{"id":7620,"date":"2018-02-08T17:25:07","date_gmt":"2018-02-08T17:25:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7620"},"modified":"2018-02-11T18:04:14","modified_gmt":"2018-02-11T18:04:14","slug":"der-amethyst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7620","title":{"rendered":"Der Amethyst"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7620&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7620&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wir sind sechs Jahre, Rupert und ich. Mein Tischnachbar in der Schule, rechts von mir. Links sitzen noch acht Kinder, das Klassenzimmer hat f\u00fcnf lange Tischreihen und eine Zweierbank ganz hinten. Wir sind 52 Kinder in der ersten Klasse.<br \/>\nDie Lehrerin ist Frau Mitterauer, K\u00e4the Mitterauer, sie ist uralt, noch \u00e4lter als meine Gro\u00dfmutter scheint sie mir. Wie diese hat sie eine graue Haarwelle vorne, L\u00f6ckchen an den Seiten und hinten einen mit schwarzen Nadeln festgesteckten Kn\u00f6del.<\/p>\n<p>Die Tische haben eine einzige lange Platte mit L\u00f6chern f\u00fcr Tintenf\u00e4sser, wir sitzen auf einer durchgehenden Holzbank mit einer steilen Lehne. Frau Mitterauer ruft kaum je ein Kind zur Tafel, da m\u00fcssten ja neun Kinder aufstehen und heraustreten, um ein Kind rauszulassen. Was f\u00fcr ein Wirbel das st\u00e4ndig w\u00e4re.<br \/>\nRupert und ich sitzen in der ersten Reihe, weil wir zu den Kleinsten geh\u00f6ren.<br \/>\nAuf der Eselsbank ganz hinten sitzen nicht die zwei schlimmsten Sch\u00fcler, sondern die gr\u00f6\u00dften, der riesige Sitzenbleiber Koch Toni und die lattenlange Gitti aus dem M\u00f6belhaus Weisel. Gleich neben der Eingangst\u00fcr steht ein riesiger Bullerofen mit einer Glast\u00fcre, hinter der man die Briketts rot brennen und das Feuer lustig z\u00fcngeln sieht.<\/p>\n<p>Der Fu\u00dfboden ist mit schwarzem \u00d6l eingelassen und riecht unangenehm nach L\u00e4usevertilgungsmittel. Die Tafel vorne steht auf einem Podest und ist nicht an der Wand festgemacht, sondern balanciert auf drei Beinen. Sie hat zwei Teile, einer ist nur schwarz, der andere wei\u00df liniert. Wir sind ja Taferlklassler.<br \/>\nRupert ist mein erster Freund, ein richtiger Freund, nicht ein Freund wie mein Cousin Gottfried. Den habe ich heiraten wollen, aber das ging nicht, sagten die Erwachsenen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem waren wir \u00fcbersiedelt, und Gottfried war daheim geblieben. Ja, St. Nikola an der Donau war noch immer das Daheim. Tulln lag zwar auch an der Donau, wir sind nur ein St\u00fcck die Donau runtergeschwommen, sagten die Erwachsenen. Aber die war schrecklich weit weg von der K\u00f6nigstetterstra\u00dfe und nicht zu sehen, so wie in St. Nikola, immer vor Augen, wo immer man hinsah.<br \/>\nDie ganze Stadt lag dazwischen, au\u00dferdem war sie flach wie ein Nudelbrett.<br \/>\nObwohl sie dreimal so breit war, das musste man zugeben, aber keine Berge, keine Tannen, keine Fichten, nur langweilige Aub\u00e4ume. Alle sahen gleich aus, gleich gr\u00fcn-graue, aufrecht aufgestellte Reisigbesen oder Staubwedel.<\/p>\n<p>Ich war mit Rupert befreundet, nicht weil er neben mir sa\u00df, sondern weil wir den gleichen Schulweg hatten. Den Hinweg nahm ich mit meiner \u00e4lteren Schwester, aber den R\u00fcckweg machte ich immer gemeinsam mit Rupert.