{"id":753,"date":"2014-01-10T14:48:07","date_gmt":"2014-01-10T14:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=753"},"modified":"2014-03-25T13:21:00","modified_gmt":"2014-03-25T13:21:00","slug":"erklaerung-des-versicherungsnehmers-zum-beratungsgespraech","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=753","title":{"rendered":"Erkl\u00e4rung des Versicherungsnehmers zum Beratungsgespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts753&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts753&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Pulsierend. Wie ein Herz geformt wie ein Hirn. Schwarz lackiert, gewachst, und auf Hochglanz. Glatt, glatt wie fl\u00fcssig. Darauf wei\u00dfe Balken, die gebogen das Gegenlicht spiegeln, auf den Windungen von dem Herz, das ein Hirn formt. Als w\u00fcrde es leuchten von hinter mir, als w\u00fcrde mein Schatten mir fehlen. Wenn ich das bin \u00fcberhaupt, der das sieht selbstverst\u00e4ndlich: Als w\u00e4re ich gar nicht da. Aus dem schwarzen Hirn wachsen Wurzeln. Nach oben, verzweigt, wie Gestr\u00fcpp. Nur Rinde, nur Risse und Spalten und rau, bis ganz hinauf bis zur Kante. Bis oben. Bis dort, wo mein Blick sie mir abhackt, die Wurzeln, unter der Erde noch. Abhackt. Mein Blick. Mit dem Rand von sich selbst, der, zwischen dem, was man sieht und dem anderen, und ganz schmal nur der unscharfe \u00dcbergang. Ganz d\u00fcnn nur die Grenze von dem Kastl zum Rausschaun, mit seinen vier spitzen Kanten, egal, wie rund das Kastl auch tun mag, durch das man da schaut. Auch vom Denken her. Dort drin findet es statt, das Leben. Dort drin:<br \/>\n\u201eUnd? Wie schaut\u2019s bei Ihnen aus mit der Vorsorge?\u201c<br \/>\nIch tauchte wieder auf aus dem Strudel im Kaffeeh\u00e4ferl und fragte: \u201e\u00c4hm?\u201c<br \/>\n\u201ePr\u00e4mienpension? Lebensversicherung? Krankenversicherung? Unfallversicherung? Haushalt? Nein?\u201c<br \/>\n\u201eNein.\u201c<br \/>\nIch h\u00e4tte fr\u00fcher schlafen gehen sollen.<\/p>\n<p>\u201eNa, dann wird es aber h\u00f6chste Zeit, Herr Breitenberger. Da kann man nicht fr\u00fch genug damit anfangen, ans Alter zu denken.\u201c<br \/>\n\u201eAha\u201c, sagte ich und legte den L\u00f6ffel zur\u00fcck auf die Untertasse.<br \/>\n\u201eJa. Und ich kann Ihnen da ja gern ein paar M\u00f6glichkeiten ein wenig detaillierter aufz\u00e4hlen.\u201c<br \/>\n\u201eMhm.\u201c<br \/>\nIch nickte aus Gewohnheit.<\/p>\n<p>Frau Binder kletzelte zwei, drei Prospekte heraus aus ihrer Ledermappe.<br \/>\nSie sagte, \u201eSehen Sie &#8230;\u201c, aber ich sah nichts, und da war wieder etwas vor mir, das auch nichts an einem Glastisch verloren hatte: Finger. Ringe \u00fcber Ringe \u00fcber Ringe, und sie drehten sich. Als w\u00fcrden sie flie\u00dfen in ihren zerdr\u00fcckten Kreisen, um sich selbst herum, zur\u00fcck zum Anfang, aber da war keiner, da war nur Fett, nur meins, und dazwischen ein gleich gro\u00dfer Abstand. Mein Fett war das, und der Fingerabdruck ich. Auf diesem Glastisch. Jetzt. Nicht morgen. Nicht am Morgen von morgen von morgen von morgen, et