{"id":7189,"date":"2017-10-18T14:58:56","date_gmt":"2017-10-18T14:58:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7189"},"modified":"2017-11-27T17:02:55","modified_gmt":"2017-11-27T17:02:55","slug":"klopapierrollen-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7189","title":{"rendered":"Klopapierrollen-Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7189&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7189&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Im September 1998 organisierte die Universit\u00e4t St. Petersburg ein Seminar zur Frage, ob es ein weibliches Schreiben g\u00e4be. Dazu hatte ich acht G\u00e4ste aus \u00d6sterreich eingeladen und nahm aus Eigeninteresse auch selbst daran teil.<\/p>\n<p>Am letzten Tag lud die Uni zur Stadtbesichtigung ein; die \u00f6sterreichische Schriftstellerin E.S. wollte aber lieber die Sommerdatscha der russischen Dichterin Anna Achmatowa besuchen, ihres gro\u00dfen Vorbilds. Die Wohnorte und Gedenkst\u00e4tten in der Stadt hatte sie schon selbst\u00e4ndig abgeklappert, aber nach Komarowo brauchte sie Begleitung. So mietete ich ein Taxi und fuhr mit ihr nach Nordwesten an den Finnischen Meerbusen. \u00dcber Komarowo hatte E.S. in der Biografie gelesen, wie sch\u00f6n es dort sei, und auch dem Grabmal der russischen Poetessa wollte sie einen Besuch abstatten.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen im Fond des Wolga und unterhielten uns \u00fcber A.A., ihre Kunst und ihr tragisches Leben. Zwanzig Jahre lang hat Stalin sie terrorisiert, zwei Ehem\u00e4nner ermordet, den Sohn in den Gulag geschickt, ihre alten B\u00fccher verboten, ihr jede Publikationsm\u00f6glichkeit genommen, sie st\u00e4ndig mit dem Tod bedroht und sie \u00f6ffentlich als \u201eNonne und Heilige\u201c diffamiert.<br \/>\nLange schon war es E.S.s Traum gewesen, auf ihren Spuren zu wandeln und ihr die Ehre zu erweisen. Sie war eine wahre Pilgerin und gesteht offen ein, dass sie bei A.A. schw\u00e4rmerisch werde wie ein Teenager. Auch Marina Zwetajewa schloss sie in ihren Olymp ein, aber die w\u00fcrde sie erst in Moskau mit einem Besuch beehren.<\/p>\n<p>Der Fahrer, ein Mann etwa in unserem Alter, lenkte den alten Wolga umsichtig und langsam, die vielen Schlagl\u00f6cher auf der Landstra\u00dfe umfuhr er geradezu liebevoll. E.S. wollte ein bisschen Volkes Stimme h\u00f6ren, also \u00fcbersetzte ich ihre Fragen an ihn.<br \/>\nOb er Komarowo, die Datscha und das Grab von A.A. kenne?<br \/>\nJa, mit der Schule seien sie einmal rausgefahren, aber sein Star sei sie nicht.<br \/>\nSie sei ein bisschen \u00fcberkandidelt, \u00fcberhaupt habe er es nicht so mit der Poesie.<br \/>\nUnd gesprochen hat sie wie ein sterbendes Pferd, so wie Schaljapin gesungen hat, und er sch\u00fcttelte sich dabei so, dass das Lenkrad ins Schwanken kam.<br \/>\nEs gibt eine alte Radioaufnahme, auf der sie so klingt, dass ich Ivan nicht widersprechen kann.<\/p>\n<p>Das Letztere \u00fcbersetze ich f\u00fcr E.S. nicht, diese Beschreibung der h\u00e4sslich und dick gewordenen G\u00f6ttin k\u00f6nnte die zartbesaitete Schw\u00e4rmerin vielleicht aufregen. Wenn G\u00e4ste unzufrieden waren, fiel das immer auf mich pers\u00f6nlich zur\u00fcck. Sie brachten alle ihre Koffer voll mit eigenen Russland-Bildern, Russland-Sehns\u00fcchten und Russland-Abneigungen mit. Und die wollten sie best\u00e4tigt haben.