{"id":7505,"date":"2018-01-10T19:28:07","date_gmt":"2018-01-10T19:28:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7505"},"modified":"2024-06-26T07:28:28","modified_gmt":"2024-06-26T07:28:28","slug":"kamele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7505","title":{"rendered":"Kamele"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7505&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7505&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich sa\u00df mit Jakob in der kleinen K\u00fcche. Es war Sonntagabend im fr\u00fchen Herbst. Wir hockten auf zu hohen St\u00fchlen am niedrigen runden Tischchen, in die Ecke gedr\u00e4ngt. \u00dcber das Tischchen war die wundersch\u00f6n handbestickte und etwas fleckige Decke gebreitet, die ich im Sommer mit Nadja in Berlin am Flohmarkt gekauft hatte. Ich sa\u00df mit angewinkelten Beinen, eingezw\u00e4ngt zwischen Speisekammert\u00fcr, Sp\u00fclmaschine, Tisch und Fensterbrett im R\u00fccken. Jakob sa\u00df etwas komfortabler. Er hatte Beinfreiheit und war nur von drei Seiten beengt, wobei der kolossale kirschrote Bosch K\u00fchlschrank zu seiner Rechten einen m\u00e4chtigen, sanft surrenden Schutzwall bildete. Wir tranken Kaffee.<\/p>\n<p>Jakob sollte aus Regensburg kommen, weil wir das Esszimmer haben auswei\u00dfeln lassen. \u2013 Robert, der Maler, hatte mit den M\u00e4andern, die ich als Umrahmung f\u00fcr den Durchgang zur K\u00fcche wollte, seine liebe Not. Er gab mir unmissverst\u00e4ndlich zu verstehen, dass er nie mehr einen derartigen Auftrag annehmen werde. \u2013 Bl\u00f6des Muster! \u2013 Keine Kundschaft au\u00dfer mir will diese grei\u00dfliche Bord\u00fcre an der Wand haben. Zur Bes\u00e4nftigung der hinuntergeschluckten Fl\u00fcche serviere ich ihm einen Kaffee nach dem anderen, was die Situation nur geringf\u00fcgig entsch\u00e4rft, bis er schlie\u00dflich auch keinen Kaffee mehr mag und immer einsilbiger wird. Das mit den M\u00e4andern will und will einfach nicht hinhauen. Er macht wortlos fertig, packt um Punkt f\u00fcnf sein Zeugs zusammen und r\u00e4umt das Feld. Ich sehe es ihm an, er denkt: Auf Nimmerwiedersehn! Ich kann es ihm nicht \u00fcbel nehmen.<br \/>\nEin paar Tage sp\u00e4ter kam die Sigrid, seine Chefin, \u00fcbermalte die windschiefen M\u00e4ander und zauberte rechtf\u00f6rmige dar\u00fcber. Wir waren uns einig, dass Robert diese Schmach nie erfahren soll. \u2013 Jetzt gleicht mein Eingang zur K\u00fcche einem griechischen Tempel. Vielleicht h\u00e4tte ich doch auf Roberts Einsch\u00e4tzung der Lage h\u00f6ren sollen.<\/p>\n<p>Diese Vorgeschichte erz\u00e4hle ich nur nebenbei. Robert hat es auch verdient, einmal in einer Geschichte vorzukommen. Und ich entschuldige mich bei der Gelegenheit auch f\u00fcr den ekelhaften Auftrag und den vielen starken Kaffee!<\/p>\n<p>Jetzt kehre ich aber zu Jakob und mir in der K\u00fcche zur\u00fcck. Aus diversen, hier nicht n\u00e4her zu erkl\u00e4renden Gr\u00fcnden hat es Jakob erst am fr\u00fchen Nachmittag geschafft, nach Hause zu fahren. Die Hauptarbeit, das Einr\u00e4umen des Esszimmers, war bereits erledigt, und so reichte es aus, dass Jakob eine symbolische Tat vollbrachte, beim Kanapee mit anpackte, und sich anschlie\u00dfend kaffeetrinkend davon und von manch anderen Strapazen des Studentenlebens erholte.