{"id":7417,"date":"2017-12-23T12:49:21","date_gmt":"2017-12-23T12:49:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7417"},"modified":"2017-12-30T10:24:42","modified_gmt":"2017-12-30T10:24:42","slug":"von-goettinnen-und-hausfrauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7417","title":{"rendered":"Von G\u00f6ttinnen und Hausfrauen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7417&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7417&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Unruhig glitt ihr Blick zur Uhr an der Wand. Nicht mehr lange. Jeden Abend beendete dieses eine Ger\u00e4usch den Tag und die H\u00f6lle brach los. Der Schl\u00fcssel drehte sich im Schloss und die Meute lie\u00df alles fallen und rannte, wie eine Herde tollw\u00fctiger Wildschweine, zur Eingangst\u00fcr, um ihren Vater zu empfangen. Er widmete sich freundlich, wenn auch leicht \u00fcberfordert, seinem \u00fcberdrehten Nachwuchs, ehe er sich seiner Frau zuwandte und sich nach ihrem Tag erkundigte.<br \/>\nSie versuchte fieberhaft den Eindruck loszuwerden, dass er sie nur routinem\u00e4\u00dfig fragte und gar nicht an ihrer Antwort interessiert war. Anfangs hatte sie ihm noch ausschweifend die Wahrheit erz\u00e4hlt, zum Beispiel, dass sie es an diesem Tag schon am Vormittag geschafft hatte, sich die Z\u00e4hne zu putzen, anstatt erst am Nachmittag oder \u00fcberhaupt nicht. Sie hatte ihm verraten, dass sie vor Ersch\u00f6pfung und Verzweiflung eine halbe Stunde auf dem K\u00fcchenboden geweint hatte und die Kleinen sie dabei nur verwundert angeglotzt hatten. Er hatte sie nur best\u00fcrzt betrachtet und sp\u00e4ter seiner Mutter berichtet, dass seine Frau wohl etwas \u00fcberfordert mit der Gesamtsituation sei.<br \/>\nAlso zog sie es vor, ihm freudestrahlend von ihrem tollen Tag zu erz\u00e4hlen und die kleinen Erfolge zu feiern. \u201eHeute ist die Windel des Kleinen mal nicht mit Kacke \u00fcbergegangen, heute hatte die Gro\u00dfe nur zwei kleine Wutanf\u00e4lle, als ich den schwerwiegenden Fehler gemacht habe, die Milch nicht richtig einzuschenken und die Stra\u00dfe an der falschen Stelle zu \u00fcberqueren!\u201c<\/p>\n<p>Er wirkte zufrieden und begann von seinem Tag zu erz\u00e4hlen und sie lauschte ihm h\u00f6flich, auch wenn ihre Gedanken immer wieder abdrifteten.<br \/>\nHatte sie genug Milch eingekauft? Wenn er und die Kinder heute noch \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Verlangen danach bek\u00e4men, w\u00fcrde sich das bis morgen nicht ausgehen. Was k\u00f6nnte sie morgen kochen, irgendwas, was alle gern a\u00dfen und dar\u00fcber hinaus noch gesund war? Nein, so etwas existierte nur in einem weit entfernten Paralleluniversum. Die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr eine Pizza mit Nuggets und Pommes-Belag lag h\u00f6her. Au\u00dfer nat\u00fcrlich ihr Mann h\u00e4tte wieder das Bed\u00fcrfnis, auf seine Figur zu achten, dann durfte es nur Salat mit Putenstreifen sein, was die Kinder nicht mal mit der Kneifzange anfassten. Der Kleine war zwei, die Gro\u00dfe viereinhalb und beide so unberechenbar wie Nonnen bei einem Auftritt der Chippendales.<\/p>\n<p>Als sie h\u00f6rte, dass die Stimme ihres Gatten lauter und seine Gesichtsfarbe dunkler wurde, f\u00fchlte sie sich gen\u00f6tigt ein \u201eBoa, du Armer!