{"id":7411,"date":"2017-12-22T16:41:16","date_gmt":"2017-12-22T16:41:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7411"},"modified":"2018-01-07T18:25:36","modified_gmt":"2018-01-07T18:25:36","slug":"musik-und-mord","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7411","title":{"rendered":"Musik und Mord"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7411&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7411&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Lange gr\u00fcble ich schon dar\u00fcber nach, wende die Sache in meinem Kopf hin und her und kann zu keinem objektiven und endg\u00fcltigem Urteil kommen. Aber vielleicht braucht es gar keine Objektivit\u00e4t, kein Urteil, und schon gar kein endg\u00fcltiges. Wie komme ich \u00fcberhaupt dazu, mir anzuma\u00dfen, ein Urteil f\u00e4llen zu k\u00f6nnen, das bis zum Ende der Zeiten g\u00fcltig sein soll?<\/p>\n<p>H\u00f6chstwahrscheinlich ist mein Verstand nicht dazu gemacht, dies zu entscheiden, nicht scharf, nicht analytisch und nicht genau genug. Aber kann \u00fcberhaupt ein Verstand dazu im Stande sein, eine solche Entscheidung mit den Mitteln der Vernunft zu treffen? Es hat sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass die menschliche Rationalit\u00e4t begrenzt ist. Gleichzeitig ist es gerade die vorl\u00e4ufige rationale Kontrolle, die es uns erlaubt, der Fantasie scheinbar alle Freiheit zu lassen. Daher habe ich entschieden, die beiden Seiten der Sache darzustellen und den Gef\u00fchlen und der zeitweiligen Urteilskraft der Leser freien Lauf zu lassen.<\/p>\n<p>Es war einmal ein Russe namens Wladimir Fjodorowitsch Odojewski, der lebte zwischen 1803 und 1869 in St. Petersburg und Moskau. Er stammte aus einer reichen, f\u00fcrstlichen Familie, war Jurist, Schriftsteller, Komponist, Philosoph, Kinderbuchautor, Musikp\u00e4dagoge und Naturforscher, hatte lange die Stelle des Direktors der kaiserlichen \u00f6ffentlichen Bibliotheken inne, sp\u00e4ter des Rumjanzew-Museums in Moskau. F\u00fcrst W. F. Odojewski war sicherlich kein einf\u00e4ltiger Mensch, sondern fast so etwas wie ein Universalgelehrter. In seinen sp\u00e4ten Jahren gerierte er sich wie Faust in seiner Studier- und Alchimistenstube. Mit seinen zahlreichen Romanen und Erz\u00e4hlungen beeinflusste er die Gro\u00dfen der Literatur wie Turgenjew, Dostojewski und Tschechow. Er bezieht sich eindeutig auf die deutsche Romantik, dabei vor allem die Phantastik eines E.T.A. Hoffmann, und bringt die epische Sprache des Russischen zu ihrem ersten H\u00f6hepunkt. Trotz seiner adeligen Herkunft enthalten viele seiner Erz\u00e4hlungen in Form der Satire scharfe Kritik am russischen Adel und dem zaristischen Absolutismus. Kein Geringerer als Dostojewski bekennt 1861, selbst schon ber\u00fchmt, wie sehr ihn Odojewskis Schreiben geformt hat und wie sehr er ihn verehrt und liebt.<\/p>\n<p>Als Komponist und Musikp\u00e4dagoge besch\u00e4ftigt er sich intensiv mit Bach, Wagner und Piranesi, auch mit dem f\u00fcr ihn gr\u00f6\u00dften Gestirn, mit Beethoven. Nur sechs Jahre nach dessen Tod schreibt Odojewski die Erz\u00e4hlung \u201eDas letzte Quartett Beethovens\u201c, lange bevor eine umfassende Lebens- und Werkbeschreibung erschienen ist. Er verr\u00e4t nicht, wie ihm als sehr jungem Menschen bekannt geworden ist, dass der russische F\u00fcrst Nikolai Galitzin 1822 bei Beethoven \u201eein, zwei oder drei