{"id":7393,"date":"2017-12-20T17:03:40","date_gmt":"2017-12-20T17:03:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7393"},"modified":"2017-12-22T07:46:32","modified_gmt":"2017-12-22T07:46:32","slug":"warum-ich-keine-putzfrau-wurde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7393","title":{"rendered":"Warum ich keine Putzfrau wurde"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7393&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7393&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>\u201ePensionistin sucht professionelle Hilfe f\u00fcr Haus und Garten. Gutes Zubrot.\u201c<\/em><br \/>\nUnd eine Festnetznummer.<br \/>\nZubrot \u2013 was f\u00fcr ein herrlich altmodisches Wort! Brot zu was?<\/p>\n<p>Diese Annonce stach mir in die Augen, als ich in der Bezirkszeitung die Kleinanzeigen studierte. Dabei suchte ich nicht wirklich Arbeit, sondern es war nur die alte Gewohnheit, das Kleingedruckte, oft unfreiwillig lustig oder irrwitzig, zu lesen. Vor allem die Kontaktanzeigen haben es mir angetan. Ich stehe zu meiner kleinen Perversion, ich sammle die besten, schneide sie aus und klebe sie in mein Journalheft.<\/p>\n<p><em>Geile Oma nackt im Kuhstall.<br \/>\nThai im Vulkan.<br \/>\nT\u00fcrkin ohne alles.<br \/>\nTel. Lausch dich geil!<br \/>\nSch\u00fclerin, 17, rasiert.<br \/>\nDomina macht alles.<br \/>\nBussib\u00e4r f\u00fcr die Ewigkeit. <\/em><\/p>\n<p>Die sch\u00f6nsten sind die, die Romantik und Poesie erzeugen wollen, wenn Sterne, Mond und Wolken bem\u00fcht werden.<br \/>\n<em>Dein Fels in der Brandung.<br \/>\nZusammen f\u00fcr immer jung.<br \/>\nGemeinsam in die Sterne schauen.<\/em><\/p>\n<p>Ein Freund von mir war gerade vom Hausmeister zum \u201eFacility Manager\u201c aufgestiegen.<br \/>\nIch wollte ein bisschen Wallraff spielen f\u00fcr eine Hintergrund-Recherche. Wie f\u00fchlt es sich an, untertan und abh\u00e4ngig zu sein. Ich interessierte mich f\u00fcr die EE, die \u201eExperten f\u00fcr Euphemismus\u201c in der Werbung, Politik und Wirtschaft. Ich wollte sehen, wer und was hinter der \u201eprofessionellen Hilfe mit gutem Zubrot\u201c stand.<\/p>\n<p>Eine Pensionistin sucht eine Putzfrau. Die EE sagen Seniorin und Raumpflegerin. Die sprachlichen Sch\u00f6nf\u00e4rber und wendigen Wortverdreher sind so alt wie die Mythologie und Religion. Eigenverantwortung hei\u00dft mehr zahlen, M\u00fcllhalde ist Entsorgungspark, Krankenkasse \u2013 Vital- oder Gesundheitskasse, ein Haus mit Ausbauf\u00e4higkeit ist eine Bruchbude, ein verwachsener Garten \u2013 eine Gst\u00e4tt\u2018n, deutsch: Brache. Hauptsache, es klingt gut.<\/p>\n<p>Also rufe ich bei dieser Nummer an. Es meldet sich eine Frau Schmidt, Maria mit Fragezeichen in der Stimme noch aus der Zeit, als man fragte: Wer da? Ich berufe mich auf die Annonce und gebe mich interessiert, Frau Schmidt ebenfalls, schon ohne Fragezeichen. Sie nennt mir ihre Adresse und weist mir den Weg: mit der S-Bahn nach Liesing, dann \u00fcber den Platz gehen, schr\u00e4g r\u00fcber und am neuen Pensionistenheim in die Theodor-Haeckel-Gasse Nr. 11. Ja, die kenne ich, da komme ich oft vorbei auf dem Weg zu meinem Garten, vom Bus 256 aus, ja der f\u00e4hrt vorbei.