\u201c, dazwischenzuwerfen, was immer passte, weil er war auch immer so arm und unverstanden in der Arbeit, denn keiner erkannte sein Potenzial und niemand wollte auf seine Verbesserungsvorschl\u00e4ge h\u00f6ren. Sichtlich zufrieden mit ihrer Reaktion setzte er seinen Monolog fort und sie erhaschte aus dem Augenwinkel eine verd\u00e4chtige Bewegung. Offenbar versuchte die Gro\u00dfe, den Kleinen unter einer Mehllawine zu begraben, vermutlich in der Hoffnung, dass nicht einmal der gewiefteste Bernhardiner ihn jemals wieder finden w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte sie jetzt aufschreien und versuchen k\u00f6nnen, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, aber das Malheur war l\u00e4ngst geschehen und sie waren so angenehm ruhig und besch\u00e4ftigt. So lange der Junge noch atmete, wollte sie sich nicht einmischen.<br \/>\nWie war das M\u00e4dchen \u00fcberhaupt an das Mehl gekommen, das war doch im oberen Schrank &#8211; ah, sie hatte eine Spielzeugkiste herangeschoben und war hochgeklettert, verdammt cleveres, kleines Biest. In Sachen kriminelle Energie konnte sie wirklich stolz auf ihre Tochter sein, sie w\u00fcrde vermutlich eine steile Karriere in der \u00f6rtlichen Mafiaorganisation hinlegen. Der Schrecken der Unterwelt, Paula, die Berserkerin. Nein, da m\u00fcsste es etwas Besseres geben, Paula, die Piratin? Paula, die Pr\u00e4menstruelle? Oh, Gott, wenn dieses Kind in die Pubert\u00e4t kam und seinen Hormonen vollkommen ausgeliefert war, w\u00fcrde sie das Land verlassen m\u00fcssen. Eventuell w\u00fcrde sie ihren Sohn mitnehmen, kam ganz auf seine weitere Entwicklung an, aber letztendlich &#8230; Nein. Im Krieg war jeder sich selbst der N\u00e4chste und der kleine Kacker w\u00fcrde sie nur aufhalten. Eine Frage ihres Gatten warf sie aus ihrer Gedankenbahn.<br \/>\n\u201e\u00c4h, Menstruation, Tampons?\u201c, erwiderte sie gekonnt, doch der betretene Gesichtsausdruck ihres Mannes brachte sie wieder zur\u00fcck auf den Boden der Tatsachen.<br \/>\n\u201eIch meine, Mozzarella mit Tomaten.\u201c<br \/>\nEr nickte wohlmeinend und sie f\u00fchlte sich metaphorisch auf die Schulter geklopft.<\/p>\n<p>Das eine Kind a\u00df nur Mozzarella, das andere nur Tomaten und ihr Mann schlug sich den Magen mit den beiliegenden Butterbroten voll. Also ein Familienessensvolltreffer, den sie ungl\u00fccklicherweise nicht jeden Tag bringen konnte. In diesem eher unpassenden Moment wandte sich ihr Mann den Kindern zu.<br \/>\n\u201eMonika!\u201c, entfuhr es ihm und das war ihr Name und nicht der ihrer Tochter. Die Anklage richtete sich also gezielt gegen die Mutter und die Verantwortung wurde somit erfolgreich auf sie abgeschoben. Sie seufzte und versuchte nicht ertappt, sondern best\u00fcrzt auszusehen, und grub den kleinen Z\u00f6gling aus dem Mehlberg aus. Was nat\u00fcrlich Schreikonzerte von beiden Seiten zur Folge hatte. W\u00e4hrend die Gro\u00dfe ersch\u00fcttert war, ihr Vorhaben nicht zu Ende bringen zu k\u00f6nnen, war der Kleine untr\u00f6stlich, dass er die Aufmerksamkeit seiner Schwester nicht mehr genie\u00dfen durfte.