{"id":7528,"date":"2018-01-18T18:21:05","date_gmt":"2018-01-18T18:21:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7528"},"modified":"2018-01-21T18:28:49","modified_gmt":"2018-01-21T18:28:49","slug":"vielleicht-in-200-bis-300-jahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7528","title":{"rendered":"Vielleicht in 200 bis 300 Jahren"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7528&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7528&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eVon einem Druck des Romans kann keine Rede sein, nicht fr\u00fcher als vielleicht in 200 bis 300 Jahren.\u201c Diese Prognose f\u00fcr das Erscheinen seines Romans bekam der russische Schriftsteller Wassilij Semjonowitsch Grossman 1961 von dem ZK-Sekret\u00e4r f\u00fcr Kultur Suslow im Jahr 1962 gestellt. Grossman hatte ein monumentales Buch \u00fcber den Zweiten Weltkrieg geschrieben, in dessen Zentrum die Schlacht um Stalingrad und die Wende im Verlauf des Krieges stehen. Er hat fast zwanzig Jahre daran geschrieben, die gesamte Kriegszeit verbrachte er als Reporter der Armee-Zeitung \u201eRoter Stern\u201c an den Fronten. Er erlebte die Niederlagen im Westen zu Beginn der Invasion, die Schlachten um Moskau und Kursk, die f\u00fcnf Monate des Kampfes blieb er in Stalingrad, und auch bei der R\u00fcckeroberung Wei\u00dfrusslands, des Baltikums und beim Einmarsch in Berlin war er dabei.<\/p>\n<p>Der studierte Chemiker, 1905 als Jossif Solomonowitsch im westukrainischen Berditschew geboren, schrieb vor dem Krieg Romane und Erz\u00e4hlungen, ganz entsprechend der vorgegebenen Linie des Sozialistischen Realismus; er zeichnete das Leben der sowjetischen Arbeiter beim Aufbau des Sozialismus nach. Gorki wurde auf ihn aufmerksam und f\u00fchrte den jungen Kollegen ins Literaturleben ein. Damit konnte er seine Arbeit in den Gruben von Donezk verlassen, ging nach Moskau, wurde ver\u00f6ffentlicht und hatte mit mehreren Erz\u00e4hlungs-B\u00e4nden und vielen Artikeln gro\u00dfen Erfolg. Den Gro\u00dfen Terror \u00fcberlebt er angeblich unbeschadet, leiblich. Seine Frau Olga wird verhaftet, sein Sohn stirbt bei vormilit\u00e4rischen \u00dcbungen, seine Mutter kommt im Getto von Berditschew ums Leben, so wie auch die anderen zwanzig- bis drei\u00dfigtausend j\u00fcdischen Bewohner. 1944 schreibt er als erster Augenzeuge detaillierte Berichte \u00fcber die Vernichtungslager von Maidanek und Treblinka. Sie werden auch f\u00fcr den N\u00fcrnberger Prozess als Unterlagen f\u00fcr die Anklage herangezogen und im Wortlaut vorgelesen.<br \/>\nAber Grosssman war auch nicht blind gegen\u00fcber der anderen Seite des Terrors. Gleich nach der Anklage Chruschtschows gegen Stalin begann er mit der Sammlung der Schicksale der im Gro\u00dfen Terror vernichteten Sowjetb\u00fcrger. Das umfangreiche \u201eSchwarzbuch\u201c wurde aber knapp vor seinem Erscheinen eingestampft und erschien nie.<\/p>\n<p>Die Verhaftung eines Romans ist die h\u00f6chste Auszeichnung, die die Staatsmacht einem k\u00fcnstlerischen Werk verleihen kann. Die Dichtung wird der Wahrheit gleichgestellt, die Erfindungen des Schriftstellers dem Verrat von Staatsgeheimnissen. Die Staatsmacht empfindet Angst vor erdachten Figuren und den Gedanken eines Autors, selbst wenn sich diese nicht in Druckseiten mit Massenauflage verwandelt haben, sondern im Schreibtisch des Schriftstellers oder in denen der Geheimdienstler ruhen bleiben.