganze gewesen, schon lang, so weit weg, dass Herr Mauerstahl nicht einmal mehr hatte verstehen k\u00f6nnen, warum die Welt noch stand. Nein, jetzt war es aus, dachte er, jetzt war ihr Gl\u00fcck aufgebraucht, herausgekratzt mit einem Dessertl\u00f6ffel aus der Schr\u00e4ge ihrer einst randvollen Suppensch\u00fcssel, der letzte Rest. Die letzten Br\u00f6sel von ganz hinten aus der Besteckschublade. Ja, genau!<br \/>\nNein!<br \/>\nDas konnte nicht sein, nein, das durfte nicht, nein, es war unm\u00f6glich.<br \/>\nNein und nochmals nein!<\/p>\n<p>Herr Mauerstahl konnte es beinahe f\u00fchlen. Wie ein Schlag in die Magengrube, ja, so f\u00fchlte es sich an, als der n\u00e4chste Wurf der hinter ihm lauernden Zahnl\u00fccke als Dreier zum Liegen kam. Asymmetrisch, wabbernd, wobbelnd, wie ein Fahrrad mit Achter vorn und hinten war der W\u00fcrfel ausgerollt, war er schlenkernd an seinem mangelnden Drehmoment erstickt, war er kampflos an der Kante des Spielfelds qualvoll verreckt. Verreckt war er, ja, mehr war das nicht, dachte Herr Mauerstahl, der seine Z\u00e4hne fletschte, der sich am liebsten in die Hand gebissen h\u00e4tte, der Amok lief mit seinen Blicken.<br \/>\nNein! Nur nichts anmerken lassen. Keine Angst, keinen Groll, kein Gef\u00fchl mehr zulassen. Das Gesicht ruhig, nach au\u00dfen gew\u00f6lbt wie ein Meer aus Quecksilber, ganz so, als w\u00e4re nichts.<br \/>\nEr konnte nicht hinsehen, alles auf Zeitlupe, so langsam, dass Herrn Mauerstahls Ohren selbst den Schall in die L\u00e4nge zogen zu einem r\u00f6hrenden Irgendwas, zu einem unaufh\u00f6rlichen R\u00fctteln an seiner Selbstbeherrschung.<br \/>\nVielleicht merkt er es ja nicht, vielleicht, ja, vielleicht!<br \/>\nJa, jeder \u00fcbersieht einmal, jeder!<br \/>\nKein Schlagzwang, nein, so spielten sie nicht.<br \/>\nEinatmen, Ausatmen.<br \/>\nSchei\u00dfdreck, g\u2019schissener!<\/p>\n<p>Ein H\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4h\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4h, und dann ein Zucken mit dem Handgelenk.<br \/>\nDann ein Kegel aus Plastik, der im seichten Bogen \u00fcber den Tisch pl\u00e4tscherte, mit dem Kopf aufschlug, dann ein Salto, noch einer und noch einer. Brutal, ja, brutalst.<br \/>\nNiemals h\u00e4tte das passieren d\u00fcrfen, ja, niemals und erst recht \u00fcberhaupt. Man stelle sich das einmal vor, dachte Herr Mauerstahl, kaum auszudenken mit welchen primitiven Mitteln, mit welchen Steinzeitmethoden es hier m\u00f6glich war, sein sorgf\u00e4ltig ausgekl\u00fcgeltes Spielkonzept einzustampfen, es zu zerfleddern, in Millionen winzige Fetzen. Aber nicht mit ihm! Alles, aber das nicht. Herrn Mauerstahls Fingern\u00e4gel krallten sich fest in seinen Oberschenkel, dr\u00fcckten sich hinein in den Stoff, hinunter ins Fleisch, bis das Nagelbett wei\u00df und der Schmerz ihn zur\u00fcck holte, zur\u00fcck an den Tisch und gerade rechtzeitig f\u00fcr eine weitere \u00dcberdosis Absurdit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nicht, dachte Herr Mauerstahl, dass es ausreichend war, ihn fertig zu machen, ihn zu vernichten, nein, es war anscheinend von \u00e4u\u00dferster Wichtigkeit, ihn dabei auch noch zu verspotten, ihn zu drangsalieren mit einer Unmenschlichkeit, die keine Steigerungsform mehr zulie\u00df. Nicht, dachte er, dass es genug war, dass sein letztes M\u00e4nnchen jetzt wieder in einem der quadratisch angeordneten, runden Startfelder gefangen war und nur mit einem Sechser von dort wieder entkommen w\u00fcrde k\u00f6nnen, einem Sechser, der wie er wusste am schwierigsten zu bewerkstelligen war, nein, es war auch noch so, dass alle anderen derart viel Spa\u00df dabei hatten. Kein Wunder, dachte Herr Mauerstahl, sonst war ja da nichts. Kein Denken, kein \u00dcberlegen, nein, nicht einmal ein Funken Ehrgeiz war deutlich sichtbar auszumachen. Sinnlos wurden da die W\u00fcrfel in der Handfl\u00e4che herumgeschwenkt und dann einfach auf den Tisch gesch\u00fcttet, wie Speisereste in die Klomuschel. Es war so, dachte Herr Mauerstahl, als w\u00fcrden Einzeller, weich und matschig, ohne Gehirn, ja ohne zentrales Nervensystem, ihn, das einzige Lebewesen an diesem Tisch mit bewusstem Verstand, mit einer Ahnung von irgendwas hinunter in die Knie zwingen.<br \/>\nVier, f\u00fcnf, eins.<br \/>\nMuahahahahaha.