{"id":7371,"date":"2017-12-16T08:55:17","date_gmt":"2017-12-16T08:55:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7371"},"modified":"2017-12-17T17:23:48","modified_gmt":"2017-12-17T17:23:48","slug":"im-zwiespalt-von-kunst-und-macht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7371","title":{"rendered":"Im Zwiespalt von Kunst und Macht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7371&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7371&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Palazzo della civilt\u00e0 italiana \u2013 Rom<\/em><\/p>\n<p>Eine leichte Brise ist aufgekommen, jetzt, wo die Sonne beginnt, sich hinter den Horizont zu neigen, und ein Fr\u00f6steln in meinen Fingerspitzen macht mich darauf aufmerksam, wie zeitlos lange ich hier gesessen bin, am Rande der Plattform versunken in Betrachtung dieser B\u00f6gen; versunken im Versuch, jeden einzelnen von ihnen zu erfassen, und gleichzeitig sie alle im Gesamten &#8211; und wie ich daran gescheitert bin, wirr in Gedanken, hypnotisiert von ihrer Aufragung, einer \u00fcber dem anderen,\u00a0in ihrer Anordnung in Reih und Glied, keinem gestattet, sich hervorzutun gegen\u00fcber den anderen, um als Blickfang, als Einladung zum Eintritt zu dienen.<\/p>\n<p>Und steif meine Glieder, als ich mich erhebe und anschicke, eine weitere Runde um diesen Kubus zu drehen, der mir von jeder seiner vier Seiten immer das ewig gleiche Gesicht zeigt, kalt und pur; und dennoch, nicht entziehen kann ich mich seinem Bann, auch nicht nach der dritten Runde, magisch zieht mich der Bogenklotz in seine Kreise &#8211; schon l\u00e4ngst als l\u00e4stig ignoriert das best\u00e4ndige Vibrieren meines Telefons, belanglos mir mittlerweile die Nachrichten meiner Reisegef\u00e4hrtin, die zu anderen Treffpunkten mahnt, Aufbruchspunkten zu neuen Abenteuern, Petersdom und Engelsburg bei Nacht!<\/p>\n<p>Nein, hier werde ich satt, im Herzen den Rest von Rom bereits zum Abklatsch abgekanzelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>Als ob ich nicht w\u00fcsste, wof\u00fcr dieser unwirkliche Koloss urspr\u00fcnglich stehen sollte, als Huldigung f\u00fcr eine zukunftstr\u00e4chtige Ideologie und ihrer jahrtausendalten Berechtigung, deren Untergang sich bereits beim Beginn des Baus abzuzeichnen begonnen hatte und die seine Fertigstellung nicht einmal mehr erleben sollte. Die Ideologie in seiner Menschenverachtung hat die Geschichte mit sich in den Abgrund gerissen, das Kunstwerk in seiner Fragw\u00fcrdigkeit steht immer noch da; und ich vor ihm, achtzig Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Und meine Gedanken wandern zu den Architekten eben diese achtzig Jahre vor mir, die im Sog des italienischen Faschismus diesen Tempel der Selbstbeweihr\u00e4ucherung der italienischen-r\u00f6mischen Zivilisation entwarfen und die sich auch nicht zu schade waren, den Namen von Benito Mussolini in der Anzahl der B\u00f6gen zu verewigen &#8211; waren auch sie geblendet von der Zukunftsverhei\u00dfung ihrer Zeit? Oder lag in ihrer Architektur des <em>Razionalismo<\/em> nicht auch etwas Subversives, etwas \u00fcber den plumpen Faschismus Hinausgehendes, das es mir gestattet, mich von der Purheit dieses Geb\u00e4udes so in seinen Bann ziehen zu lassen?<\/p>\n<p>Allerdings, wie hatte es ein Freund von mir einmal so treffend formuliert: \u00bbWenn es dir verg\u00f6nnt sein sollte, mit einer Zeitmaschine auch nur hundert Jahre in die Vergangenheit zu reisen, w\u00fcrdest du in jener Welt keine f\u00fcnf Minuten \u00fcberleben.