{"id":6859,"date":"2017-08-10T08:46:41","date_gmt":"2017-08-10T08:46:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6859"},"modified":"2017-09-17T11:37:26","modified_gmt":"2017-09-17T11:37:26","slug":"alla-gerber-war-in-abramcewo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6859","title":{"rendered":"Alla Gerber war in Abramcewo"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6859&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6859&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Alla S. Gerber lernte ich in ihrem dritten Leben kennen, wie sie ihre Zeit mit Jelzin nannte. Sie sa\u00df als Abgeordnete in der ersten Duma, und Ende der 90-er Jahre machte er sie zur ersten Direktorin des eben gegr\u00fcndeten Moskowskij Zentr Golokost (MZG). An dieser Institution arbeiteten auch die \u00f6sterreichischen Gedenkdiener, die von der Botschaft, also von mir, betreut wurden.<br \/>\nAlla war eine sch\u00f6ne, elegante Dame von siebzig plus, geistig und k\u00f6rperlich agil, wortreich und voller Energie. Wir konnten von Anfang an gut miteinander und setzten viele Pl\u00e4ne um. Da schienen sich zwei Gleichgestimmte getroffen zu haben. Gesegnet mit einer gro\u00dfen Portion Humor, mit dem sie auf ihre drei Leben blickte.<br \/>\nUnd hallo, jetzt kommt das vierte mit dir!<\/p>\n<p>Als \u00f6ffentliche Figur wahrgenommen habe ich Alla S. Gerber schon fr\u00fcher, als absolute Ausnahmeerscheinung im russischen TV, in den Endlos\u00fcbertragungen aus der eben entstehenden Duma, die sich gerade damit m\u00fchte, sich vom Obersten Sowjet zu einem richtigen Parlament zu entwickeln. In dieser historischen Zeit hielt ich mich manchentags bis zu 16 Stunden im Kreml auf. Es gab noch keine Handys.<\/p>\n<p>Aller S. Gerber war dabei eine wichtige Stimme. Sie war elegant und gestylt, redegewandt, emotional, doch ohne nationalistisches Pathos und immer mit einem Schalk im Auge. Ich mochte sie schon aus der Ferne. In diesen Jahren lernte ich nur noch zwei andere Frauen kennen, die mich so beeindruckten. Die eine war Galina Strarowoitowa, die mutige Petersburger Abgeordnete der neuen Demokraten, ermordet von der Mafia im zweiten Wahlkampf. Mit ihr hatte ich aber nur ein schnelles Gespr\u00e4ch w\u00e4hrend einer krawallischen Demonstration. Und in Tatarstan die islamische Pr\u00e4sidentin Ibragima Selimwowitschna Karaulowa der autonomen Republik Tatarstan Sch\u00f6n, aufrecht, in traditioneller Prachtkleidung, ohne Kopftuch mit einem dicken schwarzen Haarzopf \u00fcber der linken Schulter. Absolut souver\u00e4n und \u00fcberzeugend, unterstrichen von ihren fast zwei Metern. Die Entwicklung eines aufgekl\u00e4rten russischen Islam, das war ihr Projekt, heraus aus der Verbannung.<br \/>\nIch traf sie nur einmal in ihrem Palast in der Hauptstadt Samara zu einem Interview. Im Duma-Fernsehen war sie oft beeindruckend anwesend. Aber Alla Gerber habe ich kennengelernt, wirklich und leibhaftig. Und mich mit ihr befreundet, wie ich meinte. Was f\u00fcr ein Irrtum!<\/p>\n<p>In meinem pers\u00f6nlichen Ranking stand Alla Gerber an der Spitze.