{"id":6866,"date":"2017-08-09T08:52:44","date_gmt":"2017-08-09T08:52:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6866"},"modified":"2017-08-11T07:04:22","modified_gmt":"2017-08-11T07:04:22","slug":"karl-rossmann-kam-nicht-bis-oklahoma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6866","title":{"rendered":"Karl Ro\u00dfmann kam nicht bis Oklahoma"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6866&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6866&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Was der Dichter schafft, das muss so hingenommen werden, wie er es geschaffen hat\u2026 So wie er die Welt gemacht hat, so ist sie.<br \/>\nJ.W. Goethe<\/em><\/p>\n<p>1.<br \/>\nAls der sechszehnj\u00e4hrige Karl Ro\u00dfmann \u2013 ein andermal ist er siebzehn \u2013 am Morgen eines Apriltages im Jahre 1912 mit der \u201eSibylle\u201c der Hamburg-Amerika-Line in den Hafen von New York einfuhr, stand er mit seinem Koffer an der Reling. Wie alle anderen Auswanderer aus dem Zwischendeck erblickte er zum ersten Mal die Freiheitsstatue. Eine G\u00f6ttin mit Schwert, schien sie ihm, so hoch, staunte er, um sie wehen die freien L\u00fcfte, sagte er sich, so also riecht Freiheit. Seine Nase witterte eine Mischung aus Rauch, Diesel, Tang und Fisch\u00f6l. Er wurde fast ohnm\u00e4chtig und begann zu phantasieren. Die Menge schwoll immer mehr an und dr\u00fcckte ihn gegen das Bordgel\u00e4nder. Die M\u00e4nner l\u00fcpften H\u00fcte und M\u00fctzen, die Frauen schwenkten T\u00fccher und Regenschirme.<br \/>\nWie ein einziger Schrei drang Jubel aus tausenden Kehlen, das Ausatmen eines lange ausgesetzten Einatmens, vereint in einer unartikulierten Sprache, der Sprache der Hoffnung. Jeder an Deck, auch Karl Ro\u00dfmann, meinte richtig gesehen zu haben, dass die Liberty ein Schwert hielt, gl\u00fchend wie fl\u00fcssiges Metall. Aber diese Armen wussten es nicht besser, es war Aurora, die Morgenr\u00f6te, die die Fackel in der ausgestreckten Hand f\u00e4rbte und zu einem Schwert umformte. Schwert oder Fackel \u2013 das macht den Unterschied in den Vorstellungen von der Freiheit aus. Kampf oder Licht? Die europ\u00e4ische Geschichte kann es durchdeklinieren. Seit einer gewissen Wahl am 8. November weint sie und l\u00e4sst die ru\u00dfende Fackel nach unten sinken.<\/p>\n<p>Weil Karl sich im Augenblick stark f\u00fchlte, hob er im \u00dcbermut seinen Koffer auf die Achsel. Er hatte keinen Regenschirm verloren, weil er keinen bei sich hatte. Ein sechszehnj\u00e4hriger Provinzler pflegt keinen Regenschirm mit sich zu tragen, wenn er nach Amerika verfrachtet wird. Vor der Abreise war ihm zumute gewesen wie einem, der ins Wasser geht Seine Familie hatte ihn versto\u00dfen, wie eine r\u00e4udige Katze vor die T\u00fcr geworfen, ihn daf\u00fcr bestraft , die dreiunddrei\u00dfigj\u00e4hrige K\u00f6chin Johanna Brummer verf\u00fchrt zu haben. Karl glaubt sich zu erinnern, dass es umgekehrt war. Ist die schwarze K\u00f6chin da? Ja, ja, ja! Er muss nicht unbedingt von der Reling in den Schiffsbauch zur\u00fcckgekehrt sein, nicht seinen Regenschirm vergessen und daher auch weder den Heizer, noch Franz Butterbaum noch den ungerechten Kassierer Schubal, keine K\u00f6chinnen, Matrosen und Offiziere und auch keinen Kapit\u00e4n getroffen haben.