{"id":7524,"date":"2018-01-21T18:15:44","date_gmt":"2018-01-21T18:15:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7524"},"modified":"2018-08-25T16:39:33","modified_gmt":"2018-08-25T16:39:33","slug":"wie-tamara-die-avocado-kennenlernte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7524","title":{"rendered":"Wie Tamara die Avocado kennenlernte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7524&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7524&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie war die Lieblings-Deutsch-Dolmetscherin des Moskauer B\u00fcrgermeisters Jurij Luschkow. Er forderte sie pers\u00f6nlich an, wenn er deutsch sprechende G\u00e4ste in seiner Stadt empfing, sei es aus Berlin, Z\u00fcrich oder Wien. Die zust\u00e4ndigen Diplomaten fl\u00fcsterten dem Polit-Neuling zu, dass es Gepflogenheit sei, dass jede Delegation ihre eigenen Dolmetscher mitbringen w\u00fcrde. Es n\u00fctzte nichts, der stierk\u00f6pfige Russe blieb bei seiner Tamara. <em>Niemand ist besser, da k\u00f6nnen Sie sicher sein. Die kann nicht nur einfach Deutsch, sondern auch Berlinerisch, Schweizerdeutsch und Wienerisch.<br \/>\nSogar die Schm\u00e4hs. Alle Episoden und Witze, die Geschichte und die Literatur. <\/em><\/p>\n<p>Luschkow war zu seiner Zeit kein Verhandler, sondern ein Durchsetzer, eine Dampfwalze.<br \/>\nBald sprach sich die M\u00e4r \u00fcber die kleine, zarte, fabelhafte Russin in allen Botschaften und B\u00fcrgermeister-Amtsstuben herum: Tamara ist wirklich die Beste! Sie ist klug, h\u00fcbsch, elegant, charmant, witzig, schnell, diplomatisch, firm in jedem Bereich, bis zu den schnell un\u00fcbersetzt gelassenen Altherrenwitzen und politisch-historischen Fettn\u00e4pfchen. Sie war einfach perfekt. Sie konnte Lippen, Blicke und in der Seele lesen, war Aug und Ohr ihrer Herrschaften, ja es schien fast so, als k\u00f6nnte sie sogar deren Willen lenken.<\/p>\n<p>So kam sie einmal auch an Luschkows Seite nach Wien zum Amtsbruder Helmut Zilk. Der war schon seit seinem ersten Besuch in Russlands Hauptstadt ein Moskau-Fan, und auf Luschkows \u00dcbersetzerin freute er sich besonders. Sie war ja nicht nur eine beeidete Dolmetscherin und \u00dcbersetzerin, sondern im Hauptberuf Universit\u00e4tsprofessorin f\u00fcr Linguistik, Translationswissenschaften und interkulturelle Kommunikation, alles ganz neu im Wende-Russland unter Jelzin. Vergesst das KGB, wir suchen uns unsere Leute jetzt selbst aus, nach unserem einfachen menschlichen Empfinden.<br \/>\nIn Moskau hatte sie einen guten Ruf als Germanistin und \u00dcbersetzerin speziell \u00f6sterreichischer Literatur. Wie vielen Studenten hat sie den Blick auf \u00d6sterreich und seine Kultur gelenkt, wie viele Diplomarbeiten und Dissertationen zu \u00f6sterreichischen Themen angeregt und Literatur-\u00dcbersetzungen veranlasst. Sie kannte Wien und seinen Bewohner wie ihre Handtasche, hatte sie doch lange auch in Wien Russisch unterrichtet.<\/p>\n<p>Nun also der erste Gegenbesuch Luschkows bei seinem Freund Chelmut und dessen charmanter Frau, einer popul\u00e4ren Schauspielerin. Am Rollfeld Luschkows angetraute Ehefrau Nadja Baturina zwei Schritte hinter ihm. Die Baufachfrau hat ein Firmenimperium aufgebaut und durfte halb Moskau zubetonieren. Tamara w\u00e4re in der Masse der b\u00fcrgermeisterlichen Entouragen untergegangen, h\u00e4tte sie Luschkow nicht an seiner Seite festgehalten, eng an ihm H\u00e4ndchen haltend, wie angeschmiedet. Die kugelige, blonde Nadja mit einer Figur wie eine sowjetische Hammerwerferin schritt in der zweiten Reihe, in einem strengen Kost\u00fcm wie eine sowjetische Zollbeamtin aus Brest-Litowsk.