{"id":6854,"date":"2017-08-10T08:41:08","date_gmt":"2017-08-10T08:41:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6854"},"modified":"2018-03-13T17:03:06","modified_gmt":"2018-03-13T17:03:06","slug":"auf-der-suche-nach-dem-hotel-savoy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6854","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem Hotel Savoy"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6854&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6854&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Kurz nachdem ich Paschka Lwowitsch, einen Freund meines \u00e4lteren Bruders, kennengelernt hatte, \u00fcberredete ich ihn, mit mir nach Lemberg zu fahren. Eine Unm\u00f6glichkeit, zumindest ein Husarenst\u00fcck.<br \/>\nDie Westgrenze der Sowjetunion war zur G\u00e4nze milit\u00e4risches Sperrgebiet, nicht nur die beiden gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte Lemberg und Tschernowitz. Nicht einmal Russen konnten sich frei rein und raus bewegen, geschweige denn Ausl\u00e4nder, geschweige denn feindliche aus dem imperialistischen Westen. Man brauchte f\u00fcr jede Reise eine Genehmigung des Milit\u00e4rs. Und wer dort nicht lebte und arbeitete, bekam sie nie. Nie im Jahre 1971, unter Breschnew und mitten im Kalten Krieg. Welche und wie viele Waffen, welche und wie viele Truppen &#8211; man wei\u00df es nicht, bis heute nicht.<\/p>\n<p>Aber Paschka konnte mir nichts abschlagen, und ich war so naiv wie beharrlich. Es waren ja auch nicht in erster Linie touristische Interessen, die mich so hei\u00df auf Lemberg und Tschernowitz machten, obwohl ich nat\u00fcrlich um ihre Sch\u00f6nheit und Geschichte wusste.<br \/>\nIch schrieb an einer Hausarbeit \u00fcber Joseph Roth, der gerade erst wieder aus dem jahrzehntelangen Dornr\u00f6schenschlaf geweckt wurde. Es existierte noch nicht einmal eine normative Biographie, und auch seine Werke lagen noch in keiner Gesamtausgabe vor. Vieles von ihm kannte ich nur aus alten B\u00fcchern in der Bibliothek meiner Eltern. So auch den Roman \u201eHotel Savoy\u201c.<br \/>\nWoher ich die Idee hatte, das Vorbild stehe in Lemberg, wei\u00df ich nicht mehr. Wahrscheinlich, dass mir der immer in gro\u00dfen historischen Zusammenh\u00e4ngen denkende Dr. Wendelin Schmidt-Dengler, damals j\u00fcngster Assistent an der Wiener Germanistik, den Floh ins Ohr gesetzt hatte. Also wollte ich es mit dem Buch in der Hand selbst suchen, bei einer Reise nach Lwow, L\u2018viv.<\/p>\n<p>Wir lachten dar\u00fcber, dass sein Name \u201eSohn von Lwow\u201c bedeutet.<br \/>\nWir schmiedeten noch in unseren Uni-Ferien entsprechende Pl\u00e4ne. Von Kiew aus mit Lokalz\u00fcgen oder Autobussen m\u00f6glichst unauff\u00e4llig nach Lemberg fahren. Paschka war noch niemals dort gewesen. Lange ging alles glatt. Auf der letzten Strecke von Iwano-Frankiwsk zog ich mich um und legte die Kleider von Paschkas Mutter an, auf den Kopf ein gebl\u00fcmtes Tuch, das ich in Kiew gekauft hatte. Eine nette kleine B\u00e4uerin. Paschka instruierte mich, m\u00f6glichst nicht zu sprechen, damit mein Akzent mich nicht verriet. Eine stumme, kleine B\u00e4uerin, nichts Ungew\u00f6hnliches. Vielleicht ist es der einzige Vorteil eines Frauendaseins, dass man sich immer d\u00fcmmer stellen kann, als man ist.<br \/>\nWir gelangten tats\u00e4chlich nach Lemberg, und ich nahm ein Zimmer im sch\u00f6nsten Hotel am Platz gleich neben der katholischen Kathedrale. Er hie\u00df nat\u00fcrlich nicht mehr Marienplatz, sondern Gro\u00dfer Oktober. Wie es gelang, ein Zimmer ohne Reisegenehmigung zu bekommen, ist nicht in meinem Ged\u00e4chtnis h\u00e4ngen geblieben, aber es gelang. Schlie\u00dflich wohnte ich dort, kann mich an die heruntergekommen Halle erinnern, das bescheidene Zimmer, und an die alten Frauen, die deschurnije, die in jedem Stockwerk sa\u00dfen und die Bewohner \u00fcberwachten. Sie trugen in einem gro\u00dfen, linierten Buch jedes Kommen und Gehen ein. Besucher und Begleiter in die Stockwerke waren in sowjetischen Hotels grunds\u00e4tzlich nicht erlaubt. Das \u201eSavoy\u201c war ein gro\u00dfer, achtst\u00f6ckiger Kasten mit mehr als 800 Zimmern, gebaut im Stil der Gr\u00fcnderzeit, wie sie in jeder Provinzstadt der K.-u.-k.-Monarchie standen. So viel stimmte schon \u00fcberein. Ich durchstreifte das Hotel immer wieder von unten nach oben und wieder zur\u00fcck, immer mit dem Roman in der Hand, um \u00c4hnlichkeiten mit Roths Hotel zu finden.