Streichquartette\u201c bestellt hat. Er schickte einen Brief an \u201eMonsieur Louis van Beethoven a Viennes\u201c. Solche vagen Angaben reichten damals, dass die Post aus dem fernen St. Petersburg den ber\u00fchmten Komponisten in Wien erreichte, und das bei den Dutzenden von dessen Wohnadressen. Galitzin f\u00fchlte eine enge Verbindung mit Wien, war doch einer seiner Vorfahren lange Zeit Gesandter am Hof von Maria Theresia und Joseph II. gewesen. In diesem Schreiben bezeichnet sich Nikolai Galitzin als leidenschaftlichen Cello- Spieler und Bewunderer von Beethoven. An seinem Hof habe er ein von ihm bearbeitetes Streichquartett aufgef\u00fchrt, berichtet er ihm. Gleichzeitig poltert er gegen den schlechten musikalischen Geschmack in Europa, vor allem gegen \u201ela charlanterie italienne\u201c, die derzeit vorherrsche, aber verg\u00e4nglich sei im Gegensatz zu den unsterblichen Meisterwerken Beethovens. Als ob er es gewusst h\u00e4tte, dass sich Beethoven st\u00e4ndig in Geldn\u00f6ten befand, \u00fcberlie\u00df er es dem Meister, den Preis selbst festzusetzen. Beethoven schlug ein und setzte die exorbitante Summe von 50 Dukaten pro Streichquartett fest, auszahlbar durch eine St. Petersburger Bank nach Lieferung.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst, Beethoven lieferte, konnte liefern, weil er schon einige Zeit etwas im Kopf hatte: Op. 127, op 131 und op 130 gelten als die \u201eGalitzin-Quartette\u201c. Das erste schrieb er in nur zehn Wochen und schickte es ab. Es traf die prompte Zahlung ein, f\u00fcr die beiden anderen verz\u00f6gerten sich die Transfers, teils weil die Bank sie verweigerte, teils wegen eines Streits mit Galitzin. Beethoven hatte es sich nicht nehmen lassen, sie alle vorher mit seinen bew\u00e4hrten Musikern in Wien urauff\u00fchren zu lassen. Dann gestand Galitzin ein, in finanziellen Schwierigkeiten zu sein, weil er sich an dem zaristischen Feldzug gegen Persien, an dem er selbst teilnahm, \u00fcberhoben habe. Der Geldstreit um die Streichquartette hielten Beethovens Erben und Testamentsvollstrecker noch bis 25 Jahre nach seinem Tod in Atem. Es ist nicht einmal gesichert, ob der Besteller selbst je eines von den Streichquartetten geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Odojewski kl\u00e4rt das in seiner Erz\u00e4hlung ebenso wenig auf wie die Frage, ob er selbst sie kannte. Aufgrund der vagen, daf\u00fcr umso schwulstigeren Wortkaskaden, die auf viele Musikst\u00fccke zutreffen k\u00f6nnten, ist das zu bezweifeln.<\/p>\n<p>Jedenfalls bezieht er sich nicht auf eines der drei \u201eGalitzin-Quartette\u201c, sondern auf das allerletzte, das F-Dur, op 135, an dem Beethoven bis zu seinem Tod gearbeitet hat.<br \/>\nAber offensichtlich geht es ihm gar nicht um das Streichquartett und die Umst\u00e4nde seiner Entstehung, sondern um die Verteidigung des Meisters gegen die Wiener. Die Erz\u00e4hlung ist eine infame Verteufelung und Verh\u00f6hnung der Wiener, die nichts von dem Genie in ihrer Mitte verstanden h\u00e4tten. Odojewski, der nie in Wien war und nie am musikalischen Leben in dieser Stadt teilgenommen hat, wei\u00df es besser. Die Wiener sind Ph\u00e4aken und Ignoranten mit schlechtem Geschmack, sie gingen lieber ihren niedrigen und ungez\u00fcgelten Leidenschaften nach, Wein, Weib und Gesang, Gesang vor allem von billigen Italienerinnen, die er allesamt in den Niederungen von Untalentiertheit, Strich und Puff ansiedelte. Er insinuiert sogar, dass die Wiener das g\u00f6ttliche Genie, dessen sie nie w\u00fcrdig waren, ihn indirekt umgebracht haben, indem sie ihn nicht gen\u00fcgend anerkannt und gefeiert h\u00e4tten. Und \u00fcbrigens sei er taub geworden, damit er ihr schales Gerede in einer verhunzten Sprache (<em>komisches Deutsch<\/em>) nicht mehr anh\u00f6ren musste.