<\/p>\n<p>Da kam es zum ersten Faux pas, den beileibe nicht Tamara begangen hat und auch nicht verhindern konnte. Nach der der Umarmung des Gastes mit dreifachem Wangenkuss durch <em>moj drug, Chelmut, <\/em>brachte er das gleiche Ritual bei Tamara an. Beide Entouragen erstarrten zu arktischem Eis, bis der Hausherr schnell reagierte und \u00fcber Nadjas Hand elegant einen Handkuss andeutete und sie damit nach vorne zog. Die Wiener B\u00fcrgermeistersgattin war auch nicht von schlechten Eltern, wie sie elegant den Kartoffelsack umarmte und ihr das eingelernte \u201eDobro poschalowatj v Venje, dorogije druzja\u201c \u2013 herzlich willkommen in Wien, liebe Freunde \u2013 in beide Ohren fl\u00f6tete. Eine Holzfl\u00f6te. Sie war ja schlie\u00dflich auch S\u00e4ngerin. Danach h\u00e4ngte sie sich bei ihr unter und lie\u00df die Herren allein, allein mit Tamara zwischen ihnen. Alles eitel Wonne, das Besuchsprogramm wie immer, aber mit besonders herzlicher Stadtbruderschaft. Wenn man ein bisschen gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig sein wollte, sahen sie den beiden prominenten Paaren \u00e4hnlich, die im Fr\u00fchling in Wien auf Staatsbesuch waren, eine witzige Karikatur drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter und nur auf B\u00fcrgermeister-Ebene.<\/p>\n<p>Alles lief blendend und wie geschmiert, vieles sicher dank der gewandten Tamara. Das Zilk-Team schmolz dahin und wollte sie zur Wiener Ehrenb\u00fcrgerin machen, die Luschkow-Begleiter samt Nadja sch\u00fcrten die n\u00e4chste Intrige. Dabei war es stadtbekannt, dass hinter dem einmaligen Besuch Zilks im Kreml \u2013 damals sa\u00df Luschkow-Freund Jelzin drin \u2013 die \u00dcbersetzerin Tamara stand. Dass dem nachmaligen Pr\u00e4sidenten Klestil und seiner Gattin dies versagt blieb, brachte dieses Couple zur Wei\u00dfglut und die Botschaft zum Routieren. Warum hat der Zilk das bekommen und wir nicht? Da sa\u00df aber schon Putin drin. Als Rache bekam er einen K\u00f6ter geschenkt. Der Kremlherr lie\u00df sich einmal, ihn streichelnd, mit ihm ablichten, dann hielt er es aber mehr mit sibirischen Tigern und Reitpferden.<\/p>\n<p>Dann kam das Bankett am Abend des letzten Tages. Lange, \u00fcberladene Tische in den Hallen des Rathauses, Kerzen- und Blumenschmuck unter den neugotischen Spitzb\u00f6gen, vorne auf einer B\u00fchne ein kleines Orchester mit Strau\u00df-Walzern. Zilk hatte sich ausgebeten, dass Tamara gegen alle Regeln der Diplomatie neben ihm sa\u00df. Aufgetragen wurde die erste Vorspeise. Die \u00dcbersetzerin war wahrlich keine Newcomerin, hatte ihr Stadtoberhaupt schon auf vielen Reisen begleitet, viele Verhandlungen \u00fcber St\u00e4dtepartnerschaften \u00fcbersetzt, viele Gastm\u00e4hler und tausende Toast-Spr\u00fcche \u00fcberstanden. Aber was diesmal auf ihrem Teller landete, das hatte sie noch nie gesehen. Es war gurkengr\u00fcn, aber keine Gurke, vielleicht eine unreife Birne? Aber warum war da so viel Gr\u00fcnzeug und Zitrone rundherum? Birne Helene war doch eine Nachspeise und sicher nicht geziert mit Kr\u00e4utern, Muscheln und Krebsen, dazu B\u00fcschel von Petersil, geschnitzte Karotten, Berge von Majonnaise und Kaviar. Eine Wurzel oder eine Frucht? Oder irgendetwas dazwischen?<br \/>\nWie findet man ein Wort f\u00fcr etwas, was es f\u00fcr sie nicht gab?<br \/>\nOhne Wort keine Wirklichkeit, das ist das kleine Einmaleins ihres Berufes.<br \/>\nWenn sich die Wirklichkeiten so sehr unterscheiden, gibt es auch keine Worte mehr.<br \/>\nOh Gott, was war das? Ein Gew\u00e4chs, so viel war sicher, kein Kunstprodukt.