<br \/>\nNebenbei erkundigte sich ihr Mann, wieso denn das Mehl nicht sicher weggeschlossen worden war. Aus seinem Unterton konnte sie heraush\u00f6ren, dass er Gluten mit Pflanzengift und Handfeuerwaffen gleichsetzte und dass alles in einem Safe mit meterdicken Stahlw\u00e4nden verwahrt geh\u00f6rte. In der Mitte dieses Tribunals sitzend, mittlerweile selber mit einer Mehlschicht bedeckt, fragte sie sich, wann sie denn zum Arschloch der Nation ausgerufen worden war. Sie hatte immer die Vorstellung gehabt, dass Arschl\u00f6cher ein recht angenehmes Leben f\u00fchrten, da sie sich um nichts und niemanden, au\u00dfer sich selbst k\u00fcmmerten und so frei von Verantwortung und Schuldgef\u00fchlen waren, aber sie, sie f\u00fchlte sich weder frei noch schuldlos. Eher als steckbrieflich gesuchte Berufsverbrecherin.<\/p>\n<p>Nachdem sie die Kinder in die Dusche gepackt und den Boden staubgesaugt hatte, r\u00f6hrten alle vor Hunger und als sie ihren Mann fragte, warum er denn den K\u00e4se und das Gem\u00fcse nicht schon vorbereitet hatte, antwortete der, er hatte dabei nichts falsch machen wollen. Mit dem tiefen Wissen, dass ein Kissen aufs Gesicht noch zu gut f\u00fcr ihn w\u00e4re, brachte sie das Essen auf den Tisch. Noch bevor sie richtig mit ihrem Teller begonnen hatte, hatten die anderen schon alles hinuntergeschlungen und das Esszimmer in den glitschigen Bodensatz einer \u00f6ffentlichen M\u00fclltonne verwandelt. Sie stopfte sich noch schnell ein paar Bissen in den Mund, bevor sie das ausgespuckte Essen vom Parkett aufwischte. Der Kleine besch\u00e4ftigte sich mit seinem Lego, die Gro\u00dfe durfte fernsehen und ihr Mann lag auf der Couch und starrte reglos in sein Smartphone, w\u00e4hrend sein Daumen unabl\u00e4ssig von unten nach oben wischte. F\u00fcr einen Moment beobachtete sie ihn wie hypnotisiert von ihrer Position unter dem Tisch.<\/p>\n<p>Machte er nicht auch immer dieselbe Bewegung, wenn er versuchte, sie in Stimmung zu bringen? Und hatte sie sich nicht schon unz\u00e4hlige Male gefragt, was das eigentlich sollte und schnell selbst die F\u00fchrung \u00fcbernommen, bevor sie noch die Lust an der Sache verlor? Sie betrachtete ihn eingehend und wog ab, ob sie ihn wohl heute noch dazu bringen k\u00f6nnte, oben zu liegen. Denn da sie beide von ihrem jeweiligen Tag und der Qu\u00e4lerei, die Kinder ins Bett zu bugsieren, schon vollkommen ger\u00e4dert waren, stellte sich \u00f6fters die Frage, wer den Gro\u00dfteil der Arbeit beim Liebesspiel \u00fcbernehmen musste. Letztendlich wurde es zu einem Tauziehen, wer gerade gr\u00f6\u00dfere Lust hatte und wer dabei besser bluffen konnte. Ein Pokerspiel mit hohen Einsatz, sozusagen, denn wenn beide sich bl\u00f6d genug anstellten, blieben alle unbefriedigt zur\u00fcck. Nein, er wirkte ersch\u00f6pft, die Falten um seine Augen waren tiefer und die Ringe dunkler. Das hie\u00df, entweder aus der Puste kommen oder enthaltsam bleiben. Schwere Entscheidung \u00a0&#8230;<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise musste sie sich dieser schwierigen Frage nicht mehr stellen, denn als sie den Kleinen ins Bett brachte, lie\u00df der sich nur beruhigen, indem sie sich zu ihm legte. Seine Finger hatten sich in ihren Oberarm gekrallt und bei jedem Versuch sich freizumachen, quakte er lautstark und hielt sie noch fester. Sie h\u00e4tte ein Exempel statuieren, sich von ihm losrei\u00dfen und hinausgehen oder wenigstens nur neben dem Bett stehen bleiben k\u00f6nnen. Aber