{"id":7004,"date":"2017-09-16T12:59:05","date_gmt":"2017-09-16T12:59:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7004"},"modified":"2017-11-12T08:18:18","modified_gmt":"2017-11-12T08:18:18","slug":"alfred-schnittke-und-die-ziehharmonika","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7004","title":{"rendered":"Alfred Schnittke und die Ziehharmonika"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7004&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7004&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Pr\u00e4ludio in memoriam<\/em><\/p>\n<p>Als der russisch-deutsche Komponist Alfred Schnittke Anfang August 1998 starb, hatte ich gerade erst meinen Posten in Moskau angetreten. Die \u00f6sterreichische Botschaft entsandte mich in meiner Funktion als Kulturr\u00e4tin zur offiziellen Trauerzeremonie ins Konservatorium. F\u00fcr mich sollte das mein erster derartiger Auftritt als Repr\u00e4sentantin der Republik sein, und ich war leicht nerv\u00f6s, war doch meine Beziehung zu diesem Komponisten mehr als lose.<\/p>\n<p>Am Vorabend nahm ich mir in aller Eile die wenigen CDs in meinem Besitz vor, die ich bis dahin nicht einmal ge\u00f6ffnet hatte, durchflog die Klappentexte mit Kurzbiografien und Werkverzeichnissen.<\/p>\n<p>Eigentlich war ich zu keiner Rede eingeladen, aber man konnte bei den Russen nie sicher sein, ob sie einen offiziellen Vertreter nicht spontan auf die B\u00fchne holen w\u00fcrden. Und ich wusste schon, dass die Russen die besten Rhetoriker waren, die immer die sch\u00f6nsten Worte des Lobes, des Dankes und der Verehrung fanden, sei es bei Geburtstagen mit den unendlichen Toasts, den tosti, bei Preisverleihungen, Hochzeiten, Taufen oder Begr\u00e4bnissen. Sie verstehen es, die wie auch immer Ausgezeichneten mit edlen Kaskaden zu \u00fcbergie\u00dfen, mit gedrechselten, gef\u00fchlstriefenden S\u00e4tzen, scheinbar immer spontan, immer das Wesen des Menschen treffend, nie aufgesetzt, nie gestottert oder vom Zettel gelesen. Eine bewundernsw\u00fcrdige, aber gef\u00e4hrliche Eigenschaft, weil sie uns untalentierte Westler damit einsch\u00fcchtern und besch\u00e4men, auch wenn die gleiche Lobesflut von uns gar nicht erwartet wird.<\/p>\n<p>Schon auf der Alexander-Herzen-Stra\u00dfe vor dem Konservatorium herrscht an diesem August-Vormittag ein dichtes Gedr\u00e4nge, als sei eine Demonstration im Gange. Viele Menschen sprechen mich an, betteln und flehen, sie wollen eine Eintrittskarte ergattern, sie sind in Trauerkleidern und tragen Blumen mit sich. Im Gro\u00dfen Saal empfinde ich die Menschenansammlung als lebensbedrohlich, obwohl ich sofort zur ersten, f\u00fcr Promis reservierten Reihe geleitet werde.<\/p>\n<p>Der offene Sarg ist vor der Orchesterb\u00fchne aufgebaut wie ein Altar, die Blumengebirge ragen jetzt schon zwei Meter hoch dar\u00fcber auf, in der mit vielfach gerafftem Satin ausgeschlagenen Edelholzkiste ist der Tote bis zur Brust zu sehen, zu Kopf liegen die schuppigen Plastikkr\u00e4nze mit Schleifen, B\u00e4ndern und Spr\u00fcchen der Staatsvertreter. Schnittkes langes Haar ist sorgf\u00e4ltig \u00fcber Stirn und Wangen gelegt, das Gesicht ist bleich, aber scheint doch nur in tiefem Schlaf versunken.