<br \/>\nVon der Schule durch den Schubertpark, an der Pummerslucken vorbei bis zum Gasthaus Achatz, an der Kreuzung zur Staasdorferstra\u00dfe trennten wir uns, weil Rupertin die Banatler-Siedlung ging. Einmal habe ich ihn heimlich begleitet und gesehen, dass er in einem winzig kleinen Haus wohnte, ganz am Ende, wo die \u00c4cker anfangen. Auch der Garten war klein, die Fenster und die T\u00fcr. Eine Hundeh\u00fctte auf einem Taschentuch. Es war \u00fcberhaupt das kleinste von allen kleinen H\u00e4usern der Banatler. Klang wie Frittaten, Frittatler? Ich wusste lange nicht, was Banatler waren, bis Mama einmal sagte, das sind Fl\u00fcchtlinge aus Jugoslawien. Ich durfte Rupert nicht zu Hause besuchen, nicht, weil er ein Banatler war, sondern weil er ein Bub war. Mit denen spielt man nicht, wenn man ein sechsj\u00e4hriges M\u00e4dchen ist. Und meine drei Br\u00fcder? Br\u00fcder geht, Br\u00fcder sind keine M\u00e4nner. Und die Cousins in St. Nikola? Die sind auch keine. So pragmatisch und programmatisch war meine Mutter immer.<\/p>\n<p>Aber es war auch eine Gro\u00dffamilie darunter, die Paganis, deren Kinder zum Teil barfu\u00df und in Fetzen herumliefen. Angeblich gingen sie betteln oder was Schlimmeres. Das waren keine richtigen Banatler, hie\u00df es, sie sprachen auch nicht dieses komische Deutsch, sondern etwas ganz anderes. Die Polizei schaute \u00f6fter bei den Paganis vorbei.<br \/>\nRupert war meinen Eltern nicht unsympathisch, hatten sie doch kurz \u00fcberlegt, den j\u00fcngsten Bruder Rupert zu nennen, nach dem Patron von Salzburg. Das sind flei\u00dfige Leute, die werden uns eines Tages alle \u00fcberholen. Was das nun wieder hei\u00dfen sollte? Zu uns kam eine Banatlerin, Frau Marte, die meiner Mutter beim Putzen half, und ein Walter f\u00fcr den Garten, der eigentlich Eisenbahner war.<\/p>\n<p>Rupert war nicht nur so klein wie ich, er war auch noch dick, kugelrund mit r\u00f6tlichem Haar und vielen Sommersprossen. Ich mochte ihn. Er war sehr lustig, sprach ein eigenartiges Deutsch, das mich an die M\u00e4rchen erinnerte, die Papa uns immer am Abend vorlas, oder eine Sprache wie manchmal in der Kirche. Banatler-Deutsch eben, sagte meine Mutter. Er unterhielt mich mit vielen Geschichten, die er sich selbst ausdachte, er besch\u00fctzte mich, wollte meine Schultasche tragen und brachte mir immer Geschenke mit, einen Apfel, ein St\u00fcck Kuchen, ein selbstgeschnitztes Pfeiferl aus Hollerstauden. Wir spielten Fl\u00f6te darauf. Wenn er keine L\u00f6cher hineinmachte, ben\u00fctzten wir sie als Blasrohr. Das weiche Innere der Hollerzweige drehten wir zu Kugerln und bliesen um die Wette weit. Es ging auch mit unreifen Hollerbeeren, aber nicht so gut, weil sie manchmal zu weich waren und das Blasrohr verstopften.<\/p>\n<p>Rupert konnte \u00fcberhaupt sehr vieles, weil er seinen Eltern helfen musste. Seinem Vater in Haus und Garten, seiner Mutter in der K\u00fcche. Banatler sind arme Leute, sagte meine Mutter. Der Vater war Hilfsarbeiter im Krankenhaus, er arbeitete in der W\u00e4scherei. Hauptsache, er hat Arbeit. Sie sind noch nicht lange da, der Tito hat sie rausgeschmissen.<br \/>\nAlle? Ja, alle. Warum? Was haben sie getan? Nichts. Rupert war dort geboren, in einer Ebene so flach wie das Tullnerfeld, nur viel, viel gr\u00f6\u00dfer. Und die Donau flie\u00dft auch dort. Wir sind auch noch nicht lange da. Aber wir sind nicht rausgeschmissen worden.