sie war so erleichtert, dass er endlich still war. Und kaum hatte er aufgeh\u00f6rt, sich wie eine Kobra im Sack zu winden, war auch sie eingeschlafen. Als sie aufwachte, dachte sie f\u00fcr einen Moment, sie sei querschnittsgel\u00e4hmt, doch dann stellten sich nach und nach die nadelstichartigen Schmerzen in ihren Extremit\u00e4ten ein und sie wusste, sie befand sich im Gitterbett, zusammengefaltet wie ein Akkordeon. Sie glitt mit angehaltenem Atem aus dem Griff ihres Sohnes heraus und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.<\/p>\n<p>Das Wohnzimmer war dunkel und leer. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr auch warum. Es war 2:30 morgens und sie war hellwach. Verdammt. Morgen fr\u00fch w\u00fcrde sie fix und fertig sein, was den Tag nicht davon abhalten w\u00fcrde, \u00fcber sie herzufallen. Resigniert holte sie sich einen Schokoriegel und schaltete den Fernseher an. Wenigstens konnte sie selber \u00fcber das Programm entscheiden und keiner versuchte, ihr die S\u00fc\u00dfigkeit zu klauen. Da war es nebens\u00e4chlich, dass es um diese Uhrzeit nur Dauerwerbesendungen und Wiederholungen von erb\u00e4rmlichen Scripted Reality Soaps gab. Es war ruhig und niemand wollte etwas von ihr und sie konnte entspannen, sie f\u00fchlte sich beinahe als Single in ihrer eigenen Wohnung. Der Gedanke brachte sie zum L\u00e4cheln und sie beschloss sich, ein kleines Gl\u00e4schen Whiskey zu g\u00f6nnen. Vielleicht auch ein Gr\u00f6\u00dferes zur Feier ihrer ungeplanten, pl\u00f6tzlichen Freiheit.<\/p>\n<p>Auf dem Bildschirm pries eine stark geschminkte Amerikanerin mit wallender dunkler M\u00e4hne ein Wundergetr\u00e4nk an, mit dem man in k\u00fcrzester Zeit zehn Kilo abnehmen konnte. Monika prostete ihr zu und murmelte ein \u201eWer&#8217;s glaubt, wird selig!\u201c, als ein heller Blitz, gefolgt von einen \u201ePlopp\u201c sie aufschrecken lie\u00df. Im ersten Moment hatte sie gedacht, dass es einen Kurzschluss, wie schon vor ein paar Wochen, gab. Allerdings hatte sie da ein Messer in den Toaster gesteckt, um ein h\u00e4ngengebliebenes St\u00fcck Waffel herauszuholen, und damit s\u00e4mtliche Sicherungen der Wohnung herausfliegen lassen. Sie war dabei einen halben Meter zur\u00fcckgeschleudert worden und hatte neben einem geh\u00f6rigen Schock und leichten Schmerzen eine gute Portion Schamgef\u00fchl mitbekommen. Dass sie sich aus reiner Gier beinahe umgebracht h\u00e4tte, wollte sie ihrem Mann lieber nicht auf die Nase binden.<\/p>\n<p>Aber diesmal war es kein Kurzschluss, der Fernseher lief noch und obwohl das Wohnzimmerlicht kurz geflackert hatte, war es immer noch an. Daf\u00fcr stand neben der Couch pl\u00f6tzlich eine hochgewachsene, rothaarige Frau in einem gr\u00fcnen Kleid, und h\u00e4tte sie nicht so verwirrt und verkniffen dreingesehen, h\u00e4tte man sie auch sicherlich als sch\u00f6n bezeichnen k\u00f6nnen. Monika warf einen Blick auf die Erscheinung und dann auf ihr Glas. Sie hatte erst einen Schluck gemacht und so gut war der Whiskey nun auch wieder nicht. Die Rothaarige schien sich gefangen zu haben und wandte sich anmutig Monika zu. Ihre gr\u00fcnen Augen ruhten gn\u00e4dig auf der Hausfrau, als sie sprach: \u201eIch bin Brigid, G\u00f6ttin der -\u201c, ein ohrenbet\u00e4ubender Hustenanfall beendete ihre