<\/p>\n<p>Sie sind G\u00e4rtnerin, das ist gut, denn sie braucht auch Hilfe in ihrem Garten. Fein. Ich bin eine begeisterte und ge\u00fcbte G\u00e4rtnerin.<br \/>\nDann weist Frau Schmidt mich noch darauf hin, dass es der Ha-eckel mit \u00e4 ist, nicht der mit e, der Theodor und nicht der Erich. Als w\u00e4ren es ihre Verwandten. Ist das die Probe, die Pr\u00fcfung? Da mache ich den ersten Fehler. Viel zu schnell sage ich, wei\u00df ich.<\/p>\n<p>Wir vereinbaren einen Termin. Am n\u00e4chsten Mittwoch fahre ich zu Frau Maria Schmidt in die Theodor-Haeckel-Gasse 11. Eine schmale Kastanienallee mit vereinzelten Linden, einigen alten Villen und verungl\u00fcckten Gemeindebauten. Punkt 17 Uhr l\u00e4ute ich an dem ebenerdigen Haus mit stumpfer Lehmfarbe, f\u00fcnf Fenster zur Stra\u00dfe hin. Ich habe mich extra gestylt, was ich halt f\u00fcr putzfraum\u00e4\u00dfig in meinem Kleiderkasten hielt.<br \/>\nDie Gegensprechanlage schnarrt und fragt: Jabitte? Ich nenne meinen falschen Namen, Johanna Friedrich, wir sind verabredet, wegen der Anzeige. Es schnarrt noch einmal, und die kleine T\u00fcr in dem gro\u00dfen doppelfl\u00fcgeligen Tor \u00f6ffnet sich in eine breite, d\u00e4mmrige Einfahrt. Aha, ein ehemaliges Fuhrwerks- oder Weinhauer-H\u00e4uschen wie oft in den Vororten. An der Innent\u00fcre erwartet mich eine alte Frau in bunter K\u00fcchensch\u00fcrze, wei\u00dfhaarig mit kleinem Knoten, das spitze M\u00e4uschengesicht gef\u00e4ltelt wie eine D\u00f6rrpflaume. Ich sch\u00e4tze sie auf r\u00fcstige achtzig. Bitte, hier herein. Frau Schmidt ist h\u00f6flich.<\/p>\n<p>Wir kommen in ein anger\u00e4umtes Vorzimmer, das rechts als Garderobe dient und ein Fenster zum Garten hat. Der linke Teil ist K\u00fcche und Speisekammer. Eine T\u00fcr geht in das Wohnzimmer mit zwei Fenstern zur Stra\u00dfe, die B\u00e4ume machen es schattig, ich sehe fast nichts, irgendwo flimmert ein TV-Ger\u00e4t hinter einer Kunstleder-Couch. Skai, modern in den Siebzigern. Zwei Fenster nach hinten, wovon das eine auch T\u00fcr ist. Das Schlafzimmer ist beherrscht von einem massiven h\u00f6lzernen Doppelbett, auf dem aber nur eine Seite aufgebettet ist. Witwe, schlie\u00dfe ich daraus. Dar\u00fcber kein Hirsch, sondern eine riesige Reproduktion von Botticellis Fr\u00fchling in einem Goldrahmen aus Gips. Den Luster an der niedrigen Decke aus sechs weit ausgespreizten Lampenschirmen, den kenne ich, wei\u00df nicht woher. Tante Paula? Wir gehen wieder ins Vorzimmer zur\u00fcck. An einem kleinen Tisch mit buntem Wachstuch nehmen wir auf zwei Sesseln gegen\u00fcber Platz.<\/p>\n<p>Eine Limonade ist vorbereitet, zu der sie mich einl\u00e4dt. Bitte, Holler. M\u00f6gen Sie?<br \/>\nJagerne, danke. Ein Glas nur f\u00fcr mich. Frau Schmidt wei\u00df genau, was sie will und braucht. Zweimal in der Woche vier Stunden, also acht Stunden, wovon zwei Stunden dem Garten gewidmet sein sollen. Den zeigt sie mir auch gleich. Von der T\u00fcre im Wohnzimmer f\u00fchren drei Stufen auf eine Rasenfl\u00e4che, die an der R\u00fcckseite von einem Holzschuppen abgeschlossen ist. Der muss gefegt und abgesaugt werden, damit die Katzen nix reinbringen. Da wird sie emotional. Immer alles sauber absaugen. Nix reinschleppen.