{"id":7046,"date":"2017-09-17T12:21:12","date_gmt":"2017-09-17T12:21:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7046"},"modified":"2017-11-06T06:31:22","modified_gmt":"2017-11-06T06:31:22","slug":"summer-of-deaths-2002","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7046","title":{"rendered":"Summer of deaths 2002"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7046&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7046&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Bericht von Marina L.-L.<\/em><\/p>\n<p>Ich kenne Viki schon lange und mag sie sehr. Sie ist sicher die verr\u00fcckteste Diplomatin in ganz Moskau. Und ich kenne gen\u00fcgend frei herumlaufende verr\u00fcckte Zeitgenossen, ich bin selber eine von ihnen.<br \/>\nAber damit ging sie zu weit, fand sogar ich, die ihr bisher alles nachgesehen hatte. Schon als sie sich vor zwei Jahren in den sch\u00f6nsten, aber d\u00fcmmsten Mann von Moskau verliebte, tuschelte die ganze Gesellschaft. Aber sie l\u00e4sst sich nie von etwas abbringen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Oder in ihrem Herzen verankert. Bei Lew, dem Flieger, machten wir alle Ohren zu, um m\u00f6glichst wenig von seiner Dummheit mitzukriegen. Eigentlich nicht dumm, sondern einf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>In unserem Kreis von blitzender Intellektualit\u00e4t und Kultiviertheit fiel er auf wie ein Nackter unter Angezogenen. Zugegeben, zum Ansehen angenehm, ein gestandener Mann mit dem Flair eines Hollywood-Schauspielers. Vielleicht war\u2019s das Bett. Das soll ja vorkommen, \u00fcberhaupt wenn einem nicht mehr allzu lang Zeit bleibt. Viki war verr\u00fcckt nach ihm, da konnte man nichts machen. Um das Au\u00dfenbild k\u00fcmmerte sie sich nicht. So war sie verfasst, das machte sie in meinen Augen noch reizender. Viele zerrissen sich den Mund \u00fcber sie, aber sie hatte irgendwie Narrenfreiheit, war niemandem als sich selbst verantwortlich. Man konnte ihr ja auch nichts vorwerfen. Im Job extrem erfolgreich, gesellschaftlich sowieso bei diesem Auftreten und Aussehen. Intellektuell fast allen \u00fcberlegen, dabei tief emotional, sozial wach, unterhaltsam und optimistisch. Wie viele Menschen hat sie nicht moralisch aufgerichtet oder ihnen praktisch geholfen. Ich wei\u00df, wovon ich spreche, ich bin eine von ihnen, vielleicht an erster Stelle.<\/p>\n<p>Alles selbst erwirtschaftet, an keinem G\u00e4ngelband, nicht hier und nicht bei sich zu Hause. Eine rundum perfekte Person, wenn sie nicht zu Narreteien geneigt h\u00e4tte. Aber auch diese betrieb sie mit Konsequenz, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, eine selbstlose, nat\u00fcrliche, selbstverst\u00e4ndliche Gro\u00dfz\u00fcgigkeit konnte ihr niemand abstreiten. Einen gro\u00dfz\u00fcgigeren Menschen hat die Stadt noch nicht gesehen. Manche nennen sie hinter vorgehaltener Hand \u201eunsere Florence Nightingale\u201c. Sie hatte einen angeborenen Helfertrieb. Innerlich vollkommen unabh\u00e4ngig mit standfesten Meinungen und klaren Einsch\u00e4tzungen. Mit einem immer gut gef\u00fcllten Konto.<br \/>\nDen einf\u00e4ltigen Lew konnten wir ihr noch verzeihen, eine sexuelle Narretei, den leistete sie sich eben, sie durfte das.