Ansprache und Monika lie\u00df ihren Blick unruhig Richtung T\u00fcr gleiten. Sie r\u00e4usperte sich zur\u00fcckhaltend: \u201e\u00c4hm, Entschuldigung, geht das auch leiser? Nicht dass die Kinder aufwachen \u00a0&#8230;\u201c<br \/>\nDie G\u00f6ttin hielt sich mit einer Hand an ihrem Oberschenkel fest, w\u00e4hrend sie den Zeigefinger der anderen hochhielt, um noch ein paar Sekunden zu bekommen. Schlie\u00dflich richtete sie sich auf, und w\u00e4hrend sie sich Tr\u00e4nen aus den Augen wischte, kr\u00e4chzte sie: \u201eKeine Sorge! Du bist die Einzige, die mich sehen oder h\u00f6ren kann!\u201c<br \/>\n\u201eOh!\u201c, war im Moment alles, was Monika dazu einfiel.<br \/>\nDie Erscheinung r\u00e4usperte sich ein paar Mal und spuckte dann auf den Boden. Monika hoffte inst\u00e4ndig, dass auch die Spucke f\u00fcr alle anderen unsichtbar war.<br \/>\n\u201eAch, Entschuldigung, ich komme gerade aus einem starken Raucherhaushalt. Ich hab kaum was sehen k\u00f6nnen, durch die ganzen Nebelschwaden!\u201c Sie lachte, und das war ein derart helles, fr\u00f6hliches Ger\u00e4usch, dass auch Monika nicht anders konnte, als zu l\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eAlso\u201c, sie warf ihre rote M\u00e4hne zur\u00fcck und nahm wieder Haltung an.<br \/>\n\u201eIch bin Brigid, die Mutterg\u00f6ttin, G\u00f6ttin des Herdfeuers, der Frauen, der Schmiedekunst und der Poeten. Der Familien, der Wahrheit und der Heiler.\u201c<br \/>\n\u201eWow, du bist aber vielseitig!\u201c, stie\u00df Monika bewundernd hervor und nahm noch einen Schluck von dem Whiskey. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie tr\u00e4umte oder halluzinierte, aber im Moment genoss sie einfach das Gespr\u00e4ch mit einer Erwachsenen, ohne dass die Kinder st\u00e4ndig \u201eMama! MAMA!\u201c, dazwischenkreischten.<br \/>\nBrigid nickte erhaben und l\u00e4chelte milde.<br \/>\n\u201eIch komme heute zu dir, Monika, weil deine verzweifelten Hilferufe zu mir gedrungen sind. Ich habe dich erh\u00f6rt und bin hier, um -\u201c<br \/>\n\u201eDa hast du aber auch verdammt viel zu tun, oder? Ich mein, all die Leute, denen du erscheinen musst und die was von dir wollen, mit so unterschiedlichen Bed\u00fcrfnissen &#8230;\u201c<br \/>\nMonika wusste, was es f\u00fcr ein Kampf war mit ihren drei Kindern, den beiden Kleinen und dem Gro\u00dfen, und empfand tiefstes Mitgef\u00fchl mit Brigid.<br \/>\n\u201e\u00c4h, nun ja &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Die G\u00f6ttin war sichtlich aus dem Konzept gebracht und auf ihrer Stirn bildeten sich tiefe Falten.<br \/>\n\u201eIch mein, das m\u00fcssen ja Hunderttausende sein, oder? Und jeder braucht was, will was, ist unzufrieden, heult herum und zerrt an deinem Rockzipfel, bis er kurz davor ist zu rei\u00dfen.\u201c Das war nicht einmal eine Metapher, letzte Woche hatte die Gro\u00dfe tats\u00e4chlich so unnachgiebig an ihrem Kleid gezogen, bis der Saum gerissen war. Monika nahm noch einen tiefen Schluck.<br \/>\n\u201eNaja, es geht\u201c, murmelte die G\u00f6ttin. \u201eWirklich anstrengend sind eigentlich nur die M\u00fctter und Poeten.\u201c<br \/>\n\u201eM\u00f6chtest du auch einen Whiskey, Brigid?\u201c, fragte Monika, w\u00e4hrend sie sich auf den Weg in die K\u00fcche machte.<br \/>\n\u201eJa, warum nicht?