<br \/>\nIn der ersten Amtszeit des russischen Pr\u00e4sidenten war sie Abgeordnete f\u00fcr den Wahlkreis Birobitschan, fr\u00fcher eine autonome Region, die Stalin f\u00fcr die Sammlung der sowjetischen Juden ausgedacht hatte. Eine sowjetische Phantasie wie Madagaskar oder Uganda auf der anderen Seite, alle Juden in einem Gebiet zu versammeln. Birobitschan ist ein Landstrich in Ostsibirien von der dreifachen Gr\u00f6\u00dfe Deutschlands, ein Binnengebiet ohne jegliche Aussicht auf Prosperit\u00e4t, mit einer menschenfeindlicher Natur in der unfruchtbaren Tundra und fast menschenleer. Sie bekamen nie gen\u00fcgend M\u00e4nner zusammen f\u00fcr einen einzigen Kaddish. Die Urv\u00f6lker wie die nomadischen Ewenken, Nanken oder Tschuktschen hatte man schon im ersten F\u00fcnfjahresplan vertrieben, umgebracht oder in Kolchosen kollektiviert. Eine alte Regel, aber noch schlimmer als in der zaristischen Kolonisierung Sibiriens.<br \/>\nZumindest das Nomadentum hatten ihnen die Zaren nicht austreiben wollen.<br \/>\nDie freiwilligen Ansiedlungskampagnen von Juden hatten nie Erfolg, zwangsm\u00e4\u00dfige gab es bis auf kleine Ausnahmen keine. Sie setzten Ende der 30-er Jahre ein, wurden aber mit dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion eingestellt. Aber dar\u00fcber wei\u00df man noch sehr wenig, gibt auch Alla zu. Sie w\u00fcrde das gerne erforschen, wenn man sie l\u00e4sst und ihr Gelegenheit gibt. In die Thematik des deutschen Golokost Zentr passt es allerdings nicht. Denn der sowjetische \u201eGolokost\u201c mit den vorgelagerten Fragen zum sowjetischen Antisemitismus ist noch immer kein Thema.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde sie gerne noch erleben, sagt sie. Sie schildert ihre Ersch\u00fctterung \u00fcber den neuen Antisemitismus in Erinnerung an die j\u00fcngsten Ereignisse in Belarus. Sie hatte unl\u00e4ngst als Pr\u00e4sidentin des MZG bei Minsk und Mogiljew Gedenkst\u00e4tten f\u00fcr die Opfer des Holocaust er\u00f6ffnet, am n\u00e4chsten Tag waren sie verw\u00fcstet, bis zur letzten kleinen Tafel zerschmettert und in den Boden getreten. Das gleiche Bild im westrussischen Smolensk und Kaluga. So wie Alla ist, erz\u00e4hlt sie ungesch\u00fctzt, dass sie selbst das Wort Golokost nicht kannte, am Anfang nicht aussprechen konnte und \u00fcben musste, ein Zungenbrecher, im Russischen vollkommen ohne Bedeutung. Genauso wie Shoah, nur k\u00fcrzer.<br \/>\nEine Gedenkkultur \u00fcber die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden durch das Nazi-Regime gibt es in Russland nicht. In der Sowjetunion war es verboten, ein Volk oder eine Nationalit\u00e4t auszuzeichnen f\u00fcr den jeweiligen Beitrag zum Sieg \u00fcber den faschistischen Feind. Es gab nur das EINE siegreiche sowjetische Volk. Keine Zahlen, kein Gedenken, keine Denkm\u00e4ler.<\/p>\n<p>Jahrelang ging ich durch den pomp\u00f6sen Eingang des Schriftstellerklubs in Moskau, bis ich einmal innehielt und die Gedenktafel f\u00fcr die im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg geopferten Mitglieder, eingemei\u00dfelt in Goldbuchstaben in zwei langen Marmortafeln, las. Meiner Z\u00e4hlung nach war es etwa ein Drittel mit mir j\u00fcdisch erscheinenden Namen. Kein Garant, denn bei der Stalin\u2018schen Verfolgung der \u201ej\u00fcdischen Verschw\u00f6rung\u201c um 1948 lie\u00dfen viele russische Juden ihren Namen in einen unverf\u00e4ngliche Iwan Simonow oder Sergej Iwanow um\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Jelzin meinte mit der bekannten Menschenrechtlerin Alla Gerber \u2013 ob er wusste, dass sie J\u00fcdin, war, wei\u00df sie selbst nicht \u2013 die ideale Kandidatin f\u00fcr diesen fernen Landstrich gefunden zu haben. Ein historischer Witz der besonderen Art, meinte sie, ohne Groll. Sie hatte weder etwas mit Birobidschan noch mit dem Judentum am Hut. Ihre Familie, kommunistisch assimilierte Intellektuelle, Universit\u00e4tsprofessoren, Anw\u00e4lte, Kaufleute und Journalisten, stammte aus Kiew und wurde von den Nazis vollst\u00e4ndig ausgerottet.