<\/p>\n<p>Nur Russen wie der F\u00fcrst Galitzin (und nat\u00fcrlich er selbst) h\u00e4tten ihn retten k\u00f6nnen vor den von Wald, Walzer und Wein besoffenen Wienern. Das ist schon eine gro\u00dfartige Fernsicht aus St. Petersburg. Mit seiner \u00fcbergro\u00dfen Liebe zu Beethoven schimpft sich der russische F\u00fcrst in eine \u00fcbersch\u00e4umende, geifernde Verunglimpfung des Wiener Musiklebens und ihrer Liebhaber hinein, die ein klassisches Vorbild hat:<br \/>\nPuschkin hat die Richtung und den Ton vorgegeben mit seiner \u201eKleinen Trag\u00f6die\u201c \u00fcber <em>Mozart und Salieri<\/em>. Eine in marmorne Poesie erstarrte L\u00fcge \u00fcber den angeblichen Giftmord Salieris an Mozart, die Legende vom Kampf des akkuraten, alternden Handwerkers gegen das \u00fcbersch\u00e4umende, junge Genie. Puschkin wusste von dem unhaltbaren Ger\u00fccht, es passte ihm aber in den eigenen Kram, es als vom Zaren pers\u00f6nlich verfolgter K\u00fcnstler aufzufrischen und in eherne Verse zu gie\u00dfen. Ich selbst traf auf viele Russen, die vom Giftmord v\u00f6llig \u00fcberzeugt waren. Ein trauriges Zeugnis f\u00fcr die Erkenntnisschw\u00e4che der Russen, aber auch f\u00fcr die Macht der Poesie. Dar\u00fcber hinaus konnte ich mich davon \u00fcberzeugen, dass die Russen nichts so sehr lieben wie Verschw\u00f6rungstheorien, den Kampf zwischen dem Guten und dem B\u00f6sen, wobei sie sich so gern auf die Seite des vermeintlich Guten stellen und damit selbst gut werden. Tausende Male diskutiert, warum keine andere Kulturnation so viele seiner Dichter, Komponisten, Kritiker, Regisseure, Wissenschaftler, Lehrer und Geistliche \u00fcber die Jahrhunderte an die Staatsmacht ausgeliefert und in Sibirien ermordet hat. Das waren doch nicht wir, das war damals die zaristische Ochrana, das war die Tscheka, der NchWD, der KGB, der FSB. Und was machen sie jetzt mit <strong>Serebrennikow?<\/strong><br \/>\nAber zur\u00fcck zu diesem philanthropischen F\u00fcrsten Odojewski.<\/p>\n<p>Also, die Wiener sitzen ununterbrochen auf langen B\u00e4nken unter den Kastanien, fiedeln und tanzen und trinken ihren frischen, sauren Wein, f\u00fcr den der F\u00fcrst nur Verachtung hat im Vergleich zu seinem franz\u00f6sischen Champagner oder dem heimischen Wodka.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie sich so vergn\u00fcgen, stirbt das Genie. Wie k\u00f6nnen sie nur. Odojewski leidet mit aus der Ferne. Es k\u00fcmmert ihn nicht, dass sich Beethovens Todeskampf von Dezember 1826 an abgespielt hat und am 26. M\u00e4rz 1827 ausgestanden ist. Als sich die Nachricht von Beethovens Krankheit in Wien verbreitet, h\u00f6rt der Besucherstrom vor dem Schwarzspanierhaus nicht mehr auf. Bis auf die engsten Freunde und Familie wird niemand mehr vorgelassen, aber die Wiener bringen stapel- und kistenweise Wein, Kuchen, S\u00fc\u00dfigkeiten, Honigmet, Riechflaschen, Wein, Arzneien, Kr\u00e4utertrank, Mandelmilch, Bl\u00fctentee, Petersilsuppe und andere Geschenke. Die Wiener wussten sogar, dass er beim Bier das