<\/p>\n<p>Da klappte der Fahrer das Sonnenschild herunter, zog ein abgegriffenes Lederm\u00e4ppchen hervor und reichte es nach hinten. In den F\u00e4chern hatte er Bildchen gesammelt \u2013 es waren die Beatles. Wo andere die Fotos ihrer Kinder, Frauen oder Enkel mit sich tragen, hatte er die Pilzk\u00f6pfe immer mit dabei. Er sei ein Fan der ersten Stunde. Er tr\u00e4ume davon, einmal nach Liverpool zu fahren und alle Orte der Beatles aufzusuchen erz\u00e4hlt er. Seit seiner Jugend schw\u00e4rmte er f\u00fcr die vier, zu Hause habe er mehrere gro\u00dfe Ordner voll mit Artikeln \u00fcber die Stars. Auch alte Kassetten habe er noch, die man in der Sowjetunion unz\u00e4hlige Male \u00fcberspielt hatte, weil es ja keine Platten gab. Auch im Radio durften die westliche, imperialistische, dekadente Musik nicht gespielt werden. Es war das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck, jemanden zu kennen, der ein Mitbringsel aus dem Ausland ergattern konnte oder gar einen Ausl\u00e4nder kannte. Aber sogar viele russische Stars wie Wladimir Wyssotzki und Bulat Okudschawa bekamen nur im Westen Platten, die wir Ausl\u00e4nder dann mit Gl\u00fcck ins Land schmuggelten. Gut in Erinnerung ist mir die Platte von Okudschawa \u201eGebet des Dichters Francois Villon\u201c die ich an meine russischen Freunde zum Kopieren verlieh: Ich erhielt sie zur\u00fcck, aber mit flachen Rillen, so oft hatten sie sie abgespielt. Bei meiner ersten Reise in die SU im J\u00e4nner 1971 hatte ich ein paar Beatles-Platten dabei, die mir zusammen mit dem Leonard Cohen beim Zoll in Brest-Litowsk abgenommen wurden. Nur den Chopin mit Nocturnes und Impromptus hat man mir gn\u00e4dig gelassen.<\/p>\n<p>Ivan hielt am Rande des F\u00f6hrenwaldes, in dem sich die Datschen-Siedlung befand.<br \/>\nStalin, der sich f\u00fcr den besten und obersten Kunstkenner hielt, als Herr \u00fcber Ideologie und Geschmack, \u00fcber Sozrealismus und Formalismus, \u00fcber Leben und Tod, zeichnete \u00fcberlebende Dichter, Musiker und Wissenschaftler mit einem Lenin- und Stalin-Orden aus, dazu bekamen manche noch eine Dienstdatscha.<\/p>\n<p>E.S. und ich suchten zwischen den kleinen, locker verstreut im W\u00e4ldchen stehenden Holzh\u00e4uschen nach der Nummer 39, die angeblich von A.A. bewohnt worden sein soll. Zuerst fanden wir sie nicht, daf\u00fcr aber die Nummer 27, die von Schostakowitsch. E.S. lie\u00df nat\u00fcrlich nicht locker, so nah am Ziel wollte sie sie zumindest ber\u00fchren oder durchs Fenster ins Innere lugen. Und dann doch \u2013 was f\u00fcr eine Freude und gleichzeitig der Schock, wie bescheiden, ja primitiv so eine Stalin\u2018sche Dienstdatscha f\u00fcr die besten K\u00f6pfe der Sowjetunion ausgefallen war. In unseren G\u00e4rten w\u00fcrden sie wahrscheinlich f\u00fcr Schuppen f\u00fcr Gartenger\u00e4te oder Holzlager gehalten werden. Aber E.S. war gl\u00fccklich, fotografierte einen Film aus, lie\u00df sich von mir in allerhand Posen ablichten \u2013 mit einem Gedichtband von A.A. in der Hand. Eine Zeitlang setzte sie sich auf das dreistufige Treppchen, das zur Eingangst\u00fcre f\u00fchrte und bl\u00e4tterte in den Gedichten. Das Haus war verschlossen und hatte au\u00dfer der Nummerntafel keine Hinweise auf seine fr\u00fchere Bewohnerin.