{"id":6881,"date":"2017-10-03T17:56:45","date_gmt":"2017-10-03T17:56:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6881"},"modified":"2017-10-03T18:06:21","modified_gmt":"2017-10-03T18:06:21","slug":"verkalkt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6881","title":{"rendered":"Verkalkt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6881&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6881&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es sind wohl wahre Worte, die F. Scott Fitzgerald geschrieben hat, als er Folgendes zu Papier brachte: \u2018Mit achtzehn sind unsere \u00dcberzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit f\u00fcnfundvierzig sind es H\u00f6hlen, in denen wir uns verstecken.\u2019<\/p>\n<p>Die Hellsicht dieses Satzes verbl\u00fcfft mich, denn sein Sch\u00f6pfer pflegte eine Lebensf\u00fchrung, welche meiner nicht un\u00e4hnlich ist, und ich wei\u00df, wie schwer es ist, einen so wahren Satz zu formulieren.<br \/>\nNun, Mr. Fitzgerald, Sie hatten recht, wie auch mit Ihrer These, dass man eine Kurzgeschichte ohne Weiteres mit dem Glas in der Hand schreiben kann. Prost!<\/p>\n<p>Meine Freundin, sie ist f\u00fcnfundvierzig, ich noch nicht, ist eine Frau von festen \u00dcberzeugungen, welche mit meinem Lebenswandel hin und wieder kollidieren. Sie ist der Ansicht, dass unser Badezimmer jeden Freitag geputzt zu werden hat, was mir letzte Woche einfach nicht gelingen konnte.<br \/>\n\u201eMichael, die Kalkflecken auf den Armaturen, die wohl nur von Spritzwasser herr\u00fchren k\u00f6nnen, sind mir ein Dorn im Auge!\u201c, konstatierte sie, und ihr strenger Blick lie\u00df mich vermuten, dass es mit dem vorehelichen Vollzug an diesem Abend nichts werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Verzweifelt ob dieser Tatsache, griff ich, ich gestehe dies, zu einer L\u00fcge, um keine Not leiden zu m\u00fcssen.<br \/>\n\u201eMaria\u201c, sagte ich, \u201eich habe das Bad gestern geputzt. W\u00e4hrend du in der Fabrik am Flie\u00dfband standest, um das Geld f\u00fcr unsere Lebensmittel zu verdienen, habe ich vier Stunden lang geputzt.\u201c Ich setzte meinen treuherzigsten Hundeblick auf und fuhr fort: \u201eIch wei\u00df nat\u00fcrlich, dass es dir h\u00f6chst unrecht ist, wenn ich das Badezimmer bereits am Donnerstag auf Hochglanz bringe, doch gestern \u00fcberkam mich ein Anfall von Reinlichkeit. Danach war ich verschwitzt und habe geduscht, damit ich nicht \u00fcbel rieche, wenn du nach Hause kommst, und dabei sind die Flecken wohl entstanden.\u201c<\/p>\n<p>Sie sah mich entgeistert an, dann sagte sie schroff: \u201eMichael, f\u00fcr die Lebensmittel, die du konsumierst, kommt immer noch deine Frau Mama auf. Von meinem Geld kaufst du blo\u00df Bier, und das in Unmengen. Au\u00dferdem\u201c, nun wurde sie laut, \u201ewas faselst du von Donnerstag? Heute ist Samstag!\u201c<\/p>\n<p>In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich einen Tag verloren hatte. Ich lief zum K\u00fchlschrank und leerte eine Flasche Bier in f\u00fcnf Z\u00fcgen. Dann sagte ich zu Maria: \u201eIch kl\u00e4re die Sache auf und bin in drei\u00dfig Minuten zur\u00fcck.\u201c<br \/>\nIn meinem Stammlokal fragte ich den Wirt, der wirklich so hei\u00dft: \u201eStief, sag, mein Alter, wie viel habe ich in den letzten Tagen getrunken?\u201c<br \/>\n\u201eMehr als du bezahlen konntest, mein Alter\u201c, lautete Stiefs Antwort. \u201eSoll ich dir sagen, wie viele Biere du hast anschreiben lassen?\u201c<br \/>\n\u201eNein, nicht heute\u201c, gab ich zur\u00fcck und dachte instinktiv an meine Freundin und deren Gehaltskonto.<\/p>\n<p>Zerknirscht ging ich nach Hause, wo ein Badezimmer auf mich wartete, das nagelneu nicht besser ausgesehen hatte. Um weitere Misshelligkeiten mit Maria zu vermeiden, lie\u00df ich mir ein armaturschonendes Bad ohne Schaum ein und legte mich dann zu ihr ins Bett.<br \/>\nMeine zarten Ann\u00e4herungsversuche lie\u00df sie zwar ins Leere laufen, doch als ich ihr von der ihrem Kontostand bevorstehenden Rechnung in meinem Stammlokal erz\u00e4hlte, begann sie doch noch zu st\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<br \/>\nErstver\u00f6ffentlichung in der Schweizer Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.bierglaslyrik.ch\/downloads\/bierglaslyrik_ausgabe_33_feb_2016.pdf\" target=\"_blank\">\u201eBierglaslyrik\u201c, Ausgabe 33, Februar 2016<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> |Inventarnummer: 17154<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind wohl wahre Worte, die F. 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