cetera, \u201eF\u00fcnfundvierzig Jahre Laufzeit\u201c. Pro Monat so und so viel, f\u00fcr so und so viel pro Monat. Am Ersten f\u00e4llig, dazwischen: Zeit, die verging, die vergehen musste, die Pr\u00e4mienzahlungsdauer: Tausche Geld f\u00fcr Geld. In unbekanntem Verh\u00e4ltnis. \u201eDa die zu erzielbaren \u00dcbersch\u00fcsse nicht vorausgesehen werden k\u00f6nnen, beruhen Zahlenangaben \u00fcber die zu erwartende Gewinnbeteiligung auf Sch\u00e4tzungen, denen die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse zu Grunde gelegt sind.\u201c Falls ich dann halt noch da war. Also lebte. Im Erlebensfall. Klassisch. Sicher ist sicher.<br \/>\n\u201eOder vielleicht lieber was staatlich Gef\u00f6rdertes?\u201c<\/p>\n<p>Ich verschmierte den Fingerabdruck mit meinem \u00c4rmel unauff\u00e4llig bis zur Unkenntlichkeit.<br \/>\nIch sah Frau Binder zu tief in den zu tiefen Ausschnitt und fragte, \u201eVielleicht?\u201c<br \/>\nVielleicht. Vielleicht nur. Und dann war da wieder das schwarze Gehirn, das, das wie ein Herz pulsierte. Nur das schwarze Gehirn, das auf Hochglanz, und dessen Wurzeln sich verzweigten wie Nerven. Oder Blutgef\u00e4\u00dfe? Das Pulsieren gleich schnell, gleich tief, gleich unangenehm her vom Dasein. Irgendwo in mir drin. In der Mitte. Darunter: \u201eSEPA-Lastschrift-Mandat (Erm\u00e4chtigung)\u201c, Enter, Zahlungsempf\u00e4nger, Doppelpunkt. Das schwarze Hirn pulsierte, und ich las, \u201eIm Rahmen der zwingenden gesetzlichen Bestimmungen (siehe \u201eBitte beachten Sie\u201c) w\u00e4hle ich &#8230;\u201c, die Wurzeln sahen aus, als w\u00fcrde aus ihnen getrunken. Wie ein Netz, wie gekn\u00fcpft aus d\u00fcnnen und dicken Strohhalmen, die sich hinter dem, was da durchkam, zusammen zogen, die das Etwas nach unten schluckten, bergauf und bergab, zick und zack. In das Schwarze, hinein ins Gehirn, ins pulsierende, hinein, dorthin, von wo aus es brennt. Brennen tut es, da drin, von dort aus, und strahlt aus in die H\u00e4rchen am Handr\u00fccken, strahlt aus und strahlt aus und strahlt aus. Kein fixer Rechnungszins. Da war sie, die Zukunft, und dort die Vergangenheit, und nur das Kleinste vom Kleinen dazwischen.<\/p>\n<p>\u201eGerade wegen dem derzeitigen Pensionssystem. Da muss man sich schon diesbez\u00fcglich. Hab\u2019 ich recht?\u201c<br \/>\n\u201eMhm\u201c, Frau Binders h\u00e4ngende Unterarme bl\u00e4tterten vorw\u00e4rts.<br \/>\n\u201eUnd das w\u00e4r\u2019n dann die unverbindlichen Modellrechnungen.\u201c<br \/>\n\u201eAso?\u201c<br \/>\n\u201eNaja, Sie wissen eh: M\u00fcndelsicher d\u00fcrfen wir ja jetzt offiziell nicht mehr sagen.\u201c<br \/>\nIch wusste eh.<br \/>\nFrau Bauer hatte Lippenstift auf den Z\u00e4hnen.<br \/>\nRosa.<br \/>\nPink.<br \/>\nEins von beiden.<\/p>\n<p>Dann Reihen von Zahlen in viel zu breiten Spalten. Alle genau, auf die zweite Kommastelle, sie sagten, \u201eWenigstens bei einem Punkt dann, bei einer Sache zumindest, endlich, ein Hackerl bei erledigt\u201c. Und die Abschlusskosten? Gesundheit! \u201eRauchen Sie? Wenn ja, was und wie viel?