{"id":6941,"date":"2017-10-21T08:59:42","date_gmt":"2017-10-21T08:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6941"},"modified":"2017-10-22T17:49:09","modified_gmt":"2017-10-22T17:49:09","slug":"anders","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6941","title":{"rendered":"Anders"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6941&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6941&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eigentlich bin ich gar nicht anders. Ich spreche die gleiche Sprache, ich schreibe dasselbe Idiom. (Ein deutscher Lektor etwa wollte mir Stiege in \u201eTreppe\u201c, Matura in \u201eAbitur\u201c, und \u201eDa schau her\u201c in \u201eSieh einer an\u201c verbessern.) Ich esse sogar leidenschaftlich gern die drei landesspezifischen Kn\u00f6delsorten. Ich blinzele nicht einmal oder ziehe eine Augenbraue hoch, wenn es als Beilage Sauerkraut gibt. (Schlie\u00dflich geh\u00f6rt dieses, sogar in der Namensgebung, zum Els\u00e4sser Nationalgericht, wobei <em>choucroute<\/em> f\u00fcr Hiesige wom\u00f6glich feinschmeckerischer t\u00f6nt.) Selbst als durchaus gerne Weintrinker schmeckt mir der Most ausgezeichnet. Es ist allerdings nicht ganz einfach, eine dem Wein \u00e4quivalente Qualit\u00e4t aufzutreiben. Vor allem, wenn man kein Auto hat.<\/p>\n<p>Aha, da ist es jetzt wom\u00f6glich: Ich bin mangels eigenem Wagen anders. Ich wohne f\u00fcnfzehn Kilometer vor der Stadt und bin allein auf den \u00f6ffentlichen Verkehr angewiesen. Werkstags in Schulzeiten mag, dank leicht erh\u00f6hter Fahrplanfrequenzen, eine solche Reduktion der Mobilit\u00e4t akzeptabel sein. Lange Wartepausen infolge fataler Anschlusszeiten lassen sich immerhin am Bahnhof mit einem Buch aus der Tasche \u00fcberbr\u00fccken. Die Teilnahme an abendlicher Bildung gleich welcher Art entwickelte sich indessen unweigerlich zu einer Vielstunden-Expedition. Ich nehme also nirgends teil, ob an Auff\u00fchrung in Oper respektive Theater oder an Seminar mit Wissensangebot oder Lesung mit Diskussionsrunde. Ich lerne niemanden in der Szene kennen, und mich kennt man auch nicht, sehe ich von meiner freilich klugen Frau und ein paar Freunden ab. Dadurch bin ich wohl unbeachtet, aber kaum absonderlich, oder? Ich k\u00f6nnte ein Taxi nehmen, das leider k\u00e4me zu teuer. Ob ich mit einem beschr\u00e4nkten Portemonnaie-Inhalt anders bin als viele andere, wage ich zu bezweifeln.<\/p>\n<p>Somit behaupte ich, ich bin keine Anomalie. Ich sehe ganz gew\u00f6hnlich aus, selbst f\u00fcr mein Alter, falle also nicht auf. Vielleicht merkt jemand auf, wenn ich spreche. Da meint der (!) eine oder andere, mich als <em>Piefke<\/em> beschimpfen zu m\u00fcssen. Nun, erstens wei\u00df er wohl nicht, woher der Ausdruck kommt (ich bin kein Milit\u00e4rmusiker), und zweitens stimmt diese Bezeichnung noch nicht einmal f\u00fcr meine Person. Es gibt in Europa ja weitere, andere Regionen, in denen man so etwas wie \u201eDeutsch\u201c spricht. Und eben daher \u2026 Nun ja, ein paar romanische Elemente schwingen aufgrund meiner Herkunft in meinen S\u00e4tzen h\u00e4ufiger mit. Ein sprachliches Ph\u00e4nomen. Es trifft aber (seit dem ber\u00fchmten <em>renversement des alliances<\/em> von Maria Theresia und Graf Kaunitz) nicht zuletzt f\u00fcr den Osten des Lands mit einigen Wendungen wie dem <em>Trottoir<\/em> oder dem <em>Plafond<\/em> ebenfalls zu. Sie, diese fremdsprachlichen Einsprengsel, sind folglich kaum anormal, sondern allenfalls ein wenig befremdend.