{"id":768,"date":"2014-01-13T17:00:20","date_gmt":"2014-01-13T17:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=768"},"modified":"2014-03-25T12:35:01","modified_gmt":"2014-03-25T12:35:01","slug":"schneeschippen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=768","title":{"rendered":"Schneeschippen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts768&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts768&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war sechs Uhr morgens und man schickte uns Schnee schippen. Walther und ich nahmen uns beide eine gro\u00dfe Schaufel und traten hinaus. Der eisige Wind schnitt uns unangenehm ins Gesicht. Und es schneite noch immer. Die ganze Nacht \u00fcber waren dicke Flocken vom Himmel gefallen, die Schneedecke war jetzt beinahe kniehoch. So hatte ich das noch nie erlebt.<br \/>\n\u201eSchei\u00dfe\u201c, sagte Walther und zog sich die M\u00fctze tiefer ins Gesicht. Ich wusste, dass Walther Schnee schippen hasste, erst recht um diese Uhrzeit. Wir teilten auf, wer welchen Bereich \u00fcbernahm und begannen dann mit der Arbeit. Die G\u00e4ste schliefen um diese Zeit alle noch, nur die Angestellten waren wach und bereiteten das Fr\u00fchst\u00fcck vor.<br \/>\n\u201eWenn das so weitergeht, sind wir den ganzen Tag damit besch\u00e4ftigt\u201c, sagte Walther und steckte seine Schaufel in den Schnee. Der kleine Platz wurde von der Leuchtschrift des Hotels <i>Bergspitze<\/i> etwas erhellt, die Laternen w\u00fcrden erst in einer halben Stunde damit beginnen, ihr Licht zu spenden.<b> <\/b>Die <i>Bergspitze<\/i> war f\u00fcr die Gegend ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfes Hotel, das allerdings nur im Winter wirklich Gewinn abwarf. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung hatte deshalb beschlossen, den Betrieb im Sommer einzustellen. Die G\u00e4ste kamen nur, wenn die Luft kalt und die Berge wei\u00df waren. Ich hob Schnee, er war nass und schwer, auf meine Schaufel und begann, einen Weg freizulegen.<br \/>\n\u201eIch hasse das\u201c, h\u00f6rte ich Walther sagen. Walther und ich waren so etwas wie die Hausmeister in der <i>Bergspitze<\/i>, manchmal etwas mehr, so genau wussten wir das auch nicht. Wir reparierten Kleinigkeiten, putzten ab und zu die Fenster und Flure und in der Nacht \u00fcbernahmen wir von Zeit zu Zeit die Rezeption.<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde begann ich zu schwitzen. Das Unterhemd klebte an meinem R\u00fccken und mir war hei\u00df unter meiner M\u00fctze. Wir arbeiteten noch eine Weile weiter, dann beschlossen wir, eine Pause zu machen und etwas essen zu gehen. Ich hoffte, dass es bald aufh\u00f6ren w\u00fcrde, zu schneien, stellte meine Schaufel an eine Wand und klopfte mir den Schnee vom Mantel.<br \/>\nDas Brot war noch warm und wir schnitten dicke Scheiben ab. Walther nahm sich viel Butter und w\u00e4hrend er kaute, fuchtelte er mit der freien Hand in der Luft und sagte, dass man sicher bald mit dem Lawinensprengen beginnen m\u00fcsse.<br \/>\n\u201eSkifahren will man ja immer\u201c, sagte er, sch\u00fcttelte den Kopf und nahm sich noch ein St\u00fcck Brot. Hier waren schon einige Lawinen heruntergekommen, aber in dieser Saison war es bis jetzt ruhig gewesen. Wir blieben noch einen Moment sitzen und w\u00e4rmten unsere H\u00e4nde an der Teetasse auf.<br \/>\n\u201eKomm\u201c, sagte Walther schlie\u00dflich und stand auf.<br \/>\n\u201eWir m\u00fcssen weitermachen.\u201c<\/p>\n<p>Schweigend arbeiteten wir in der K\u00e4lte und sahen durchs Fenster, wie die ersten G\u00e4ste langsam in den Fr\u00fchst\u00fcckssaal kamen und sich f\u00fcr den beginnenden Tag st\u00e4rkten. Die meisten trugen Pullover mit farbigen Strickmustern. Ich hatte nie verstanden, warum diese Pullover immer so h\u00e4sslich aussehen mussten. Ab und zu h\u00f6rten wir ein tiefes Grollen und ich hob den Kopf.<br \/>\n\u201eSiehst du?\u201c, sagte Walther und st\u00fctzte sich auf seiner Schaufel ab. Sie hatten mit dem Sprengen begonnen. Bald stapften die ersten in ihren schweren Skischuhen aus dem Geb\u00e4ude und zogen sich ihre Handschuhe \u00fcber.<\/p>\n<p>Walther und ich arbeiteten ohne Unterbruch bis zum Mittag. Er kramte in seiner Jackentasche nach seinen Zigaretten und bot mir eine an. Dankend nahm ich an und wir setzten uns auf die kleine Bank etwas abseits des Geb\u00e4udes.