{"id":7315,"date":"2017-11-27T16:42:48","date_gmt":"2017-11-27T16:42:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7315"},"modified":"2017-12-04T06:24:41","modified_gmt":"2017-12-04T06:24:41","slug":"bikinimadl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7315","title":{"rendered":"Bikinimadl"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7315&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7315&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Bikinimadl ist beinamputiert, aber das f\u00e4llt nur denen auf, die noch nie hier waren. Es h\u00e4ngt da \u00fcber der T\u00fcr zum S\u00fcdbahnkeller und lockt mit ihren Neonkurven. Sie klatscht ihr frostiges Licht auf den verdreckten Gehsteig. Dabei ist verdreckt ja noch sch\u00f6n gesagt. Wegen dem Sauwetter spiegelt es sich kalt und wacklig in einer Regenlache wider. St\u00f6ren tut das fehlende Bein niemanden. Die, die dort drinnen sitzen, kommen ohnehin, egal ob amputiert oder nicht.<\/p>\n<p>Sperrstund ist schon lang vor\u00fcber. Manchmal w\u00e4r gescheiter, die Rosi w\u00fcrd die paar B\u2019soffenen gleich um zehn rausschmei\u00dfen, so wie heut. Der Schnaps schl\u00e4gt Wellen im Stamperl, das in der Pratzn vom bladen Gustl beinah verschwindet. Die Wellen kommen von seinem Zittern. Sein \u201eGeh Rosi, einen Doppelten noch\u201c unterstreicht er mit einem unterdr\u00fcckten R\u00fclpser, der seinem massigen K\u00f6rper entweicht.<\/p>\n<p>\u201eGanz sch\u00f6n durstig heut?\u201c, meint die Rosi und wirft ihre wasserstoffblonde M\u00e4hne, die ihr in die Jahre gekommenes Gesicht viel zu wenig verdeckt, nach hinten. Weil die Falten in ihrem Gesicht kommen nicht vom vielen Lachen, wenn du mich fragst. Die Schnapsflasche ist nun schon halbleer, und das hat sie ganz allein dem Gustl seinem Durst zu verdanken. Dabei sitzt er noch gar nicht so lang hier, in seinem Stammbeisl. Der Durst und der Verdruss sind mein bestes G\u2018sch\u00e4ft, sagt die Rosi immer.<\/p>\n<p>Hinten im Eck am Wurlitzer steht noch so ein \u00dcbriggebliebener. Einer, den keiner kennt. Einer, den gar keiner kennen will, wenn du wei\u00dft, was ich meine. Er schmei\u00dft eine M\u00fcnze in die Maschine, dr\u00fcckt und wartet, bis seine Musik durch die Boxen dr\u00f6hnt. Der Kurt Ostbahn spielt seinen Tequila Sunrise. Sein Wienerisch arbeitet sich von der Musikbox durch die Rauchschwaden bis zum bladen Gustl und kriecht in seine Geh\u00f6rg\u00e4nge. Das ist dem Gustl sein Lieblingslied. Irgendeiner spielt das immer, wenn er da ist.<\/p>\n<p>Aber irgendwie scheint er sein Lied gar nicht richtig zu h\u00f6ren. Der ist woanders. Mit den Gedanken, mein ich. Weil wenn du grad jemand\u2018 abg\u2018stochen hast, dann n\u00fctzt dir der sch\u00f6nste Tequila Sunrise nichts. Nicht einmal der vom Kurt Ostbahn. Da brauchst erst mal ein ordentliches Schnapserl, oder zwei. Schlie\u00dflich passiert einem das ja nicht jeden Tag. Dem Gustl schon gar nicht. So eine wilde Sau ist er n\u00e4mlich nicht. Zugegeben, ein bisserl Robin Hood spielen tut er schon gerne. Aber jemanden abstechen ist dann schon was anderes. Das ist eine andere Liga, eher was f\u00fcr den Schurli, seinen \u00e4lteren Bruder.<\/p>\n<p>\u201eHab das Zeug jetzt eing\u2019sperrt, in die Garage\u201c, murmelt der, als er sich grade neben den Gustl an die Ausschank setzt und dessen Schnaps auf ex runterkippt. \u201eWenigstens hat sich das Theater aus\u2019zahlt\u201c, erkl\u00e4rt er ihm. \u201eHat verdammt viel sauteuren Krempel ang\u2019sammelt, die Alte\u201c, sagt er und strahlt fast dabei. Aber so richtig freuen wie der Schurli tut sich der Gustl nicht, das sp\u00fcrt man schon.