<\/p>\n<p>Aber in diesem Sommer \u00fcbertrieb sie es. Da begann sie, wirklich verr\u00fcckt zu werden. Aber wir alle wurden fast verr\u00fcckt. Es war der Sommer des Todes, Sommer 2002, leto smerti. So schrien es die Medien heraus, und wir \u00fcbernahmen das.<\/p>\n<p>Die Todesserie begann im Mai. Islamistische Terroristen warfen in Dagestan einige Bomben in eine Milit\u00e4rparade, 70 Tote, viele davon Kinder. Dann st\u00fcrzte im Juni ein mit Kindern, Eltern und Lehrern besetztes Flugzeug \u00fcber Deutschland ab. 154 Tote, gro\u00dfe Spannungen zwischen Moskau und Berlin, Attentat, die ewigen Feinde, aber wahrscheinlich ein technisches Gebrechen bei der alten sowjetischen Antonow.<br \/>\nIm August dann der Abschuss eines russischen Milit\u00e4rhubschraubers in Tschetschenien, 119 russische Soldaten sterben.<br \/>\nDas alles sind Nachrichten aus dem Fernsehen mit den entsprechend schrecklichen Bildern. Viele entschieden, den Apparat nicht mehr aufzudrehen. Es war zu viel an Ungl\u00fcck und Schrecken mit den entsprechenden Verschw\u00f6rungstheorien und Verd\u00e4chtigungen in alle Richtungen. Es war Krieg, auch wenn das Wort niemand aussprechen wollte. Wir konnten das einfach nicht mehr ertragen. Aber doch war alles ziemlich fern, niemand kannte jemand direkt Betroffenen, wir waren alle nur fern-betroffen. Es war auch ein ungew\u00f6hnlich langer und hei\u00dfer Sommer. Die ansonsten immer sommerhungrigen Russen hatten die Nase schon voll und sehnten den Regen herbei.<\/p>\n<p>Diese Br\u00e4nde, die Moorbr\u00e4nde, die um Moskau schwelten, den Himmel verdunkelten und das Atmen erschwerten, zehrten an den Nerven. Das war die Apokalypse. Dazu brauchten wir kein Fernsehen und keine Zeitungen. Die kannten wir alle und litten ganz direkt, jeden Tag und jede Nacht. Niemand schien in der Lage zu sein, diesem Grauen ein Ende zu setzen. Erst der erste lange Septemberregen machte dieser H\u00f6lle ein Ende, ein erstes Aufatmen.<\/p>\n<p>Da kam aus dem Kaukasus die Nachricht von der Katastrophe. Der Regisseur und Schauspieler Sergej Bodrow wurde von einer Lawine versch\u00fcttet, zusammen mit 130 Menschen seiner Crew. Vorerst wusste man nichts von \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p>So, jetzt muss ich mit meiner Erz\u00e4hlung \u00fcber Viki etwas in der Zeit zur\u00fcckgehen. Sie hat mich eingeweiht, dass sie sich in Sergej Bodrow verliebt hat, aus der Ferne, am Bildschirm, in seiner Rolle als Brat I (Bruder) und Brat II, in den Jungen im franz\u00f6sisch-russischen Film \u201eOst-West\u201c mit Sandrine Bonnaire. Viki hat sich in die Kinos gesetzt, die Videokassetten gekauft und glotzt seither zu Hause auf dem Sofa immer nur noch Sergej Bodrow. Sie hat sich in diesen Schauspieler verschaut. Vernarrt war sie in diesen jungen Mann mit den dunklen Haaren und den veilchenblauen Augen, leicht schr\u00e4g gestellt von seiner burjatischen Mutter. 31 Jahre alt, gro\u00dfgewachsen mit einem wundersch\u00f6nen K\u00f6rper gesegnet, Sohn des ber\u00fchmten Regisseurs Wladimir Bodrow, schon l\u00e4ngst in die USA ausgewandert. Auch in ihn war sie schon verliebt, eine Generation fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Viki hatte es schwer erwischt. Sergej Bodrow war wirklich sehr sch\u00f6n, ein neuer russischer Superstar mit eigener TV-Sendung \u00fcber die russische-sowjetische Filmkunst, sehr klug. \u201eThe hottest young russian moviestar today\u201c, schrieb der englischsprachige \u201eEkran\u201c.