dunkle Horner aus dem Waldviertel bevorzugte. Es waren dem Volk nicht nur die vielen Wohnadressen bekannt \u2013 er ist ganze zweiundvierzig Mal umgezogen \u2013 sondern auch seine Vorlieben, von denen sie viele mit ihm teilten. Sie wussten, dass Beethoven sein Leben lang dem Wein gerne und meist im \u00dcberma\u00df zugesprochen hat. Rhein- und Moselweine sind seine Favoriten, aber er verschm\u00e4hte auch keinen alten Gumpoldskirchner oder frischen Grinzinger, wenn einmal der R\u00fcdesheimer ausging. Sein Bruder Johann schwor auf den Wachauer aus Gneixendorf.<\/p>\n<p>Am 5. J\u00e4nner traf ein gro\u00dfes Paket aus London ein: die Gesamtausgabe von H\u00e4ndels Werken in vierzig B\u00e4nden; sie machte ihm gro\u00dfe Freude, weil H\u00e4ndel f\u00fcr ihn der gr\u00f6\u00dfte Komponist gewesen ist. Er freute sich wie ein Kind und lie\u00df sich immer wieder einen Band reichen, \u00fcber den er z\u00e4rtlich mit der Hand strich, berichtet ein Besucher. Er musste vielen davon erz\u00e4hlt haben, denn die <em>Wiener Zeitschrift f\u00fcr Kunst, Literatur, Theater und Mode <\/em>brachte am 27. J\u00e4nner eine Meldung dar\u00fcber. Nicht nur Freunde und Kollegen eilten herbei, als Beethovens schlechter Gesundheitszustand bekannt wurde. Auch der halbe Hof und viele Adelige stellten sich ein, schickten Botschaften und Geschenke. In den drei Monaten nahmen die Wiener regen Anteil an Beethovens Krankheit.<br \/>\nAm 21. M\u00e4rz diktierte er den letzten Brief an F\u00fcrst Galitzin, in dem er diesen an seine Zahlschuld f\u00fcr die zwei letzten Streichquartette erinnerte, die Nr 13, op 130 und Nr 14, op 131. Die Erben und Nachlassverwalter werden noch f\u00fcnfundzwanzig Jahre mit den Russen dar\u00fcber streiten.<\/p>\n<p>Am 25. M\u00e4rz, kurz nach der letzten \u00d6lung durch einen Priester, traf ein Kistchen mit Wein und Kr\u00e4uterbalsam ein, zwei Flaschen R\u00fcdesheimer 1806, ein hervorragender Jahrgang. Der Diener stellte es auf das Tischchen neben Beethovens Bett, der schaute sie an und sagte: <em>Schade, schade \u2026. zu sp\u00e4t. <\/em>Man tr\u00f6pfelte ihm davon l\u00f6ffelweise auf die Lippen, aber er konnte nicht mehr schlucken, er war ins Koma gefallen.<\/p>\n<p>Am Montag, dem 26. M\u00e4rz, machten sich gegen Mittag seine engsten Gef\u00e4hrten, Vater und Sohn Breuning von der Schwarzspanierstra\u00dfe aus auf den Weg hinaus ins W\u00e4hringer D\u00f6rfl, um auf dem Friedhof eine Grabstelle auszusuchen. Der aus Graz herbeigeeilte Freund Anselm H\u00fcttenbrenner \u2013 Komponist, Pianist und Musiklehrer \u2013 und die Haush\u00e4lterin Sali sind die einzigen Menschen neben dem Sterbenden.<br \/>\nZeitgenossen und Biographen stimmen \u00fcberein, dass sich am Montag, dem 26. M\u00e4rz im Laufe des Nachmittags ein schreckliches Gewitter zusammenzuziehen begann, dunkle Wolkenfelder ganz niedrig, ein Ungewitter, mit Schneegest\u00f6ber und Hagel.<\/p>\n<p>\u201eDa f\u00e4hrt unter einem gewaltigen Donnerschlag ein greller Blitz, von einem gewaltigen Donnerschlag begleitet, herunter und erleuchtet das Zimmer im Schwarzspanierhaus. Beethovens Augen \u00f6ffnen sich weit, er hebt die rechte Hand, ballt sie zur Faust und starrt ernst und drohend in die H\u00f6he. Dann sinkt die Hand wieder auf das Bett und die Augen schlie\u00dfen sich halb.