\u201c, sagte die Mutterg\u00f6ttin und blickte sich unschl\u00fcssig um.<br \/>\n\u201eSetz dich doch, du musst ja hundem\u00fcde sein! Ich bin ja sicher nicht die Erste heute Nacht, oder?\u201c, stellte Monika fest, als sie zur\u00fcckkehrte und ihrem Gast ein volles Glas in die Hand dr\u00fcckte.<br \/>\n\u201eNaja, nein, aber &#8230;\u201c, stammelte Brigid. \u201eAber, normalerweise l\u00e4uft das etwas anders ab, wei\u00dft du? Ich &#8230; also ich hab da so eine Rede und dann stell ich dir Fragen und dann musst du Entscheidungen treffen und &#8230; so. Wei\u00dft du?\u201c<\/p>\n<p>Monika, ungef\u00e4hr eineinhalb K\u00f6pfe kleiner als ihr Gegen\u00fcber, starrte f\u00fcr einige Momente hinauf in diese sch\u00f6nen, leicht ger\u00f6teten Augen und legte dann den Kopf schief. \u201eAlso &#8230; Sitzen?\u201c, fragte sie mit einem L\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eJa, bitte, ja!\u201c, hauchte die H\u00fcnin und lie\u00df sich etwas undamenhaft in die Polster plumpsen. Die beiden Frauen prosteten sich zu und genossen schweigend den irischen Whiskey, den Monika zu ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte. Ihre Tante hatte ihn ihr feierlich \u00fcberreicht, mit den Worten: \u201eJetzt kannst du ja wieder s\u00e4mtliche Freiheiten genie\u00dfen, nachdem du nicht mehr stillst!\u201c Und Monika hatte sich nur gedacht: \u201eSowas kann auch wirklich nur ein kinderloser Mensch sagen\u201c, sich aber dennoch \u00fcber das Geschenk gefreut.<\/p>\n<p>Im Fernsehen hatte sich zu der Amerikanerin eine blonde Deutsche gesellt und w\u00e4hrend beide einen potth\u00e4sslichen Ring in die Kamera hielten, lachten sie wie Seehunde und zeigten der Nation ihre gebleichten Z\u00e4hne. Monika griff nach der Fernbedienung und bereitete dem Treiben ein Ende. Die G\u00f6ttin hatte ihren Kopf auf ein Kissen, das schon dreimal angekotzt und zweimal angepinkelt worden war, gebettet und l\u00e4chelte sanft. Sie hatte ihre Augen geschlossen und war in diesem Moment der friedlichen Ruhe so unbeschreiblich sch\u00f6n, dass Monika vor Gl\u00fcck weinen wollte. Brigid \u00f6ffnete ein Auge und als sie ihr Gegen\u00fcber sah, richtete sie sich gem\u00e4chlich auf und legte eine Hand auf Monikas Arm.<br \/>\n\u201eIch denke, die F\u00f6rmlichkeiten k\u00f6nnen wir uns jetzt sparen.\u201c<br \/>\nSie dehnte ihre Nackenmuskeln, indem sie ihren Kopf von rechts nach links rollte und grunzte entspannt, als sie ihre Arme in die H\u00f6he streckte.<br \/>\n\u201eAlso, normalerweise w\u00fcrde ich jetzt eine beeindruckende Ansprache halten, haupts\u00e4chlich \u00fcber mich und das Mutter- und Frausein an sich und dann -\u201c<br \/>\n\u201eWillst du sie halten? Deine Ansprache?\u201c, unterbrach sie Monika.<br \/>\nBrigid hob eine perfekte, rote Augenbraue. \u201eWillst du sie denn unbedingt h\u00f6ren?\u201c<br \/>\nNach kurzem \u00dcberlegen sch\u00fcttelte die Hausfrau den Kopf.<br \/>\n\u201eDann, nein danke, ich muss sie nicht unbedingt halten. Letztendlich l\u00e4uft es dann darauf hinaus, dir aufzuzeigen, wie wichtig und sinnvoll das ist, was du tust und dass all die Anstrengungen und Entbehrungen sich eines Tages lohnen werden. Und dann werde ich dich vor die Wahl stellen: weiterzumachen und bei deiner Familie zu bleiben oder alles aufzugeben und ein neues Leben woanders anzufangen, ohne deine Lieben.