{"id":6984,"date":"2017-09-05T15:52:33","date_gmt":"2017-09-05T15:52:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6984"},"modified":"2017-09-10T13:02:32","modified_gmt":"2017-09-10T13:02:32","slug":"ordnung-im-chaos-luigi-pirandello-1867-1936-zum-150-geburtstag-am-28-juni","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6984","title":{"rendered":"Ordnung im Chaos. Luigi Pirandello (1867-1936) zum 150. Geburtstag am 28. Juni"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6984&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6984&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein durchgeistigter Kopf mit hoher Stirn, gro\u00dfen, dunklen, wachen, zugleich gedankenvollen Augen, gerader Nase im schmalen Gesicht, verl\u00e4ngert durch Kinn- und Spitzbart, so pr\u00e4sentiert er sich auf dem am h\u00e4ufigsten reproduzierten Portr\u00e4tbild aus der Alterszeit. Ein Mann mit Durchblick und doch ein Mann der Nachdenklichkeit, sehr aufmerksam und doch sinnend, vornehm und doch \u00aballem\u00bb zugetan. Nein, diese Eigenschaften legt nicht nur das Foto nahe, sie vermitteln ebenfalls seine Biographie und ziehen sich zutiefst durch sein ganzes Werk.<\/p>\n<p>Bekannt ist der Mann, wenn noch \u00fcberhaupt in unseren Breiten, vor allem als Dramatiker. Sein Ruf kommt nicht von ungef\u00e4hr; nicht zuletzt entwickelte er sich mehr und mehr zum Praktiker, der sogar 1924 eine eigene Theatertruppe gr\u00fcndete, mit der er f\u00fcr mehrere Jahre auf Welttourneen ging. Und der bereits fr\u00fch, 1892, in seiner Bonner (!) Dissertation <em>Laute und Lautentwicklung der<\/em> heimischen <em>Mundart <\/em>untersuchte. Das St\u00fcck \u00abSechs Personen suchen einen Autor\u00bb (1921) steht allerdings als fast einziges pars pro toto f\u00fcr ein umfangreiches, bereits zehn Jahre zuvor beginnendes dramatisches Schaffen. Das sogar bald Max Reinhardt als Regisseur n\u00f6rdlich der Alpen fand. Drama, das nimmt Pirandello sehr w\u00f6rtlich: <em>Jedes Scheinbild, jedes Gesch\u00f6pf der Kunst muss sein Drama haben, um zu existieren<\/em>, schreibt er in einer langen Vorrede, <em>das hei\u00dft ein Drama, dessen handelnde Person es ist und durch das es zur handelnden Person wird<\/em>. Wenn jetzt nur in der Phantasie entstandene Figuren auf die B\u00fchne kommen, entwickeln sie ein Eigenleben, <em>eine \u00abunm\u00f6gliche\u00bb Situation<\/em>. Deshalb kann es <em>keine logische Entwicklung<\/em>, [\u2026] <em>keinen Zusammenhang der Geschehnisse<\/em> geben. Die Folge ist ein <em>organische<\/em>(s)<em> und nat\u00fcrliche<\/em>(s)<em> Chaos<\/em>, das aber <em>alles andere als konfus<\/em> dargestellt wird, <em>sondern im Gegenteil sehr verst\u00e4ndlich, einfach und geordnet. <\/em>(Dazu sei eine Anmerkung erlaubt: Ein Augenzwinkern des Schicksals lie\u00df Pirandello in einem Ortsteil des sizilianischen Agrigent namens C\u00e0vuso, Chaos, das Licht der Welt erblicken.) Eine andere Version legte Pirandello zeitgleich mit Heinrich IV. (1922) vor, <em>im Erkennen vergangener Wirklichkeiten, die wie ein<\/em> [\u2026] <em>Traum zur\u00fcckgeblieben sind<\/em>, ein buchst\u00e4bliches Spiel mit gleichzeitiger heutiger Identit\u00e4t und mittelalterlicher Konkordanz \u2013 auf derselben B\u00fchnenebene, fast zwangsweise eine Tragikom\u00f6die<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Der Ruhm allein als Dramatiker ist schade, denn sein erz\u00e4hlerisches Werk ist nicht nur sehr umfangreich sondern ebenso bedeutend. Pirandello wollte eigentlich f\u00fcr jeden Tag im Jahr (also 365 Mal) eine Novelle vorlegen; ganz hat es nicht gereicht \u2026 Es gibt (auch im Taschenbuchformat) einige gute Zusammenstellungen in deutscher \u00dcbersetzung, die die Breite seines Schaffens und damit seiner spezifischen Ann\u00e4herungsweise an komplexe humane Stoffe darlegen.