<\/p>\n<p>Verstehen Sie? Ich verstehe nichts. M\u00e4use, V\u00f6gel, Spinnen, Igel, hh\u00e4? Viel Getier rundumadtum. Und die V\u00f6gel werden auch immer frecher. Wie? Die pecken nach den Katzen. Nur zwei Stunden Garten, wundere ich mich kurz, ob sich das ausgeht? Naja, kommt drauf an, was sie alles will. Blumen und Gem\u00fcsebeete hat sie nicht. Nur einen kleinen Fleck mit Kr\u00e4utern neben den Stufen. Der Garten im Stil von Thujen und Veitschi. Im Vorzimmer stellt sie mir ihre Mitbewohner vor, ein Katzenp\u00e4rchen, das gerade \u00fcber die Katzenstiege durch das Fenster hereinkommt. In der K\u00fcche hinter dem K\u00fchlschrank stehen nicht gez\u00e4hlte Sch\u00fcsselchen und Tassen auf einem Wachstuch.<\/p>\n<p>Wir sitzen wieder am Esstisch mit d\u00fcnner Holler-Limonade. Frau Schmidt checkt mich ab, auf Herz und Nieren. Eher schielt sie auf meinen K\u00f6rperbau, Muskeln und so. Also, Johanna Friedrich, f\u00fcnfzig plus, geborene Wienerin, Fr\u00fchpensionistin, wohnhaft in Wien 12. (Von meinem vierten Bezirk verrate ich nichts!) Warum ich den Job machen will, wo und wie ich wohne, wo mein Garten ist und wie gro\u00df? Wo bin ich, auf der Polizeiwache?<br \/>\nVon sich verr\u00e4t sie nur, dass sie eine pensionierte Gemeindebedienstete ist und seit 27 Jahren Witwe. Ob ich nicht selbst genug Arbeit habe? Wie gro\u00df meine Pension ist? Na, das geht sie aber wirklich nichts an. Da werde ich konkret und erfahre, was sie mit \u201egutem Zubrot\u201c meint. Sechs Euro bietet sie pro Stunde. Ich schlucke und trinke schnell den Hollersaft.<br \/>\nAlso, bei acht Stunden w\u00e4ren das 42 Euro in der Woche, 168 Euro im Monat, in etwa so viel, wie ich in meinem Garten f\u00fcr die Miete zahle, rechne ich schnell um. Also, zum Verdienen ist dieser Job nicht. Wer macht so etwas? Eben Zubrot. Ich zahle meiner eigenen Putzfrau\/Raumpflegerin, einer slowakischen Studentin, aktuell zw\u00f6lf Euro pro Stunde. Das kann sich nicht ausgehen. Aber man muss halt seinem Job Opfer bringen.<\/p>\n<p>Da merke ich, dass ich mental nicht perfekt vorbereitet bin und ganz schnell schummeln muss. Der zweite Fehler. Ich beginne schnell, sie zur\u00fcckzufragen. Wer ihr denn bis jetzt professionelle Hilfe geleistet hat? Das war die Slavica, eine Serbin, eine gute Seele, die ist schon lange bei ihr gewesen, seufzt sie. Aber in letzter Zeit ist sie nachl\u00e4ssig geworden bei der Arbeit, die Katzen hat sie schlecht behandelt, ihr Widerworte gegeben, unp\u00fcnktlich geworden, aber vor allem hat sie angefangen zu stehlen. Oh Gott, stehlen, Geld? Nein, aber andere Sachen, auch aus dem K\u00fchlschrank. Mundraub. Sie l\u00e4sst kein gutes Haar an ihrer Slavica, naja, eben doch eine vom Balkan. Und ganz sauber war sie auch nicht, pers\u00f6nlich und so, verstehen Sie.