<\/p>\n<p>Mit M\u00fche das Gleichgewicht haltend und mit dem Koffer auf der Schulter ausbalancierend, wurde er in der festen Menschenmasse die steile, schwankende Fallreep hinuntergeschoben, vorne und dahinter von tausenden tappenden Menschenf\u00fc\u00dfen begleitet. Alle diese K\u00f6rper dr\u00e4ngten in einer umgekehrten Sisyphus-Bewegung in die Tiefe. Gl\u00fcck f\u00fcr die Ordnungsh\u00fcter, in dieser Enge konnte niemand umfallen und Unordnung verursachen. Gep\u00e4ck und Kleinkinder konnten schon verloren gehen, aber niemand wurde danach gefragt und niemand beschwerte sich.<\/p>\n<p>Zum letzten Mal verschmolzen die Auswanderer, die die H\u00f6lle des Zwischendecks \u00fcberlebt hatten, zu einem einzigen K\u00f6rper wie die Sandk\u00f6rnchen in der brodelnden Glasblase. Das schiffbr\u00fcchige Europa meinte, endlich im Paradies angekommen zu sein.<br \/>\nBevor sie von der \u201eSibylle\u201c den Fu\u00df auf den Boden Amerikas setzten, baumelten die Passagiere am Fallreep \u00fcber dem Nichts, eine Ameisenstra\u00dfe auf einem Grashalm, auf Trittseilen die Bordwand entlang steil hinunter. Karl tr\u00e4umte vor sich hin, dass die Menschen Gummib\u00e4nder an den F\u00fc\u00dfen h\u00e4tten, die sie, wenn sie von der Fallreep herunterpurzelten, wieder hochschnellen lie\u00dfen. Das k\u00f6nnte man unz\u00e4hlige Male wiederholen. So ginge niemand verloren, und manche h\u00e4tten sogar noch Spa\u00df dabei. Der erste Weg in die Freiheit f\u00fchrte zuerst einmal in den Abgrund. Seit dem Untergang der Titanic waren erst acht Wochen vergangen, und die Leichen der Ertrunkenen kamen gerade bei Neufundland angeschwemmt . Die von der Lusitania sollten erste drei Jahre sp\u00e4ter an den atlantischen K\u00fcsten anlanden. Klein wie ein Froschteich ist das Mittelmeer dagegen. Was hat Amerika zu Amerika und gro\u00df gemacht?<\/p>\n<p>Amerikanische und j\u00fcdische Fundamentalisten glauben, dass die Arche Noah nicht am Berg Ararat gestrandet ist, sondern 7000 Meilen weiter westlich, und das w\u00e4re genau in New York, auf der Insel Mana-hata der Algonquin-Indianer, ihrem \u201eh\u00fcgeligen Land\u201c, oder im Nieuw Amsterdam der Niederl\u00e4nder. Da aber bisher keinerlei pr\u00e4historische \u00dcberreste gefunden wurden, steht uns die gro\u00dfe Flut vielleicht noch bevor.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nDie \u201eSibylle\u201c hatte Gl\u00fcck, sie musste keine gelbe Flagge aufziehen, wie zuvor die Schwesternschiffe \u201eNormannia\u201c, \u201eMoravia\u201c und \u201eRiga\u201c. Diese wurden weit drau\u00dfen, sieben Meilen vor der S\u00fcdspitze Manhattens in der Lower Bay vor Anker gesetzt. Gelbe Flagge hie\u00df Seuchengefahr, Cholera. Eindeutig lautete die Warnung des Polizeichefs: Wer von Bord geht, wird erschossen. Kriegsschiffe bewachten die Auswanderer. Je l\u00e4nger sie dort lagen, desto mehr Passagiere st\u00fcrzten sich von Bord der arretierten Schiffe. Kaum einer der Emigranten aus S\u00fcd- und Osteuropa konnte schwimmen. In der Stadt wollten die Bewohner keinen Fisch mehr essen. Trotzdem starben in New York jeden Tag neun Menschen an der Cholera. Die Furcht vor Seuchen weitete sich zu einer allgemeinen Hysterie aus. Wie der Erreger in die Stadt gelangt war, blieb ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Die \u201eNew York Times\u201c forderten, die \u201eschmutzigen Italiener, besoffenen Iren und verlausten Juden\u201c nicht mehr ins Land zu lassen.