<br \/>\n<em>Item<\/em>, als Fremden kann man mich wirklich nicht bezeichnen, h\u00f6chstens als den Benutzer der dementsprechend benannten Zimmer in den Ferienorten.<\/p>\n<p>Ansonsten habe ich immerhin eine nur mir eigene Biografie. Einerseits hat diese Biografie jede, jeder und ist demzufolge (und gottlob) keine <em>quantit\u00e9 n\u00e9gligeable<\/em>, ist jedoch damit noch lange nicht anders. Sie oder Er kann inklusive der oder, soll umgekehrt argumentiert werden, ungeachtet der Biografie als ein Mensch wie alle anderen bezeichnet werden. Zudem bin ich f\u00fcr die \u00c4rzte keineswegs ein spezieller Fall, f\u00fcr den Psychologen oder Soziologen h\u00f6chstens unverwechselbar, indem ich spezifische Eigenarten besitze. Was hingegen keineswegs von vornherein gleichbedeutend ist mit einzigartig. Somit darf ich behaupten, ich sei (indirekte Rede oder Konjunktiv?) eine Individualit\u00e4t, indessen bin ich damit allenfalls graduell anders als andere. Obwohl \u201eman\u201c Kleider von der Stange tr\u00e4gt, obwohl \u201eman\u201c die Musikwahl keineswegs als ausgefallen empfindet (von Bach bis Keith Jarrett), obwohl \u201eman\u201c im Internet zug\u00e4nglich ist, obwohl \u201eman\u201c das Auto von Typ und Farbe modisch w\u00e4hlte. Doch halt, das Auto fehlt bei mir ja jetzt.<\/p>\n<p>Zugegeben, es gibt in dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, keinen Lift, ich muss also zu Fu\u00df in die dritte <em>Etage<\/em>. Dieses Hinaufsteigen empfinden zahlreiche Zeitgenossen, wie ich immer wieder von Neuem vernehme, nicht als normal. Gleichwohl weisen, sogar die hiesigen, Architekten darauf hin, Treppensteigen ist gesund f\u00fcr vieles, geradezu allzu vieles. Bin ich demnach, weil ich trotz meines fortgeschrittenen Alters einigerma\u00dfen gesund bin, bereits anders? Das mag insofern gelten, weil ich kein modisches Anti-Aging betreibe, sondern schlicht das bin, was ich vermag.<\/p>\n<p>Meine Geltung im sozialen Raum beruht f\u00fcr manchen bedauerlicherweise auf meinem Namen, der nicht germanisch ist. Durch ihn bin ich, gerade in \u00d6sterreich, jedoch nicht effektiv anders als eine Vielzahl der Landeskinder. Wer wei\u00df: Vielleicht f\u00e4rbt der Name doch irgendwie ab? Weil er nicht farbig klingt, passt er unter Umst\u00e4nden in ein Schwarz-Wei\u00df-Schema. Aber wenn ich mit jemandem rede, m\u00fcsste doch eigentlich nicht unbedingt der Name am Beginn stehen. Ja das Sprechen \u2026<\/p>\n<p>Womit ich mit einem D<em>\u00e9ja-vu<\/em> wieder beim Anfang meiner \u00dcberlegungen bin \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 17159<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich bin ich gar nicht anders. Ich spreche die gleiche Sprache, ich schreibe dasselbe Idiom. (Ein deutscher Lektor etwa wollte mir Stiege in \u201eTreppe\u201c, Matura in \u201eAbitur\u201c, und \u201eDa schau her\u201c in \u201eSieh einer an\u201c verbessern.) Ich esse sogar leidenschaftlich gern die drei landesspezifischen Kn\u00f6delsorten. 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