\u00ab<\/p>\n<p>Und im zweiten Gedankenzug bin ich mir im Klaren, dass ich mich nie zu einer Recherche \u00fcber die wahre Gedankenwelt der Architekten herablassen werde, nicht einmal, wer sie waren und wie sie hie\u00dfen, dass mir von der Geschichte an die Macht gesp\u00fclte Diktatoren und die ganze politische Betroffenheit zum Buckelrutschen ist; mir, achtzig Jahre sp\u00e4ter, in einer Welt, in der sich all die Ideologien gegenseitig am Zahn der Zeit aufgerieben haben und nur der Kapitalismus als einzige Ideologie uns heimlich und trocken in die Knochen gekrochen ist, ohne sich gro\u00dfartig als solche zu erkennen gegeben zu haben &#8211; und dass dieser Palazzo mir den Atem raubt, wie kaum ein anderes Geb\u00e4ude auf all meinen Reisen zuvor in diesem Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>Und dennoch, kommt mir zu Bewusstsein, w\u00e4hrend ich meinen Blick die Geb\u00e4udekante nach oben gleiten lasse, Sch\u00f6nheit ist nicht das Wort, das ihm gerecht wird, und eine Zeitlang ringe ich nach dem richtigen Begriff, bis ich ihn stumm \u00fcber meine Zunge rollen lassen kann: perfekt.<\/p>\n<p>Und ein L\u00e4cheln kommt mir \u00fcber die Lippen, weil ich ihn getroffen habe, denn wahrlich perfekt ist dieser Bau. \u00c4hnlich perfekt wie vielleicht die Cheopspyramide, schie\u00dft mir in den Sinn, kurz nach ihrer Fertigstellung, denn perfekt war ihr Anspruch, perfekt wie es sich f\u00fcr eine Gottheit geh\u00f6rt; und ein Tempel der Perfektion ist auch dies hier, der Glaube und die Sehnsucht nach der Perfektionierung der Menschheit in der Welt der Moderne, der Zukunft &#8211; so sehr, wird mir mit einem Mal schmerzlich einsam bewusst, dass ein Gesicht ich dir abringen m\u00f6chte, und wenn es nur ein St\u00fcck Moos in einer Kante ist, das dir entw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Erst mit H\u00f6ren von Schritten hinter mir merke ich, wie sich meine Gedanken aufgesplittert haben zu zehnt, zu hundert, zu tausend, wie eine Armee, die gegen sich selbst antritt, in all ihrem Gewusel, deren F\u00e4den ich nicht mehr zu ihrem Ende folgen vermag; und dass ich mich erneut ersch\u00f6pft auf den Stufen niedergelassen habe, trotzdem der Stein sich mittlerweile unangenehm k\u00fchl anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>\u00bbSitzt du noch immer da, vor diesem Klotz?\u00ab<\/p>\n<p>Meine Reisegef\u00e4hrtin ist es, die vor mich getreten ist, gekommen, um mich aufzulesen &#8211; und ihren Blick kurz und belanglos \u00fcber die Fassade schweifen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u00bbWei\u00dft du, was diesem Ort fehlt?\u00ab<\/p>\n<p>Dann steckt sie die H\u00e4nde trotzig in ihre Jacke und beantwortet die Frage an meiner statt.<\/p>\n<p>\u00bbMenschen.\u00ab<\/p>\n<p>Was mich dazu veranlasst, die Kamera aus der Tasche zu nehmen und sie ins Visier zu nehmen. Und w\u00e4hrend ich mit dem Sucher ihr Gesicht an mich heranziehe, sind es ihre warm leuchtenden braunen Augen, die mir heute Abend noch <em>pasta<\/em>, <em>vino<\/em>, und sofern die Sterne gut stehen, <em>amore<\/em> verhei\u00dfen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 17190<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Palazzo della civilt\u00e0 italiana \u2013 Rom Eine leichte Brise ist aufgekommen, jetzt, wo die Sonne beginnt, sich hinter den Horizont zu neigen, und ein Fr\u00f6steln in meinen Fingerspitzen macht mich darauf aufmerksam, wie zeitlos lange ich hier gesessen bin, am Rande der Plattform versunken in Betrachtung dieser B\u00f6gen; versunken im Versuch, jeden einzelnen von ihnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[84],"class_list":["post-7371","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-kunst-amoi-schaun"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7371","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7371"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7371\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7383,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7371\/revisions\/7383"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}