<br \/>\nDoch wer daran die Schuld trug, glaubten die Amerikaner zu wissen: die Ausl\u00e4nder.<br \/>\nSie waren arm, krank, lebten in Slums, hatten keine Arbeit und verpesteten die Stadt. Die alten Amerikaner hassten die Immigranten aus vollem Herzen, die Presse hetzte offen. Sie sahen in ihnen minderwertige, halb menschliche Wesen und hielten sie sich m\u00f6glichst vom Leib. Schlimmer als r\u00e4udige Hunde und Ratten, druckten die NYT und gaben damit die Anregung, wie mit ihnen umzugehen sei. Vielleicht bringen sie nicht nur Seuchen und Ungeziefer, sondern auch Unfrieden? Soziale und kulturelle Konflikte waren vorgeplant.<br \/>\nIn den fr\u00fchen Jahren der europ\u00e4ischen Migration brachten viele M\u00e4nner auch noch ihre Pferde mit, was vor allem in den St\u00e4dten zu Chaos f\u00fchrte, wenn sie nicht schnell genug nach Westen weiterziehen konnten. Es geh\u00f6rt zu den Kuriosit\u00e4ten der Geschichtsvergessenheit, dass der angeblich uramerikanische Mythos vom Cowboy auf die Pferde der Einwanderer zur\u00fcckgeht.<br \/>\nVor allem den Immigranten aus S\u00fcd-Osteuropa wurde attestiert, nicht assimilierungswillig zu sein und aus Mangel an Kultur grunds\u00e4tzlich unf\u00e4hig, die amerikanische Welt zu verstehen. Wertekurse wurden damals nicht angeboten. Von allen Immigranten wurden nur die Deutschen einigerma\u00dfen willkommen gehei\u00dfen, wegen des ihnen nachgesagten h\u00f6heren Bildungsniveaus, ihres Arbeitseifers und strengen Familienzusammenhalts.<\/p>\n<p>In der NYT wird ihre ausgepr\u00e4gte \u201eAchtung vor dem Staat und dem Gesetz\u201c hervorgehoben. Vor allem im Mittelwesten und in den New Yorker Stadtteilen Bronx und Queens bildeten sie kompakte Ansiedlungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die H\u00e4lfte der New Yorker B\u00fcrger nicht in dieser Stadt geboren. Donald Trumps Gro\u00dfvater Friedrich, ein Friseur aus der Pfalz, kam 1892 mit solch einem Transport an. Eine Schwester und ihr Mann lebten schon in New York, sp\u00e4ter noch eine Schwester mit Mann, Friedrich selbst brachte seine Frau aus Deutschland und eine dort geborene Tochter ins Land. Die Trumps hatten weitere famili\u00e4re Beziehungen zu den Heinzs und Krafts, die in der Lebensmittelindustrie Markennamen und Verm\u00f6gen machen sollten. Seinem Sohn Fred konnte Friedrich schon ein Millionenverm\u00f6gen hinterlassen, das er in der Immobilienbranche gemacht hatte. Am 8. November 2016 ist Trump, der III., Donald, zum 45. Pr\u00e4sidenten der USA gew\u00e4hlt worden. Der tuberkul\u00f6se Karl Ro\u00dfmann hat von seinem Schicksal weniger Chancen zugemessen bekommen.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nUm die Massen nicht unkontrolliert ins Land str\u00f6men zu lassen, richtete man ab 1892 auf Ellis Island rund zwei Kilometer vor der Spitze von Manhattan auf einem elf Hektar gro\u00dfen Areal eine gigantische Selektions- und Kontrollfabrik ein. Der \u201eImmigration Act\u201c verf\u00fcgte, dass Verbrechern, Kranken und Schwachen die Einreise verweigert wird. Im Schnitt werden zwanzig Prozent dieser Prozedur unterworfen. Sie werden abgesondert, es folgt tagelanges Warten und die Verfrachtung auf ein Schiff zur\u00fcck nach Europa. Die Kosten m\u00fcssen die Reedereien tragen, die sie nach Amerika gebracht haben. Manche Familien werden zerrissen, wenn die Mutter wegen eines kranken Kindes zur\u00fcckfahren muss und der Vater in den USA bleiben darf. Wegen dieser st\u00e4ndigen Trag\u00f6dien wird Ellis Island auch die Tr\u00e4neninsel genannt. Galgen-Insel hie\u00df dieser Flecken Land unter den Holl\u00e4ndern, weil hier Piraten aufgeh\u00e4ngt wurden. Wie sch\u00f6n noch der Name, den ihr die indianischen Ureinwohner gegeben hatten: Kiosqu \u2013 M\u00f6weninsel.