<\/p>\n<p>Ich machte solche Pilgerfahrten immer bereitwillig mit, nicht nur weil sie zu den einfachsten und angenehmsten Pflichten meiner Kulturaustauscht\u00e4tigkeiten geh\u00f6rten. Den Kulturg\u00e4sten aus \u00d6sterreich ihre Pl\u00e4sierchen zu erf\u00fcllen, machte mir wirklich Spa\u00df. Ob es das Grab des Boris Godunow war, der Ort des Duells zwischen Puschkin und seinem belgischen Widersacher, die Panzersperren gegen die Wehrmacht am westlichen Stadtrand von Moskau, die Datscha von Boris Pasternak in Peredelkino oder die Hauskirche Lew Tolstoj, in der ich immer gerne meine eigene Entdeckung pr\u00e4sentierte, die Ikone mit der Madonna mit den sechs Fingern. Die sechsfingrige Liebe zum Jesuskind.<\/p>\n<p>Auch sp\u00fcrte ich nach so vielen Jahren einen gewissen Besitzerstolz, mit dem ich die Fremden f\u00fchrte und sie f\u00fcr \u201emein\u201c Russland begeistern konnte. Ein Gast meinte einmal, zutiefst beeindruckt nach dem Besuch von Sergijew Posad: Du solltest keinen \u00f6sterreichischen, sondern einen russischen Orden bekommen. Ja, den Stanislav. Das verstand er aber wiederum nicht. Der polnische Lumpenorden, nachdem sich Russland wieder einmal Polen unter den Nagel gerissen hatte, das Kongresspolen.<\/p>\n<p>E.S. war im siebenten Himmel, als ich sie zum Grab der A.A. auf dem kleinen, park\u00e4hnlichen Friedhof f\u00fchrte: eine wei\u00dfe Steinstele mit ihrem eingemei\u00dfelten Halbrelief, das sch\u00f6ne, schmale Tatarengesicht ihrer Jugend. Ansonsten nur ihre Lebensdaten in Goldbuchstaben.<br \/>\nDie Grabstelle war nicht eingez\u00e4unt wie sonst meistens bei den Orthodoxen, sondern nur eine Erdfl\u00e4che mit Efeu und Farnen. E.S. legte ihren Nelkenstrau\u00df darauf. Die rechte Seite der Stele wurde umrankt von einem \u00fcppigen Rosenstock, der in diesem fr\u00fchen September noch volle, rote Bl\u00fcten hatte. Die schon schr\u00e4g stehende Sonne warf aus dem Westen noch einen rosa Hauch \u00fcber das Ganze, sodass das zarte Marmorgesicht lebendig zu werden schien. E.S.\u2018s Entz\u00fccken kannte keine Grenzen, sie hatte ihren Sehnsuchtsort erreicht. Ich bem\u00fchte mich, sie von meinem inneren Schmunzeln nichts merken zu lassen, hatte ich mich doch einstmals genauso verhalten, nur halt schon in sehr viel j\u00fcngeren Jahren. Diesmal schoss ich zwei Filme mit ihr und dem Grab aus.<\/p>\n<p>Da ert\u00f6nte in der Ferne eine Autohupe. Unser Ivan wurde ungeduldig, er wollte zur\u00fcckfahren.<br \/>\nSchwer trennte sich die Pilgerin von ihrer angebeteten Dichter-Gottheit. Wir kehrten zum Auto zur\u00fcck und drehten noch eine Runde durch das unbedeutende Dorf Komarowo, wo allerdings die Datschen der Neureichen wie die Pilze nach dem Regen sprossen.<br \/>\nNur der Blick vom Strand \u00fcber den Finnischen Meerbusen hinaus aufs Meer konnte einem den Atem rauben, der Grund, warum die Menschen hierher kamen. Komarowo hei\u00dft nicht nur Gelsendorf; diese in dichten Wolken auftretenden Tiere konnten einem im Sommer das Leben zur H\u00f6lle machen. Ich sch\u00e4tze diese n\u00f6rdliche Landschaft mehr, wenn sie fest und sicher versiegelt ist von mehreren Metern Schnee. E.S. lie\u00df sich auf dem querliegenden Stamm einer F\u00f6hre nieder und versenkte sich in den Blick, den auch A.A. von hier auf die Ostsee gehabt haben muss. Danach bat sie mich, aus ihrer zweisprachigen Ausgabe ein Gedicht auf Russisch vorzulesen, sie will h\u00f6ren, wie das hier klingt, zu diesem Meeresrauschen und in diesem Wind. Sentimentalit\u00e4t ist nicht eingrenzbar, die ist wie eine DNA. Aber mich freut\u2018s, wieder der Besitzerstolz, wenn ich meinen G\u00e4sten etwas von der Gr\u00f6\u00dfe und Gro\u00dfartigkeit Russlands n\u00e4herbringen kann.