{"id":736,"date":"2014-01-09T16:36:48","date_gmt":"2014-01-09T16:36:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=736"},"modified":"2022-03-05T08:18:23","modified_gmt":"2022-03-05T08:18:23","slug":"die-sonnenfinsternis-vom-mittwoch-11-august-1999-am-faaker-see","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=736","title":{"rendered":"Die Sonnenfinsternis vom Mittwoch, 11. August 1999, am Faaker See"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts736&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts736&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Zun\u00e4chst schien es, alles w\u00e4re vergebens gewesen. Das Buchen der Zimmer, die Anreise, der Kauf der Spezialbrillen, das Warten. Dann aber gab es Risse in den Wolken, die, anfangs tief\u00adh\u00e4ngend, als wollten sie bald vom Himmel fallen, sich mehr und mehr darauf besannen, da\u00df hoch oben ihr Platz war. Aus den Rissen wurden blaue Flecken, dann blieb die Sonne l\u00e4ngere Zeit sichtbar und w\u00e4rmte auf. Glaubte man zuerst, es handle sich vielleicht um eine boshafte T\u00e4uschung, um das Wecken falscher Hoffnungen, erkannte man bald mit Gewi\u00dfheit, der Him\u00admel hatte ein Einsehen. Dabei w\u00e4re es in dieser Region gar nicht so wichtig gewesen, handelte es sich doch um eine Randzone der bevorstehenden totalen Sonnenfinsternis. Doch selbst hier wollten sich die Leute die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, Zeugen einiger Mi\u00adnuten Verdunkelung zu werden.<\/p>\n<p>Ich hatte anfangs, noch an diesem Morgen, noch am fr\u00fchen Vormit\u00adtag, gedacht, mich interessiere das nicht, sollen doch die anderen schauen, mit ihren Spezial\u00adbril\u00adlen, die sie den Boulevard-Zeitungen entnommen haben. Ich doch nicht. Aber als es auf\u00adklarte, als das tiefh\u00e4ngende, bauchige Grau sich zur\u00fcckzog und immer mehr dem Blau des Himmels Platz machte, erwachte auch in mir Interesse. In der N\u00e4he, \u00f6stlich des Faaker Sees, lag der Tabor, ein Aussichtsberg \u00fcber das Seegebiet, \u00fcber die W\u00e4lder, die Karawanken im S\u00fc\u00adden. Ein St\u00fcck fuhr ich mit dem Auto hinauf, lie\u00df es auf einem kleinen Parkplatz stehen und ging eine kurze steile Strecke zu Fu\u00df. Dann erreichte ich die Restauration am h\u00f6chsten Punkt.<\/p>\n<p>Obwohl es noch einige Zeit bis zu dem seltenen Ereignis dauerte, waren schon viele Leute da und hatten sich die besten Pl\u00e4tze, die mit der besten Aussicht \u00fcber die Landschaft und mit Blick in die Sonne, besetzt. Doch es war noch genug frei, soda\u00df ich einen g\u00fcnstigen Platz, vermeinte ich, fand. Es war noch Zeit. Die wollte ich zum Laben n\u00fctzen. Nach einigen Minuten bekam ich das Gef\u00fchl, ich leide an Inkontinenz. Von meinem Ges\u00e4\u00df strahlte eine unangenehme kalte Feuchtigkeit aus, die sich nach unten ausbreitete. Offenbar war die Holz\u00adbank vom n\u00e4cht\u00adlichen Regen noch mit N\u00e4sse durchtr\u00e4nkt, und die Leute, die vor mir gekom\u00admen waren, hatten die Sitzpolster in Besitz genommen und diesen Platz gemieden. Deshalb war er frei geblieben. Schlechter Laune warf ich der Kellnerin den untragbaren Zustand vor. Das junge, vergn\u00fcgte M\u00e4dchen besorgte mir altem Grantscherm einen Polster, der meine Feuchte aufnahm und die nasse K\u00e4lte von mir fernhielt. Das h\u00e4tte mich vielleicht aufgeheitert, doch die Tatsache, auf etwas E\u00dfbares etwa eine halbe Stunde warten zu m\u00fcssen, machte alles zunichte. Dann wurde ein Tisch frei, der schon l\u00e4ngere Zeit der Sonne ausgesetzt gewesen war. Ich st\u00fcrzte hin. Die Bank war trocken und warm. Ein Fortschritt.<\/p>\n<p>Immer mehr Schaulus\u00adtige, meist Touristen, wa\u00adren inzwischen gekommen, standen zum Teil am Gel\u00e4nder. Unten lag der See, gr\u00fcn durch die Spiegelung der ihn umgebenden W\u00e4lder in seinem Wasser. Im S\u00fcden erhoben sich die Kara\u00adwanken, unger\u00fchrt von den Dingen, die kommen sollten, trotzig, archa\u00adisch, schroff. Es kamen noch einige Leute, die keinen Platz mehr fanden und das be\u00advorstehende Ereignis im Stehen sehen wollten. Die meisten hatten Spezialbrillen mit, die eine gefahr\u00adlose Sicht in die Sonne gew\u00e4hren sollten, nur einige wenige begn\u00fcgten sich damit, das was da kommen sollte, mit freiem Auge, ohne Blick in die Sonne, nur die Auswirkungen auf die Landschaft zu begutachten.