{"id":7229,"date":"2017-10-25T15:41:24","date_gmt":"2017-10-25T15:41:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7229"},"modified":"2017-11-27T17:05:06","modified_gmt":"2017-11-27T17:05:06","slug":"wie-im-film","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7229","title":{"rendered":"Wie im Film"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7229&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7229&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich f\u00fchle mich auf meinem Balkon gerade wie in einer Theaterloge. Ich habe direkte Sicht auf das Geschehen, das in meiner Stra\u00dfe gleich stattfinden wird. Die beiden Menschenmassen sind nur mehr hundert Meter voneinander entfernt.<br \/>\nZwei rauchende, br\u00fcllende Organismen, die sich die H\u00e4userschlucht entlangw\u00e4lzen, um wohl genau unter meinem Balkon aufeinanderzutreffen. Loyalisten auf Oppositionelle, Rechte auf Linke \u2013 eigentlich es ist mir egal, wie sich diese Leute nennen, ich will mit keinem von ihnen etwas zu tun haben.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4rliche Polizeitruppe, die die Leute auseinanderhalten sollte, hat sich in Sicherheit gebracht. Es sieht nicht so aus, als ob bald Verst\u00e4rkung kommen w\u00fcrde, niemand hat diese Massen an Menschen erwartet. Die Schlachtrufe werden lauter und aggressiver. Die vordersten Reihen beider Seiten haben sich verh\u00e4rtet, es gibt kein Zur\u00fcck mehr.<br \/>\nIch stehe da, jeder einzelne meiner Muskeln ist angespannt, die dritte Flasche Bier zittert halbvoll in meiner Hand. Um mich herum stehen die Leute ebenfalls auf ihren Balkonen und verfolgen gebannt das Geschehen auf der Stra\u00dfe. Manche haben ihr Handy auf das Spektakel gerichtet. Ich versuche mir auszumalen, was passieren wird, wenn die beiden Gruppen aufeinandertreffen. Baseballschl\u00e4ger, Stahlrohre und Schlagst\u00f6cke ragen auf beiden Seiten aus der Menge. Der Hass, der in der Luft liegt, scheint diese dickfl\u00fcssig zu machen. Aber es liegt wohl eher an den Schwefeld\u00e4mpfen der Signalfackeln, die auf beiden Seiten brennen. Ich frage mich, wie viele Tote es geben wird.<\/p>\n<p>Da sehe ich die beiden auf der rechten Seite. Ein Vater mit seinem kleinen Sohn wird in der ersten Reihe zwischen Sturmhauben und Motorradhelmen vor den anderen hergeschoben. Verzweifelt versucht er, sich und das Kind weiter nach hinten zu bringen, doch die anderen sind zu dicht aneinandergedr\u00e4ngt.<br \/>\nNiemand scheint sie zu beachten. Ich werde w\u00fctend. Was will dieser Idiot mit seinem Kind hier? Jeder wusste, dass es so enden w\u00fcrde.<br \/>\nF\u00fcnfzig Meter. Die besonders Kr\u00e4ftigen k\u00f6nnen mit ihren Steinen schon fast die andere Fraktion erreichen.<\/p>\n<p>Der Vater hat es geschafft, sich in die zweite Reihe zu dr\u00e4ngen, wird einfach mitgerissen. Man sieht, dass er in dem Gedr\u00e4nge Angst um seinen Sohn bekommt und sich wieder nach vorne k\u00e4mpft. Das Kind taucht zwischen gepolsterten Knien und Cargohosen wieder an der Hand seines Vaters auf.<br \/>\nDer Junge wird zerfetzt, wenn er zwischen die Fronten ger\u00e4t. Noch immer scheint niemand die beiden zu bemerken. Vielleicht ist es auch einfach allen egal. Es gibt keine Seitenstra\u00dfen mehr, keine frei zug\u00e4nglichen Innenh\u00f6fe, in die die beiden fl\u00fcchten k\u00f6nnten, nur noch Fassaden auf beiden Seiten mit versperrten T\u00fcren. Die zwei sind verloren.<br \/>\nBier spritzt aus der Flasche, als ich sie auf den Boden wuchte, sie wankt, als ich durch die Balkont\u00fcr in meine Wohnung springe. Ich rei\u00dfe meine Wohnungst\u00fcr auf und renne die Stiege vom zweiten Stock hinunter, nehme drei, vier Stufen auf einmal.