\u201c (Der Biograf \u2026 ) Der Musiker Anselm H\u00fcttenbrenner ist neben der alten Haush\u00e4lterin Sali in Beethovens Sterbezimmer. H\u00fcttenbrenner legt dem Sterbenden die H\u00e4nde auf die Brust. Beethoven atmet nicht mehr und sein Herz hat aufgeh\u00f6rt zu schlagen. H\u00fcttenbrenner dr\u00fcckt ihm die Augen zu und k\u00fcsst seine Lider. Dann zieht er seine Uhr heraus, es ist dreiviertel sechs. Jetzt l\u00e4sst H\u00fcttenbrenner den jungen Maler Josef Teltscher ins Sterbezimmer rufen, damit er einige Zeichnungen vom Toten anfertigt. Danach schneidet er ihm eine Locke aus dem Haupthaar und bewahrt sie in seinem Notizbuch auf.<\/p>\n<p>In der Sterbematrik der Minoriten auf der Alser Stra\u00dfe steht eingetragen: <em>Ludwig van Beethoven, gest. 26. M\u00e4rz 1827, lediger Tonsetzer, geb. 1770 zu Bonn im Reichsgebiet, gest. an Wassersucht, begraben am Gottesacker des Dorfes W\u00e4hring.<\/em><\/p>\n<p>Beethoven wurde am 29. M\u00e4rz in der Alserkirche aufgebahrt. An den Feierlichkeiten und dem Trauerzug nahmen 20 000 Menschen teil, damals die H\u00e4lfte der Bewohner der Innenbezirke.<br \/>\nDas Gedr\u00e4nge war so gro\u00df und die Stimmung so heftig, dass Milit\u00e4r eingesetzt werden musste, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Schulen und \u00c4mter blieben geschlossen. Es ging heftiger Schneeregen nieder und es wehte ein eisiger Wind. Das Leben in Wien steht praktisch still. Am Eingang zum Friedhof tr\u00e4gt der Schauspieler Heinrich Ansch\u00fctz die bewegende Grabrede, die Franz Grillparzer verfasst hat, vor. Den Sarg begleiten 36 Fackeltr\u00e4ger, von denen Franz Schubert einer ist. Nur ein Jahr sp\u00e4ter wird er selbst unter gro\u00dfer Anteilnahme der Wiener zu Grabe getragen.<br \/>\n<em>\u2026 Drum scheidet trauernd, aber gefa\u00dft von hier, und wenn euch je im Leben, wie der kommende Sturm, die Gewalt seiner Sch\u00f6pfungen, \u00fcbermannt, wenn Eure Thr\u00e4nen flie\u00dfen in der Mitte eines jetzt noch ungeborenen Geschlechts, so erinnert Euch dieser Stunde, und denkt: Wir waren auch dabey, als sie ihn begruben, und als er starb, haben wir geweint.<\/em><br \/>\n(Ende der Grillparzer-Rede)<\/p>\n<p>1863 wird Beethoven erstmals \u2013 wieder unter gro\u00dfer Anteilnahme der Bev\u00f6lkerung \u2013exhumiert, die Gebeine und der Sch\u00e4del vermessen und fotografiert, 1888 ein zweites Mal, diesmal aber umgebettet in die Ehrenhalle des eben er\u00f6ffneten Zentralfriedhofs.<br \/>\nNach Odojewskis Ansicht h\u00e4tten die Wiener, so wenig wie sie das Sterben und den Tod in ihrer Kulturlosigkeit und Oberfl\u00e4chlichkeit geb\u00fchrend gew\u00fcrdigt haben, kollektiv Selbstmord begehen m\u00fcssen, um dem Genie in ihrer Mitte gerecht zu werden, das sie nicht erkannt haben, sozusagen als Bu\u00dfe daf\u00fcr, dass sie ihn mit ihrer Ignoranz nicht gerade ermordet, aber in den zu fr\u00fchen Tod getrieben h\u00e4tten. Es ist der unertr\u00e4gliche moralische Alleinvertretungsanspruch, der die Odojewski-Erz\u00e4hlung so absto\u00dfend macht. Es ist der ekelhafte Schwindel, zu dem Odojewski unter dem Deckmantel der k\u00fcnstlerischen Freiheit, der freien Einbildungskraft, greift.<\/p>\n<p>Und was h\u00e4tte Odojewski erst daraus gemacht, h\u00e4tte er gewusst, dass die schwindligen Wiener zugelassen haben, den Mozart-M\u00f6rder als Lehrer von Schubert und H\u00fcttenbrenner wirken zu lassen. Sicher auch wieder nur eine typisch wienerische, hinterlistig-dumme Verschw\u00f6rung gegen Beethoven. Dass H\u00fcttenbrenners Requiem Nr. 1 in c-Moll bei Salieris Einsegnung 1825 gespielt wurde, ebenso wie bei Beethovens 1827 und ein Jahr sp\u00e4ter bei Schuberts. H\u00fcttenbrenner \u00fcberlebte seine Freunde so lange, dass er noch mit Liszt befreundet sein konnte.