<br \/>\nDas verstand ich damals noch nicht. Aus einem Land \u201ealle rausschmei\u00dfen\u201c ging \u00fcber meine Begriffe, konnte ich doch nicht einmal verstehen, warum wir aus St. Nikola weg mussten und in das h\u00e4ssliche Tulln \u00fcbersiedeln mit den vielen Bombenruinen und der faden, flachen Donau. Das war gar keine richtige Donau und auch kein richtiger Wald, diese Pappeln, Weiden, Eschen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt war hier alles h\u00e4sslich und hielt dem paradiesischen Nikola nicht stand. Dort gab es die Donau vor der T\u00fcr mit den Schiffen, nebenan das Br\u00e4uhaus mit den St\u00e4llen, Stadeln und G\u00e4rten, hinter dem Haus die Eisenbahn und dar\u00fcber die Wiesen mit Obstb\u00e4umen hinauf bis zum Wald, voll mit Schwammerln und Beeren. Der Berg hie\u00df sogar nach dem Gro\u00dfvater Seyrberg. Ein St\u00fcck weiter waren der Krautberg, der Rodelberg hinter dem Danzer-Wirt, der Strudenbach, die Au, die Teiche im H\u00f6ssgang, die Insel W\u00f6rth, die Ruine mit dem Schusterstein. Das alles haben die Kinder ohne Erwachsene bestreunen, bespielen, besiedeln und erforschen d\u00fcrfen.<br \/>\nUnd welche Wunderwelten erst <em>mit <\/em>ihnen: die Stillensteinklamm, die Br\u00e4uerkogel, den Fischteich beim Bierf\u00fchrer Toni, die St\u00e4lle beim Bauern Burner, den Dimbach beim Wagenschmied und beim M\u00fcller, beide hatten Wasserr\u00e4der, und im Bach konnte man Krebse und Forellen fischen, den F\u00f6rster Kastner auf dem Sattel, dem ein Kind an einem Schlangenbiss gestorben war, die h\u00f6lzernen Tanzb\u00f6den und Kegelbahnen bei den Wirtsh\u00e4usern, die Onkel Klaus mit Seyr- Bier belieferte.<\/p>\n<p>Was hatte Tulln dagegen zu bieten? Nichts bis wenig. Unser Haus in der K\u00f6nigstetterstra\u00dfe ist zwar gr\u00f6\u00dfer als die \u201eVilla Seyr\u201c in St. Nikola und soll den Eltern ganz allein geh\u00f6ren, weil sie es gekauft haben. Mir war es nicht wichtig, wem was geh\u00f6rte, ob den Eltern, der Omama, dem Onkel Klaus und der Tante Sofie, der Tante Fritzi und dem Onkel Franz. Ich wusste, dass dem Knecht Sepp und der K\u00f6chin Nannerl gar nichts geh\u00f6rte au\u00dfer ihrem Gebetsbuch und dem Rosenkranz, dem ukrainischen Arbeiter Ivan geh\u00f6rte nicht einmal das, aber sie geh\u00f6rten genauso zum Kinderreich wie die falsche Tante Paula oder die zerlumpte und zahnlose Fanny mit ihrer Ziege im Haus an der Eisenbahn.<br \/>\nIch wusste, dass dem Onkel Klaus sehr viel geh\u00f6rte, aber nicht deswegen war er mein Lieblingsonkel, sondern weil er sehr kinderlieb und lustig war, mich in seinen Lastkraftw\u00e4gen mitfahren lie\u00df, vorne im F\u00fchrerhaus, und ich manchmal sogar auf seinem Scho\u00df sitzend, das Lenkrad angreifen durfte. In den steilsten und spitzesten Kurven hinauf zum Steinbruch von Gloggswald lie\u00df er das Lenkrad los, schloss die Augen und und klatschte ein, zwei, dreimal in die H\u00e4nde. So spa\u00dfig war er, und dazu hatte er noch viele lustige Worte, Spr\u00fcche und Scherze auf Lager.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es im Banat aussieht, aber aus all dem rausgeschmissen zu werden wie Rupert und die Banatler, stellte ich mir schrecklich vor. Wir konnten zumindest nach Nikola auf Besuch fahren, oder es kam jemand zu uns.