{"id":7697,"date":"2018-03-10T17:57:39","date_gmt":"2018-03-10T17:57:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7697"},"modified":"2018-03-11T18:57:25","modified_gmt":"2018-03-11T18:57:25","slug":"am-groessten-ist-aber-die-liebe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7697","title":{"rendered":"Am gr\u00f6\u00dften ist aber die Liebe"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7697&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7697&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>1. Korinther 13:13<\/em><\/p>\n<p><em>(\u00dcber Wassilij Pawlowitsch Axjonow,* 20.8.1932 in Kazan, +2009 in Santa Monica, und seine Mutter Jewgenia Ginsburg<br \/>\n20.8.17 Geschichte zu schreiben begonnen, an seinem 85. Geburtstag (Zufall?) bis zum 22.8. 2017,<br \/>\nKirill Serebrennikow, Regisseur, Jude, schwul, in St. Petersburg verhaftet.<br \/>\nVerhaftete B\u00fccher &#8211; Vorg\u00e4nger: Dr. Schiwago von Pasternak, Leben und Schicksal von Wassilij Grossmann, Archipel Gulag von Solschenizyn, Ermordung von Meyerhold und Michoils und vielen anderen)<\/em><\/p>\n<p>Jewgenia Ginsburg und Pavel Axjonow feiern gerade den vierten Geburtstag ihres Sohnes Wassilij auf der Datscha bei Kasan. Der 20. August 1937 ist ein warmer Sommertag, aber der Wind schickt schon einen kalten Hauch aus der Steppe von jenseits der Wolga her\u00fcber. Jewgenia hat Ferien vom P\u00e4dagogischen Institut, Pavel, der Parteiarbeiter, bekommt eine Woche Urlaub. Wie alle Datschen in den Vororten besa\u00df das Holzh\u00e4uschen am Steilufer einen kleinen Garten, in dem Jewgenias Schwiegereltern Paradeiser, Gurken, Bohnen, Karotten, Kraut Kartoffeln und Kr\u00e4uter zogen. In einer Ecke hinter dem Schuppen wuchs ein zerzauster Vogelbeerbaum. F\u00fcr mehr war nicht Platz in dem Zehn-Quadatmeter-G\u00e4rtchen. In der sch\u00f6nen Ecke der Stube hingen eine Ikone und das ewige Licht, die Mutter trug in ihrem Gebetbuch ein Stalin-Bild, das sie so k\u00fcsste wie die Ikonen. Sie hielten eine Ziege, drei H\u00fchner und einen zugelaufenen Stra\u00dfenhund, den Pawlik. Pawlik war von Anfang an Wassilijs Besch\u00fctzer und Gef\u00e4hrte gewesen. Wasjas gro\u00dfer Bruder, scherzten die Erwachsenen, oder seine njanja, die Kinderfrau. Er wird einmal ein Puschkin, weil der hatte ja auch seine \u201enounou\u201c, die Ariana Rodionowna. Pawlik benahm sich so wie eine Hundemutter gegen\u00fcber ihren Jungen. Schon neben dem S\u00e4ugling sa\u00df er stundenlang und bewachte seinen Schlaf. Als Wassilij laufen lernte, stupste der Hund ihn an, wenn er umfiel, leckte er ihm das Gesicht, wenn er weinte, begleitete ihn auf Schritt und Tritt durch das G\u00e4rtchen und war f\u00fcr jedes Spiel zu haben.<br \/>\nWenn die Eltern das Kind durch die Wolga-Auen ausf\u00fchrten, lief der Hund in treuer Ergebenheit hinter ihnen her, Pawliks Familie. Er selbst war Waise, und Stra\u00dfenjungen hatten ihm mit einem Stein das Auge eingeschossen.<br \/>\nAuch lahmte er ein bisschen auf dem linken Hinterbein, die Schwanzhaare waren abgebrannt und wuchsen nicht nach.<\/p>\n<p>Genia und Pawel waren beide gl\u00fchende Kommunisten und Aktivisten in der Partei, Pawel sogar im Stadtkomitee f\u00fcr Wasserwirtschaft angestellt.