<br \/>\nAber war es s\u00fc\u00df oder sauer? Die Nachspeise zur Vorspeise?<\/p>\n<p>Die Fragen rasten durch ihren normalerweise gut sortierten Kopf. Sekunden wie Jahrhunderte, diese Verzweiflung, sie starrte auf diese ihr unbekannte Mixtur, glotzte sie an wie ein Untier \u2013 sie hatte keinen Namen daf\u00fcr, das Schlimmste, was einer \u00dcbersetzerin passieren kann. Sprachlos, wortlos.<br \/>\nDa hob sie vorsichtig den Blick auf den Chelmut neben ihr. Augen rollen, Brauen hochziehen, unmerkliches Zwinkern, mit Mundwinkel zucken \u2013 diese Sub-Sprache beherrschte sie und operierte erfolgreich damit. Aber jetzt, angesichts dieser nie gesehen Frucht, war sie am Ende ihrer Weisheit.<br \/>\nWelches Ger\u00e4t nehmen? Messer, Gabel, L\u00f6ffel, Fischbesteck, Krabbenschere, S\u00fc\u00df- oder Teel\u00f6ffel? Die Reihen links und rechts vom Teller waren endlos, und vor ihren Augen schwirrte es.<br \/>\nJa, und so hat sie es mir erz\u00e4hlt, genau so, in diesem Sommer 2017, als Tamara bei mir zu Besuch war, als ich ihr unschuldig so etwas f\u00fcr uns Selbstverst\u00e4ndliches wie Avocados vorsetzte.<\/p>\n<p>\u201eZilk hat die Situation sofort richtig erkannt, ein Genie, ein echter Gentleman, Diplomat h\u00f6chster Schule, vor allem aber ein Mensch, ein so lieber Mensch. Er hat es nicht zugelassen, dass ich mich blamiere. Wei\u00dft du, was es bedeutet h\u00e4tte, wenn ich Luschkow &#8230; und seine Nadja &#8230; die hatte ja noch weniger Ahnung als ich. Aber sie hatte die Gattin an ihrer Seite. Ich aber sah gar nichts.<br \/>\nUnter der Serviette auf dem Scho\u00df legte mir Zilk seine Hand auf meine.<br \/>\n<em>Ruhig, Schatzi, schau mir genau zu und mach, was ich mache. <\/em>Dabei neigte er den Kopf aufrecht leicht in meine Richtung und murmelte mir ins linke Ohr.<br \/>\nBefreiende Worte, ich schaute nur noch auf seine H\u00e4nde und imitierte seine Bewegungen vom Teller zum Mund und wieder zur\u00fcck, ohne eine Sekunde auf das \u00dcbersetzen zu vergessen. Ich wusste nicht, was ich a\u00df, und war nicht sicher, ob es mir schmeckte. Ich kam durch bis zur richtigen Birne Helene, vielleicht war es auch ein anderes Dessert, nicht wichtig. So kam die Avocado zu mir.\u201c<\/p>\n<p>Sie lobte meine K\u00e4seplatte mit Avocados und Tomaten, keine heimische Frucht, sondern eine aus Chile, bei Hofer gekauft mit einem Fair-Trade-G\u00fctesiegel. F\u00fcr Tamara kramte ich die Verpackung aus dem M\u00fclleimer heraus und zeigt ihr, dass sie von der Firma Hass aus den USA stammten.<br \/>\nHass-Avocados aus Texas. Nur ein Familienname wie Trump, ein Einwanderer aus Deutschland, wie Kraft und Heinz und Ochs. Da waren wir ganz schnell bei der aktuellen Politik. Inzwischen gibt es auch in Russland Avocados, sagt Tamara, aber sie kommen seit den Sanktionen nur noch aus Israel, sie sehen ganz anders aus, wie kleine, braune K\u00fcrbisse mit Schn\u00e4beln und schmecken nach absolut goa nix.<br \/>\nDa k\u00f6nnen wir doch gleich bei unseren russischen Gurken bleiben, die schmecken ohne Wodka, Zwiebel und Schwarzbrot auch nach nichts, riechen aber wenigstens noch nach Erde.<\/p>\n<p>Das war ein sch\u00f6ner, interkultureller Abend.<\/p>\n<ol start=\"24\">\n<li>8.17<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><span style=\"color: #000000;\">Weiterlesen k\u00f6nnen Sie <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8554\">hier<\/a>.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 18013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war die Lieblings-Deutsch-Dolmetscherin des Moskauer B\u00fcrgermeisters Jurij Luschkow. 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