<\/p>\n<p>Dass dem bladen Gustl seine Hose noch voller Blut ist, merkt irgendwie auch keiner. Aber was f\u00e4llt hier drin schon noch auf? Man sieht ja kaum bis ins Eck r\u00fcber, wo sich der Ferry grad \u00fcber ein frisches Madl hermacht. Wo der immer das Geld f\u00fcr sowas herkriegt, wei\u00df keiner. Auch seine zweite Frau nicht und seine drei Kinder schon gleich gar nicht. Die klobigen Finger seiner rechten Hand krallen sich in ihren Busen. F\u00fcr einen ersten Zwanziger zeigt sie ihm daf\u00fcr ihre wei\u00dfen Z\u00e4hne, die aus ihrem farbigen Gesicht durch den ganzen S\u00fcdbahnkeller strahlen, hell und kalt wie das Bikinimadl drau\u00dfen \u00fcber der T\u00fcr. Der Ferry glaubt, sie mag das, wie er sie abschleckt und ausgreift. Ob sie das Geld zu ihren Eltern runter nach Afrika schickt oder sich nur ein wenig Stoff daf\u00fcr kauft, ist ihm heut egal. Und vermutlich morgen auch.<\/p>\n<p>Ganz sch\u00f6n aufdreht ist der\u00a0Schurli und schwitzen tut er auch. Ob das von der Hitz hier drin kommt oder von der Arbeit, die er grad erledigt hat? Oder ist vielleicht sogar bei ihm, dem eiskalten Hund, ein bisserl ein ungutes Gef\u00fchl da, das ihn nicht mehr losl\u00e4sst? Dieses Gef\u00fchl, als ob du gleich kotzen musst, obwohl dir gar nicht richtig schlecht ist. Der Gustl merkt schon, dass der Schurli auch ein bisserl unlocker ist wegen der ganzen G\u2019schicht.<\/p>\n<p>\u201eDie Alte hat noch kein Bankerl g\u2019rissen. Die hat noch g\u2019r\u00f6chelt, als ich den Fernseher mitg\u2019nommen hab\u201c, stammelt der Gustl halblaut vor sich hin.<\/p>\n<p>\u201eHalt die Goschn, Trottel!\u201c, f\u00e4hrt der Schurli gleich dazwischen.<\/p>\n<p>\u201eAber glaubst nicht, dass da ein Doktor noch was machen k\u00f6nnt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSei ned so deppert, die Alte hat die Patschen l\u00e4ngst auf\u2019dreht. Die sp\u00fcrt scho nix mehr und die h\u00e4tt so auch nimmer lang g\u2019lebt\u201c, res\u00fcmiert er trocken.<\/p>\n<p>So kann das gehen, wenn einer nicht genau aufpasst. Da ist dann pl\u00f6tzlich die Alte im Zimmer gestanden und das Geschrei ist losgegangen. Dass die Furie glatt eine Sportpistole in der Kommode liegen hat, damit haben die beiden nicht gerechnet. Nur gut, dass sie das Ding nicht richtig unter Kontrolle gekriegt hat. So hat die Kugel dem bladen Gustl seinen Fu\u00df nur gestreift. Da ist dann sogar der Gustl schlagartig richtig sauer geworden. Gleich darauf war sie dann still. Ist am Boden gelegen, mit dem Brotmesser im Bauch, das da auf dem Tisch herumgelegen ist. \u201eSchei\u00dfdreck verreckter!\u201c, hat der Schurli gemeint, und der Gustl hat schon fast geweint. Hat sich die Hand vor den Mund gehalten, die Augen weit aufg\u2018rissen, wie wenn er den Leibhaftigen vor sich h\u00e4tt\u2018. War halt immer schon ein bisserl zu nah am Wasser gebaut, der Gustl.<\/p>\n<p>\u201eEs lebe der Zentralfriedhof, und alle seine Toten\u201c, schreit der Woiferl Ambros aus der Musikbox, an der jetzt grad der Ferry steht, weil sein eingekauftes Madl am Klo ist und sich was einwirft. Damit sie ihr Hirn ein bisserl abschalten kann. Damit sie noch alles machen kann, was der Ferry heut noch von ihr so verlangt. \u201eLeiwand, der Ambros\u201c, denkt sich der Gustl. Und der Ferry denkt sich das auch, nur das farbige Madl versteht nichts von dem, was der Ambros da von sich gibt.<\/p>\n<p>\u201eIch will nimmer in den H\u00e4fen, Schurli. Da geh ich bestimmt nimmer hin\u201c, jammert der Gustl wieder. Dabei kann man das schon verstehen, weil Karlau kennt er besser, als ihm lieb ist. Das ist kein Ort f\u00fcr einen wie den Gustl.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen nur die Goschn halt\u2018n, so wie immer.\u201c<\/p>\n<p>Br\u00fcderlich dr\u00fcckt der Schurli den Gustl an sich. Wie fr\u00fcher, wenn die beiden was ang\u2018stellt haben und den Gustl das schlechte Gewissen geplagt hat. Meistens war es ja der Schurli, der was ausg\u2018fressen hat. Aber auf seinen Bruder hat er sich immer verlassen k\u00f6nnen. Der hat\u2019s Maul nicht aufgemacht, nicht ein einziges Mal. Und so hat der Gustl den Schei\u00df ganz allein ausgebadet, in Karlau.