<\/p>\n<p>Dann be\u00adgann das Ereignis. Bebrillte Gesichter ringsum. Nach und nach wurde das Tageslicht tr\u00fcber, nicht so wie w\u00e4hrend der D\u00e4mmerung, wo die Sonne sicht\u00adbar bleibt oder hinter Wolken ver\u00adschwindet und die Lichtbrechung und der Einfallswinkel ihrer Strahlen und ihr langsames An\u00adn\u00e4hern an den Horizont f\u00fcr die \u00c4nderung der Lichtver\u00adh\u00e4ltnisse verantwortlich sind. Jetzt aber schob sich der Mond, selbst f\u00fcr die Strahlen der Sonne undurchdringlich, vor sie, hier zwar nicht vollst\u00e4ndig, nur partiell, aber immerhin ge\u00adnug, um eine geheimnisvolle D\u00e4mmrigkeit ent\u00adstehen zu lassen, eine fast bedrohlich wirkende Dunkelheit, die die Welt f\u00fcr die Zeit ihrer Dauer scheinbar verstummen und stillstehen lie\u00df. Gewi\u00df, die Schaulustigen lie\u00dfen ihrer Begei\u00adsterung freien Lauf, reichten ihre Brillen weiter, riefen sich gegenseitig ihre Eindr\u00fccke zu. Doch das Leben ringsum, das Getier, die V\u00f6gel ver\u00adfielen f\u00fcr die wenigen Minuten der Dunkel\u00adheit in Schweigen, und eine merkliche Abk\u00fchlung, noch deutlicher sp\u00fcrbar durch den leichten Wind hier oben auf dem Tabor, lie\u00df fast fr\u00f6steln und erahnen, was ein Verschwinden der Sonne, und sei es nur teilweise, und sei es nur f\u00fcr einige Minuten, ja Sekunden, nach sich z\u00f6ge. Die Schatten verschwanden, \u00fcber allem lag die\u00adses verdeckte dunkle Licht. Selbst die Segel\u00adboote tief unten auf dem See schienen stillzuste\u00adhen, selbst der Autoverkehr hielt inne, sogar die eiligen Lenker lie\u00dfen sich das seltene Schau\u00adspiel nicht entgehen.<\/p>\n<p>Da\u00df diese mystische Dunkel\u00adheit, solange sie nicht erkl\u00e4rbar gewesen war, als von den G\u00f6ttern stammend, als Strafe f\u00fcr menschliche Vergehen, als Androhung des Untergangs der Welt betrachtet und empfunden worden war, erschien angesichts des eigenen Erlebens \u00e4u\u00dferst verst\u00e4ndlich. Unser heutiges Erleben erfolgt dagegen mit dem Hintergrund logischer wissenschaftlicher Begr\u00fcndungen und Erkl\u00e4rungen und beraubt das Ereignis seines Charakters als Wunder. Trotzdem wird nicht nur Nostradamus bem\u00fcht, und selbst Wissen\u00adschaftler (ehemalige Wissenschaftler?) verfallen in Spekulation und reden den Menschen nach der Seele.<\/p>\n<p>Dann merkte man, wie die Dunkelheit behutsam schwand, wie die Schatten wieder scharf und konturiert wurden, wie das Licht seine f\u00fcr diese Jah\u00adreszeit gew\u00f6hnliche Beschaffenheit annahm, wie es warm, wie es schlie\u00dflich hei\u00df wurde. Die Segelboote setzten ihre Fahrt im Wind fort, die Badenden str\u00f6mten ins Wasser, die Autos schl\u00e4ngelten sich unten durch die Orte, die Spezialbrillen wurden als Andenken einge\u00adpackt oder in den Abfalleimer geworfen. Die Tiere sp\u00fcrten, die kurzzeitige \u00c4nderung in der Natur war vor\u00fcber, es war hei\u00df wie zuvor. Jetzt hie\u00df es, lange Jahre, Jahrzehnte zu warten, bis die n\u00e4chste Finsternis die Men\u00adschen stau\u00adnen lassen w\u00fcrde. Irgendwo auf der Erde aber kann man eine solche Finsternis er\u00adleben, sie ist genau berechnet, zeitlich und \u00f6rtlich, und die Rei\u00adseveranstalter bieten sie im Arrange\u00adment an. Und der vermeintliche Untergang der Welt kann erwartet und ersehnt wer\u00adden. In einer Zeit rationaler Aufkl\u00e4rung scheint es notwendig, einfache Erkl\u00e4rungen mit Untergangs\u00advisionen zu verbr\u00e4men, das macht die Ereignisse zu Wundern, gottgewollt oder vom Teufel inszeniert und den Menschen zur Warnung veranstaltet. Dann wird es finster durch die astro\u00adnomische Stellung des Mondes und der Sonne, frostig und still. F\u00fcr eine kurze Weile herrscht Schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 14005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst schien es, alles w\u00e4re vergebens gewesen. Das Buchen der Zimmer, die Anreise, der Kauf der Spezialbrillen, das Warten. Dann aber gab es Risse in den Wolken, die, anfangs tief\u00adh\u00e4ngend, als wollten sie bald vom Himmel fallen, sich mehr und mehr darauf besannen, da\u00df hoch oben ihr Platz war. 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