<br \/>\nDie Mama hat erz\u00e4hlt, dass die meisten Banatler in langen M\u00e4rschen zu Fu\u00df zu uns gekommen sind und nur Binkel oder angef\u00fcllte Tuchenten als Gep\u00e4ck auf dem R\u00fccken schleppten. Wir waren ganz bequem in einem riesigen Saurer von Onkel Klaus \u00fcbersiedelt. Die Kleineren sa\u00dfen hinten auf den Tuchenten zwischen den M\u00f6beln. Wir hatten Jausenpackerl, volle Proviantdosen mit K\u00f6stlichkeiten aus dem Br\u00e4uhaus und Wasserflaschen mit herrlichem Himbeersaft.<\/p>\n<p>Wir sind in ein sch\u00f6nes, altes Haus gezogen mit einem gro\u00dfen Garten, in dem man vieles anbauen konnte. Die Banatler hatten ganz kleine Grundst\u00fccke und bauten sich ihre H\u00e4uschen selbst, die Familien und Nachbarn halfen sich gegenseitig, einkaufen gehen in die Stadt konnten sie gar nicht, sie waren nur dort anzutreffen, wo es umsonst war, in der Kirche, im Aubad, an der Donaul\u00e4nde oder am Sportplatz.<br \/>\nRupert und ich gingen gemeinsam von der Schule nach Hause und machten im Schubertpark Station, nur kurz, denn ich musste unbedingt soforrtt!! nach Hause kommen, weil es zum obersten Gesetz geh\u00f6rte, dass die ganze Familie gemeinsam isst.<br \/>\nUnd zwar alle, Ausnahmen gab es nur, wenn jemand l\u00e4nger Schule oder eine sonstige Verpflichtung hatte. Es wurde \u201ezusammengewartet\u201c, auch wenn die M\u00e4gen noch so krachten. Die M\u00e4dchen mussten auch noch oft genug mithelfen, aufdecken, Kn\u00f6del drehen, Salat machen. Disziplin und Ordnung, P\u00fcnktlichkeit und Sauberkeit, das waren die wichtigsten Prinzipien meiner Mutter, denn sonst w\u00fcrde ihr der ganze Laden um die Ohren fliegen. Rupert war zu Mittag mit seiner Mutter allein, der Herr Hinterleitner war entweder in der Arbeit oder er schlief, nachdem er Nachtschicht gehabt hatte.<\/p>\n<p>Aber manchmal konnte ich mich am Nachmittag davonstehlen und den Rupert im Schubertpark treffen. Das sagte ich nie, immer ging ich nat\u00fcrlich nur zur Hochrieder Christa, zur Sterz Evi, zur Wesel Gitti oder zur Huber Anni. Das Schlimmste war, wenn ich meine kleine Schwester mitnehmen musste, was gar nicht ging, weil sie uns gro\u00dfe Schulkinder nur st\u00f6rte. Radfahren \u00fcben im Schubertpark, das war das Codewort f\u00fcr die Treffen mit Rupert. Er brachte manchmal andere Banatler-Kinder mit, mit denen wir Verstecken spielten, R\u00e4uber und Gendarm, Indianer fingen, in der Schubertlinde kletterten oder die fremden Banatler \u00e4rgerten. Das war sehr lustig und aufregend, aber am liebsten war es mir doch, allein mit Rupert zu sein.<br \/>\nUnser Lieblingsspiel war das Prinzessinnen-Spiel. Ich war die Prinzessin, er mein Diener. Auch Pferdeknecht, Vasall, S\u00e4nger. Rupert hatte viele Rollen, ich nur eine, die sch\u00f6ne, begehrte Prinzessin. Ich nahm heimlich von zu Hause einen alten Vorhang mit, das war mein Schleier, meine Schleppe, mein Umhang. Rupert baute mir aus St\u00e4mmen und Steinen einen Thron, er brachte mir Geschenke, er unterhielt mich, sattelte mein Pferd, trug die Schleppe und besch\u00fctzte mich vor Feinden. Die Feinde lebten jenseits der Pummerslucke; das war eine Bahnunterf\u00fchrung, ein gekr\u00fcmmter Tunnel aus Backsteinen, dunkel, stinkig, gruselig, leicht absch\u00fcssig, die Eisenbahn donnerte dar\u00fcber, man konnte beim Betreten nicht ans Ende sehen, jenseits war Feindesland. Wenn man wieder ans Licht kam, breitete sich dort der Friedhof aus und eine kleine Stra\u00dfe, in der auch Banatler wohnten, aber andere als die von Rupert, solche, die aus Rum\u00e4nien rausgeschmissen worden waren. Wo immer das sein und was immer das hei\u00dfen sollte. Neben dem Friedhof war ein freies Gel\u00e4nde, eine richtige Gst\u00e4tt\u2018n, auch das ein herrliches Spielgel\u00e4nde, wenn dort nicht gerade die anderen Banatler spielten oder jemand gastierte wie in diesem Herbst der Zirkus Belli.