<\/p>\n<p>Da schau, jetzt kriegt der S\u00fcdbahnkeller noch frischen Besuch. Die beiden geh\u00f6ren alles andere als hierher. Jeans, l\u00e4ssige Leiberl, schwarze Lederjacken, moderne Schuh\u2018, zweimal Dreitagesbart, der eine keine drei\u00dfig, der andere Mitte vierzig, beide mit gut trainiertem Oberk\u00f6rper. \u201eFesche Buben\u201c, denkt sich die Rosi und stellt sich vor, was sie mit ihnen anstellen w\u00fcrd, wenn sie drei\u00dfig Jahr j\u00fcnger w\u00e4r. Aber klar ist, dass die beiden gleich ihre Uniform anlassen h\u00e4tten k\u00f6nnen. Oder sie h\u00e4tten sich \u201eKieberer\u201c auf die Stirn t\u00e4towieren k\u00f6nnen. Zivile Kieberer um diese Uhrzeit? Rosis \u201eWollt ihr was trinken oder eh nur herumschn\u00fcffeln?\u201c, kommt bei den beiden genauso ungastlich an, wie sie es meint.<\/p>\n<p>Der Schurli ist fest davon \u00fcberzeugt, dass die beiden wen suchen. Er sp\u00fcrt nur zu gut, dass es jetzt eng wird. Da gibt er dem Gustl einen Rempler und befiehlt: \u201eOida, geh schei\u00df\u2018n!\u201c Dass er sich jetzt \u00fcber die H\u00e4user hauen soll, hat der Gustl sogar in seinem Verdruss-Rausch auf Anhieb verstanden. Man m\u00f6cht gar nicht meinen, wie der seinen \u00fcbergewichtigen Kadaver geschmeidig entfernen kann.<\/p>\n<p>Dass in dem Kastl, das da hinten an der Wand h\u00e4ngt, eine Puff\u2018n versteckt ist, hat ihm die Rosi einmal erz\u00e4hlt. H\u00e4tt sie besser nicht g\u2019macht, weil die greift sich der Gustl noch schnell beim Rausschleichen. Hat keiner gesehen. Drau\u00dfen im Gang stolpert er fast \u00fcber das farbige Madl, das vor dem grunzenden Ferry kniet und sich einen weiteren Fuffziger verdient. Die scheint das wirklich gut zu machen. \u201eGut investiert, dieser Fuffziger\u201c, denkt sich der Ferry.<\/p>\n<p>Als die Rosi den beiden Gfrastern die Safterln auf die Ausschank stellt, fangen sie endlich an zu fragen. Ob denn hier Leut\u2018 arbeiten, die gar nicht arbeiten d\u00fcrften. Ob die Rosi denn ihr Beisl wirklich sauber h\u00e4lt von dem ganzen G\u2018sindel, das sich in diesem Gr\u00e4tzl immer rumtreibt. Ob denn hier Huren rumh\u00e4ngen, die gar nicht rumh\u00e4ngen d\u00fcrften. Konkret nach dem Madl, das immer noch am Gang dem Ferry einen lutscht, und das sie &#8211; aus welchem Grund auch immer &#8211; suchen, fragen sie erst zum Schluss.<\/p>\n<p>Der Schurli kriegt das Ganze nat\u00fcrlich mit und beruhigt mit einem weiteren Schnapserl auf ex seinen in Wallung geratenen Adrenalinspiegel. Aufatmen, aber nicht zu laut, ist angesagt. Grad als die Rosi mit: \u201eLeckt\u2019s mich doch, ihr \u2026\u201c, beginnt, kann sie pl\u00f6tzlich nicht mehr weiterreden, weil es knallt. Wirklich laut knallt. Aber nur einmal. Die zwei Kieberer greifen reflexartig nach ihren Waffen. Schreien gleich rum, dass jeder seinen Arsch da behalten soll, wo er ihn gerade hat. Die scheinen sich glatt zu freuen, dass da bei der Rosi was los ist. Passiert denen schlie\u00dflich nicht jeden Tag, dass wo geschossen wird.<\/p>\n<p>Der \u00dcbriggebliebene sitzt an seinem klebrigen Holztisch. Der Wurlitzer hat aufgeh\u00f6rt zu spielen. Kein Ambros mehr, kein Ostbahn. Die Rosi schenkt sich selbst einen Doppelten ein. \u201eIch h\u00e4tt ihn heut nicht mitnehmen sollen\u201c, denkt sich der Schurli und seine Augen sind auf einmal ganz glasig. Die beiden Kieberer bewegen sich langsam in Richtung Gang. Das farbige Madl wischt sich den Mund ab. Der Ferry packt sich ein und zieht sich sein Hosent\u00fcrl zu. Die Neonr\u00f6hre im Gang zuckt. Unter der Klot\u00fcr kommt das Blut daher.<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung: <a href=\"http:\/\/schreib-lust.de\/schreibaufgabe\/1401.php?autor=1682\" target=\"_blank\">Schreiblust, J\u00e4nner 2014<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Helmut Loinger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> | Inventarnummer: 17182<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bikinimadl ist beinamputiert, aber das f\u00e4llt nur denen auf, die noch nie hier waren. Es h\u00e4ngt da \u00fcber der T\u00fcr zum S\u00fcdbahnkeller und lockt mit ihren Neonkurven. Sie klatscht ihr frostiges Licht auf den verdreckten Gehsteig. Dabei ist verdreckt ja noch sch\u00f6n gesagt. 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