<br \/>\n\u201eIch \u00fcberlege zu k\u00fcndigen\u201c, sagte Walther und sah in den bew\u00f6lkten Himmel.<br \/>\n\u201eWarum?\u201c<br \/>\n\u201eWir tun immer nur das Gleiche.\u201c<br \/>\n\u201eTut man das nicht \u00fcberall?\u201c<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, sagte er, zog an seiner Zigarette und behielt den Rauch einige Sekunden zur\u00fcck. Dann blies er ihn aus.<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, wiederholte er. Wir schwiegen, bis ich aufstand und fragte, ob er auch etwas zu Mittag essen wolle. Er nickte und wir gingen.<\/p>\n<p>Das Wetter wurde etwas besser im Verlauf des Tages und einzelne Sonnenstrahlen durchbrachen die dichte Wolkendecke. Wir hatten es tats\u00e4chlich geschafft, den Schnee wegzur\u00e4umen. Zufrieden sa\u00dfen wir wieder auf der Bank und blickten auf die verschneiten Berge.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, worauf ich Lust habe?\u201c, fragte Walther und schlug die Beine \u00fcbereinander. Ich sah ihn an und wartete auf eine Antwort.<br \/>\n\u201eDa w\u00e4re ich jetzt gerne. Genau da\u201c, sagte er und zeigte auf eine Stelle im Gebirge, von der nur er wusste, wo genau sie lag.<br \/>\n\u201eEine schnelle Fahrt auf den Brettern. Ja, darauf h\u00e4tte ich jetzt Lust.\u201c Er fuhr mit dem Finger eine Strecke ab, dann nahm er seine Hand herunter und vergrub sie in der Hosentasche.<br \/>\n\u201eWarum nicht?\u201c, fragte ich. Ich hatte das Gef\u00fchl, ich m\u00fcsste ihn darin best\u00e4rken, heute noch auf die Piste zu gehen.<br \/>\n\u201eViel Arbeit f\u00e4llt nicht mehr an. Das schaffe ich auch alleine.\u201c Ich machte eine Pause.<br \/>\n\u201eWenn du willst, kannst du ruhig gehen.\u201c<br \/>\nWalther antwortete nicht. Ich sah, dass er \u00fcberlegte.<br \/>\n\u201eAlso gut!\u201c, sagte er und stand auf. Ich freute mich \u00fcber das Leuchten in seinen Augen.<br \/>\nW\u00e4hrend Walther sich bereit machte, holte ich mir einen Tee und \u00fcberlegte, was heute noch zu tun war. Im Keller war eine defekte Gl\u00fchbirne auszuwechseln und im dritten Stock musste ich einen kaputten Schrank reparieren.<\/p>\n<p>Zehn Minuten sp\u00e4ter marschierte Walther in voller Ausr\u00fcstung auf mich zu.<br \/>\n\u201eNa dann!\u201c, sagte er, hob seine Skist\u00f6cke zum Gru\u00df in die H\u00f6he und schulterte die Bretter. Walther war ein erfahrener Fahrer und kannte sich gut aus. Er w\u00fcrde seinen Spa\u00df haben.<br \/>\n\u201eNa dann!\u201c, gab ich zur\u00fcck. Ich blieb sitzen und sah ihm nach, bis er hinter den H\u00e4userreihen verschwunden war. Drau\u00dfen war es k\u00fchler geworden und ich zog den Schal etwas enger um den Hals. Dann stand ich auf und entschied mich dazu, als erstes die Gl\u00fchbirne auszuwechseln. Ich fand noch einige andere Kleinigkeiten, die zu erledigen waren und die Walther \u00fcbersehen hatte. Ich glaubte nicht daran, dass Walther k\u00fcndigen w\u00fcrde. Er war nicht der Typ daf\u00fcr, sich in eine Ver\u00e4nderung zu st\u00fcrzen. Er mochte die Best\u00e4ndigkeit. Ich sah aus dem Fenster und merkte, dass es wieder angefangen hatte, zu schneien. Vielleicht lag schon wieder etwas Schnee auf dem Weg. Ich holte die Schaufel und schritt auf den Platz hinaus. Viel war es nicht und ich hatte es schnell zur Seite geschippt. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte ich ein tiefes Grollen. Erst dachte ich, es sei ein Gewitter, doch das Ger\u00e4usch kam mir seltsam bekannt vor. Es klang so, als h\u00e4tte man noch einmal eine Lawine gesprengt. Ich ging ins Hotel zur\u00fcck und wollte Walther anrufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Emmanuel Heman<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 14010<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war sechs Uhr morgens und man schickte uns Schnee schippen. Walther und ich nahmen uns beide eine gro\u00dfe Schaufel und traten hinaus. Der eisige Wind schnitt uns unangenehm ins Gesicht. Und es schneite noch immer. Die ganze Nacht \u00fcber waren dicke Flocken vom Himmel gefallen, die Schneedecke war jetzt beinahe kniehoch. 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