\u201c<\/p>\n<p>Die G\u00f6ttin nahm einen gro\u00dfen Schluck Whiskey und lie\u00df sich wieder auf die Polster zur\u00fccksinken.<br \/>\n\u201eOkay. Lass uns gehen!\u201c, verk\u00fcndete Monika und stand auf.<br \/>\nBrigid riss die Augen auf und sch\u00fcttelte leicht den Kopf, als ob sie nicht richtig geh\u00f6rt hatte.<br \/>\n\u201eWas &#8230; Was meinst du?\u201c, fragte sie verdutzt.<br \/>\n\u201eNaja, was du gesagt hast. Fortgehen, ein neues Leben anfangen. Klingt gut!\u201c<br \/>\n\u201eWarte, warte! So l\u00e4uft das normalerweise nicht!\u201c<br \/>\n\u201eGibt\u2018s ein Drehbuch f\u00fcr solche Dinge?\u201c<br \/>\n\u201eNein, aber &#8230;\u201c, mit einem frustrierten St\u00f6hnen setzte sie sich aufrecht hin und stellte das Glas auf den Couchtisch. \u201eJetzt nimm bitte wieder Platz, Monika!\u201c<br \/>\nDie Angesprochene folgte widerwillig und legte trotzig die Stirn in Falten.<br \/>\nBrigid r\u00e4usperte sich und legte erneut ihre Hand auf Monikas Arm.<br \/>\n\u201eDas ist alles falsch gelaufen. Ich h\u00e4tte das nicht abk\u00fcrzen d\u00fcrfen! Wenn du meine leidenschaftlichen Worte zu deiner Familie und deinem Leben geh\u00f6rt h\u00e4ttest, dann w\u00fcrdest du heulend auf die Knie sinken und dankbar sein f\u00fcr alles, das du hast!\u201c<br \/>\n\u201eMag sein, mag sein &#8230;\u201c, \u00fcberlegte Monika, \u201eUnd glaub mir, ich liebe sie, ich finde sie alle gro\u00dfartig, auch wenn sie mir auf die Nerven gehen. Und ich w\u00fcrde sie jeden Tag schrecklich vermissen, wenn ich fortgehen w\u00fcrde. Aber wenn das jetzt der Moment ist, wo ich mir was w\u00fcnschen kann &#8230; Also, wenn ich jetzt die Wahl habe zwischen es bleibt alles so wie es ist oder was anderes, dann nehm ich das andere.\u201c<br \/>\n\u201eOj!\u201c, rief die G\u00f6ttin aus. \u201eDas ist mir ja noch nie passiert!\u201c<br \/>\n\u201eTut mir leid!\u201c Nun legte Monika ihre Hand auf Brigids Arm und dr\u00fcckte sanft zu. \u201eIch wollte dir keinen \u00c4rger bereiten!\u201c<\/p>\n<p>Brigid sch\u00fcttelte den Kopf und l\u00e4chelte m\u00fcde.<br \/>\n\u201eMach dir keine Gedanken um mich! Also ist es das, was du wirklich willst? Fortgehen und sie zur\u00fccklassen?\u201c<br \/>\n\u201eUm Himmels Willen, nein! Aber ich will, ich kann so auch nicht weitermachen. \u00dcber kurz oder lang werd ich durchdrehen und Gott wei\u00df was machen!\u201c<br \/>\n\u201eIn Ordnung. Aber was willst du?\u201c<br \/>\nMonika blickte auf den Boden und dachte angestrengt nach. Diese Frage schien einfach und sie hatte sie sich schon selber oft genug gestellt. Aber eine Antwort darauf zu finden, war alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Sie wurde ungeduldig und zornig auf sich selbst. Einerseits konnte sie nicht schnell genug diesem Leben entkommen, einfach um wieder durchatmen und so Kleinigkeiten, wie allein aufs Klo gehen, zu k\u00f6nnen. Andererseits wusste sie, dass sie die Sehnsucht nach ihrer Familie umbringen w\u00fcrde. Entmutigt warf sie die H\u00e4nde in die H\u00f6he und zischte: \u201eIch wei\u00df es nicht! Verdammt!\u201c, und trank mit einem gro\u00dfen Schluck den Rest ihres Whiskeys aus. Brigid setzte gerade an etwas zu sagen, als Monika erregt fortfuhr.