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne f\u00fcllen ein Chor und ein Orchester, von den Seitenw\u00e4nden schauen Bach und Mozart, Beethoven und Tschaikowski mit strengen Augen aus ihren stuckumflorten Konterfeis auf das halblaute Gewurle herunter. Musikst\u00fccke aus Schnittkes reichem Werk werden von Reden abgewechselt: aus seinem \u201ePeer Gynt\u201c, aus der Filmmusik zu \u201eMeister und Margarita\u201c und aus den \u201eLiedern vom Krieg und Frieden\u201c, dazwischen die Ansprachen von Freunden und Musikerkollegen w\u00fcrdig und pers\u00f6nlich, die von Kulturfunktion\u00e4ren lobhudelnd und endlos scheinend. Nur die engsten Freunde umringen den Sarg in einer Ehrenwache. Viele Besucher in den Sitzreihen werden vom Weinen gesch\u00fcttelt, als w\u00e4ren sie es, die einen Freund und Verwandten verloren haben.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Moment f\u00fcr die Trauernden kam aber erst, als die vorderen Seitent\u00fcren aufgingen und die Menschen in dicht gedr\u00e4ngten Schlagen von links nach rechts an dem Sarg vorbei defilieren durften. Man hatte das Konservatorium offenbar nun auch f\u00fcr die Menschen von der Stra\u00dfe ge\u00f6ffnet, in den seitlichen Wandelg\u00e4ngen, in den Nebens\u00e4len, in den Stiegenh\u00e4usern, Garderoben, Kassen- und Eingangshallen standen die Menschen in dichten Wolken bis auf den Platz hinaus mit dem Tschaikowski-Denkmal. Menschen jeden Alters, dabei auff\u00e4llig viele Jugendliche und viele schlecht gekleidete und schlecht ern\u00e4hrte Pensionisten, bei denen es oft nur zu einer einzigen roten Nelke gereicht hatte.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Trauer, das ungehemmte Weinen, das Ausrufen von Klagelauten, Seufzen, St\u00f6hnen und ekstatische Schluchzen \u2013 der Gro\u00dfe Saal des Tschaikowskij-Konservatoriums hallte davon wider. Jeder schien einen gro\u00dfen Verlust erlitten zu haben, jeder wollte sich pers\u00f6nlich verabschieden. Beim Sarg angekommen, streichelten sie die Wangen des Leichnams, k\u00fcssten ihn ungehemmt auf den Mund, warfen sich \u00fcber den offenen Sarg, verweilten kurz mit dem Gesicht auf seiner Brust, steckten ihm ihre Blumen zwischen die gefalteten H\u00e4nde und beschmusten das schwarz drapierte Fotoportr\u00e4t auf den Altarstufen wie eine Ikone, bis die Nachr\u00fcckenden kr\u00e4ftig weiterdr\u00e4ngten. Aber jedem wurde doch seine kurze Trauerzeit geg\u00f6nnt, auch wenn die Russen ansonsten, obwohl ge\u00fcbt, miserable Schlangensteher sind.<\/p>\n<p>Vom Balkan und von griechischen Inseld\u00f6rfern waren mir die Klageweiber nicht unbekannt, aber mitten in der modernen, aufgekl\u00e4rten Mega-City Moskau gerann mir dabei das Blut in den Adern und die Ged\u00e4rme rebellierten. Nach dem Glauben der orthodoxen Welt verl\u00e4sst die Seele nicht sofort den Toten, sondern bleibt noch vierzig Tage zwischen Himmel und Erde, in der Aura zwischen dem Verblichenen und den Hinterbliebenen. Die Seele kann noch empf\u00e4nglich sein f\u00fcr die \u00fcber dem Grab ausgesch\u00fctteten Liebesbeweise, Tr\u00e4nen und Klagen. Der Tod ist noch nicht endg\u00fcltig, und in dieser Hoffnung lassen sich die Trauernden zu Exaltationen hinrei\u00dfen. Wenn zuerst Scheu und Entsetzen \u00fcber diese f\u00fcr mich typisch sowjetische Eigenschaft der Idolisierung \u00fcberwogen, war doch der Anblick des Rituals unsagbar bewegend und traurig. Vielleicht auch tr\u00f6stlicher als die n\u00fcchterne, nach innen gewandte Trauerarbeit im Westen.