<\/p>\n<p>Schuld am Ungl\u00fcck war nicht Rupert und auch ich nicht, sondern der Zirkus Belli. Ich hatte mich in die dortige Zirkusprinzessin verliebt, ein wundersch\u00f6nes, kleines M\u00e4dchen etwa in meinem Alter, das auf einem wei\u00dfen Pferd ritt und Kunstt\u00fccke auff\u00fchrte, herrlich angezogen und geschminkt war. Sie hatte eine lange, gelockte M\u00e4hne aus dunklen Haaren und oben drauf ein Kr\u00f6nchen. Oder war es ein Diadem? Jedenfalls baumelte auf ihrer Stirn ein funkelnder Diamant, der bei jeder Bewegung glitzernde Strahlen in die Manege schickte.<br \/>\nSo etwas wollte ich auch haben, schoss es mir durch den Kopf und \u00fcberlegte, was in unserem Haushalt daf\u00fcr herhalten konnte. Zuerst dachte ich an das Kranzerl, das meine \u00e4ltere Schwester zur Erstkommunion getragen hatte und an das der \u00e4ltesten Schwester als Blumenm\u00e4dchen hinter dem Himmel bei der Fronleichnamsprozession. Sie lagen in Seidenpapier eingepackt in einem Schuhkarton. Wir Kleinen bekamen daf\u00fcr immer nur ein Kranzerl aus frischen Margeriten und G\u00e4nsebl\u00fcmchen, die schon vor der Prozession welk in den Haaren hingen, so m\u00fcde wie die mit Zuckerwasser \u00fcber Papierstreifen steif gedrehten Locken.<\/p>\n<p>Beides wurde verworfen, fiel mir doch Mamas Kette ein, ihr einziger Schmuck von ihrer Mutter, der so wertvoll war, dass sie ihn nie trug. Er lag in einem Porzellansch\u00fcsserl in ihrer Nachtkastllade. Ich w\u00fcrde mir die Kette ausborgen, heimlich, und sie wieder zur\u00fccklegen. Die Kette war aus Silber und hatte einen taubeneigro\u00dfen Anh\u00e4nger aus Amethyst. Der war an einem silbernen Pl\u00e4ttchen an die Kette angeh\u00e4ngt, also frei beweglich. Der w\u00fcrde auf meiner Stirn baumeln wie bei der Zirkusprinzessin der Diamant.<br \/>\nDie Operation gelang, ich konnte die Kette aus dem Nachtkastl stiebitzen und in den Schubertpark mitnehmen. So sch\u00f6n war noch nie jemand gewesen, das sagte auch Rupert, obwohl der die Belli-Prinzessin gar nicht gesehen hatte. Banatler hatten kein Geld f\u00fcr so etwas Unn\u00f6tiges. Ich ritt auf meinem Fahrrad hoch zu Ross, auf der Stirn ruhte der Stein, Rupert trug stolz die Schleppe und diente mir wie immer als Getreuer.<br \/>\nAm Ende des Spiels war der Amethyst verschwunden, an der Kette nur noch das Silberpl\u00e4ttchen. Ich versprach dem Rupert eine Eintrittskarte in den Zirkus, wenn er den Anh\u00e4nger f\u00e4nde. Er kroch auf allen Vieren durch das Gras und durch die B\u00fcsche, aber er blieb verschwunden.<\/p>\n<p>Das Donnerwetter, das \u00fcber mich hereinbrach, war noch schlimmer als erwartet. Zuerst tobte meine Mutter, erlie\u00df sofort einen einw\u00f6chigen Hausarrest, nichts au\u00dfer der Schule, sogar die Musikstunde wurde gestrichen. Schlimmer aber war, dass sie pl\u00f6tzlich zu toben aufh\u00f6rte und in Weinen ausbrach, in ein Schluchzen und Wimmern.