<\/p>\n<p>Die rechte Fraktion ist noch zehn Meter von meiner Haust\u00fcr entfernt, als diese auffliegt. Ich winke dem Vater zu, br\u00fclle nach seiner Aufmerksamkeit, bin selbst erstaunt \u00fcber die Lautst\u00e4rke, die ich zustande bringe. Unsere Blicke treffen sich. Ich deute ihm, zu mir zu kommen. Er hat Gl\u00fcck, schon so weit auf meine Seite gedr\u00e4ngt worden zu sein. Er l\u00e4uft auf mich zu, sein Sohn stolpert an seiner Hand hinterher.<br \/>\nNicht einmal jetzt werden sie bemerkt. Sie fallen in die Haust\u00fcr und ich schlage diese zu, als ein Pflasterstein daneben an der Hauswand abprallt.<br \/>\nKeuchend steht der Mann im dunklen Hausflur, er hat die Hand seines Kindes nicht losgelassen.<br \/>\nDankbarkeit ist in seinem Gesicht zu lesen, und ich hoffe, dass die Entr\u00fcstung dar\u00fcber, ein Kind dieser Gefahr auszusetzen, in meinem Gesicht zu lesen ist.<br \/>\nSchweigend stehen wir uns gegen\u00fcber. Der L\u00e4rm von drau\u00dfen dringt durch die Haust\u00fcr, wir sehen durch das Milchglas Schatten und Lichter herumspringen. Die beiden Gruppen haben sich erreicht, wir k\u00f6nnen es h\u00f6ren. Diese Ger\u00e4uschkulisse kenne ich aus Filmen, jetzt in der Realit\u00e4t wirkt sie fast unreal.<\/p>\n<p>Krachend fliegt etwas durch das Glas der Haust\u00fcr an meinem Knie vorbei. Wir haben genug Zeit unten im Flur verbracht. Ich deute den beiden, mir zu folgen, und gehe die Stiege hinauf.<br \/>\nUnsicher folgen mir die zwei, noch immer Hand in Hand.<br \/>\nIm ersten Stock h\u00f6re ich den Mann das erste Mal sprechen.<br \/>\n\u201eDanke\u201c, kommt es atemlos von hinten. Ich gehe weiter, drehe mich nicht um.<br \/>\n\u201eSchon okay.\u201c<br \/>\nMeine Wut \u00fcber seine Verantwortungslosigkeit ist schon wieder fast verflogen.<br \/>\nAls wir in meiner Wohnung ankommen, verriegle ich die T\u00fcr.<br \/>\nIn dem L\u00e4rm, der von drau\u00dfen durch die offene Balkont\u00fcr dringt, h\u00f6re ich den Mann zu seinem Sohn sprechen.<br \/>\nIch verstehe nicht, was er sagt. Ist mir auch egal. Mir sind auch ihre Namen egal. Mir haben sie zu verdanken, dass sie jetzt nicht zertrampelt unten auf der Stra\u00dfe liegen, das muss reichen.<\/p>\n<p>Ich will die Balkont\u00fcr schlie\u00dfen, doch muss ich einen Blick nach unten riskieren. Dieser Anblick hat etwas Fesselndes.<br \/>\nSchon stehe ich wieder am Balkon und starre in die Gewalt, die sich unter mir ausbreitet.<br \/>\nZu der Ger\u00e4uschkulisse kommt nun der Anblick, den ich nur aus Filmen kenne. Jeden Moment wird jemand \u201eCut!\u201c schreien, denke ich, die Statisten w\u00fcrden aufh\u00f6ren zu k\u00e4mpfen, sich gegenseitig den Dreck von der Kleidung klopfen, sich anl\u00e4cheln und die leblosen K\u00f6rper w\u00fcrden wieder zum Leben erwachen.<br \/>\nAber es passiert nicht. Die Statisten verausgaben sich. Besser h\u00e4tte ein Regisseur es sich nicht vorstellen k\u00f6nnen.<br \/>\nMeine H\u00e4nde sind an die Balkonbr\u00fcstung geklammert, und ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden.<br \/>\nEs sieht nicht so aus, als ob die Reihen an K\u00e4mpfern bald ersch\u00f6pft w\u00e4ren. Passiert das gerade im ganzen Land? Ich muss an meine Eltern denken, hoffentlich sind sie in Sicherheit. Es gibt nichts, das ich jetzt f\u00fcr sie tun kann.<\/p>\n<p>Ich bemerke den Vater, der hinter mir am Balkon aufgetaucht ist. Er nimmt ebenfalls einen Platz in der Loge ein. Schweigend stehen wir nebeneinander und betrachten das Geschehen. Er umklammert ebenfalls die Br\u00fcstung, und ich kann sein Zittern sp\u00fcren. Ich drehe mich zu ihm. Tr\u00e4nen schie\u00dfen ihm in die Augen, die Angst in seinem Gesicht ist verflogen und hat der Wut Platz gemacht. Sein Sohn ist drinnen und sitzt still auf meinem Sofa.<br \/>\nEr nimmt seine H\u00e4nde von der Br\u00fcstung und dreht sich um, kann wohl den Anblick nicht ertragen. Ich will ihm gerade zur\u00fcck in meine Wohnung folgen, da dreht er sich wieder um. Er hat eine meiner leeren Bierflaschen in der Hand und wirft sie mit einem Schrei nach unten. Meine Augen folgen der Flugbahn.