<br \/>\nTrotzdem konnten sie es nicht lassen, den Hund insgeheim Batjuschka &#8211; V\u00e4terchen zu nennen, kicherten dabei und meinten damit Stalin. Pawliks eines Auge war gelb, und unter seiner Schnauze stand ein buschiger Schnurrbart. Er war, gelinde gesagt, h\u00e4sslich wie eine Sturmnacht. Aber treuer und liebevoller als Pawlik konnte niemand sein. Er ist wie unsere Partei, fl\u00fcsterten die Eltern, wenn sie allein waren.<br \/>\nWenige Tage nach Wassilijs Geburtstag werden beide Eltern von der Staatssicherheit verhaftet. Jewgenia wird wegen \u201etrotzkistischer Umtriebe\u201c zu zehn Jahren Gulag verurteilt und zu anschlie\u00dfender ewiger Verbannung; vom Vater verliert sich sofort jede Spur, er ist im stalinistischen R\u00e4derwerk zermahlen worden. Der Vierj\u00e4hrige kommt zuerst nach Kostroma in ein Heim f\u00fcr Kinder von Volksverr\u00e4tern, sp\u00e4ter k\u00f6nnen ihn die Gro\u00dfeltern zu sich nach Kasan holen. Nach fast zw\u00f6lf Jahren, 1948, gelingt es Jewegnia, den Sohn in ihr Verbannungsgebiet von Magadan im \u00e4u\u00dfersten Osten der Sowjetunion nachzuholen. Ihr erster Sohn war w\u00e4hrend der 900-t\u00e4gigen Belagerung in Leningrad verhungert. Als die Mutter bei der Ankunft ihres \u00fcberlebenden Sohnes zu weinen anfing, fl\u00fcstert er ihr zu: <em>\u201eWeine nicht vor denen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>So beschreibt sie sp\u00e4ter die Wiedersehensszene in ihrem Erinnerungsbuch \u201eGratwanderung\u201c. Wassilij bleibt zwei Jahre bei ihr, beendet die Schule und geht dann zum Medizinstudium nach Kasan. 1949 setzt Stalin die Verhaftungswelle gegen j\u00fcdische \u00c4rzte in Gang, Genia, die inzwischen im Lager einen deutschen Arzt geheiratet hat, ger\u00e4t in den letzten Stalin\u2018schen Wahn, der erst durch dessen Tod im M\u00e4rz 1953 beendet wird. Als die Staatssicherheit die Mutter verhaften will, stellt sich der Siebzehnj\u00e4hrige vor die Schergen und sagt:<br \/>\n<em>\u201eIch habe schon mit vier Jahren weder Vater noch Mutter gehabt, und jetzt, wo es mir endlich gelungen ist, meine Mutter wiederzufinden, wollt ihr sie mir wegnehmen.\u201c <\/em>Die Mutter wird abgef\u00fchrt, aber der KGB-Oberst, dem die Worte mitgeteilt worden waren, l\u00e4sst die Mutter frei.<br \/>\nDer Oberst zu Jewgenia Ginsburg:<br \/>\n<em>\u201eEin erstaunlicher Junge, Ihr Sohn. Ich habe auch so einen, in diesem Alter. Aber ich wei\u00df nicht, ob er f\u00fcr seinen Vater in der Situation dasselbe tun w\u00fcrde. Schauen Sie, so hat jedes Ungl\u00fcck auch seine gute Seite. Jetzt wissen Sie wenigstens, wie sehr Ihr Sohn Sie liebt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In ihrem ersten Erinnerungsband \u201eMarschroute eines Lebens\u201c beschreibt sie diese Szene.