<\/p>\n<p>Die Neue Welt zeigt sich zun\u00e4chst abweisend. Wer durch die erste Sortierung kommt, ger\u00e4t in eine gigantische Maschinerie, in ein militarisiertes System von Schleusen, K\u00e4figen und Flie\u00dfb\u00e4ndern. Er muss in der 1800 m\u00b2 gro\u00dfen und acht Meter hohen Registrierhalle auf langen B\u00e4nken Platz nehmen und auf den Aufruf seines Namens warten. Stundenlang, tagelang, immer in Angst, ihren Namen zu verpassen oder eine Anweisung nicht zu verstehen. Sie wissen nicht, wie lange sie in dieser Zwischenh\u00f6lle bleiben m\u00fcssen und was mit ihnen geschehen wird. Die Halle ist in Schlangenlinien durch Eisengitter getrennt und hat einen Galeriengang, von dem aus die Medizinstudenten das Geschehen beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das System ist brutal und effizient: Als Erstes werden die Geschlechter getrennt, dann Fragen nach Name, Herkunft, Beruf, Zielort, Unterschrift. Analphabeten werden sofort beiseite geschafft. Als Intelligenztest \u2013 ein neuer Zugriff der damals noch jungen Disziplin der Psychiatrie &#8211; muss der Immigrant ein einfaches Puzzle aus Kl\u00f6tzen legen k\u00f6nnen und allerhand obskure Fragen beantworten: \u201eWenn ein Junge seine Eltern aufisst, was ist er dann?\u201c Nicht Kannibale, sondern Waise, ist die richtige Antwort. Oder: \u201eWenn Sie zwei Pferde, drei K\u00fche und vier Schafe h\u00e4tten, wie viele Tiere h\u00e4tten Sie?\u201c, wird ein osteurop\u00e4ischer Bauer gefragt. Er kann zwar nicht zusammenz\u00e4hlen, gibt aber eine logische Antwort: Wenn ich so reich w\u00e4re, h\u00e4tte ich nicht auswandern m\u00fcssen. Der Bericht eines Psychologen best\u00e4tigt den Russen, Italienern und Ungarn zu achtzig Prozent \u201eSchwachsinn\u201c.<\/p>\n<p>Wird eine ansteckende Krankheit festgestellt, kommt er in eine Spezialklinik.<br \/>\nTuberkulose, Diphtherie, Keuchhusten und Masern sind am h\u00e4ufigsten. Manch einem Ank\u00f6mmling hat die Quarant\u00e4ne aber auch das Leben gerettet, vor allem Kindern und Jugendlichen.<\/p>\n<p>Durch die H\u00e4nde der uniformierten \u00c4rzte und Sanit\u00e4ter gehen t\u00e4glich bis zu 12 000 Menschen. Brutal und effizient. In der Kinderstation h\u00e4ngen Schilder an den W\u00e4nden \u201eDon\u2018t kiss the patients!\u201c, eine Warnung, sollten die Krankenschwestern von Mitleid \u00fcberw\u00e4ltigt werden. Zur Zeit, als Karl Ro\u00dfmann von Bord gehen wollte, kamen j\u00e4hrlich ungef\u00e4hr 500 000 Immigranten in New York an. In den drei\u00dfig Jahren der Nutzung von Ellis Island trafen zw\u00f6lf Millionen Menschen ein. Bis zur gro\u00dfen Krise Ende der 20-er Jahre konnte die amerikanische Wirtschaft die fremden Arbeitskr\u00e4fte leicht aufnehmen. Im 2. Weltkrieg diente Ellis Island als Internierungslager f\u00fcr enemy aliens, die Staatsb\u00fcrger der Kriegsgegner.