<\/p>\n<p>Eine Freundin, die mich einmal im Juni in Moskau besuchte, in der allergr\u00f6\u00dften, windstillen, gr\u00e4sslichen, feuchten Hitze, konnte es drei Wochen lang nicht glauben, dass es in Russland etwas anderes gab als Eis und Schnee. Die Bilder, die Bilder im Kopf.<br \/>\nIvan hat geduldig am Auto gewartet, jetzt freut er sich, dass wir die A.A.-Andacht beenden und bereit zur R\u00fcckfahrt sind.<\/p>\n<p>Ob die Leningradskoje Chaussee schon auf der Hinfahrt das gleiche Bild geboten hat und ich es beim Plaudern und \u00dcbersetzen einfach nicht gesehen habe, ich wei\u00df es nicht.<br \/>\nRussland war erst Mitte August einem Bankenkrach, einem schwarzen Freitag, nur knapp entgangen. Im freien Fall gebremst nur durch einen deutschen Riesenkredit. Aber die Folgen waren noch lange nicht vorbei &#8211; es herrschte extreme Bargeldknappheit in jedem Bereich, am schlimmsten traf es die Fabriken, die die L\u00f6hne nicht auszahlen konnten, weil sie von der Zentralbank kein Geld bekamen. So wurden die Arbeiter in Naturalien ausbezahlt, in diesem Falle musste es die Produktionsst\u00e4tten von Klopapier und Plastik aus der Umgebung getroffen haben. So entfaltet sich entlang der Leningradskoje ein fantastisches Bild: Kilometer um Kilometer haben sich die mit Klopapier oder Plastikgegenst\u00e4nden ausgezahlten Werkt\u00e4tigen am Stra\u00dfenrand aufgebaut, fein s\u00e4uberlich zu Kegelbergen aufgeschichtete wei\u00dfen Rollen die einen, Haufen von buntem Plastikgeschirr, Eimern und Schl\u00e4uchen die anderen.<\/p>\n<p>Solche wei\u00dfen Pyramiden, die habe ich schon einmal gesehen, in den Salzseen der Camargue in S\u00fcdfrankreich, die quietschbunten Plastikprodukte glichen eher einem \u00fcberdimensionierten Kinderladen. Meterhoch aufgestapelte Eimer, Sch\u00fcssel und Wannen, im Gras kringeln sich bunte Schlagen von Schl\u00e4uchen, Kabeln und Planen. Ein Kunstwerk, diese Pyramiden, sto\u00dfe ich hervor. Vielleicht der urspr\u00fcngliche Sinn von Papyrus. Daran kann ich mich begeistern, diese sicht- und greifbare Absurdit\u00e4t, mit der sich das System vorf\u00fchrt, die schreiende L\u00e4cherlichkeit, die unbeabsichtigte Blo\u00dfstellung, der Irrwitz auf die Spitze getrieben, wenn alle Marktteilnehmer nur ein oder zwei Produkte miteinander austauschen und Produzenten, Verk\u00e4ufer und K\u00e4ufer ein und dieselbe Person sind. Wie kann man da Profit machen, was \u00fcberhaupt austauschen? Es gibt Stra\u00dfenabschnitte, wo ausschlie\u00dflich Klopapier angeboten wird. Es reicht sicher f\u00fcr viele Menschenleben. Diese wie in einer Versuchsanordnung aufgebaute Endvision des Kapitalismus. Mein Gast dagegen kann dem nicht das Schr\u00e4ge, Verquere, Fantastische abgewinnen, das ich sehe. Sie kann nicht mitlachen und hat auch keine Lust, als Kunde aufzutreten. Eine sentimentale Trutschn, ein Nockerl, sage ich zu mir innerlich.<\/p>\n<p>Ich denke an meine neu erworbene Datscha und will zwei Eimer, eine gro\u00dfe Wanne, ein Nudelsieb, zwei Kochl\u00f6ffel und einen Gartenschlauch kaufen. Die Verk\u00e4ufer pr\u00fcgeln sich fast um mich und untereinander, dass ich auch bei anderen etwas kaufen soll. Leider, geht nicht, an Klopapier habe ich selbst gro\u00dfen Vorrat. Aber okay, lasse ich mich von den streitenden Anbietern breitschlagen, als Souvenir, als Erinnerung und Zeugen, weil die Erz\u00e4hlung von diesem Bild wird mir niemand glauben. Meinen Plastikeinkauf teile ich also auf sieben und die vier Klopapierrollen auf zwei Verk\u00e4ufer auf.