<br \/>\n1955 wird sie von Chruschtschow rehabilitiert und darf nach achtzehn Jahren ihren Verbannungsort verlassen. F\u00fcr Heinrich B\u00f6ll, der sie in Moskau besucht, ist sie <em>\u201eein weiblicher Hiob, ein Lazarus, ein Odysseus auf den Irrfahrten zwischen einigen H\u00f6llen und einigen hingetupften Himmeln\u201c. \u00a0<\/em>Er schreibt das Vorwort f\u00fcr die \u201eGratwanderungen\u201c, das kurz nach ihrem Tod bei Mondadori erscheint. \u00dcber den Besuch ihres Sohnes in Magadan schreibt sie:<br \/>\n<em>\u201eIch bekam Herzklopfen vor freudiger Erregung, als er in der ersten Nacht begann, mir Gedichte vorzutragen, die f\u00fcr mich in all den Lagerjahren Leben, Sterben und wieder Leben bedeutet hatten. Wie f\u00fcr mich war auch f\u00fcr ihn die Poesie der Schutz vor den H\u00e4rten der Realit\u00e4t. Die Poesie war seine Art, Widerstand zu leisten. Bei diesem ersten n\u00e4chtlichen Gespr\u00e4ch waren Blok, Pasternak, die Achmatowa dabei. Und ich freute mich, dass ich im \u00dcberfluss von dem besa\u00df, was er von mir bekommen wollte.\u201c<\/em><br \/>\nUnd der Sohn zu seiner Mutter:<br \/>\n<em>\u201eJetzt begreife ich, was das hei\u00dft: eine Mutter &#8230; Ich begreife zum ersten Mal \u2026 eine Mutter \u2026 das ist vor allem Selbstlosigkeit. Und dann \u2026 und dann noch dieses: Ihr kannst du deine Lieblingsgedichte aufsagen, und wenn du steckenbleibst, setzt sie fort, wo du aufgeh\u00f6rt hast.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Seine Mutter und der deutsche Arzt Anton Walter \u00fcberredeten ihn, Medizin zu studieren, weil sie beobachtet hatten, dass \u00c4rzte im Gulag eher \u00fcberlebten als andere Menschen. Sie dachten weit voraus in seine Zukunft, konnten sich aber f\u00fcr den Sohn eine Welt ohne Lager gar nicht vorstellen. Ganz knapp vor Stalins Tod im M\u00e4rz 1953 wurde er als Sohn von \u201eVolkssch\u00e4dlingen\u201c von der Uni Kasan relegiert. An der zweit\u00e4ltesten Universit\u00e4t Russlands hatten schon der Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoj und ein gewisser Uljanow studiert, der wegen revolution\u00e4rer Umtriebe rausgeworfen worden war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter darf Axjonow in Leningrad zu Ende studieren und wird f\u00fcr zwei Jahre Arzt. Aber die Literatur l\u00e4sst ihn nicht los. Er n\u00fctzt das kurze kulturelle Tauwetter unter Chruschtschow und holt die ganze westliche Literatur nach: Kafka, Faulkner, Hemingway, Robbe-Grillet. Dann beginnt er selbst Erz\u00e4hlungen zu schreiben, sie werden gedruckt, und er wird zum neuen Jugendidol. Er benutzt den Slang der Jugend, l\u00e4sst seine Helden gammeln, durch die Welt ziehen und huldigt westlichen Moden. Er ist der sowjetische Beatnik der 60er-Jahre, repr\u00e4sentierte wie kein anderer das Lebensgef\u00fchl der Jugend, er war beliebt und popul\u00e4r wie sonst nur noch Jewtuschenkos Lyrik. Dann bekommt er Schwierigkeiten wegen seiner \u201ebourgeoisen Haltungen\u201c und wird aufgefordert, sich nicht dem \u201eentarteten Typus der Jugend\u201c zu widmen. Er kommt aber glimpflicher davon als sein Chefredakteur bei \u201eJunost\u201c (Die Jugend) Valentin Katajew, der abgesetzt und nach Nowosibirsk strafversetzt wird, damit er \u201edas echte Sowjetleben kennenlernt\u201c.<\/p>\n<p>1968 erscheint sein erster ernstzunehmender Roman \u201eBrandwunde\u201c (Oschog), was man \u00fcbersetzen m\u00fcsste, wie es sich anf\u00fchlt, in brennender Haut zu stecken.