<\/p>\n<p>Das Schicksal dieses Buches ist einzigartig und l\u00e4sst sich in jeder einzelnen Etappe nachvollziehen. Grossman \u00fcbergibt 1962 das Manuskript von eintausend Seiten der regimekonformen Literaturzeitschrift \u201eZnamja\u201c. Chefredakteur Wadim Koschewnikow liest es und reicht es an seine Stellvertreter Ljudmila Skorino und Alexander Kriwizki weiter. Sie erkennen die Explosionskraft des Buches und sind entsetzt. Auch nach dem XX. und XXII. Parteitag und dem Chruschtschow\u2018schen Tauwetters durfte man nicht so weit gehen wie Grossman: Sein Bild der sowjetischen Gesellschaft war zu schrecklich und vor allem zu wahrheitsgetreu. Gemeinsam beschlie\u00dfen sie die Denunziation und liefern das Buch an den KGB weiter. Dank dieser namentlich bekannten Handlager erscheinen kurz danach bei Grossman zwei M\u00e4nner in Zivil, die sich als Major und Hauptmann des KGB ausweisen. Sie zeigen den Befehl zur Hausdurchsuchung vor und verlangen von ihm die Herausgabe aller Exemplare.<\/p>\n<p>Sie nehmen nicht nur die maschingeschriebenen Kopien mit, sondern auch die Entw\u00fcrfe und bei den Stenotypistinnen und Maschinistinnen die Farbb\u00e4nder und die Bl\u00e4tter des Durchschlagpapiers, von denen man \u201egegen das Licht etwas h\u00e4tte entziffern k\u00f6nnen\u201c. Sein Monumentalwerk schien f\u00fcr immer vernichtet. Der Autor wurde nicht verhaftet, es blieb ihm das Schicksal von Mandelstam, Babel, Bulgakow, Chlebnikow und Antonow erspart, aber er erkrankte kurz danach an Krebs und starb drei Jahre sp\u00e4ter, nur neunundf\u00fcnfzigj\u00e4hrig.<br \/>\nWas hatte die Erstleser von \u201eSnamja\u201c und jene im KGB so erschreckt? Um die Beschlagnahme eines Manuskripts eines bekannten Schriftstellers zu beschlie\u00dfen, musste man es f\u00fcrchten und hassen wie die Pest.<\/p>\n<p>\u201eLeben und Schicksal\u201c erforscht die sowjetische Realit\u00e4t am H\u00f6hepunkt ihrer Geschichte, im Kampf um Stalingrad. Gleichzeitig ist hier die schwerste Niederlage der Roten Armee, die bis zur Wolga zur\u00fcckgewichen war, mit dem \u00fcberragenden Sieg \u00fcber den Feind dargestellt. Stalingrad als die gr\u00f6\u00dfte Hoffnung auf den Untergang des Nazismus und die Einsicht, dass es keinen Triumph der Demokratie geben wird. Grossman erlaubt uns, tiefe Einblicke in den Erkenntnisprozess einer gro\u00dfen Anzahl von Personen nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Zwischen Rassen- und Klassen-Fanatismus besteht kein grunds\u00e4tzlicher Unterschied. Ein erstaunliches Paradox: Gerade in Stalingrad wird offenbar, dass die Regime, die einander bek\u00e4mpften, endg\u00fcltig wie Spiegelbilder einander \u00e4hnlich waren. Grossmann begeht das schlimmste Verbrechen, er dringt sogar ins Hinterland des Hinterlandes ein und stellt Gulags und Konzentrationslager einander gegen\u00fcber. Nach seinen Erfahrungen mit dem Stalinismus kommt Grossman pers\u00f6nlich zu christlich anmutenden Folgerungen, die er wie ein Evangelium in den Mund des inhaftierten Popen Ikonnikow legt:<br \/>\n\u201eWenn das Gute nicht in der Natur, nicht in den Predigten der Propheten, nicht in den Lehren der gro\u00dfen Soziologen und Volksf\u00fchrer und nicht in der Ethik der Philosophen liegt, wo dann? &#8211; Es liegt in den Herzen der einfachen Menschen, in der N\u00e4chstenliebe. (\u2026)<br \/>\nDie Geschichte der Menschheit ist nicht die des Kampfes zwischen Gut und B\u00f6se, sondern die des Kampfes zwischen dem sogenannten Guten und jenem K\u00f6rnchen Menschlichkeit. Wenn selbst unter den heutigen Bedingungen das Menschliche im Menschen nicht abget\u00f6tet werden kann, dann wird das B\u00f6se niemals den Sieg davontragen.