<\/p>\n<p>R\u00e4tselhaft blieb mir aber bis heute, warum gerade Alfred Schnittke, nach sowjetisch\/russischem Standard in jeder Hinsicht ein Hybrid, zu dieser Ehre kam: als Abk\u00f6mmling eines Deutschen und einer Wolga-Deutschen, ein (1993 in Lockenhaus) zum Katholizismus \u00fcbergetretener Orthodoxer mit j\u00fcdischen Wurzeln, fr\u00fch als Komponist einer \u201emusica non grata\u201c abgestempelt und schlie\u00dflich auch noch ein Republiksfl\u00fcchtling, der es nie in den Kanon des sowjetischen Massengeschmacks gebracht hat. Die einf\u00fchlsamste und plausibelste Erkl\u00e4rung war, dass Russen nun mal gerne trauerten und dies so gut k\u00f6nnen. Und auch feiern: Sein Freund und Mentor \u00fcber drei\u00dfig Jahre, Gidon Kremer, verabschiedete sich von ihm \u201emit einem sich in der totalen Einsamkeit aufl\u00f6senden Solotango von Astor Piazzolla\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a>, bei dem auch ich meine Tr\u00e4nen im rot-wei\u00df-roten Blumenstrau\u00df verstecken musste.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4tte dieses Klagekonzert rund um seinen Leichnam wohl in Schnittkes Ohren geklungen? Oder hat er dergleichen vielleicht schon geh\u00f6rt und dann sein Oratorium \u201eDies irae\u201c geschrieben? Oder in die \u201e12 Bu\u00dfpsalmen\u201c, die \u201eAgonie\u201c oder seinen \u201eSt. Florian\u201c f\u00fcr Anton Bruckner eingeflochten?<br \/>\nWenn ich etwas beizutragen gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re es vielleicht eine kleine Wiener Melodie auf einer Ziehharmonika gewesen, das Instrument, das ihn am meisten mit Wien verbindet.<\/p>\n<p>Der 1934 in der Wolga-Kleinstadt Engels geborene Schnittke kam 1946 mit seiner Familie nach Wien. Sein Vater Harry Schnittke, ein aus Frankfurt stammender Kommunist, war als Lokalreporter zur \u201e\u00d6sterreichischen Zeitung\u201c berufen worden, einem von der sowjetischen Besatzungsmacht herausgegebenen Organ. Die Familie &#8211; Mutter und zwei Geschwister &#8211; wohnte von 1946 bis 1948 im 4. Stock der Singerstra\u00dfe 27, einer arisierten Gro\u00dfb\u00fcrgerwohnung, die bis vor Kurzem Parteigenosse Puppini bewohnt hatte.<\/p>\n<p>Alfred erinnert sich, dass aus einer Mansarde \u00fcber ihnen immer Klavierspiel zu h\u00f6ren war und wie ihn die Vorstellung begl\u00fcckte, dass das Mozart sei, der \u00fcber seinem Kopf komponierte und \u00fcbte. Einmal traf er auf der Treppe mit einer etwa 36j\u00e4hrigen Frau zusammen, schlank, dunkle Augen, schwarzes Haar, ein zartes, scheues Wesen, immer allein. Was f\u00fcr eine Entt\u00e4uschung, nicht WAM spielte Klavier, sondern das Fr\u00e4ulein Charlotte Ruber, bei der der musikalische Alfred sp\u00e4ter den ersten Unterricht bekam. 37 Jahre sp\u00e4ter wird sie noch erleben, wie ihr ehemaliger Sch\u00fcler in Wien die ersten Triumphe feiert. Auf einem nostalgischen Streifzug durch die Singerstra\u00dfe kommt er auch an jenem Gasthaus vorbei, in dem er immer f\u00fcr seinen Vater einen Krug Sturm kaufen muss. Er entdeckt mit Freuden vor der T\u00fcr ein Schild, das besagt, dass Franz Schubert hier zu den Stammkunden gez\u00e4hlt habe. Den gr\u00fcnen Fayence-Krug hatte Schnittke in seiner Moskauer Wohnung stehen und zeigte ihn gerne seinen G\u00e4sten: Daraus habe er seinen Wiener Schubert-Sturm getrunken und den ersten Rausch bekommen.