<br \/>\nViki sa\u00df n\u00e4chtelang gebannt vor der Glotze, ich war \u00f6fters dabei und wunderte mich \u00fcber ihre extreme Begeisterung.<br \/>\nBewunderte ihre Bewunderung. Sie war so begeisterungsf\u00e4hig, aufnahme- und lernbereit, wie ich in Moskau keinen anderen Menschen kenne, ausl\u00e4ndischen, westlichen.<br \/>\nAber mit diesem jungen Sergej, da hatte sie einen Knall weg. Sie schrieb Briefe an ihn, sie ging auf seine Filmsets, dr\u00e4ngte sich an ihn heran. Eine echte N\u00e4rrin, mit ihren 51 Jahren, er ein junger Vater von zwei Kindern mit einer attraktiven Ehefrau im Alter ihrer eigenen Kinder. Welche Chancen rechnete sie sich aus? Sie rechnete nicht. Sie machte. So war sie, so kannte ich sie.<\/p>\n<p>Dann kam die Katastrophe. Es war der 20. September. Sergej drehte gerade im Kaukasus seinen neuen Film \u201eZvjasnoj\u201c, Verbindungsmann, Kontaktmann, Bote oder Messenger. Eine aktuelle Geschichte \u00fcber den tschetschenischen Konflikt mit Wurzeln tief in der russischen Geschichte und Literatur, in Puschkins und Tolstojs Erz\u00e4hlungen vom kaukasischen Gefangenen. Andere \u00fcbersetzen sie mit \u201eGefangener in den Bergen\u201c.<\/p>\n<p>Was war passiert?<br \/>\nRegisseur Bodrow hat gerade den letzten Drehtag hinter sich, im Dorf Karmadon auf 2000 Meter H\u00f6he in einem engen Tal auf der nordossetischen Seite des Kasbek. Es war ein Freitag, das Wochenende wollte er schon wieder mit der Familie in Moskau verbringen.<br \/>\nDer Gipfel des Maili ragt \u00fcber dem Drehplatz in einer engen Schlucht bis zur H\u00f6he von 5300 Meter hoch.<br \/>\nDa l\u00f6st sich ein Drittel des Gipfels, wahrscheinlich wegen des Klimawandels, und rast in das Tal, in dem sich gerade die 130 Filmleute zum Aufbruch bereit machen.<br \/>\nEine 150 Meter dicke Eis- und Ger\u00f6llschicht schiebt sich \u00fcber das schmale Tal, drei\u00dfig Millionen Tonnen Eis und Fels, zehn bis drei\u00dfig Meter breit. Zwischen den D\u00f6rfern Tschartali und Waschloba war die Baidara-Schlucht auf sieben Kilometer versch\u00fcttet. Bis zur 300 Meter hohen, senkrechten Felswand, wo der Sage nach der Titan Prometheus angeschmiedet worden sein soll. Zeus hat ihn daf\u00fcr bestraft, dass er den Menschen das Feuer brachte.<br \/>\nDie Rettungsmannschaften kamen nur schwer voran. Sie fanden erst nach drei Tagen acht Tote und 27 \u00dcberlebende. Sergej Bodrow war nicht darunter. 97 Menschen sind vermisst.<\/p>\n<p>Da drehte Viki vollkommen durch. Sie hatte nat\u00fcrlich wie alle Menschen im Lande die Sendungen im Fernsehen verfolgt. Sie lie\u00df alles liegen und stehen, nahm sich eine Woche Urlaub und wollte in den Kaukasus fahren.<br \/>\nNiemand konnte sie davon abbringen. Sie nahm eine Maschine nach Krasnodar, den n\u00e4chst gelegenen Flughafen innerhalb Russlands.<br \/>\nNiemand konnte sie davon abhalten, obwohl sie als Diplomatin genau wusste, welch hei\u00dfes Gebiet zwischen Russland, Georgien und Nordossetien das war.