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass Odojewski in seiner Erz\u00e4hlung das namensgebende 13. Streichquartett f\u00fcr das letzte h\u00e4lt und es mit dem ihm unbekannten 14., op 135 verwechselt und die \u00e4u\u00dferen und inneren Umst\u00e4nde von Beethovens Sterben und die Wiener v\u00f6llig \u201efalsch\u201c darstellt. Unwesentlich ist auch die Frage nach der historischen Wahrheit, denn um die Authentizit\u00e4t eines historischen Geschehens geht es hier nicht.<\/p>\n<p>Es ist die <em>Haltung<\/em>, mit der Odojewski die \u201edichterische Freiheit\u201c anwendet. Wie hei\u00dft die Definition von Wilhelm von Humboldt: <em>Kunst besteht in der Vernichtung der Natur und ihrer Wiederherstellung als Produkt der Einbildungskraft. <\/em>Danach hat Odojewski die Natur = Geschichte recht ordentlich vernichtet und mit viel Einbildungskraft irgendetwas hergestellt.<\/p>\n<p>Er hat mit diesem Machwerk ein Bild vom Wiener Volk erschaffen, das nach ihm viele russische Dichter und Reisende ( u. a. Gogol und Tschechow, aber die waren im Gegensatz zu Odojewski zumindest f\u00fcr einige Tage in der Stadt ) wiederholt haben und das so unausrottbar ist wie der von Puschkin geschaffene Giftm\u00f6rder Salieri. Nicht nur, weil seit Generationen die Kleine Trag\u00f6die <em>Mozart und Salieri <\/em>zur Schullekt\u00fcre in Russland geh\u00f6rt und auswendig gelernt wird. Immer wieder werden neue Varianten auf den B\u00fchnen aufgef\u00fchrt, Vertonungen ohne Zahl. 1898 singt der tiefste Bass aller Zeiten, Schaljapin, den schrecklichen Salieri.<\/p>\n<p>Sowohl die Wiener wie auch Salieri werden es aushalten, dass sie bei den Russen so schlecht wegkommen. Aber wie weit darf k\u00fcnstlerische Phantasie gehen, und wo beginnt die Denunziation? Ist Odojewskis Beethoven-Erz\u00e4hlung eine fr\u00fche Form von <em>fake news? <\/em>Ganz abgesehen davon, dass es bei den Russen Volkssport ist, immer und \u00fcberall an Verschw\u00f6rungstheorien zu basteln. Das scheint ihre zweite Natur zu sein. Wenn es nicht so verschrien w\u00e4re, k\u00f6nnte man von einem Nationalcharakter sprechen. Sondern vor allem \u2013 das ist meine Interpretation \u2013 das messianische Bewusstsein der Russen. Sie, die gro\u00dfen Kunstversteher, die gro\u00dfen K\u00fcnstler-Retter, das ist es, was einem den Magen umdreht. Sie h\u00e4tten eigentlich genug zu tun, bis zum heutigen Tag, ihre eigenen K\u00fcnstler vor Verbannung, Ausweisung, Gef\u00e4ngnis, Gulag und Tod zu retten \u2013 aktuell den <strong>Kirill Serebrennikow.<\/strong><\/p>\n<p>Puschkin hat <em>Mozart und Salieri <\/em>1830 geschrieben, es wurde 1932 in St. Petersburg uraufgef\u00fchrt. Sehr wahrscheinlich hat Odojewski es gesehen, denn kurz danach erschien seine Beethoven-Erz\u00e4hlung. Zwingend ist der Zusammenhang nicht, er ist nur ein zeitlicher, aber m\u00f6glich, die Parallelen sind unleugbar. Der b\u00f6se Salieri ist Wien \u2013 Beethoven ist Mozart, und umgekehrt.<\/p>\n<p>Genie gegen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, gottgegebenes Talent gegen Handwerk, sch\u00f6pferische Uneigenn\u00fctzigkeit gegen eifers\u00fcchtigen Ehrgeiz. Die Fronten sind klar, aber nur von Salieri her, der vermeintliche Komponistenkrieg ist einseitig, was den Puschkin-Salieri so besonders wurzt.