<\/p>\n<p>Schon sein erstes Werk (1904), ein Fortsetzungsroman, l\u00e4sst im Titel aufhorchen: <em>Il f\u00f9<\/em> bzw<em>. Der gewesene Mattia Pascal<\/em><a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>. Ein auf einer, heute w\u00fcrde man sagen: virtuellen, Ebene, Gestorbener berichtet \u00fcber sein aktuelles Dasein: Sein und Schein verwirren sich (auch ohne B\u00fchne). Bis zum Schluss seines Schaffens gelingt es Pirandello meisterlich, das jeweilige Geschehen der Erz\u00e4hlungen ganz konkret \u00abauf der Kippe\u00bb zu lassen. Es kann sozusagen alles anders kommen, ohne dass sich wirklich etwas (\u00e4u\u00dferlich) \u00e4ndert. Oder umgekehrt, es \u00e4ndert sich (\u00e4u\u00dferlich) nichts und zugleich hat sich die Grundlage des Lebens verschoben. Solche Entwicklungsg\u00e4nge erscheinen kaum einmal als schwer oder gar als schrecklich, denn es sind die \u00abnur\u00bb kleinen Verschiebungen, die eine hohe Wirkung entfalten. Niemand ist gefeit vor derartigem Schicksal. Nein, zuerst: Ein eigentliches Schicksal ist es nicht, denn niemand greift da ein, gar autorit\u00e4r oder mit Macht. Ausgerechnet in dem zun\u00e4chst als unverr\u00fcckbar Gekennzeichneten ist die folgende abweichende Wende bereits angelegt. Eben darum kann es jeden treffen, den armen Schlucker wie den bed\u00e4chtigen Anwalt, die ehrbare Witwe wie den braven Angestellten, den w\u00fcrdigen Professor wie den gl\u00fccklichen Besitzenden. Wenn die kleinen, die einfachen Leute dasselbe Recht auf die ihnen eigene Existenz haben wie die Studierten und die Betuchten, gewinnt die vom Verfasser stets sorgsam erarbeitete Haltung (der Habitus) der Personen als ihr Erscheinungsbild zeichenhaft die Kenntnis innerer Zust\u00e4nde. Auf, in dieser allen gleichen Ebene wird viel sicher Geglaubtes fragw\u00fcrdig, vom t\u00e4glichen Kleinkram \u00fcber das Heldentum bis zu \u00abder\u00bb Wahrheit.<\/p>\n<p>Gerade in dieser, eben nicht nur atmosph\u00e4rischen, sondern wegweisenden vielschichtig lebensphilosophischen (Schreib-)Weise \u00fcberwindet Pirandello \u2013 der, nach Journalistent\u00e4tigkeit seit 1892, als Professor f\u00fcr italienische Literaturgeschichte in Rom 1897-1922 die Szene bestens kannte \u2013 auch im Erz\u00e4hlerischen den in Italien nach wie vor tonangebenden und betont bodenst\u00e4ndig argumentierenden <em>Verismo<\/em> (den Realismus, am bekanntesten wohl jener von Giovanni Verga). Jetzt erhalten wir Lesenden von ihm subtile psychologisch-inhaltliche Charakterisierungen, doch gerade so knapp, um noch folgen zu k\u00f6nnen, gerade so sprunghaft, um gebannt die L\u00fccken selbst zu f\u00fcllen, gerade so kurz angebunden, um mehr erfahren zu wollen, gerade so facettiert, um effektiv betroffen zu sein. Namen sind da kein Zufall, sie f\u00fchren weiter in die Tiefe, ebenso \u2013 und nicht selten \u2013 die Titel, etwa und insbesondere \u00abAngst vor dem Gl\u00fcck\u00bb, \u00abWenn man das Spiel verstanden hat\u00bb oder \u00abDie Pein dieses Lebens\u00bb.<\/p>\n<p>Wer wie eine Art Kernaussage eine au\u00dferordentlich konzentrierte und doch zutiefst literarische (!) Version kennenlernen m\u00f6chte, der\/dem sei die relativ sp\u00e4te Kurzgeschichte \u00abAntwort\u00bb empfohlen (<em>Risposta<\/em>, aus <em>Sciale Nero<\/em>, 1922<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>). Hier wird das f\u00fcr Pirandello entscheidende Tableau der menschlichen Fragestellungen \u2013 Was bin ich wirklich? Was ist demnach richtig? \u2013 fast tabellarisch (<em>die Fakten<\/em>) geordnet und zugleich h\u00f6chst kunstvoll in der Verschr\u00e4nkung des Verh\u00e4ltnisses von vier Personen abgehandelt in der Argumentationskette