<br \/>\nSie wollte ihren Sergej mit eigenen H\u00e4nden selbst ausgraben. Sie wollte nicht an seinen Tod glauben, nicht anerkennen. Das kann nicht m\u00f6glich sein. Wer hat das gemacht? Sie z\u00fcrnte mit allen Schicksalen und G\u00f6ttern, an die sie nicht glaubte, aber daf\u00fcr verantwortlich machte. Sie war einfach verr\u00fcckt geworden um diesen Sergej Bodrow, treffend im Russischen vom Verstand verlassen, ona ssuma ssoschla.<\/p>\n<p>Trotz ihres \u00f6sterreichischen Diplomatenpasses wurde sie am Flughafen gestoppt, sie hatte keinen offiziellen Auftrag. Au\u00dferdem war das nordossetische Gebiet um den Kasbek gesperrt, man f\u00fcrchtete neue Gletscherst\u00fcrze vom Maili und anderen Gipfeln. Die Miliz setzte die Verwirrte in das n\u00e4chste Flugzeug zur\u00fcck nach Moskau. Alles lief zum Gl\u00fcck ohne weitere diplomatische Verwicklungen ab.<br \/>\nDie Botschaft schwieg \u00fcber den Vorfall und schickte sie in unbefristeten Krankenstand.<\/p>\n<p>Danach habe ich Viki nur noch selten getroffen. Keine gro\u00dfen Gesellschaften mehr, wof\u00fcr sie fr\u00fcher bekannt und begehrt war. Ihren sagenhaften Atom-Piloten hat sie auch ins Ausgedinge geschickt, er diente ihr in stummer Treue als Chauffeur, h\u00f6rte man. Er durfte sie und ihre G\u00e4ste in seinem alten Wolga herumkutschieren.<br \/>\nSie zog ganz auf ihre Datscha in Abramcewo.<br \/>\nImmer mehr eine komische Alte. Die D\u00f6rfler akzeptierten sie. Sie hatten eigene Verr\u00fcckte. Die russische Kultur achtete sie als Narren in Christo. Sie fl\u00fcsterten dar\u00fcber, dass sich die Diplomatin mit der Ziegenhirtin Fronja aus Bykowo angefreundet hat und mit ihr \u00fcber die Weiden streunt. Viel h\u00e4lt sie sich bei heiligen Quelle von Radonesch auf und beim ehemaligen Gutshaus von Glebowo. Dort sitzt sie mit ihrer Mundharmonika auf einem Grabstein des aufgelassenen Friedhofs, wie immer begleitet von Laika und Tuman. Sie sah immer mehr aus wie die Frauenfigur in Wrubels Gem\u00e4lde von der Undine, das im Museum von Abramcewo ausgestellt ist.<\/p>\n<p>Einmal nahm ich all meinen Mut zusammen und fuhr spontan zu ihr nach Abramcewo hinaus. Ich dachte, nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht hatten, durfte ich mir das leisten. Ich wusste, das war ihr Refugium, ihr Heiligtum, mein Paradies, wie sie selbst den Flecken Erde nannte. Ich drang ein, ich kannte das T\u00fcrchen mit der Nummer 9. Es klappte hinter mir zur\u00fcck zu wie fr\u00fcher immer bei meinen Besuchen mit einem schlappen Knall.<br \/>\n\u00dcber den schmalen Steig, durch das W\u00e4ldchen zur Wiese vor dem Haus. Da lag sie hingestreckt in einem Liegestuhl, vollkommen bedeckt von wei\u00dfem Leinen und einem ausladenden Strohhut. Schlummernd, die Katzen und der Hund irgendwo zwischen Gras und Farnen. Auf sich und rundherum Zeitungsbl\u00e4tter ausgebreitet.<br \/>\nEin Bild des Friedens in der milden Augustsonne.<br \/>\nIch trete n\u00e4her an sie heran, sie atmet, die Lippen bewegen sich und sie murmelt abgerissene Worte vor sich hin. Mit M\u00fche kann ich etwas verstehen.<\/p>\n<p>Retten, ich h\u00e4tte ihn retten &#8230; Rettung, wenn ich fr\u00fcher dort, sie haben ihn nicht gerettet, im Stich gelass \u2026 retten \u2026 aber er lebt, das kann nicht sein \u2026 ich, retten, er muss leben \u2026<br \/>\nSie war so verliebt, dass sie einen Ausweg f\u00fcr ihn suchte, der sein \u00dcberleben sicherte.