<\/p>\n<p>Wenn ich Puschkin je recht verstanden habe, k\u00e4mpft er immer f\u00fcr sich selbst und seine k\u00fcnstlerische Freiheit.<\/p>\n<p>Klar, Puschkin glaubt nicht wirklich an den Giftmord von Salieri an Mozart aus <em>\u201eschwarzem Neid und Eifersucht\u201c<\/em>. Diese Legende war schon zu Puschkins Lebzeiten gen\u00fcgend widerlegt. Als Dramatiker brauchte er aber zwei gegens\u00e4tzliche K\u00fcnstlertypen, die er gegen\u00fcberstellen und deren Argumente er ausbreiten konnte. Er brauchte <em>seinen <\/em>Mozart und <em>seinen <\/em>Salieri, weil er sich selbst eher zu so einem Mozart z\u00e4hlt, der von einem Typus \u00e0 la Salieri drangsaliert wird. Zeit seines Lebens, angefangen vom absolutistischen Zaren bis zu den niedrigen Neidern und Speichelleckern. Das ist sein Konstrukt und hat mit dem historischen Salieri nichts zu tun.<\/p>\n<p>Puschkin brauchte den b\u00f6sen Salieri als Selbstverteidigung und den Mozart als Appell f\u00fcr die Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit der Kunst. In diesem Kontext interpretiert, kann seine kleine Trag\u00f6die von mir aus bestehen bleiben.<\/p>\n<p>Ich nehme Puschkin in diesem Bestreben in Schutz, obwohl ich sehe, was er durch die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Fehlinterpretationen angerichtet hat.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich vermeine das Augenzwinkern bei Puschkin zu bemerken, mit dem er seinen Salieri bei seiner Selbstrechtfertigung f\u00fcr den Giftmord auf die absurde Legende \u00fcber Michelangelo Buonarotti anspielt, der zufolge er ein Model ermordet habe, um das Pathos des Todes bei seiner Kreuzigungsdarstellung wahrheitsgetreuer einfangen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nBei Odojewski dagegen sehe ich die reine Lust an der Denunziation, um die \u00dcberlegenheit der \u201erussischen Seele\u201c gegen\u00fcber dem oberfl\u00e4chlichen, genusss\u00fcchtigen, verspielten und tumben Westen herauszustellen. Nur die russische Seele mit ihrer Tiefe, mit ihrer F\u00fclle an Gef\u00fchlen und Einf\u00fchlung kann die Gr\u00f6\u00dfe eines Giganten wie Beethoven verstehen. Die ph\u00e4akischen Wiener haben so einen gar nicht verdient, sie mit ihrem Wein, Weib und Gesang, ihrem Heurigen, Walzer und ihrem Himmel voller Geigenseligkeit. Nur die Russen k\u00f6nnen einen Beethoven vor ihnen retten. Die Anma\u00dfung, dass Beethoven es n\u00f6tig hat, von einem Russen gerettet zu werden. Und nur ein Russe mit seiner Glaubenstiefe und seiner gottgegebenen Natur kann die G\u00f6ttlichkeit eines Mozart oder Beethoven erkennen und geb\u00fchrend w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Der Witz an diesem \u00fcberbordenden Nationalstolz ist, dass er ideengeschichtlich aus Deutschland kommt, vom Schelling-Kult. Schelling wurde in Russland wie ein Gott verehrt, und Odojewski war der Erzpriester der neu entdeckten Nationalseele. Er behauptete, dass der Westen in seinem Streben nach materiellem Fortschritt dem Teufel seine Seele verkauft hatte. Nur Russland mit seinem jugendlichen, unschuldigen Geist und den angeborenen Eigenschaften der russischen Seele k\u00f6nnten Europa retten. Er spricht der russischen Seele eine besondere Art von Liebe zu. Die christliche