{"id":7043,"date":"2017-10-22T12:15:53","date_gmt":"2017-10-22T12:15:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7043"},"modified":"2017-10-22T17:38:31","modified_gmt":"2017-10-22T17:38:31","slug":"stalins-lieblingsgeschichte-von-tschechow-duschetschka-schaetzchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7043","title":{"rendered":"Stalins Lieblingsgeschichte von Tschechow. \u201eDuschetschka\u201c, Sch\u00e4tzchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7043&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7043&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Alle Biografen erz\u00e4hlen dieselben Geschichten. Manchmal scheint es, als w\u00fcrden sie voneinander abschreiben. Die Geschichte \u00fcber eine Geschichte, und zwar die Lieblingsgeschichte von Stalin, ist aber in keiner Biografie enthalten, sondern in den Memoiren von Trotzki.<br \/>\nWer ihm \u201eSch\u00e4tzchen\u201c erz\u00e4hlt hat oder wann er es gelesen hat, dar\u00fcber ist nichts zu erfahren, auch von ihm selbst nicht. Er hat nie dar\u00fcber gesprochen, auch seine Mutter nie nach Moskau geholt und sie nie in Georgien besucht.<\/p>\n<p>\u00dcber Josef Wissarionowitsch Dschugaschwilis Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Stalin mochte sich nicht an diese Zeit im georgischen Gebirgsdorf Gori erinnern. Sie war d\u00fcster und trostlos. Der ewig schlagende und trinkende Vater, ein Flickschuster, Armut, die hilflose, aber liebevolle Mutter, der die zwei \u00e4lteren Kinder wegstarben. Nach der Trennung bringt sie den verwachsenen und von den Pocken schwer gezeichneten Siebenj\u00e4hrigen in einem kirchlichen Internat unter, auch kein fr\u00f6hlicher Ort. Mit siebzehn wird er Stra\u00dfenr\u00e4uber zwischen Tiflis und Baku.<\/p>\n<p>Die Biografie Stalins vor der Oktoberrevolution l\u00e4sst sich zusammenfassen zu sieben Verhaftungen und f\u00fcnf Fluchten aus den Gef\u00e4ngnissen und Verbannungsorten des Zaren.<br \/>\nEr traf Lenin zum ersten Mal auf der Parteikonferenz von Tammersfors (1905), nahm auch an den Parteitagen in Stockholm (1906) und London (1907) teil. Schon damals f\u00fchlte er sich unter den wendigen Intellektuellen vom Schlage Trotzkis, Plechanows, Axelrods, Lenins und Martows nicht wohl. Von dorther soll sein ewiger Hass auf die Intellektuellen und K\u00fcnstler stammen.<br \/>\nDazwischen war er f\u00fcr \u201ebewaffnete Expropriationen\u201c zugunsten der Parteikasse zust\u00e4ndig. In S\u00fcdrussland und im Kaukasus \u00fcberfiel er zusammen mit gew\u00f6hnlichen R\u00e4uberbanden Banken und Geldtransporte. Die Beute war f\u00fcr die Finanzierung der Exilgenossen und ihrer Zeitungen bestimmt. Dschugaschwili galt als gerissen, berechnend, gef\u00fchllos und verschlossen. \u00dcber allem stand das Charakteristikum der Grobheit. Er hatte sich damals als Parteinamen \u201eKoba\u201c (t\u00fcrkisch: Der Unbeugsame) zugelegt, eine Anspielung auf einen Helden in dem georgischen Epos \u201eDer Vaterm\u00f6rder\u201c.<br \/>\nIm Jahr 1913 schickte ihn die Partei nach Wien, damit er einen Bericht \u00fcber die Nationalit\u00e4tenpolitik der Donaumonarchie verfasste. Warum man den ideologisch unauff\u00e4lligen, von jeglichen theoretischen Kenntnissen freien Genossen schickte? Gesichert ist es nicht, aber seine Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Minderheit wird wohl den Ausschlag gegeben haben. Diese Schrift \u201eMarxismus und nationale Frage\u201c unterschrieb er erstmals mit \u201eStalin\u201c, der St\u00e4hlerne. Der Revolution\u00e4r Lew Borissowitsch Rosenfeld begn\u00fcgte sich mit \u201eKamenew\u201c, der Steinerne. Maxim Peschkow nannte sich \u201eDer Bittere\u201c, Gorki, und Uljanow \u201eLenin\u201c, harmlos nach dem sibirischen Fluss Lena. Lenin sch\u00e4tzt den Bericht positiv ein, aber das motivierte Stalin nicht, sich weiter mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Er wohnte w\u00e4hrend der drei Monate in Wien in der Pension Sch\u00f6nbrunn, ging jeden Tag f\u00fcr seine Studien in die Nationalbibliothek, machte lange Spazierg\u00e4nge durch die Stadt und selten auch Besuche bei in Wien lebenden Genossen. Einer davon war Lew Bronstein, der schon sechs Jahre mit Frau und Kindern in Wien wohnte.