<\/p>\n<p>Viki war ernsthaft krank. Sie erholte sich nie wieder ganz. Die Nachbarn erz\u00e4hlten, dass sie manchmal in wallenden wei\u00dfen Kleidern durch die Siedlung und die W\u00e4lder l\u00e4uft und mit sich spricht. Immer an ihrer Seite Laika, ihre Sch\u00e4ferh\u00fcndin, manchmal auch der Streuner Tuman, ein sibirischer Huskymischling. Laika und Tuman hatten sich schon im ersten Sommer ihres Lebens auf der Datscha angefreundet, Tuman hat sich in die Familie hineinadoptiert.<br \/>\nSie wurde auf ihren eigenen Wunsch aus dem diplomatischen Dienst entlassen, kehrte aber nicht nach Hause zur\u00fcck, sondern entschied sich daf\u00fcr, in Abramcewo zu bleiben. F\u00fcr immer. So verschwand sie von der Bildfl\u00e4che der Stadt.<\/p>\n<p>Aber einmal h\u00f6rte ich doch noch von ihr, wenn auch nur indirekt. In meinem Friseursalon nahm ich w\u00e4hrend des Wartens das Moskauer Boulevard-Blatt Bliz zur Hand und fand einen reich bebilderten Bericht \u00fcber das Ungl\u00fcck am Kazbek.<br \/>\nEs waren die alten Bilder, die damals durch die Medien gegangen waren. Aber der Text war neu und mit Viki F. S. gezeichnet, das waren Vikis Initialen.<br \/>\nDie Autorin bringt alle bekannten Fakten und Daten \u00fcber die Katastrophe und folgert daraus, dass die 97 Vermissten mit hoher Wahrscheinlichkeit noch lebten. Sie hatten sich knapp bevor die Lawine ins Tal raste, in einer H\u00f6hle befunden, wo der letzte Dreh stattgefunden hatte. Das gaben die acht \u00dcberlebenden unisono an. In dieser H\u00f6hle entspringen hei\u00dfe Mineralquellen, die die rostbraune F\u00e4rbung des eisenhaltigen Gesteins kennzeichnen. Das alles ist nichts Neues, denn in dieser H\u00f6hle hat auch nach dem Drehbuch der Held des Filmes einige Zeit Zuflucht vor seinen Verfolgern gefunden.<\/p>\n<p>Aber das Geschick dieser H\u00f6hle ist viel \u00e4lter. Sie geht auf das finsterste Kapitel der georgischen Geschichte zur\u00fcck.<br \/>\nIm Jahr 1739 \u00fcberfielen muselmanische Horden aus S\u00fcdossetien, die Lesgier unter dem Eristaw Schanse III., die christlichen Chewsuren. Die \u00dcberlebenden retteten sich in diese H\u00f6hle in 2000 Metern H\u00f6he und gruben sich durch den Berg bis zur Tschabaruchi-Schlucht auf der Nordseite des Kasbek. Die f\u00fcr ihre Reitkunst und Architektur ber\u00fchmten Chewsuren errichteten aus Dank f\u00fcr ihre Rettung ein H\u00f6hlenkloster mit den Kirchen Spas und Uspenie. Beide Basiliken in der landes\u00fcblichen Ziegelbauweise mit Kuppeln, zweischiffig die eine, dreischiffig die gr\u00f6\u00dfere, mit Polygonpfeilern als St\u00fctzen f\u00fcr die nach Osten ausgerichteten Apsisw\u00e4nde.<br \/>\nViele Details zur Baugeschichte, zu den Fresken und kulturhistorischen Bedeutungszusammenh\u00e4ngen. Das war die echte Viki mit ihrem alten, immer wallenden Journalistenblut.<\/p>\n<p>Gleichzeitig bauten die Chewsuren den hinteren Ausgang der H\u00f6hle zu einer uneinnehmbaren Festungsanlage aus, dem Ananuri, die man noch heute besichtigen kann. Sie ist ein beliebter Ausflugspunkt von Tbilisi aus, das nur 50 Kilometer entfernt liegt im wildromantischen Tal des Aragwi. In der Festung hatten Sergej Bodrow und sein Team schon im August mehrere Drehtage zugebracht. Das ging ganz klar aus dem Filmtagebuch hervor. Allerdings hat das Rechercheteam nichts von einem Hinterausgang der H\u00f6hle erw\u00e4hnt. Sie mussten die Flucht und Rettung des Helden vor der russischen Armee simulieren, f\u00fcr das Medium Film kein Problem, es lebt ja von der Simulation.