{"id":7160,"date":"2017-10-09T08:49:05","date_gmt":"2017-10-09T08:49:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7160"},"modified":"2017-11-27T17:00:04","modified_gmt":"2017-11-27T17:00:04","slug":"alte-buendnisse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7160","title":{"rendered":"Alte B\u00fcndnisse"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7160&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7160&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Unvermittelt dr\u00fcckte sie ihr Gesicht in den groben Stoff des ockerfarbenen Mantels, welcher noch den Herbst mit sich hereingetragen hatte, und wollte sterben.<br \/>\nDer Todesmarsch hatte schon begonnen. Das Ziel war in Sicht.<br \/>\nMit beiden H\u00e4nden umklammerte sie die \u00c4rmel, vergrub ihr Gesicht noch tiefer in dem Kleidungsst\u00fcck und f\u00fcllte ihre Lungen mit dem Geruch von Frost und Eis und noch etwas anderem.<br \/>\nHalb registrierte sie, wie sich langsam ein feuchtwarmer Film auf der Oberfl\u00e4che des Mantels bildete, und in Zeitlupentempo l\u00f6ste sie ihre Lippen von dem groben Material. Es arbeitete in ihr. Die Zahnr\u00e4der der Maschine hatten sich in Bewegung gesetzt und mahlten. Mahlten unentwegt.<br \/>\nIhre Augen dampften, ihr Kopf rauchte. Ihr Magen rumorte, ihr Herz h\u00e4mmerte. Ich bin ein Stahlwerk, sagte sie sich, ein Stahlwerk. Kurz vor dem Niedergang. Es rette sich, wer kann.<br \/>\nAbrupt lie\u00df sie den Mantel los und r\u00fcckte ab. Die Arme angewinkelt, die H\u00e4nde abwehrend vor der Brust, sank sie fr\u00f6stelnd zu Boden.<br \/>\nWelcher Teufel hatte sie geritten?<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rte, wie er die T\u00fcr hinter sich schloss und den schweren Mantel abstreifte. Gru\u00dfworte aussprach und nach ihr fragte. Sie h\u00f6rte, wie er leise den Flur entlangschritt, und f\u00fchlte, wie er sich unentwegt nach allen Seiten wandte, aufmerksam, nach Kontakt suchend in den alten Gem\u00e4uern.<\/p>\n<p>In Panik war sie aufgesprungen. Der Stuhl knallte zu Boden. Und zur Hintert\u00fcr hinaus, durch den leeren Hof, den leeren Schweinestall, und ins Freie. \u00dcber die Felder hin zu den W\u00e4ldern. Durchschneidend die W\u00e4lder, bis hin zur Lichtung. Im Schock verharrend. Keuchend. Rasselnd in den Lungen, schwerer Atem. Jammernd in den Baumkronen bunte Singv\u00f6gel. Hochblickend in den Himmel. Verfing sich das Licht der kalten Mittagssonne in der finsteren Iris.<br \/>\nKeine Antworten.<br \/>\nKein Erinnern.<\/p>\n<p>Die K\u00fcche war erf\u00fcllt von ihrer Abwesenheit, als er sie betrat. Den Knauf fest umklammernd, \u00f6ffnete er die K\u00fcchent\u00fcr nur einen Spalt, bevor er einen Fu\u00df hineinsetzte. Es umfing ihn die alte modrige Vertrautheit und pl\u00f6tzlich eine unerkl\u00e4rliche Traurigkeit, als er mitten in der K\u00fcche stand. Er blickte hoch zur Decke. Eine nackte Gl\u00fchbirne brannte in der lampenschirmlosen Halterung. Ein Stuhl war zu Boden geknallt und durch die offene Hoft\u00fcr blies ein eisiger Wind. Er h\u00f6rte, wie die K\u00fcchent\u00fcr hinter ihm mit einem leisen Klick ins Schloss fiel. Langsam b\u00fcckte er sich, ging zu Boden, hob den Stuhl behutsam hoch und stellte ihn zur\u00fcck an den Tisch, auf dem noch aufgeschlagen ihr Buch lag. Die Seiten sto\u00dfweise wild durchk\u00e4mmt von st\u00fcrmischen B\u00f6en.<\/p>\n<p>Brachland. Stilles, stetes Brachland.<br \/>\nBrich dich auf und frei und nieder.<br \/>\nBrich dich wieder und wieder.<br \/>\nIn die alten, warmen Lieder.<\/p>\n<p>Entzifferte er. Die Seiten waren vergilbt und abgegriffen, die R\u00e4nder stumpf und ausgefranst. Die Druckerschw\u00e4rze schien allen Raum f\u00fcr sich einzunehmen. Und die Notizen links, rechts, oben, unten, \u00fcber den Zeilen, unterhalb der Zeilen. Rufzeichen, Fragezeichen, Kringel, scharfkantige Figuren, Schraffierungen, Schattierungen.<\/p>\n<p>Er klappte das Buch zu.<\/p>\n<p>Er ging zur Hoft\u00fcr, stellte sich in den Wind und blickte in die kahle Leere.<br \/>\nEin klagender Schwall fuhr ihm hart ins Gesicht und durch die dunklen Haare. Unwillk\u00fcrlich trat er ein paar Schritte zur\u00fcck, zur\u00fcck in die warm modernde K\u00fcche.<br \/>\nUnd stemmte sich mit aller Kraft gegen die knarzende T\u00fcr, bis auch sie widerwillig ins Schloss fiel.<br \/>\nUnerh\u00f6rt.<br \/>\nUnannehmbar.