<br \/>\nGleichzeitig pflegte er eine gehobene Unterhaltung mit mir. Die zentralen Themen AfD, Conti, einen wirklich nur ganz kurzen Exkurs zu den geschriebenen Klausuren in den verschiedenen Studiengebieten. Schlie\u00dflich bereicherte Jakob unsere gepflegte Konversation wesentlich, indem er mir seine neue App vorstellte. Die Kamel App! \u2013 Das traf nat\u00fcrlich sofort mein Interesse, und ich verga\u00df blitzschnell alle Fragen das Studium betreffend. \u2013 Wie hat man sich nun so eine Kamel App vorzustellen? Sie bietet dem Nutzer die M\u00f6glichkeit, den Wert einer Person durch die Eingabe bestimmter Pers\u00f6nlichkeits- und Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Haarl\u00e4nge und Haarfarbe, Brustumfang, Bildungsgrad, Alter usw. zu ermitteln. Interessanterweise ist die daf\u00fcr verwendete W\u00e4hrung weder Euro, Rubel, Schekel noch Dollar, sondern Kamel. Zugegeben f\u00fcr unsere Region ungew\u00f6hnlich, aber im Sinne der Globalisierung durchaus innovativ und zukunftstr\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Warum sollte man sich eigentlich nicht \u2013 angesichts der fortschreitenden Inflation \u2013 auf altbew\u00e4hrte und zudem wertbest\u00e4ndige Tauschg\u00fcter zur\u00fcckbesinnen. Kamele gefallen mir, obwohl ich ehrlich gesagt abgesehen vom Tierpark noch kaum ein lebendiges zu Gesicht bekommen habe. Auch auf der Israelreise habe ich vom Bus aus in der Ferne Kamele erahnen k\u00f6nnen, und einmal bei einer Tankstelle eins von der N\u00e4he bestaunt. Es stand dort als beliebtes Fotoobjekt f\u00fcr Touristen bereit.<br \/>\nIch sch\u00e4mte mich aber angesichts meiner K\u00f6rperf\u00fclle, vom zierlichen Kameltreiber auf den R\u00fccken des armen Tieres gewuchtet zu werden. Deshalb lehnte ich das Angebot ab, mich auf dem schmucken Kamel sitzend fotografieren zu lassen. Das war damals dumm von mir. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es doch jetzt, so ein Foto neben dem Bosch K\u00fchlschrank h\u00e4ngen zu haben. \u2013 Eine verpasste Gelegenheit!<\/p>\n<p>Nun aber wieder zur\u00fcck zur Kamel App. Jakob erz\u00e4hlt mir, dass seine Freundin Aysun laut App einem Gegenwert von 83, in Worten dreiundachtzig, Kamelen entspricht. Ich bin beeindruckt und sp\u00fcre meinen eigenen Wert sinken.<\/p>\n<p>\u201eWoher nehmen?\u201c, frage ich. \u201eJa mei, die muss der Papa auftreiben!\u201c Oh mei, das wird schwierig. Alles k\u00f6nnte der Papa auftreiben: Kaffeemaschinen, K\u00fchlschr\u00e4nke, K\u00fcchenherde, original Schreibtischlampen und Telefonapparate im Nazi-Design, vielleicht sogar eine Waschmaschine, aber ein Kamel? \u2013 Das erscheint mir unm\u00f6glich. Aber wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Schlie\u00dflich will Aysun gefreit werden. Ich halte meine Augen offen.<\/p>\n<p>PS: Mein Wert bel\u00e4uft sich laut App \u00fcbrigens trotz meines fortgeschrittenen Alters immer noch auf stattliche 53 Kamele. Ich m\u00f6chte nicht vers\u00e4umen, abschlie\u00dfend noch darauf hinzuweisen.<\/p>\n<p>PS: Am Weihnachtsfeiertag hat \u00fcbrigens eine Neuberechnung vor Zeugen ergeben, dass sich bei der ersten Kalkulation ein Fehler eingeschlichen haben muss. Der Wert von Aysun betr\u00e4gt nach eingehender Pr\u00fcfung 73 Kamele. Auch sehr beachtlich!<\/p>\n<p>Weihnachten 2017<\/p>\n<p align=\"right\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 18012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sa\u00df mit Jakob in der kleinen K\u00fcche. Es war Sonntagabend im fr\u00fchen Herbst. Wir hockten auf zu hohen St\u00fchlen am niedrigen runden Tischchen, in die Ecke gedr\u00e4ngt. \u00dcber das Tischchen war die wundersch\u00f6n handbestickte und etwas fleckige Decke gebreitet, die ich im Sommer mit Nadja in Berlin am Flohmarkt gekauft hatte. 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