<br \/>\nEin Mann sinkt am Kopf getroffen zu Boden. Gl\u00fcckstreffer.<\/p>\n<p>Ich starre ihn entgeistert an. So bedankt er sich also f\u00fcr seine Rettung. Er beachtet mich gar nicht und hebt eine zweite Flasche auf. Er setzt zum Wurf an, aber das kann ich nicht zulassen. Ich habe nicht vor, mich an diesem Krieg zu beteiligen. Und von meinem Balkon aus wird sich auch nicht daran beteiligt. Ich packe seinen Wurfarm, er dreht sich \u00fcberrascht nach mir um. Die Entschlossenheit in seinen Augen macht mir Angst. Er versucht sich loszurei\u00dfen, doch ich lasse mich nicht absch\u00fctteln.<br \/>\nSeinen Arm und seinen Rumpf umklammert, werde ich am Balkon herumgeworfen. Er schreit mich an, ich kann ihn nicht verstehen. Sein Sohn ruft \u00e4ngstlich von drinnen nach seinem Vater. Ich schaffe es, seinen Arm nach unten zu beugen, greife nach der Flasche, Speichel spritzt durch meine Z\u00e4hne auf seine Jacke. Da habe ich die Bierflasche in der Hand und sto\u00dfe ihn von mir weg.<br \/>\nZu fest. Er stolpert nach hinten, rudert mit den Armen und f\u00e4llt \u00fcber die Br\u00fcstung vom Balkon. Seine F\u00fc\u00dfe sind das Letzte, was ich von ihm sehe. Schon als ich eingezogen bin, habe ich mir gedacht, dass die Br\u00fcstung gef\u00e4hrlich niedrig ist.<\/p>\n<p>Unf\u00e4hig zu atmen stehe ich an die Wand gepresst am Balkon und starre das Kind an, das nach seinem Vater schreiend nach drau\u00dfen gelaufen kommt und seine kleinen H\u00e4nde durch das Gitter streckt.<br \/>\n\u201eFuck.\u201c<br \/>\nDas ist das Einzige, was mir durch den Kopf geht.<br \/>\nDer Kleine schluchzt und springt hilflos auf und ab, seine H\u00e4nde noch immer durch die Gitterst\u00e4be gestreckt.<br \/>\nDer erste Schock klingt ab, ich kann mich wieder bewegen, springe nach vor und packe ihn, erhasche dabei einen kurzen Blick auf seinen Vater, der zehn Meter weiter unten auf dem Kopfsteinpflaster liegt.<br \/>\nBlut rinnt aus einer \u00d6ffnung in seinem Kopf und bildet eine Pf\u00fctze.<\/p>\n<p>Ich hebe den strampelnden Jungen auf, mache drei gro\u00dfe, hastige Schritte nach drinnen, setze ihn unsanft auf das Sofa, schlie\u00dfe die Balkont\u00fcr und ziehe die roten Vorh\u00e4nge zu. Der Junge ist schon wieder aufgestanden und trommelt an die Glast\u00fcr, ich versuche ihn mit tiefer, ruhiger Stimme zu bes\u00e4nftigen.<br \/>\nEr schl\u00e4gt nach mir, ich muss ihn umklammern und seine Arme unter Kontrolle bringen.<br \/>\nSo liegen wir auf meinem Teppichboden, der Kleine schreit und windet sich in meinen Armen und ich habe keinen Schimmer, was ich tun soll. Dumpf dringt der L\u00e4rm von der Stra\u00dfe nach innen.<br \/>\nDie ersten Sch\u00fcsse fallen, das Geschrei drau\u00dfen wird lauter.<br \/>\nIch frage mich, ob das die Polizei, das Milit\u00e4r oder bewaffnete Zivilisten sind. Doch dann f\u00e4llt mir wieder ein, dass es mir eigentlich egal ist. Ich hoffe nur, dass von den Leuten da drau\u00dfen keiner auf die Idee kommt, das Haus durch die kaputte Eingangst\u00fcr zu betreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Samuel Deisenberger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"drah di ned um \u2026\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 17186<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich f\u00fchle mich auf meinem Balkon gerade wie in einer Theaterloge. Ich habe direkte Sicht auf das Geschehen, das in meiner Stra\u00dfe gleich stattfinden wird. Die beiden Menschenmassen sind nur mehr hundert Meter voneinander entfernt. Zwei rauchende, br\u00fcllende Organismen, die sich die H\u00e4userschlucht entlangw\u00e4lzen, um wohl genau unter meinem Balkon aufeinanderzutreffen. 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