<br \/>\nBefreundet war Stalin mit niemandem. Es gibt keinen Menschen, dem er sich lebenslang nahe gef\u00fchlt h\u00e4tte. Mit einer Ausnahme \u2013 seiner Tochter Swetlana, aber auch das nur, so lange sie klein war. Als sie gegen seinen Willen heiratete, verstie\u00df er sie. Sein berechnender Charakter, seine Gef\u00fchllosigkeit und seine moralische Taubheit erlaubten es nicht, Freunde zu haben. Er lie\u00df nicht einmal seinen \u00e4ltesten Sohn, ein Gefangener der Nazis, austauschen, wie es die Deutschen vorschlugen. Wassili starb in den F\u00e4ngen der Deutschen.<\/p>\n<p>Eine k\u00f6stliche Vorstellung, dass Josef Dschugaschwili, damals noch Koba, Adolf Schickelgruber-Hitler, Josip Bros-Tito und Lew Bronstein-Trotzki sich in diesem Jahr \u00fcber den Weg laufen h\u00e4tten k\u00f6nnen. Alle vier hielten sich zur selben Zeit in Wien auf und schrieben dar\u00fcber, dass sie nach Sch\u00f6nbrunn kamen, um vom Stra\u00dfenspalier aus einen Blick auf den greisen Kaiser bei seiner Ausfahrt zu werfen. Welche Sternenkonstellation.<\/p>\n<p>Wenn wir nicht die direkte Erinnerung von Trotzki h\u00e4tten, w\u00fcrde niemand diese Episode mit dem \u201eSch\u00e4tzchen\u201c kennen. Einmal waren in der \u00e4rmlichen Zwei-Zimmer-Wohnung in H\u00fctteldorf-Hacking mehrere russische Emigrantenfamilien zusammengekommen. Stalin hielt sich von den Erwachsenen fern und besch\u00e4ftigte sich mit den Kindern, schreibt Trotzki in seinen Memoiren.<br \/>\nEr machte allerhand Sp\u00e4\u00dfe mit ihnen und erz\u00e4hlte wortw\u00f6rtlich aus dem Ged\u00e4chtnis die Geschichte vom \u201eSch\u00e4tzchen\u201c, duschetschka, auch als Herzchen oder Seelchen \u00fcbersetzt. Eine der grausamsten Kurzgeschichten von Cechow. Sie ist das Gegenteil von einer Geschichte f\u00fcr Kinder, sondern die \u00fcber ein b\u00f6ses M\u00e4dchen, das sp\u00e4ter nur von ihrem noch b\u00f6seren Stiefsohn \u00fcbertroffen wird. Teufelin gebiert einen noch gr\u00f6\u00dferen Teufel. Das gefiel Stalin, und er nannte das \u201eSch\u00e4tzchen\u201c seine Lieblingsgeschichte. Diese Erz\u00e4hlung wird als besonders abgr\u00fcndig empfunden, weil Cechow sie in unschuldigem und s\u00fc\u00dflichem Ton erz\u00e4hlt und sie gerade dadurch Horror ausl\u00f6st. M\u00f6glich, dass die feinen Kinder der russischen Intellektuellen ihn gar nicht verstanden. Stalin hatte eine raue, nuschelnde Stimme mit feuchter Zunge und schwerem georgischem Akzent. Grob, so wird seine Sprache sp\u00e4ter noch oft beschrieben werden.<\/p>\n<p>Lenin nennt in seinem Testament als Hauptargument gegen Stalins F\u00fchrerf\u00e4higkeit seine \u201eGrobheit\u201c. Er hatte offenbar Vergn\u00fcgen daran, die Kinder zu erschrecken.<br \/>\nIrgendwann wurde jemand von den Erwachsenen aufmerksam, weil ein Kind zu weinen begann. Stalin unterstrich die Erz\u00e4hlung noch durch wilde Gesten und Grimassen. Er f\u00fchrte ein wahres H\u00f6llenspektakel auf. Dabei sah er schon ohne dies furchterregend aus mit den Pockennarben im Gesicht, gr\u00fcnen Augen, dichten, langgezogenen Augenbrauen, gerader, niedriger Stirn, dem Schnurrbart und dem \u00fcberdimensionalen schwarzen Haarschopf. Das gro\u00dfe Muttermal auf der linken Ohrmuschel war verdeckt, ebenso die am linken Fu\u00df zusammengewachsenen zweite und dritte Zehe. So teuflisch sah der aus, der sich sp\u00e4ter die gro\u00dfe Sonne nennen lie\u00df, zu der alle kleinen aufsahen.<\/p>\n<p>Trotzki betont bei allem Abscheu vor der Person Stalins sein ph\u00e4nomenales Ged\u00e4chtnis. In den zehn Jahren, die er in geistlichen Schulen zugebracht hat, lernte er ganze Passagen des Alten und Neuen Testaments, dazu Messen, Litaneien, Chor\u00e4le und Gebete auswendig. Man kann nat\u00fcrlich vermuten, dass Trotzkis Erinnerungen gef\u00e4rbt sind von dem Schicksal, das ihm Stalin bereitet hat. Aber diese Episode wird best\u00e4tigt in den Memoiren des Ehepaares Sofronitzki, Menschewiken, die damals ebenfalls bei den Trotzkis zu Besuch waren. Sie blieben im Ausland und entgingen damit der Rache Lenins und Stalins.<\/p>\n<p>8.7.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<br \/>\n<\/a>Ersterscheinen in der M\u00e4rzausgabe 2004 von &#8222;Literatur und Kritik&#8220;<span style=\"color: #ff0000;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17171<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Biografen erz\u00e4hlen dieselben Geschichten. Manchmal scheint es, als w\u00fcrden sie voneinander abschreiben. 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