<\/p>\n<p>Wien war f\u00fcr den Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen aus dem Provinznest Engels von der mittleren Wolga mit seinen wenigen Stra\u00dfenz\u00fcgen aus primitiven Holzh\u00fctten eine neue Welt voller Musik, das Himmelreich auf Erden. Noch dazu war das Leben im Krieg von \u00e4u\u00dferster Armut gepr\u00e4gt. Die erste Orgel h\u00f6rte er, als er an einem Sonntagvormittag mit seinem j\u00fcngeren Bruder Viktor aus der Singerstra\u00dfe spazierte und \u00fcber die Seilerst\u00e4tte und die Weihburggasse streunte. Als er um die Ecke bog, h\u00f6rte er die Orgel aus den offenen T\u00fcren der Franziskanerkirche, das Brausen einer nie geh\u00f6rten Musik \u00fcberw\u00e4ltigte seine Scheu und zog ihn hinein. Ein einsamer Priester vor dem Altar, im Halbdunkel der Kerzen einige Besucher und \u00fcber dem Eingang vom Chor dieses Dr\u00f6hnen und Wogen \u2013 das war also ein katholisches Gotteshaus. Fremd und berauschend, eine Initiation f\u00fcr den Sowjetjungen, der noch nie in einer Kirche gewesen war.<\/p>\n<p>Um die Macht der Musik \u00fcber die Menschen zu illustrieren, erz\u00e4hlte Alfred gerne die Geschichte von Stalin und Mozarts Klavierkonzert f\u00fcr b-Moll, K 466. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a><br \/>\nEines Tages w\u00fcnschte Stalin, dieses Konzert zu h\u00f6ren. Er kannte weder den Namen noch die Nummer, aber Gott wei\u00df wie fanden seine Untergebenen heraus, worum es sich handelte. Da stellte sich heraus, dass es in der Sowjetunion keine Einspielung dieses Konzertes gab. Die Antwort des Untergebenen lautete nat\u00fcrlich: \u201eWird gemacht, Genosse Vorsitzender!\u201c<\/p>\n<p>Die Befehlsempf\u00e4nger vom NCHWD eilten davon, um den Wunsch des \u201eV\u00e4terchens aller V\u00f6lker\u201c zu erf\u00fcllen, aber es gab nirgends eine Platte. Sie erfuhren, dass die ber\u00fchmte Pianistin Marija Judina dieses Konzert spielte. Sie trommelten ein Orchester zusammen, und die Judina durfte sich sogar einen Dirigenten aussuchen. Alle wurden in einem Studio zusammengebracht und eine n\u00e4chtliche Plattenaufnahme organisiert. In den fr\u00fchen Morgenstunden war die Platte in einem einzigen Exemplar produziert. Stalin konnte sich nun, sooft er wollte, der unsterblichen Musik Mozarts hingeben. Er lie\u00df der Pianistin einige tausend Rubel auszahlen. Er bekam von ihr einen Brief, in dem Judina ihm f\u00fcr die erwiesene Ehre dankte, das Geld aber lehnte sie ab und bat darum, es f\u00fcr den Wiederaufbau von Kirchen auszugeben, die im Wahn der atheistischen Hysterie zerst\u00f6rt worden waren. Sie werde f\u00fcr Iossif Wissarionowitsch beten, damit ihm seine S\u00fcnden vergeben werden.<\/p>\n<p>Marija Judina war nicht nur eine ausgezeichnete Pianistin und Professorin der klassischen Moskauer Schule, sondern auch eine sehr mutige Frau. Die vom Judaismus zur Orthodoxie \u00fcbergetretene Judina war ein praktizierendes und bekennendes Mitglied der Russisch-orthodoxen Kirche. Sie wagte es, dem Diktator die Stirn zu bieten. Der Geheimdienstmann, der Stalin diesen Brief \u00fcberbrachte, hatte schon den Befehl bei sich, Marija Judina zu liquidieren. Das war etwas voreilig, denn Stalin liebte es, auf das Zynischste mit seinen Opfern zu spielen. Nach der zweiten Verhaftung von Josif Mandelstamm \u2013 er starb kurz danach auf einem Transport in den Gulag \u2013 rief Stalin pers\u00f6nlich bei Boris Pasternak an und beschwerte sich dar\u00fcber, dass dieser sich zu wenig f\u00fcr seinen Freund Mandelstamm eingesetzt habe. Aber er lie\u00df Pasternak, Bulgakow und Schostakowitsch am Leben. Nur fanden sie zu seinen Lebzeiten nie wieder Ruhe und lebten in st\u00e4ndiger Panik. Ihn am\u00fcsierte der Brief von Judina, sie kam mit dem Leben davon, \u00f6ffentliche Auftritte wurden ihr aber verboten. Ab da galt sie als Stalins Lieblingspianistin. Als Stalin am 5. M\u00e4rz 1953 starb, fand man in seinem Arbeitszimmer ebenjene Schallplatte, die 1935 in der Nacht als Sonderbestellung aufgenommen worden war.