<br \/>\nDas Einzige, was mir von meiner Mutter geblieben ist. Nichts habe ich von ihr, nichts, nur diese Kette. Sie war wie ein H\u00e4ufchen Elend auf ihrem Bett zusammengesunken und schwor, dass sie mich nie wieder ansehen w\u00fcrde, dieses grausliche, undankbare Gfrast.<br \/>\nIch war mehr als zerknirscht, ich f\u00fchlte mich wie ausgel\u00f6scht. Da mir der Stein gefiel, aber ich nichts vom Wert eines so gro\u00dfen, geschliffenen und in Silber gefassten Amethysts wusste, konnte ich diesen Ausbruch nicht ganz verstehen.<br \/>\nAu\u00dferdem stimmte es gar nicht, sie hatte einen gro\u00dfen silbernen Handspiegel, eine B\u00fcrste mit Silberr\u00fccken und eine silberne Schale, in der diese Utensilien vor dem Spiegel der dreiteiligen Psyche lagen. Die waren auch Erbst\u00fccke von ihrer Mutter. Aber ich wusste damals noch nicht, dass ihre erste Mutter gestorben war, als sie in meinem Alter war, und dass sie eine m\u00e4rchenhaft schreckliche Stiefmutter bekommen hatte.<\/p>\n<p>Ich suchte den Amethyst noch die weiteren zw\u00f6lf Jahre, die ich in Tulln lebte, die vier in der Volksschule zusammen mit Rupert, sp\u00e4ter allein, weil Rupert nicht aufs Gymnasium ging.<br \/>\nW\u00e4hrend des Hausarrests gelang es mir einmal nach der Schule, mich in den Zirkus Belli einzuschleichen und mich zwischen den W\u00e4gen und K\u00e4figen zu verstecken. Ich w\u00fcrde mit ihnen auf Reisen gehen, auch eine Zirkusprinzessin werden und auf einem richtigen wei\u00dfen Pferd reiten. Familie hatte ich ja ohnedies keine mehr, und um mich Gfrast w\u00fcrde niemand weinen.<br \/>\nIch blieb nicht lange verborgen, man fand mich noch am selben Abend bei den Zigeunern, und der Hausarrest wurde gemildert, ich durfte in die Musikstunde, zur Jungschar und in den Sportverein gehen, nur mit Rupert durfte ich nie wieder spielen. Mein Vater machte sich auf Gehei\u00df meiner Mutter mit all seiner Autorit\u00e4t in die Banatler-Stra\u00dfe auf und lie\u00df sich das Spielverbot auch von der anderen Seite best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Vergessen habe ich den Amethyst nie. Als ich sechzehn Jahre sp\u00e4ter das erste Mal richtig Geld verdiente, kaufte ich sofort eine Kette aus Amethyststeinen, so lang, dass sie sie dreimal um den Hals schlingen konnte oder lange tragen bis zum Bauch, einen Silberring mit einem Riesenstein und ein Armband aus reinem Amethyst, einen richtigen Protzschmuck, von dem ich wusste, dass meine Mutter nie so etwas trug. Das war einfach nicht ihr Stil.<br \/>\nSie war zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt, umarmte mich und meinte:<br \/>\nDass du dich daran erinnerst?<br \/>\nAber sie trug tats\u00e4chlich den Ring und das Armband, vielleicht extra, nur wenn ich zu Besuch kam, die Kette war und blieb ihr zu prunkvoll. Sie lie\u00df sie beim Juwelier zu drei kurzen umbauen und schenkte sie meinen Schwestern, nicht ohne mich vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, noch viel sp\u00e4ter erfuhr ich, dass der Amethyst, ein Quarz SiO2, sowohl f\u00fcr den Steinbock, wie meine Mutter einer ist, als auch f\u00fcr den Fisch, der ich bin, bei den Esoterikern als Geburtsstein gilt.<\/p>\n<p>31.8.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 18023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind sechs Jahre, Rupert und ich. Mein Tischnachbar in der Schule, rechts von mir. 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