\u201c (Leben und Schicksal, S. 341)<\/p>\n<p>Auch daran wird deutlich, dass sich Grossman niemand Geringeren als Lew Tolstoj zum Vorbild genommen hat. Wie in \u201eKrieg und Frieden\u201c gruppiert er die Menschen \u2013 es sind bei ihm an die zweihundert auf Hunderten Schaupl\u00e4tzen \u2013 in mehreren Familien. Im Zentrum steht die weitverzweigte Familie des sowjetischen Atomphysikers Viktor Pawlowitsch Strum und der angeheirateten Schaposchnikows. Strum gelingt der Durchbruch zu den entscheidenden Erkenntnissen und damit der sowjetischen Wissenschaft der Anschluss an die westliche Physik. Gerade als Strum den Stalin-Preis und die Gl\u00fcckwunschtelegramme von Einstein und Fermi erwartet, ger\u00e4t er in den Strudel des Stalin\u2018schen Antisemitismus. Er sieht sich umgeben von einer Heerschar von Speichelleckern, Heuchlern, Karrieristen und Antisemiten. Er, der immer nur der sowjetischen Wissenschaft gedient hat, wird ins Gef\u00e4ngnis geworfen mit der Anklage nach dem ber\u00fcchtigten Artikel 58 \/ Abs\u00e4tze 10 und 8 wegen antisowjetischer Agitation und terroristischer T\u00e4tigkeit. Ein Urteil, das seit dem Gro\u00dfen Terror von 1937 an viele Hunderttausende von Sowjetb\u00fcrgern in die Lager gebracht hatte. Oder gleich in den Tod in der Lubjanka oder auf den Transporten.<\/p>\n<p>Der Viktor P. Strum im Roman wird noch einmal entlassen, weil man sein Gehirn zur Glorie der sowjetischen Wissenschaft noch brauchen konnte. Aber der j\u00fcdisch geborene, sowjetisch sozialisierte Schriftsteller Grossman selbst wird nie wieder loskommen von der Judenvernichtung durch die Nazis und der Verfolgung durch Stalin.<br \/>\nEin enger Freund schreibt sp\u00e4ter, er hatte damit seinen Knacks weg. Seine strenge, heilige, lichtbringende, sowjetische Kathedrale Stalin war eingest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Pasternaks Dr. Schiwago und Solschenizyns Archipel Gulag l\u00f6sten gewaltige Skandale aus und hatten f\u00fcr die Autoren schwerwiegende Folgen. Pasternak starb nur zwei Jahre sp\u00e4ter an gebrochenem Herzen, Solschenizyn wurde des Landes verwiesen. Aber die Romane, so wichtig und aufkl\u00e4rerisch sie auch waren, bedeuteten Kinderspiele im Vergleich zu Leben und Schicksal. Sie waren f\u00fcr das Zentralkomitee und die Geheimdienste viel weniger gef\u00e4hrlich als Grossmans Buch. Es greift alle Probleme des Stalinismus offen auf und an, stellt die Verbrechen ungesch\u00f6nt dar, alle in der Partei, in der Armee und sogar das proletarische Volk selbst, das gar nicht so glorreich ist, sondern auch arbeitsscheu, versoffen, devot und kriecherisch, ein Volk von T\u00e4tern und Opfern, nicht klar getrennt, sondern oft beides in einer Person. Bei allen Parallelen, die er sonst zwischen den Diktaturen zieht, ist das der gro\u00dfe Unterschied zum anderen Totalitarismus, den Grossman herausstellt.<br \/>\nDas muss ihm bewusst gewesen sein, als er sein Manuskript der \u201eSnamja\u201c \u00fcbergab.<br \/>\nEr muss gewusst haben, dass man ihm das nicht durchgehen lassen wird.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter geschah doch noch ein Wunder, nachdem das Manuskript von \u201eLeben und Schicksal\u201c zwanzig Jahre lang in Haft gesessen war. Grossman hatte damals zwei Exemplare seines Manuskripts bei Freunden in Moskau verstecken k\u00f6nnen, die auf geheimen Wegen in den Westen gelangten, \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlicht wurden, das russische Original zuerst 1980 in einem Exil-Verlag in Lausanne, deutsch 1987 bei Ullstein.<\/p>\n<p>26.8.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 18014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVon einem Druck des Romans kann keine Rede sein, nicht fr\u00fcher als vielleicht in 200 bis 300 Jahren.\u201c Diese Prognose f\u00fcr das Erscheinen seines Romans bekam der russische Schriftsteller Wassilij Semjonowitsch Grossman 1961 von dem ZK-Sekret\u00e4r f\u00fcr Kultur Suslow im Jahr 1962 gestellt. 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