<\/p>\n<p>Als Russland-Neuling acht Jahre nach der Wende kann E.S. nicht wissen, welch knappes Luxusgut Klopapierrollen in der Sowjetunion waren. Die alten Russland-Reisenden waren \u00fcber Jahrzehnte gebeten worden, solche aus dem Westen mitzubringen. So hei\u00df begehrt wie Schallplatten, Bic-Kugelschreiber und -Feuerzeuge, Nylon-Strumpfhosen, Burda-Schnitthefte und BHs von Palmers. Oft wurden einem das begehrte Papier und die Bics an der Grenze in Brest-Litowsk abgenommen \u2013 aus Hygiene- und Sicherheitsgr\u00fcnden, wie es hie\u00df, oft auch die Burda-Hefte, wenn am Zoll eine Frau Dienst tat oder ein Z\u00f6llner eine Frau hatte, die die Schnitte nachschneiderte.<\/p>\n<p>Einmal bin ich dahintergekommen, dass ein Freund von der Uni mit meinen eingeschmuggelten Klopapierrollen und Bics einen Handel begonnen hat. Nach der Wende traf ich ihn wieder, schon ein bekannter Name, er war Banker und Million\u00e4r, gro\u00df geworden mit gefakten Elektroger\u00e4ten aus Polen. An \u00f6ffentlichen Orten wie etwa den Toiletten im Bolshoi bekam man von der Klofrau zwei d\u00fcnne Bl\u00e4ttchen \u00fcberreicht, die man mit ihrer Durchsichtigkeit nicht benutzen wollte. Auf ihrem Tischchen waren sie in Stapeln st\u00fcckweise so fein gelagert wie Goldbarren. Wie oft habe ich als Gastgeschenk zu einer Privateinladung nicht nur ein Viertel Meinl-Kaffee, sondern auch ein paar Klopapierrollen mitgebracht. In keinem Haushalt gab es auf den Toiletten etwas anderes als in kleine Vierecke geschnittene Pravdas oder Izvestias, an der Wand auf einen Nagel gespie\u00dft. Die Finger waren oft schwarzgef\u00e4rbt, wenn man dieses Papier benutzte, wie es hinten aussah, wollte man nicht wissen. Wer richtiges Toilettenpapier besa\u00df, nahm in der Kommunalka die Rolle mit aufs WC und versteckte sie nach der Erledigung wieder in seinem Zimmer. Die Kriege um geklautes Klopapier sind sowjetische Legende und bei Radio Jerewan die Witze \u00fcber das rare Kulturgut Legion. Sie flogen in den Kosmos, aber konnten den ersten Arbeiter- und Bauernstaat nicht mit gen\u00fcgend Toilettenpapier versorgen.<\/p>\n<p>Und nun dieses Bild auf der Leningradskoje. Das war mein Highlight. Ich jubilierte. Ich war einfach nur happy. Das war mein Blick, mein Beweis f\u00fcr die vollzogene Wende, und welcher! Wahrscheinlich zweifelte die poetische E.S. an meinem Geisteszustand, dass ich mich an diesem Irrwitz derart berauschen konnte. Ich versuchte ihr das zu erkl\u00e4ren, aber manches muss man einfach miterlebt haben, vor allem die abgrundtiefe Absurdit\u00e4t des Lebens im Kommunismus. Aber so kamen wir an diesem Nachmittag beide zu unserem Genuss und Ivan zu einem fetten Fuhrlohn \u2013 in den Sparstrumpf f\u00fcr die Reise nach Liverpool.<\/p>\n<p>13.7. 17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 17185<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 1998 organisierte die Universit\u00e4t St. Petersburg ein Seminar zur Frage, ob es ein weibliches Schreiben g\u00e4be. Dazu hatte ich acht G\u00e4ste aus \u00d6sterreich eingeladen und nahm aus Eigeninteresse auch selbst daran teil. 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