<br \/>\nAls kleines M\u00e4dchen von menschenfreundlichen Nachbarn zuerst versteckt und dann nach Moskau gebracht. Nur der \u00dcberfall auf die Sowjetunion und der Holocaust hatten sie indirekt zu einer J\u00fcdin gemacht.<br \/>\nAls sich die Nachricht vom Heranr\u00fccken der Wehrmacht auf Kiew verbreitete, setzte sich ihr \u00e4ltester Bruder in Kiew auf eine Parkbank, in seiner besten Kleidung, mit Gehst\u00f6ckchen, Hut und einer Ausgabe der Times unter dem Arm. Er wartete auf die Befreiung von Kommunismus und der Unfreiheit durch das Kulturvolk der Deutschen. Er war Journalist mit Hang zum Dandytum und gl\u00fchender ukrainischer Anti-Kommunist. Niemand konnte ihn \u00fcberzeugen, dass er fliehen m\u00fcsse, solange er noch konnte. Er wollte das nicht glauben.<br \/>\nAlles verdammte kommunistische Propaganda. Ein Volk, das einen Kant, Beethoven und Nietzsche hervorgebracht hat, unvorstellbar \u2026, das sind unsere Befreier, die konnten doch nicht &#8230;, nein, unm\u00f6glich!<\/p>\n<p>Jakov S. Gerber war wahrscheinlich einer der ersten von den 30 000 Kiewer Juden, der f\u00fcr den Todesmarsch nach Baby Jar eingesammelt wurde, von der Bank im Stadtpark aufgelesen.<br \/>\nIn ihrem zweiten Leben war Alla Gerber Journalistin und wissenschaftliche \u00dcbersetzerin f\u00fcr Englisch und Franz\u00f6sisch. Eine relativ ruhige Bucht ohne Ideologie. Sie war die geborene Dissidentin, meint sie, mit dieser Familiengeschichte nicht anders m\u00f6glich. So geh\u00f6rte sie zu den 14 Demonstranten, die 1968 in Moskau gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei demonstriert haben. Sp\u00e4ter, im Helsinki-Prozess, setzte sie sich f\u00fcr die zwangshalber in die Psychiatrie eingelieferten Intellektuellen und K\u00fcnstler ein, eine professionelle Dissidentin. Mehrmals festgenommen, verh\u00f6rt, aber nie verurteilt, nie im Gef\u00e4ngnis oder Lager.<\/p>\n<p>Seit Gorbatschows Glasnost und Perestroika war sie Dauerdemonstrantin in allen Teilen der Sowjetunion, sie unterst\u00fctzte den Bergarbeiterstreik in der Ukraine, die Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen der baltischen und kaukasischen Republiken, reiste unerm\u00fcdlich durchs Land und stellte Dokumentationen f\u00fcr Zeitungen und das Fernsehen zusammen. Dazu \u00fcbersetzte sie unerm\u00fcdlich bis dahin in der Sowjetunion verbotene B\u00fccher und gab viele russische Autoren heraus. Eine wunderbare Zeit, die sch\u00f6nste, erinnert sie sich, weil die Menschen voller Hoffnung waren, Morgenluft von Freiheit witterten. Am Horizont d\u00e4mmerten die ersten Strahlen einer russischen Demokratie. Alles schien m\u00f6glich. Russland w\u00fcrde sich selbst befreien k\u00f6nnen und in den Strom der allgemeinen Menschheitsgeschichte zur\u00fcckkehren. Ich pflichtete ihr bei, hatte ich doch diese Jahre als Journalistin genauso erlebt. Ich vermute, das gefiel ihr an mir und verband uns. Endlich eine Ausl\u00e4nderin, der man nicht alles vom kleinen Einmaleins an \u00fcber Russland beibringen musste.<br \/>\nIch arbeitete in vielen Projekten mit ihrem MGZ zusammen. Ich wage zu behaupten, dass ich es zusammen mit der engagierten Arbeit der Gedenkdiener zu einer gewissen Bl\u00fcte und Bekanntheit bringen konnte. Von der Wiener Zentrale hatte ich volle Unterst\u00fctzung, es waren die Jahre nach Vranitzkis Gedenk-Rede.