<\/p>\n<p>1954 wurde Ellis Island geschlossen und ist seit 1965 ein Museum. Die Auslese der Einwanderer erfolgt seither an den US-Botschaften oder wird ihnen durch ein Pr\u00e4sidenten-Dekret untersagt. Es gibt wahrscheinlich keine andere Stadt der Welt, die so sehr von den Einwanderern gepr\u00e4gt ist wie New York. Der Besuch von Ellis Island mit Hafenrundfahrt zur Freiheitsstatue geh\u00f6rt zu den beliebtesten Touristenattraktionen am Big Apple.<\/p>\n<p>4.<br \/>\nVon all dem ahnten die Passagiere der \u201eSibylle\u201c im April 1912 nichts. Karl Ro\u00dfmann glaubte bei seiner Ankunft noch, dass er direkt vom Pier von seinem steinreichen Onkel Jakob abgeholt wird. Seine Eltern, die ihn als Strafe f\u00fcr eine verwerfliche Tat allein weggeschickt hatten, wussten nichts von dem unerbittlichen System auf Ellis Island. Vom Nadel\u00f6hr der Quarant\u00e4nestation hat keiner der Emigranten etwas geh\u00f6rt und nichts von den undurchdringlichen Gesetzen ihres Sehnsuchtslandes. Die damaligen Schlepper \u2013 die Schifffahrtsgesellschaften \u2013 gaben aus Gr\u00fcnden der Gewinnmaximierung keine Informationen weiter. Sie f\u00fcllten ihre Zwischendecks mit so vielen Passagieren, dass die Schiffe gerade nicht untergingen.<\/p>\n<p>Karl Ro\u00dfmann ist jung und \u00fcbersteht die Todespassage ohne Schaden, wie er selbst dem Kapit\u00e4n versichert. Aber er trifft keinen Heizer, keine K\u00f6chinnen, keine Kehrer, keinen verbrecherischen Kassier Schubal, keinen Franz Butterbaum, keine Kassierer, keine Schiffsoffiziere, keinen Kapit\u00e4n und auch erst recht nicht seinen steinreichen Onkel Jakob, den selbsternannten Senator Edward Jakob, der vom Jakob Bendelmayer zum stolzen Amerikaner geworden war. Karl betritt keine von Kafkas Treppen, keine G\u00e4nge, K\u00fcchen, Heizr\u00e4ume und Kapit\u00e4nskaj\u00fcten. Er besteigt keinen Kahn mit Matrosen, die ihn im Auftrag des Kapit\u00e4ns zusammen mit dem Onkel ans Ufer rudern sollen. Er wird nie in Jakobs Firma aufgenommen, nie im gigantischen Hotel Occidental als Liftboy dienen, auch nie die perverse S\u00e4ngerin Brunelda kennenlernen und in ihre Dienste treten, nie das \u201eGro\u00dfe Naturtheater von Oklahama\u201c sehen, nie ein ber\u00fchmter Hundetrainer werden und auch kein Engel mit Posaune. \u201eDie Idylle von Oklahama\u201c, die Arthur Holitscher in seinem Buch von der Neuen Welt anf\u00fchrt und von der Kafka die falsche Schreibung von Oklahama \u00fcbernimmt, ist in Wirklichkeit eine Fotografie einer Lynchjustizszene an einem Schwarzen, umringt von vergn\u00fcgungss\u00fcchtigen Wei\u00dfen.<\/p>\n<p>Weil die Fahrt der \u201eSibylle\u201c am Pier von Ellis Island endet, wird er nie seinen Fu\u00df auf Manhattan setzen. Im Labyrinth der Tr\u00e4neninsel verliert sich die Spur des Karl Ro\u00dfmann. Den Verschollenen k\u00f6nnen die Verwandten nach einer bestimmten Frist f\u00fcr tot erkl\u00e4ren lassen. Er hat von zu Hause ein Mitbringsel im Gep\u00e4ck, die Tuberkulose. Sein unaufhaltsamer Abstieg von der Fallreep nach Ellis Island wird sein einziger bleiben, und von Amerika hat er nicht mehr gesehen als das falsche Schwert der Liberty.<\/p>\n<p>1.6.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17151<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was der Dichter schafft, das muss so hingenommen werden, wie er es geschaffen hat\u2026 So wie er die Welt gemacht hat, so ist sie. J.W. Goethe 1. 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