<\/p>\n<p>Eines Tages brachte der Vater Harry eine Ziehharmonika nach Hause, eine kleine, einfache Hohner mit nur 24 B\u00e4ssen. Alfred brachte sich das Spiel selbst bei, es gab nichts, was er nicht nachspielte: russische Lieder, die Schnulzen der fr\u00fchen Nachkriegszeit, Wiener Walzer und englische Hits. Er spielte alles, was er h\u00f6rte und alles flog ihm zu:<br \/>\n\u201eMariandl, -andl, -andl, du hast mein Herz am Bandl, Bandl, und lasst es net los\u201c, oder \u201eBella, bella Donna, Marie, bleib mir treu\u201c, oder \u201eWhat a beautiful girl\u201c, die Stra\u00dfenmusikanten vom Graben an der Pests\u00e4ule, gleich daneben im OP-Kino die ersten amerikanischen Filme und Wochenschauen und der Zirkus Rebernigg auf den unbebauten Scala-Gr\u00fcnden in Favoriten.<\/p>\n<p>Und da waren noch viel mehr Lieder, die der junge Schnittke im sowjetischen Offiziersclub in der Hofburg oder in der sowjetischen Schule auf der Prinz-Eugen-Stra\u00dfe h\u00f6rte: \u201eMein russisch Mutterland, so hold, so wundersch\u00f6n, des Herzens Freud, mein trautes Heim\u201c. Auch von bl\u00fchenden G\u00e4rten und wogenden Feldern wurde gesungen, von der gro\u00dfen Freiheit Russlands und vom ewigen Sieg. Er liebte damals Josef Wissarion Stalin \u2013 Onkel Pepi, wie man ihn in den Wiener KP-Kreisen zu nennen pflegte \u2013 genau so wie den Wolferl, den er sich in die Mansarde \u00fcber seinem Kopf hineintr\u00e4umte.<br \/>\nSo wurde Schnittke sehr fr\u00fch mit zwei widerspr\u00fcchlichen Welten konfrontiert und blieb beiden treu.<br \/>\nAls im Jahre 1948 die sowjetische Schule schloss, \u00fcbersiedelten die Schnittkes wieder nach Moskau, wo Alfred seine klassische Musikausbildung aufnahm.<\/p>\n<p>Der Vater Harry hat nie etwas mit Musik im Sinne gehabt, das Akkordeon hatte er als Pr\u00e4mie von der Redaktion der \u201e\u00d6Z\u201c im Globus-Verlag geschenkt bekommen. Wem von seinen Vorgesetzten oder Kollegen war es wohl eingefallen, ihn auf diese Weise auszuzeichnen? Und wer wagt schon zu behaupten, dass ohne diese kleine Hohner Alfred Schnittke kein Komponist geworden w\u00e4re?<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gidon Kremer: \u201eZwischen Welten\u201c, Piper Verlag, S. 328<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die Zitate basieren auf den Erinnerungen des Bruders Viktor Schnittke, mir m\u00fcndlich erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>4.4.2008<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<br \/>\n<\/a>Ersterscheinen in der M\u00e4rzausgabe 2004 von &#8222;Literatur und Kritik&#8220;<span style=\"color: #ff0000;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17165<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4ludio in memoriam Als der russisch-deutsche Komponist Alfred Schnittke Anfang August 1998 starb, hatte ich gerade erst meinen Posten in Moskau angetreten. 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