<\/p>\n<p>Langsam wurden wir so gut miteinander bekannt, dass ich es wagte, sie auf meine Datscha in Abramcewo einzuladen. Dieser Ort war mein privates Sanktissimum, das \u00f6ffnete ich nicht jedem.<br \/>\nEin wunderbarer August-Samstag, ich holte Alla an ihrer Wohnung beim Gagarin-Platz ab, und wir schaukelten in meinem Jeep Nissan Patrol \u00fcber die Jaroslawskoje Schossee aus Moskau raus nach Nord-Westen in Richtung Sergijew Posad. Im Fond meine jugoslawische H\u00fcndin Laika und mehrere Katzen, alle vom Dorf.<\/p>\n<p>Ein Bilderbuch-Sommertag, fast kitschig, fast schon zu oft beschrieben in der russischen Literatur. Ein sp\u00e4tes Mittagessen im Garten, ein kleiner Spaziergang zur heiligen Quelle des Sergius von Radonesch, Kaffee-Jause, Gespr\u00e4che, Alla im Liegestuhl ruht und d\u00f6st, die Brille sinkt auf die Zeitung. Der Hund und die Katzen tollen im Gras. Einige Vogelstimmen, ansonsten Stille. Eine wahre Idylle, kann man das nennen, Frieden pur. Als sie unter den niedrigen Strahlen der westlichen Sonne die Augen aufschl\u00e4gt, f\u00e4llt ihr der Kirschgarten ein, obwohl es au\u00dfer einer verkr\u00fcppelten Weichsel bei mir keine \u00c4hnlichkeit zu den Cechow\u2018schen G\u00e4rten gibt. Alles umstanden von hohen Nadelb\u00e4umen. Wissen Sie was, es ist noch sch\u00f6ner bei Ihnen, weil hier keine Menschen st\u00e4ndig allerhand unn\u00fctzes Zeug reden. Sie hatte wieder die Cechow-Bilder vor sich oder auch zeitgen\u00f6ssisches Datschen-Leben.<\/p>\n<p>Beim Abendessen wieder meine tausend Fragen zu Allas Leben. Sie leistet keinen Widerstand. Offenbar kann ich sie zum Erz\u00e4hlen anregen. Mein Journalisten-Blut ruht nicht, alles wissen und verstehen zu wollen, und Alla ist eine faszinierende Erz\u00e4hlerin. Sie kann in ihrer Lebensgeschichte auf- und abgehen wie in einem breiten Stiegenhaus. Es ist Weltgeschichte im Brennglas eines einzigen individuellen Lebens. Die ber\u00fchmte Fliege eingeschmolzen in einen Tropfen Harz, 44 Millionen Jahre im Bernstein. Das alles garniert mit einer F\u00fclle von Selbstironie und Souver\u00e4nit\u00e4t. Als politische Aktivistin, Wahlwerberin und Deputierte zur Duma hat sie auch viel Dramatik angesammelt, viele Einblicke, viele Anekdoten. Wir lachen gemeinsam, und ich kann gar nicht genug davon kriegen.<br \/>\nSo kommt auch die Geschichte ihres \u00e4ltesten Bruders ans Tageslicht, ihre Kindheit im Kiew der Vorkriegszeit, das Wenige aber deutlich, ihre Eltern, die noch auf den Ansiedlungsrayon beschr\u00e4nkt waren, sich von der bolschewistischen Revolution befreit f\u00fchlten und die Chance bekamen, sich zur Elite hochzuarbeiten. F\u00fcr mich Zeitgeschichte eins zu eins. Sie wundert sich selbst, sie erz\u00e4hlt das alles zum ersten Mal jemandem Fremden.<br \/>\nObwohl, wenn sie es so bedenkt, hat sie ihr Leben immer auch f\u00fcr den Dandy-Bruder gelebt. Es geht ihr erstaunlich leicht von den Lippen. Wie es im Herzen aussieht, kann ich nat\u00fcrlich nicht sehen. Trotzdem kommt es zum ersten Du-Angebot. Einfach Alla-Veronika, sie will keinen Vaternamen, nicht wegen des Solomonowitsch an sich, sondern wegen der L\u00e4nge. Wir waren ausgelassen und entspannt. Auch sie war an meinem Leben interessiert. Eine neue Freundin in Moskau, dachte ich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Alla ist das G\u00e4stezimmer vorbereitet, sie m\u00f6chte sich zur\u00fcckziehen, vermisst aber zuletzt ihre Lesebrille. Wir suchen sie in ihrem Gep\u00e4ck, mit Taschenlampen im Garten, im Haus, in K\u00fcche Badezimmer und Garderobe. Vergeblich. Macht nichts, sie ist ohnedies zu m\u00fcde zum Lesen. Ein langer Tag. Alla legt sich schlafen.