<\/p>\n<p>Na, das geht gar nicht, denke ich, sch\u00fcttele aber nur mitf\u00fchlend den Kopf. Ungem\u00fctlich, peinlich, ich lenke ab und bringe die Rede auf Haeckel versus Heckel. Da mache ich den wahrscheinlich entscheidenden Fehler: Ich bin zu gut informiert f\u00fcr eine Putzfrau in spe. Ich kann\u2018s halt nicht lassen und den Mund nicht halten. Jaja der, wie auf der Tafel. Warum mich das \u00fcberhaupt interessiert? Schweigen. Nur so. Sie hat ja das ae betont. Oje, Widerworte. Nun hat es Frau Schmidt pl\u00f6tzlich sehr eilig. Sie muss noch einkaufen gehen. Also, Frau Friedrich, ich kommen am n\u00e4chsten Montag um acht Uhr, kommen, anfangen und dann wieder am Donnerstag kommen. Da hat sie mich mit ihrer Slavica verwechselt. Fein, dachte ich, gelungen, mein Wallraff-Versuch. Mord im Putzfrauen-Milieu.<\/p>\n<p>Aber am Sonntagabend kommt ein Anruf von Frau Schmidt. Sie hat sich\u2018s anders \u00fcberlegt, sagt sie resolut, ganz ohne Bedauern oder Entschuldigung. Sie kehrt zu ihrer Slavica zur\u00fcck, die kennt sie immerhin schon viele Jahre. Und die war immer so dankbar f\u00fcr das Geld, die hat das wirklich gebraucht.<br \/>\nDie serbische Gastarbeiterin wurde mir vorgezogen! Ich begann sie zu hassen, obwohl ich sie gar nicht kannte. Aber es kamen die Bilder von ihrer beider Hassliebe, Maria und Slavica, jahrelang im Kampf zusammengeschwei\u00dft.<\/p>\n<p>Was kann ich daraus lernen? Zumindest lernen, wenn schon kein Gehalt, nicht einmal Zubrot, ganz zu schweigen von meiner Recherche. Auch Tarnen und T\u00e4uschen will gelernt sein. Frau Schmidt wollte nicht nur die Arbeit ordentlich und billig getan haben, sondern auch ein gutes Gewissen, sie tut auch noch Gutes \u2013 Geld nur f\u00fcr den, der es braucht, weil der dann dankbarer ist. Was war\u2018s? Das Outfit kann\u2018s nicht sein. Vielleicht meine Sprache? M\u00f6glich, obwohl ich mich bem\u00fchte, einsilbig zu blieben. Muskelkraft zeigt mein K\u00f6rper auch noch genug. Daran konnte es nicht liegen.<br \/>\nDer Sonntagabend war voll von tiefsch\u00fcrfenden Gedanken.<\/p>\n<p>Nein, letztendlich bin ich \u00fcberzeugt, es war der Haeckel mit \u00e4, nicht der Heckel mit e, der Theodor und der Erich, die ich auseinanderhalten konnte. Dabei kam in ihr der Verdacht auf. Wahrscheinlich f\u00fchlte sie sich von mir geh\u00e4ckerlt. (Oder hei\u00dft es heckerln oder hekerln?) Eine Putzfrau kann das einfach nicht wissen und wissen wollen. Und so wurde ich keine. Eine niederschmetternde Erfahrung. Ich machte keinen zweiten Versuch. Aber ich schaute noch einmal bei Wikipedia nach und entdeckte einen dritten: den Theodor Heckel. Bin ich froh, dass auch Frau Schmidt den nicht gekannt hat. Da w\u00e4re ich noch fr\u00fcher aufgeflogen.<\/p>\n<p>Aufl\u00f6sung: Theodor Haeckel war ein umstrittener Evolutionsbiologe im 19. Jahrhundert, Erich Heckel ein Maler der K\u00fcnstlergruppe \u201eDie Br\u00fccke\u201c und Theodor Heckel ein protestantischer Bischof in M\u00fcnchen. Und Frau Schmidt ist bei der Gemeinde wahrscheinlich f\u00fcr die korrekte Schreibung der Wiener Stra\u00dfentafeln zust\u00e4ndig gewesen.<\/p>\n<p>Wien, 2.10.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 17193<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePensionistin sucht professionelle Hilfe f\u00fcr Haus und Garten. Gutes Zubrot.\u201c Und eine Festnetznummer. Zubrot \u2013 was f\u00fcr ein herrlich altmodisches Wort! Brot zu was? Diese Annonce stach mir in die Augen, als ich in der Bezirkszeitung die Kleinanzeigen studierte. 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