\u201c. Kommt drauf an, auf die Nacht, kommt drauf an, wie dunkel, Gr\u00f6\u00dfe, Gewicht, BMI. Zwei zu hoch, eins zu niedrig, \u201eIm Sinne einer m\u00f6glichst einfachen Darstellung &#8230;\u201c. M\u00f6glichst einfach, ja, bitte, her damit. Von mir aus auch ein Vorhang aus Apfelschalen. Braun und letschert und s\u00fc\u00dflich, hinter dem das schwarze Gehirn dann nur mehr dahinter pulsiert, und nicht mehr offen vor allen. \u201eAntrag auf Erstattung der Einkommensteuer (Lohnsteuer)\u201c, bis zum jeweiligen gesetzlichen H\u00f6chstbetrag. Ankreuzen, Ankreuzen, Ausf\u00fcllen. In Blockbuchstaben, in Heinzelm\u00e4nnchenschrift, der Rest vorgedruckt, der Rest gegeben. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Endlich.<\/p>\n<p>\u201eSie werden sehen. Sie werden bald keine Sorgen mehr haben brauchen, wegen dem sp\u00e4ter dann.\u201c<br \/>\n\u201eAha\u201c, sagte ich, w\u00e4hrend ich mich an der Ohrmuschel kratzte mit dem zerkauten Hintern vom Kugelschreiber.<br \/>\n\u201eDort auf der gestrichelten Linie. Auf der langen.\u201c<br \/>\n\u201eHm?\u201c<br \/>\n\u201eDa. Dort ganz unten.\u201c<br \/>\n\u201eAh.\u201c<\/p>\n<p>Dort. Dort ganz unten. \u00dcber der Provisionskontonummer, die Schlusserkl\u00e4rung erst auf der Seite danach. \u201eR\u00fccktrittsrecht nach \u00a73 Konsumentenschutzgesetz\u201c, binnen einer Woche, nicht allzu viel Zeit, sehr gut. Das schwarze Gehirn, es pulsierte. Auch die Wurzeln, gleich fest, gleich deutlich, die Windungen gl\u00e4nzten, auf Hochglanz poliert. Es w\u00fcrde alles nichts bringen, w\u00fcrde es? Das Jetzt im Morgen aufl\u00f6sen, runterschlucken, und dann warten bis die Wirkung einsetzt: \u201eAusschlie\u00dflich zu Illustrationszwecken\u201c.<br \/>\nGanz klein.<br \/>\nUnter der Illusion.<br \/>\n\u201eIhren Ausweis kopier\u2019 ich mir nur noch schnell und dann sind wir auch schon gleich fertig, wir zwei.\u201c<br \/>\n\u201eAha.\u201c<\/p>\n<p>Sie stand auf.<br \/>\n\u201eIch bin dann kurz.\u201c<br \/>\nSie ging. Frau Binder ging, und die f\u00fcnfundvierzig Jahre bis zum Auszahlen wurden mir zu lang, in ihren ersten vier Sekunden. Zu lang, zu viel Zeit war schon drin in dem Hochglanzgehirnherz, dem schwarzen, das mit den Wurzeln, das, das genau gleich stark pulsierte, trotz allem. Das jetzt Hunger hatte, und nicht sp\u00e4ter, das nach mehr verlangte, als die Zukunft von selbst w\u00fcrde abwerfen k\u00f6nnen, vielleicht, irgendwann, und wom\u00f6glich.<br \/>\nMein Ausweis geh\u00f6rte ihr.<br \/>\nMit dem Passfoto von vor einer Ewigkeit.<\/p>\n<p>Ich stand auf und ich wusste: Es w\u00fcrde knapp werden.<br \/>\nKnapp.<br \/>\nIm Plus, genau wie im Minus.<br \/>\nSolange mein Herz nur ein Hirn formt.<br \/>\nEin schwarzes.<br \/>\nAuch noch so auf Hochglanz poliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\/\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 14007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pulsierend. Wie ein Herz geformt wie ein Hirn. Schwarz lackiert, gewachst, und auf Hochglanz. Glatt, glatt wie fl\u00fcssig. 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