<\/p>\n<p>Wie aber konnte die angeblich verwirrte und kranke Viki das alles recherchiert und folgerichtig aufgezeichnet haben? Jede einzelne Angabe ist \u00fcberpr\u00fcfbar. Das hat die Redaktion von Bliz offenbar auch getan. Sie versieht den Bericht mit zahlreichen Zitaten, von den \u00dcberlebenden bis zu den Rettungsmannschaften und Anwohnern des Kasbek. Aus dem Artikel geht auch hervor, dass die Autorin vor Ort war und mit vielen Menschen gesprochen hat. Alles fein s\u00e4uberlich garniert mit Ort- und Zeitangaben, georgischer und ossetischer Geschichte, Architektur und Kunstgeschichte.<\/p>\n<p>Die Folgerungen, die sie zieht, sind aber wieder typisch Viki: ihre \u00fcberbordende Fantasie, ihr profundes Wissen \u00fcber historische Zusammenh\u00e4nge und ihr leichter Hang zur Mystik. Die 97 Vermissten konnten sich nicht nur physisch in die Aragwi-H\u00f6hle retten, sie hatten auch gen\u00fcgend Wasser, Luft und Vorr\u00e4te. Viki ist \u00fcberzeugt, so schreibt sie, dass die \u00dcberlebenden auch Hilfe bekamen. Nicht von au\u00dfen, denn die Suche wurde nach zwei Wochen als aussichtslos eingestellt und das ganze Tal gesperrt.<br \/>\nSie nennt konkret drei Frauen: Medea, die Tochter des K\u00f6nigs von Kolchis Medea, Tamar, die legend\u00e4re K\u00f6nigin von Georgien und die griechische Dichterin Sappho haben Bez\u00fcge zu dieser Landschaft. Nicht vollst\u00e4ndig nachweisen kann sie die Anwesenheit von Antigone, aber ihre Argumentation ist bestechend und die Vorstellung reizvoll. Antigone hat sich nach dem Todesurteil ihres Onkels Kreon, des K\u00f6nigs von Theben, laut Sophokles in einer H\u00f6hle einmauern lassen. Ist also eine ausgewiesene H\u00f6hlenspezialistin. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich auch noch die burjatische Gro\u00dfmutter um Sergej k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Aber warum hat es diese Ausl\u00e4nderin gebraucht, um diese Informationen ans Tageslicht zu bringen? Das verheimlicht der Artikel; die Autorin, ganz Journalistin, gibt ihre Quellen nicht preis.<br \/>\nUnd wo sind die 97 \u00dcberlebenden geblieben? Auch das verr\u00e4t der verwirrte Geist nicht, geht \u00fcber Andeutungen nicht hinaus. Als Parallele zieht sie dabei die alte Erz\u00e4hlung von der versunkenen Stadt Kitesh heran. Beim Ansturm der Goldenen Horde h\u00e4tten sich die Bewohner von Kitesh in einen See zur\u00fcckgezogen. Nur wer eine reine Seele habe, k\u00f6nne die Glocken am Grunde des Sees h\u00f6ren. Diese mittelalterliche Sage aus dem Historienbuch des Nestor kennt in Russland jedes Kind, und jeder Russe hofft, diese unschuldige Seele zu sein.<br \/>\nDie Crewmitglieder h\u00e4tten nicht mehr in ihre fr\u00fcheren Leben zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, ohne sofort ins Irrenhaus gesperrt zu werden. Das versteht jeder Russe sofort. Also seien sie nach ihrer Rettung heimlich an einen unbekannten Ort geflohen.<\/p>\n<p>Viki, die Kennerin der russischen Geschichte und der deutschen Literatur, gibt noch einen kleinen Hinweis.