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, wie anstrengend das ist? St\u00e4ndig DA zu sein, geistig wie auch k\u00f6rperlich? Nie eine Auszeit zu haben, weil du st\u00e4ndig mit einem Ohr h\u00f6ren musst, was die kleinen Schei\u00dfer so treiben?\u201c<\/p>\n<p>Die Mutterg\u00f6ttin betrachtete sie mit einem zarten L\u00e4cheln und antwortete: \u201eJa. Ja, ich denke, ich wei\u00df, wie das ist.\u201c<br \/>\n\u201eUnd dass ich hier mit dir sitze und Whiskey trinke &#8230; Ich &#8230; ich wei\u00df gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal mit einer normalen Erwachsenen einfach nur einen getrunken und mich einfach nur unterhalten habe?!\u201c<br \/>\nBrigids L\u00e4cheln wurde breiter. \u201eEiner normalen Erwachsenen?\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00dft du was? Im Grunde will ich einfach nur in den Arm genommen werden. Nicht weil jemand was von mir braucht oder will, sondern einfach nur, um mich zu halten. Und mir zuzuh\u00f6ren, ohne \u00fcber mich zu urteilen. Das hatte ich, ich glaube, das hatte ich das letzte Mal als ich ein Kind war und im Scho\u00df meiner Mutter gelegen bin. Das Gef\u00fchl h\u00e4tt ich gern wieder!\u201c<\/p>\n<p>Monika schnaufte und starrte auf das leere Glas. Eine zarte, blasse Hand umfasste ihr Kinn und hob es vorsichtig an. Als sie das Grinsen ihres Gegen\u00fcbers sah, musste sie lachen.<br \/>\n\u201eBei allen G\u00f6ttern, ich wei\u00df, wie du dich f\u00fchlst!\u201c, versicherte ihr Brigid. \u201eManchmal k\u00f6nnte ich nur schreien und diesen ganzen undankbaren Haufen mit einem Fingerzeig in Asche verwandeln! Nat\u00fcrlich mach ich das nicht. Aber der Gedanke ist sch\u00f6n &#8230;\u201c, sie kicherte und breitete die Arme aus.<br \/>\n\u201eWenn ich sonst auch nichts f\u00fcr dich tun kann, ich kann dich halten. Und dir zuh\u00f6ren. Und mit dir trinken!\u201c, f\u00fcgte sie noch schnell hinzu und beide Frauen lachten.<br \/>\nNach kurzem Z\u00f6gern kuschelte sich Monika an ihre G\u00f6ttin und stie\u00df einen zufriedenen Seufzer aus. Ob sie so mehrere Stunden oder nur Minuten verbrachten, war ihr bald nicht mehr klar, sie hatte jegliches Zeitgef\u00fchl verloren und die Uhr an der Wand hatte aufgeh\u00f6rt zu ticken. Sie war nur noch einmal aufgestanden, um die Whiskey Flasche herzuholen. Und so hatten sie geredet, getrunken und geschwiegen.<br \/>\n\u201eDas k\u00f6nnte ich gut und gerne \u00f6fter haben!\u201c, murmelte Monika vertr\u00e4umt.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du was, Monika?\u201c, bemerkte Brigid entspannt, \u201eIch auch!\u201c<br \/>\n\u201eGut!\u201c, entgegnete die Hausfrau und Mutter. \u201eAber n\u00e4chstes Mal bringst du den Alkohol mit!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Constanze Scheib<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 17203<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unruhig glitt ihr Blick zur Uhr an der Wand. Nicht mehr lange. Jeden Abend beendete dieses eine Ger\u00e4usch den Tag und die H\u00f6lle brach los. Der Schl\u00fcssel drehte sich im Schloss und die Meute lie\u00df alles fallen und rannte, wie eine Herde tollw\u00fctiger Wildschweine, zur Eingangst\u00fcr, um ihren Vater zu empfangen. 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