eines Ich-Erz\u00e4hlers, in dem unschwer der Autor als Interpret erkennbar wird. <em>Glaub mir, mein Freund, dein Fall<\/em> (das Versetztwerden durch die vermeintliche Geliebte mit zwei anderen M\u00e4nnern) <em>ist uralt. Neu und originell ist daran nichts als meine Methode und die Erkl\u00e4rung, die ich dir liefern werde<\/em>. Der vertrackte Ausgangspunkt: <em>Eine andere ist Signorina Anita gewiss. Nicht nur das; sie ist noch viele und viele andere<\/em> [\u2026]<em>; obwohl ein jeder von uns die Illusion hat, die wahre Signorina Anita sei lediglich diejenige, die er kennt; und obwohl auch sie selbst, ja, vor allem sie selbst, die Illusion hat, nur eine und immer dieselbe f\u00fcr alle zu sein<\/em>. Und was ist, in der Zusammenfassung, das \u00fcberraschend wichtigste Indiz: <em>Siehst du, mein Freund, es hat schon einen Grund, dass du mir nie von dem Stupsn\u00e4schen der Signorina Anita erz\u00e4hlt hast! Dieses N\u00e4schen geh\u00f6rt nicht dir. Dieses N\u00e4schen geh\u00f6rte nicht<\/em> deiner <em>Anita. Dir geh\u00f6rten die Nachtaugen, ihr leidenschaftliches Herz, ihre ausgesuchte Intelligenz. Aber nicht das verwegene N\u00e4schen mit den fleischigen Fl\u00fcgeln<\/em> [\u2026]<em>. <\/em><em>Dies N\u00e4schen wollte sich r\u00e4chen <\/em>[\u2026].<\/p>\n<p>Pirandello h\u00e4tte durchaus von eigenen vielschichtig verflochtenen Lebenssituationen berichten k\u00f6nnen, namentlich \u00fcber sein (widerspr\u00fcchliches) Verh\u00e4ltnis zur italienischen Politik, nicht zuletzt zum regierenden Faschismus, oder \u00fcber die psychische Krankheit seiner Frau, die 1919 eine Hospitalisierung notwendig machte, oder \u00fcber die Auswirkungen seines Literatur-Nobelpreises 1934. Voraussichtlich galt bei ihm, nein, f\u00fcr ihn dieselbe achtbare Basis wie f\u00fcr seine Erz\u00e4hlungen: Kein pers\u00f6nliches Geschick ist sehr schwer zu ertragen oder gar bejammernswert, sondern in allen chaotischen Zust\u00e4nden regiert letztlich immer eine ihnen immanente Ordnung. Welche ihrerseits in dem eleganten, eing\u00e4ngigen und feinen Schreibstil des Autors ihre sozusagen definitive Fassung erh\u00e4lt. Und so pr\u00e4gt \u2013 <em>Ach, niemand von uns kann das, was er aus innerem Antrieb tut, richtig \u00fcbersehen<\/em><a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> \u2013 \u00a0gerade eine grundlegende Ambivalenz in unnachahmlicher Weise ein gro\u00dfes, bedeutendes literarisches Schaffen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Beide Zitate aus L.P., Sechs Personen suchen einen Autor \/ Heinrich IV, Fischer TB 592, Frankfurt\/Main 1964.<br \/>\n<a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Auf \u00abspiegel-projekt gutenberg\u00bb im Internet zu lesen.<br \/>\n<a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a>\u00a0 Zitiert nach L.P., Novellen f\u00fcr ein Jahr, Fischer TB 1336, Frankfurt\/Main 1973, S. 7-16; etwa gleichzeitig wird von L.P. dieselbe Meinung im St\u00fcck \u00ab6 Personen\u00bb, in \u00abHeinrich IV.\u00bb und auch in zahlreichen Geschichten ausgedr\u00fcckt.<br \/>\n<a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Heinrich IV. im 1. Akt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17164<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein durchgeistigter Kopf mit hoher Stirn, gro\u00dfen, dunklen, wachen, zugleich gedankenvollen Augen, gerader Nase im schmalen Gesicht, verl\u00e4ngert durch Kinn- und Spitzbart, so pr\u00e4sentiert er sich auf dem am h\u00e4ufigsten reproduzierten Portr\u00e4tbild aus der Alterszeit. Ein Mann mit Durchblick und doch ein Mann der Nachdenklichkeit, sehr aufmerksam und doch sinnend, vornehm und doch \u00aballem\u00bb zugetan. 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