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter entdecke ich beim Aufr\u00e4umen des Tisches die Brille unter einer Sch\u00fcssel. Ganz sicher bin ich, dass ich im Bewusstsein meiner neuen Vertrautheit mir vorgenommen habe, sie auf ein neues Modell einzuladen. Dieses alte sowjetische Gestell passte einfach nicht zu ihr, sonst in allem so elegant. Schnell mache ich noch einen Tee, stelle Kanne und Tasse auf ein Tablett, lege dazu die Brille, stolz. Ich klopfe leise an ihrer T\u00fcr, lausche, h\u00f6re keine Antwort und trete trotzdem ein.<\/p>\n<p>Dieser kleine Schritt sollte einer meiner gr\u00f6\u00dften Fehler sein. Im Licht der kleinen Nachttischlampe sehe ich, wie sich ihr Oberk\u00f6rper aufb\u00e4umt wie unter dem Schlag eines Defribrillators. Dazu schmei\u00dft sie in heftigster Abwehr die H\u00e4nde nach vorne und schreit in h\u00f6chster Stimmlage: Won, won, won &#8211; weg, weg, weg, immer wieder, es steigert sich, ich geh nicht mit, weg, weg von hier. Dabei sind die Augen aufgerissen, gr\u00f6\u00dfer, runder und hohler als im Schrei-Gem\u00e4lde. Wahrscheinlich verst\u00e4rkt durch das Fehlen der Zahnprothesen. Bin nicht sicher, wage nicht richtig hinzusehen und zittere immer noch vor diesem Anblick.<br \/>\nIch war zu der geworden, die sie abholen sollte, wie ihren Bruder und die ganze Familie.<br \/>\nMir gelang es gerade noch, mich mit dem schwankenden Tablett zur\u00fcckzuziehen. Drei Zimmer weiter in meinem Bett sitze ich die ganze Nacht aufrecht und zitterte. Ich hatte in die H\u00f6lle geblickt.<\/p>\n<p>Wir fr\u00fchst\u00fcckten am n\u00e4chsten Morgen wenig und stumm. Welche Worte h\u00e4tte es geben sollen? Drau\u00dfen wieder ein traumhaft sch\u00f6ner Tag. Alla packte ihre Sachen und bedeutete mir, dass sie sofort nach Moskau zur\u00fcckfahren wollte. Won-weg. Auch die Fahrt zur\u00fcck wortlos, kein Blick, keine Verabschiedung. Nicht einmal ihr Gep\u00e4ck darf ich hinauftragen. Nur weg von mir und diesem Erlebnis. Mehrmals habe ich angerufen, ohne Antwort, mehrmals an ihrer Wohnungst\u00fcr am Gagarin-Platz gekratzt, habe gejault wie ein versto\u00dfener Hund und die T\u00fcrschwelle abgeleckt, die Taschen voll mit Geschenken und Leckerbissen, die sie mochte. Zum Beispiel, alle Sorten von Danone-Joghurts, damals neu in Moskau und bisher nur in meinem Supermarkt zu haben. Ich lie\u00df sie da stehen. Die Berge von Joghurt vor ihrer T\u00fcre waren das Letzte. Eine banale Schei\u00dfe. Trauer, Hohn und viel Wut. Das ist alles, was du mir l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Eine Entschuldigung vielleicht, Vergebung, aber wof\u00fcr? Verbrechen und Strafe. Was hatte ich getan, ihr angetan? Ging es ihr besser so? Ich lebte einige Zeit in einer Zwischenwelt von Schuld und S\u00fchne und hoffte nur noch, dass der Schock erst bei ihr, und dann bei mir nachlassen w\u00fcrde.<br \/>\nAlla mitsamt ihrem S zwischen dem Gerber wollte mich nicht sehen. Und tats\u00e4chlich habe ich sie auch nie wieder gesehen.<\/p>\n<p>8.7.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 17150<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alla S. Gerber lernte ich in ihrem dritten Leben kennen, wie sie ihre Zeit mit Jelzin nannte. Sie sa\u00df als Abgeordnete in der ersten Duma, und Ende der 90-er Jahre machte er sie zur ersten Direktorin des eben gegr\u00fcndeten Moskowskij Zentr Golokost (MZG). 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