<br \/>\nEr ist so versteckt, dass er nur von einem Teilnehmer selbst kommen kann. Ich vermute, sie hat die 97 gefunden und mit ihnen gesprochen. Ihre angebliche Verwirrtheit ist nur vorget\u00e4uscht, um ihre Sch\u00fctzlinge nicht zu gef\u00e4hrden.<br \/>\nDen Schauernimbus hatte sie sich zugelegt, damit sie sich nicht selbst verriet. Denn wenn sie sich verplappern sollte, wer w\u00fcrde so einer Figur schon Glauben schenken. Plemplem, eh klar.<\/p>\n<p>Ihr Fingerzeig besteht in der Erw\u00e4hnung des Schicksals von Zar Alexander I. Der offiziellen Geschichtsschreibung nach ist er am 1. Dezember 1825 in Taganrog am Asowschen Meer gestorben. In Wirklichkeit hat er sich aber in fremden Kleidern davongestohlen und ist zu den Altgl\u00e4ubigen in die sibirischen W\u00e4lder gegangen. Eine andere Volksweisheit will wissen, dass er sich in Rostow am Don unter einen Str\u00e4flingszug mischte und mit ihm in die Katorga marschierte. Warum er das gemacht haben soll, das wei\u00df das weise Volk nat\u00fcrlich nicht, sondern nur der deutsche Schriftsteller Reinhold Schneider. In seiner Erz\u00e4hlung \u201eTaganrog\u201c gibt er das Geheimnis preis.<br \/>\nAlexander I. wurde 1801 Ohrenzeuge der Ermordung seines Vaters, des Zars Paul I., welche ihm den Zarenthron einbrachte. Im Laufe der Jahre litt Alexander immer mehr unter dieser Schuld, bis er der Melancholie anheimfiel und sich nicht mehr f\u00fcr regierungsf\u00e4hig hielt. Als seine Frau Elisabeth erkrankt und zur Genesung den S\u00fcden aufsucht, findet er die Gelegenheit zur Flucht.<br \/>\nSchneider h\u00e4lt beide M\u00f6glichkeiten offen und l\u00e4sst den Leser w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Es gibt zwischen Radonesch und Sergijew Posad tats\u00e4chlich noch undurchdringliche Urw\u00e4lder, die seit dem Heiligen Sergej niemand betreten hat. Meine private Vorstellung ist, dass Viki ihren Sergej Bodrow an der Quelle getroffen und von ihm alle diese Informationen bekommen hat.<br \/>\nDa ich Viki wirklich gut kenne, wei\u00df ich, dass sie seit vielen Jahren das Innere Russlands sucht, eigentlich ihr ganzes Leben schon. Sie glaubt ja, dass sie selbst eine Wiedergeburt der Bojarin Morozowa ist. Ihre innere Blindheit war unheilbar.<br \/>\nSergej Bodrow hat den Film im Kloster fertiggestellt, er wurde bekehrt und ist dort geblieben. Frau und Kinder besuchen den M\u00f6nch einmal im Monat. Er hei\u00dft jetzt Bruder Sawwati und gilt als heiligm\u00e4\u00dfig, vielleicht wird er sogar einmal Starez des Klosters. Die Menschen pilgern jetzt schon zu diesem Sawwati, ohne zu wissen, wen sie vor sich haben. Die M\u00f6nche k\u00f6nnen schweigen.<\/p>\n<p>Vielleicht wird man mehr erfahren, wenn der neue Film von Sergej Bodrow demn\u00e4chst herauskommt.<br \/>\n\u201eMessenger\u201c ist schon f\u00fcr das n\u00e4chste Cannes-Festival angemeldet, hei\u00dft es im Bliz.<\/p>\n<p>14.7.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<br \/>\n<\/a>Ersterscheinen in der M\u00e4rzausgabe 2004 von &#8222;Literatur und Kritik&#8220;<span style=\"color: #ff0000;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 17172<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht von Marina L.-L. Ich kenne Viki schon lange und mag sie sehr. 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