<\/p>\n<p>Daniel kehrt nach vier Jahren Krieg f\u00fcr den Kaiser und vier Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zur\u00fcck, wo nichts mehr ist, wie es fr\u00fcher war. Im Hotel Savoy bekommt er durch seinen Onkel im vorletzten Stockwerk ein billiges Zimmer und sucht Arbeit. Die Gesellschaft teilt sich in die reich gewordenen Kriegsgewinnler \u2013 sie bewohnen die Restaurants, Bars und unteren Stockwerke \u2013 und die armen Kriegsheimkehrer und Vertriebenen im 7. und im 8. Stock. Sie leben von fast nichts und werden zwischen rechten und linken Str\u00f6mungen hin- und hergerissen. Die Hierarchie des Hotels als Symbol f\u00fcr die Gesellschaft. Es ist nach dem \u201eSpinnennetz\u201c der zweite Roman, in dem Roth sehr fr\u00fch und hellsichtig die schreckliche Zukunft voraussieht.<\/p>\n<p>Ich werde immer sicherer, dass ich das Hotel Savoy des Joseph Roth gefunden habe.<br \/>\nRoth nennt nirgendwo den Namen der Stadt, sondern gibt nur Andeutungen. Eine alte Stadt, Grenzstadt von zwei verfallenen Reichen, multinational, viele Juden, viele Kriegsgewinnler und verzweifelte Proletarier. Alles schien mir auf Lemberg zuzutreffen.<br \/>\nPaschka und ich verbringen sch\u00f6ne Sp\u00e4tsommertage, streunen durch die Stadt, sehen uns alle Sehensw\u00fcrdigkeiten an, soweit sie ge\u00f6ffnet sind. Vieles wie die Kirchen ist zweckentfremdet wie etwa die armenische Kirche und die Synagoge, wo Kohlen beziehungsweise Baumaterialien gelagert werden. Paschka ist fasziniert, denn er hat noch nie eine vollst\u00e4ndig erhaltene europ\u00e4ische Stadt gesehen.<\/p>\n<p>Er darf als Russe kein Zimmer im Hotel nehmen, daher wohnt er in einem Studentenheim, und wir k\u00f6nnen uns nur untertags sehen. Das ist nat\u00fcrlich sehr st\u00f6rend, wenn man jung ist und frisch verliebt.<br \/>\nSo entsteht der Plan, dass er sich einschleichen soll, wenn die deschurnaja einmal aufs Klo geht oder Wachwechsel ist. Es gelingt tats\u00e4chlich, und er kann in das Zimmer Nummer 703 schl\u00fcpfen. Aber unser Gl\u00fcck w\u00e4hrt nicht lang. Wir wissen nicht, wie wir aufflogen, wer uns gesehen, wer uns verraten hat. Kann aber leicht sein, dass die W\u00e4nde Augen und Ohren haben. Noch vor Mitternacht ein grobes Schlagen mit F\u00e4usten an die T\u00fcr und Geschrei: Aufmachen Genossen, und alle raus!<\/p>\n<p>Wunderbar, das nennt man sowjetische Gastfreundschaft und Hotelkultur. Wir ziehen uns schnell an. Vor der T\u00fcr steht die Deschurnaja, stemmt ihre Arme in die fetten H\u00fcften und l\u00e4chelt uns h\u00f6hnisch triumphierend an. Na, mich kriegt ihr nicht dran, ihr dummes Junggem\u00fcse! Wir werden unter Begleitung von zwei Milizion\u00e4ren in die Direktion gebracht. Paschka wird des Hotels verwiesen, weil er Russe ist, ich, weil ich als Ausl\u00e4nderin gar nicht hier sein d\u00fcrfte. Aber wir haben Gl\u00fcck. Wir werden nur angewiesen, am Morgen sofort nach Moskau zur\u00fcckzufahren, personae non gratae. Die Strafe f\u00e4llt auch milde aus; die vier weiteren Tage, die ich gebucht hatte, verfallen. Das ist zu verschmerzen. Im Gespr\u00e4ch mit dem Direktor gibt es dann noch eine gro\u00dfe \u00dcberraschung. Es stellt sich heraus, dass ich mit dem angeblichen Hotel Savoy in Lemberg einem kapitalen Irrtum aufgesessen war. Das echte stand und steht im polnischen Lodz und hei\u00dft auch noch immer so. Diese westpolnische Stadt hatte sich gegen das Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Textilindustrie zu einem \u201epolnischen Manchester\u201c entwickelt. F\u00fcr die internationalen G\u00e4ste brauchte es ein gro\u00dfes und luxuri\u00f6ses Hotel, eben dieses Savoy. Es hat den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Gestapo und den Sozialismus \u00fcberlebt und strahlt frisch renoviert in alter Pracht.<\/p>\n<p>Nach Czernowitz weiterzureisen, trauten wir uns aber doch nicht, das Gl\u00fcck sollte man nicht zu sehr reizen.<br \/>\nIm Jahr darauf erschien die bis heute klassische, noch immer nicht \u00fcbertroffene Biografie Josefs Roths von David Bronnen mit einem gro\u00dfen Kapitel \u00fcber Lodz und sein Hotel Savoy. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meine Hausarbeit korrigieren. Aber mit einer Sensation hatte sie nicht mehr aufzuwarten.<\/p>\n<p>14.7.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<br \/>\n<\/a><span style=\"color: #ff0000;\"><span style=\"color: #333333;\">Erstver\u00f6ffentlichung in Literatur und Kritik, <a href=\"http:\/\/www.omvs.at\/de\/literatur-und-kritik\/heftarchiv\/heft-517518\/\" target=\"_blank\">Heft September 2017, Nr. 517\/518<\/a><\/span><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17149<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz nachdem ich Paschka Lwowitsch, einen Freund meines \u00e4lteren Bruders, kennengelernt hatte, \u00fcberredete ich ihn, mit mir nach Lemberg zu fahren. 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