<\/p>\n<p>Herr Mauerstahl hatte das Gef\u00fchl, wahnsinnig werden zu m\u00fcssen, das Spielfeld zu nehmen und es mitsamt der darauf befindlichen apokalyptischen Anordnung farbiger Maxerl gegen die Wand zu schleudern, mit einer solchen Wucht, dass das gesamte Haus in sich zusammen fallen und um sich herum das gesamte Weltall mit in den Abgrund rei\u00dfen w\u00fcrde, so weit in den Abgrund rei\u00dfen w\u00fcrde, bis nur noch ein dunkler Teppich aus Nichts alles bis zur Unendlichkeit \u00fcberzog. Ja, dachte Herr Mauerstahl, und das zu Recht, mit allem Recht das noch \u00fcbrig war, nach all dem Unrecht, das sich hier auft\u00fcrmte zu einem spitzen Berg, der wie ein Pfahl durch die Wolken stach und in die Sonne hinein, die aufplatzte, die aufh\u00f6rte zu scheinen, aus Protest \u00fcber das, was die Wirklichkeit Herrn Mauerstahl hier antat.<br \/>\nZwei, zwei, vier.<br \/>\nZwei, zwei, vier!<br \/>\nAber nicht ernsthaft!<br \/>\nHintereinander zwei Zweier, wo war sie da die Wahrscheinlichkeit?<br \/>\nWo?<\/p>\n<p>Mit aufeinander gepressten Lippen sa\u00df Herr Mauerstahl da und musste mitansehen, wie er zerbr\u00f6selte, in sich versickerte, wie er den W\u00fcrfel nur noch derart auf dem Tischtuch einschlagen lie\u00df, dass er von dort aus nach oben geschleudert, in der Luft Pirouetten drehte, w\u00e4hrend alles andere in Wei\u00dfglut unterging.<br \/>\nDrei, eins, zwei.<br \/>\nNein, nein und nochmals nein. Herr Mauerstahl hatte sich verabschiedet, von seinen zahllosen Tabellen, von seinen Bleistiften, von all dem, woran er nicht alles gedacht hatte, von all dem, das ihm den Sieg versprochen hatte und nun sein Versprechen brach. Vergessen waren Winkelma\u00dfe, vergessen war die Flugbahn, die dann folgte. Verloren in einem Wellenbad aus wogender Verzweiflung, gefangen in einem Pyjama ohne Zipp, ohne Kn\u00f6pfe, ohne Naht, die h\u00e4tte auseinander gehen k\u00f6nnen und ihn retten, in letzter Sekunde. Immer enger, immer enger, kein Platz mehr zum Atmen, kein Platz.<\/p>\n<p>Es kam, wie es kommen musste, wie Herr Mauerstahl sich Schicksal vorstellte.<br \/>\nBaparap bam bam.<br \/>\nEin Zweier und da standen sie, vier Maxerl in einer Reihe, erneut nicht im Gr\u00fcn von Herrn Mauerstahl. Seine H\u00e4nde erw\u00fcrgten sich, ihm wurde schlecht.<br \/>\nBravo! Und gut hast du das gemacht.<br \/>\nVon \u00fcberall her diese Stimmen, von \u00fcberall diese Gl\u00fcckw\u00fcnsche sabbernden Versager, die Herrn Mauerstahl erneut allein mit bitterer Galle auf der Zunge zur\u00fcck lie\u00dfen, sich scharten um den Sieger, einen Sieger, der falscher nicht h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese kurzen Finger, diese L\u00fccke in der Reihe aus Z\u00e4hnen ohne Wurzeln, die nur darauf warteten, mit dem Wackeln zu beginnen, an ihrem letzten fleischigen Faden zu h\u00e4ngen, sich zu str\u00e4uben vor dem Unvermeidlichen. Ja, das war es, was da zu ihm her\u00fcberschaute und wahrscheinlich noch hoffte, dass Herr Mauerstahl ihm \u00fcber den Hinterkopf streicheln oder eine sonstige Form von Anerkennung heucheln w\u00fcrde, eine Anerkennung, die er niemals verdient hatte, niemals verdient, die Zahnpasta spritzte. Herr Mauerstahl war es doch, der h\u00e4tte dort stehen sollen auf dem kleinen Plastikschemel, er h\u00e4tte es sein sollen, dessen kindliche Freude danach ins Bett verfrachtet worden w\u00e4re nach dem Aussp\u00fclen. Er h\u00e4tte es doch sein sollen, dem sein Vater die Decke sorgf\u00e4ltig unter den K\u00f6rper stopfte, er h\u00e4tte es sein sollen, dem der Moment ganz allein geh\u00f6rte.<br \/>\nEr h\u00e4tte es sein sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8211;<\/p>\n<p>Ein Klack und das Licht war an.<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Schritte, die Stufen hinunter, Herr Mauerstahl setzte sich hin auf seinen Drehsessel, den abgenutzten Drehsessel unten im Keller. Vor ihm der Tisch, zerkratztes Metall.<br \/>\nIrgendwas, dachte er, musste er \u00fcbersehen haben.<br \/>\n\u00dcbersehen haben in diesen ganzen Stapeln aus chlorfrei gebleichtem Papier.<br \/>\nIrgendwas, dachte er, musste fehlen.<br \/>\nIrgendetwas.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 14011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zigarette war aus. War sie an? Kein Rauch, nein, kein Rauch, ja. Nein, sie war aus. Roter Kreis, Zigarette durchgestrichen, Herr Mauerstahl konnte sich wieder erinnern. Er\u00a0 rauchte gar nicht, er hatte nie geraucht, er hasste Rauchen. Schon gar nicht drinnen, drau\u00dfen auch nicht. 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