<\/p>\n<p>Den unheimlichen Pfad des gr\u00f6\u00dften Widerstandes hatte sie beschritten. Heim. Begleitet vom Rauschen der W\u00e4lder. Dem Schwirren der Bl\u00e4tter und Tiere. Dem Mut der Natur. Oben zogen die Sturmwolken im Zeitraffer dahin, unten w\u00fchlten sich Nager durchs Erdreich.<br \/>\nKein Weg daran vorbei. Kein Weg vorbei.<\/p>\n<p>Sie tritt zur Vordert\u00fcr ein, schlie\u00dft diese unh\u00f6rbar und lauscht den ged\u00e4mpften Stimmen, die aus der K\u00fcche zu ihr durchdringen.<\/p>\n<p>Das liederliche Leben, Bub. In der Stadt.<br \/>\nWas willst du da? Da findest du doch keine Frau.<br \/>\n\u00dcberleg dir das noch einmal. Das ist doch keine Arbeit.<br \/>\nAm Hof ist immer Arbeit. Der Vater kann dich brauchen. Gell, Vater.<\/p>\n<p>Kein Mensch weit und breit. Kein Hof im Umkreis von Kilometern. Keine Arbeit weit und breit. Keine Tiere, keine Felder. Nichts zu bestellen, nichts zu empfangen. Nur die unendliche \u00d6dnis.<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rt ihn leise antworten. Entgegnen. Sich widersetzen. Ank\u00e4mpfen.<br \/>\nSie h\u00f6rt seine leise, warme, dunkle Stimme ank\u00e4mpfen. Gegen den Moder und \u00dcberdruss. Gegen die Muster und Schim\u00e4re. Gegen den schleichenden Tod und das aufbrechende Leben.<\/p>\n<p>In der Garderobe h\u00e4ngt sein Mantel.<\/p>\n<p>Benommen erhebt sie sich und geht gemessenen Schrittes den Flur entlang, bem\u00fcht um Haltung, bem\u00fcht um Fassung. Des Herzens, des Verstandes, des K\u00f6rpers. Des K\u00f6rpers, des K\u00f6rpers, des K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Die will keinen, die Elisabeth, sagt der Vater.<br \/>\nAlle nicht gut genug. Was die will?!<br \/>\nWird schon sehen, was die davon hat.<br \/>\nImmer so viel wollen.<br \/>\nMehr Bescheidenheit t\u00e4t ihr gut.<\/p>\n<p>Er erwidert nichts.<\/p>\n<p>Sie geht den Flur entlang, majest\u00e4tisch, erhobenen Hauptes, gemessenen Schrittes, aus den Augenwinkeln die Tapetenw\u00e4nde abgrasend. Ausfl\u00fcge, Portr\u00e4ts, Hochzeitsfotos, Totenbilder. Das t\u00f6dliche \u00dcbereinkommen. Die Fluchtlinien verengen sich, der Flur kontrahiert, Finsternis.<\/p>\n<p>Er erwidert nichts.<\/p>\n<p>Und blickt zur T\u00fcr.<br \/>\nSie steht im T\u00fcrrahmen.<\/p>\n<p>Wo warst du denn, die Mutter.<br \/>\nWir haben dich vermisst.<br \/>\nKomm herein.<br \/>\nWie du ausschaust.<\/p>\n<p>Er versteift sich unmerklich. Blickt sie an. L\u00e4chelt breit.<br \/>\nVergessen.<\/p>\n<p>Nichts merken, nichts anmerken, gar nichts anmerken lassen. In Mantras sprechend beschw\u00f6rt sie sich, w\u00e4hrend ihr Blick durch den Raum schweift und h\u00e4ngen bleibt, an der nackten Gl\u00fchbirne, der geschlossenen Hoft\u00fcr, dem geschlossenen Buch auf der Anrichte, dem k\u00f6nigsblauen Hemd zwischen Vater und Mutter, den hellen Augen.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt, geht zum Tisch und begr\u00fc\u00dft ihn. K\u00fcsst ihn auf beide Wangen. Er umarmt sie und streicht mit einer Hand leicht \u00fcber ihren warmen R\u00fccken. Die obersten zwei Kn\u00f6pfe seines Hemds sind ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Jetzt habt ihr euch auch schon lange nicht mehr gesehen, die Mutter. Sch\u00f6n, dass wir alle wieder zusammen sind.<\/p>\n<p>Gut schaust du aus, sagt er.<br \/>\nDu auch. L\u00e4chelt. Wie lange bleibst du da?<br \/>\nNur bis morgen. Dann muss ich wieder arbeiten.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Arbeit denn? Der Vater, ver\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>Du musst mich bald besuchen kommen.<br \/>\nWir k\u00f6nnten ins Theater gehen und essen.<br \/>\nUnbedingt.<\/p>\n<p>Er blickt sie an, fast hilfesuchend. Er sucht etwas in ihren Augen. Sie wei\u00df was.<br \/>\nEr riecht nach frischen Laken und noch etwas anderem.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, sagt der K\u00f6rper. Ich erinnere mich.<br \/>\nUnd du dich auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Angelika Holl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 17184<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unvermittelt dr\u00fcckte sie ihr Gesicht in den groben Stoff des ockerfarbenen Mantels, welcher noch den Herbst mit sich hereingetragen hatte, und wollte sterben. Der Todesmarsch hatte schon begonnen. Das Ziel war in Sicht. 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