<br \/>\nW\u00e4hrend der Okkupation der CSSR verirrt sich ein sowjetischer Panzer nach Italien und bleibt im Touristenverkehr stecken. \u201eB\u00f6sartiges Gesudel\u201c schreibt die Korrespondentin der <em>Literaturnaja Gazeta <\/em>aus Prag.<\/p>\n<p>Dann wird es ruhiger um Axjonow, bis er 1978 mit anderen Autoren wie Andrej Bitow, Fazil Iskander und Viktor Jerofejew den Literatur-Almanach <em>Metropol <\/em>im Samizdat herausbringt, der in der Sowjetunion verboten, im Westen nachgedruckt wird. Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Ausschluss aus dem Schriftstellerverband und dem Verband der Filmschaffenden, zuerst Ausreiseverbot nach Cannes, um Andrej Tarkowskis \u201eStalker\u201c zu begleiten, dessen Drehbuch Axjonow geschrieben hatte, dann Ausweisung und Aberkennung der Staatsb\u00fcrgerschaft. Am Flughafen entdecken die KGBler eine Bibel in seinem Reisegep\u00e4ck, die sie ihm abnehmen wollen. Seine Frau kann die Staatssch\u00fctzer \u00fcberzeugen, dass von der Ausfuhr einer Bibel keine Gefahr f\u00fcr den Sowjetstaat ausgeht. So d\u00fcrfen sie sie behalten und sie liegt seither im Regal in Santa Monica. \u201eDer religi\u00f6se Mensch wei\u00df, dass er glaubt. Der Marxist glaubt, dass er wei\u00df. Das ist das Ungl\u00fcck der Marxisten.\u201c<\/p>\n<p>Im ersten Exil-Roman \u201eDie Insel Krim\u201c rechnet er mit der Sowjetunion ab. Die Halbinsel trennt sich 1920 vom Festland ab und beschlie\u00dft, weiterzuleben wie im alten Russland, ohne die bolschewistische Z\u00e4sur. Die Insulaner leben lange gut, reich, gl\u00fccklich und gottgl\u00e4ubig, bis sie alles verspielen. Sie wollen alles haben, auch eine Ideologie wie das gro\u00dfe Nachbarland. Eine kleine Gruppe von Intellektuellen putscht und f\u00fchrt den Bolschewismus ein. So kommt der Terror auf die Krim und vernichtet alle. Eine erschreckend weitsichtige Zukunftsvision. Die Annexion der Krim durch Putin im M\u00e4rz 2014 hat der 2009 verstorbene Axjonow nicht mehr erlebt.<\/p>\n<p>Aber wie mussten die Worte seiner Mutter in ihm gebrannt haben, mit denen sie das Aufzeichnen ihrer Lebenserinnerungen begr\u00fcndet:<br \/>\n<em>\u201eIch habe mich bem\u00fcht, alles im Ged\u00e4chtnis zu bewahren, in der Hoffnung, es eines Tages jenen guten Menschen erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, jenen echten Kommunisten, die mich irgendwann gewiss, ganz gewiss anh\u00f6ren werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese guten Kommunisten haben ihn gerade aus dem Land geworfen.<br \/>\nSo hat sie den Sohn \u201ein brennender Haut\u201c zur\u00fcckgelassen und mit seinem eigenen Ratschlag: Weine nicht vor denen.<\/p>\n<p>20.8. 2017, an Axjonows 85. Geburtstag<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 18026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Korinther 13:13 (\u00dcber Wassilij Pawlowitsch Axjonow,* 20.8.1932 in Kazan, +2009 in Santa Monica, und seine Mutter Jewgenia Ginsburg 20.8.17 Geschichte zu schreiben begonnen, an seinem 85. Geburtstag (Zufall?) bis zum 22.8. 2017, Kirill Serebrennikow, Regisseur, Jude, schwul, in St. Petersburg verhaftet. 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