{"id":7490,"date":"2018-01-10T16:56:42","date_gmt":"2018-01-10T16:56:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7490"},"modified":"2018-01-10T19:18:37","modified_gmt":"2018-01-10T19:18:37","slug":"bettelkoenigin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7490","title":{"rendered":"Bettelk\u00f6nigin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7490&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7490&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die kleine Hand war dunkel und ein wenig schmutzig; unter den Fingern\u00e4geln zeichneten sich schwarze R\u00e4nder ab. \u201eOne Rupee, one Rupee.\u201c<br \/>\n\u201eNo.\u201c Unwirsch bl\u00e4tterte Isabella eine Seite um; sie wollte in Ruhe lesen und sich nicht schon wieder mit einem bettelnden Kind herum\u00e4rgern.<br \/>\n\u201eOne Rupee.\u201c<br \/>\nSie musterte das M\u00e4dchen. Es war etwa acht Jahre alt und steckte in schmuddeligen Pajamas; die dunklen Augen voll fordernder Ungeduld.<br \/>\n\u201eI don\u2019t give children money.\u201c Isabella unterstrich ihre Worte mit einem Kopfsch\u00fctteln.<br \/>\nDie Haare der Kleinen waren zerzaust und an einigen Stellen verfilzt. Sie sah nicht aus, als ob sie die Erkl\u00e4rung akzeptierte. Irgendwie war es immer falsch, was Isabella tat; gab sie den Kindern etwas, gingen sie erst recht nicht zur Schule; gab sie ihnen nichts, musste sie ein schlechtes Gewissen haben \u2013 wovon sollten sie denn sonst leben. St\u00e4ndig f\u00fchlte sich Isabella hier schuldig, irgendwie kam sie mit der Armut nicht klar.<br \/>\n\u201eOne Rupee, pleeeeeease.\u201c<br \/>\nAber jeden Bettler zu unterst\u00fctzen, weil der kapitalistische Westen immer an allem schuld war?<br \/>\n\u201eNo!\u201c Isabella wandte ihren Blick ab und lehnte sich zur\u00fcck, die Tempels\u00e4ule f\u00fchlte sich k\u00fchl an. Wenn sie so bedr\u00e4ngt wurde, konnte sie stur sein. Eine Taube flog auf und landete auf dem Kopf eines steinernen Tempell\u00f6wen. Nach einer Weile machte das M\u00e4dchen kehrt und ging weg.<\/p>\n<p>Prakriti zog sich in eine schattige Nische neben dem Goldenen Tor zur\u00fcck. Unter einem Ziegelstein hatte sie ihre Einnahmen versteckt \u2013 alles war noch da. Die anderen Kinder respektierten sie, schlie\u00dflich verdiente sie mit Abstand am meisten. Sie streunten in den angrenzenden Stra\u00dfen herum und machten Beute. Zufrieden \u00fcberblickte Prakriti den Durbar Square \u2013 der Platz geh\u00f6rte ihr und niemand w\u00fcrde es wagen, ihn ihr streitig machen. Gerade kam eine japanische Touristin im Kimono aus dem K\u00f6nigspalast, w\u00e4hrend ihr Mann sie mit seiner riesigen Kamera von allen Seiten fotografierte.<br \/>\nPrakriti nickte Aruna zu, die ein paar Meter weiter eine leere Plastikflasche in einen Sack stopfte. Pl\u00f6tzlich kam ihr dieser halbnackte Security in den Sinn; sie wischte die ekelhafte Erinnerung weg, stand auf und gab Aruna eine Ohrfeige. Das kleine M\u00e4dchen weinte. Prakiti nahm sie auf den Arm und ging auf das Paar zu.<br \/>\n\u201eBaby hungry\u201c, jammerte sie und streckte die Hand aus. Die Touristin sagte etwas zu ihrem Mann, der umst\u00e4ndlich in seinem Brustbeutel kramte und ihr ein paar M\u00fcnzen gab.<br \/>\n\u201eBaby hungry!\u201c, wiederholte Prakriti zornig, der Trottel war wohl schwer von Begriff. Endlich fischte er einen Schein hervor. Sie schnappte ihn sich und schlenderte zu ihrem Platz zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das kleine M\u00e4dchen tat Isabella leid. Eigentlich taten ihr beide leid. Eltern waren keine in Sicht. Die Kleine schien zu sp\u00fcren, dass Isabella sie beobachtete und n\u00e4herte sich vorsichtig, w\u00e4hrend ihre Schwester eine \u00e4ltere Amerikanerin mit Schirmm\u00fctze bearbeitete: \u201eSchool book, one hundred Rupee, please.\u201c<br \/>\nDie Kleine erklomm zielstrebig die Steintreppen. Isabella nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Wenn sie doch nur Bonbons dabei h\u00e4tte oder wenigstens einen Keks. Vielleicht mochte die Kleine spielen? Sie sch\u00fcttete den Rest Wasser auf den r\u00f6tlichen Stein, tauchte ihren Finger in die Pf\u00fctze und malte kurzerhand das Haus vom Nikolaus. Das Kind sah sie gro\u00df an. Ein scharfer Pfiff hallte \u00fcber den Platz. Die Kleine fuhr hoch und rannte zu ihrer Schwester. Die beiden verschwanden im n\u00e4chsten Laden.<\/p>\n<p>Pakriti dr\u00fcckte den Kleber aus der Tube und gab Aruna die zweite Plastikt\u00fcte; sie bliesen die T\u00fcten auf und sogen die D\u00e4mpfe ein. Im Nu wurde Pakriti von einem Schwindel erfasst und ein Kribbeln breitete sich in ihrem K\u00f6rper aus. Sie schaute in den strahlendblauen Himmel, der intensiv leuchtete. Pakriti torkelte in die Mitte des Platzes, drehte sich im Kreis, dass die Pagoden nur so um sie herumflitzten, und glaubte f\u00fcr einen gl\u00fccklichen Moment, abzuheben und davonzufliegen. Aruna gluckste; ihr Lachen war ansteckend und sie lachten beide grundlos und verr\u00fcckt, bis sich der Rausch wieder verfl\u00fcchtigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Angela Kreuz<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die kleine Hand war dunkel und ein wenig schmutzig; unter den Fingern\u00e4geln zeichneten sich schwarze R\u00e4nder ab. \u201eOne Rupee, one Rupee.\u201c \u201eNo.\u201c Unwirsch bl\u00e4tterte Isabella eine Seite um; sie wollte in Ruhe lesen und sich nicht schon wieder mit einem bettelnden Kind herum\u00e4rgern. \u201eOne Rupee.\u201c Sie musterte das M\u00e4dchen. 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