Bruderschaft Russlands habe eine ganz eigene Botschaft an die Welt (Odojewski, Russische N\u00e4chte). Der F\u00fcrst, Gro\u00dfgrundbesitzer und Inhaber von tausenden von Leibeigenen predigt vom \u201eunverdorbenen Land und der kreativen b\u00e4uerlichen Seele, die ein viel gr\u00f6\u00dferes Potenzial hat als die westliche Naturwissenschaft\u201c. Das ist nicht mehr weit entfernt von Iwan Aksakow, dem Begr\u00fcnder des Slawophilentums: \u201eDas russische Volk ist nicht blo\u00df ein Volk, es ist eine Menschheit.\u201c<\/p>\n<p>Die russische Sprache kann aus vielen Gr\u00fcnden geliebt werden, von ihren eingeborenen Tr\u00e4gern so nat\u00fcrlich wie ihre eigene Haut, was f\u00fcr die anderen schwer zu verstehen ist. Mit Hilfe eines einzigen mitleidlosen Wortes kann es die Quintessenz eines weitverbreiteten Defekts bezeichnen, f\u00fcr den die anderen drei europ\u00e4ischen Sprachen zwanzig brauchen und doch zum wahren Wesen vorsto\u00dfen. Poschlost hei\u00dft dieses fette, weiche Untier, mit der Betonung auf dem ersten O und einem feuchten T am Ende. <em>Niedertracht, Falschheit, Verlogenheit, Schamlosigkeit, Verkommenheit, Sch\u00e4ndlichkeit <\/em>stehen an der Spitze; es folgen: <em>unecht, billig, gemein, geschmacklos, schrottig, minderwertig, sch\u00e4big, fies, schleimig, hochgestochen, nachge\u00e4fft, aufgedonnert, l\u00e4cherlich, flittrig, schundig <\/em>\u2013 alles, was gewisse falsche Werte bezeichnet. Wenn es eine derartige Zeitmaschine g\u00e4be, w\u00fcrden daraus solche Figuren herauspurzeln wie sp\u00e4ter Gogol sie in den <em>Toten Seelen <\/em>und im <em>Revisor <\/em>erschaffen hat. So hat Odojewski die Wiener seiner Phantasie gezeichnet, viele anonyme Tschitschikows, Ljapkin-Tjapkins, Dobtschinskis und Bobtschinskis. Trotzdem bleibt diese Charakterisierung am Autor h\u00e4ngen, ein Schwindler, ein Taschenspieler ist der wahre Poschlotschkin, Schmutz und Schund sind sein Spielkapital.<\/p>\n<p>Dass seine Beethoven-Geschichte kein einmaliger Ausrutscher ist, davon zeugen auch seine Erz\u00e4hlungen \u00fcber Bach und Wagner, die im Herzen echte Russen sind und nur den einzigen Fehler haben, keine Russen zu sein. F\u00fcr diesen Gr\u00f6\u00dfenwahn hat das Russische ein sch\u00f6nes Sprichwort: Die Heimat der Elefanten ist Russland. Oder: Unser Iwanow hat die Gl\u00fchbirne erfunden. Das Unappetitliche an Odojewski ist, dass er ohne jedes Augenzwinkern schreibt, ohne Anstalten zu machen, sich der Groteske als Kunstform zu bedienen, sondern mit dem Anspruch: Seht her, so sind sie, ich wei\u00df es, es ist die Wahrheit.<\/p>\n<p>Odojewskis Beethoven-Darstellung ist meines Wissens nach die erste Spur der sp\u00e4ter als Slawophilie in Mode gekommenen Geistesstr\u00f6mung in Russland. In der Konstruktion des \u201eDritten Rom\u201c f\u00fchrt der Weg sp\u00e4ter im Jahrhundert ganz leicht zum Panslawismus und russischen Nationalismus. Und das bis ins heutige Putistan.<\/p>\n<p>1.- 4. September 17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> | Inventarnummer: 18001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange gr\u00fcble ich schon dar\u00fcber nach, wende die Sache in meinem Kopf hin und her und kann zu keinem objektiven und endg\u00fcltigem Urteil kommen. Aber vielleicht braucht es gar keine Objektivit\u00e4t, kein Urteil, und schon gar kein endg\u00fcltiges. 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