{"id":6847,"date":"2017-08-10T08:30:09","date_gmt":"2017-08-10T08:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6847"},"modified":"2017-09-01T06:06:31","modified_gmt":"2017-09-01T06:06:31","slug":"meine-putzfrau-heisst-ivan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6847","title":{"rendered":"Meine Putzfrau hei\u00dft Ivan"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6847&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6847&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der K\u00fcbel stand mitten auf dem Gehsteig vor dem Restaurant. Fast w\u00e4re ich dar\u00fcber gestolpert, weil ich gerade die Einkaufstasche auf der Schulter zurechtr\u00fcckte und dabei in die Lindenallee schaute. Ein Mann balancierte hoch oben auf einer Leiter und putzte eine der Glasscheiben. Es sind sehr hohe Fenster vom zweiten Stock bis auf den Boden. Die Spitzenk\u00f6chin wirtschaftet als \u201eDie Herknerin\u201c seit einiger Zeit in dem ehemaligen Installationsgesch\u00e4ft. Sie hielt die Beine der Leiter fest und gab dem Mann Anleitungen. Ob er die braucht, dachte ich, und machte einen schnellen Schritt zur Seite. Er soll auch die Gro\u00dfbuchstaben INSTALLATI-NEN an der Mauer \u00fcber den Fenstern waschen, wenn er mit seiner Stange hinaufreicht. Das O war schon dem Installateur abhandengekommen. G\u00fcnther Leutner war gar nicht mehr zu lesen. Den Namen wusste nur noch ich, weil er sp\u00e4ter einiges bei mir gerichtet hat. Der K\u00fcbel wackelte ein bisschen, und die rundliche Herknerin sch\u00fcttelte den Kopf:<\/p>\n<p>\u201eNanana, nicht so eilig.\u201c<br \/>\nSie hatte es nie eilig, stand immer unter ihren G\u00e4sten an den Tischen, drinnen oder drau\u00dfen.<br \/>\n\u201eOh, Entschuldigung, hoppala, ist eh nix passiert.\u201c<br \/>\nDa kletterte der Mann von der Leiter herunter und dr\u00fcckte den Schwamm aus. Im K\u00fcbel sch\u00e4umte das Wasser dunkel.<br \/>\n\u201eMuss weksel, ok, passt?\u201c<br \/>\n\u201eGutgut, wei\u00dft eh, Ivan, im Gang hinter Budel, gell.\u201c<br \/>\nW\u00e4hrend der Mann sauberes Wasser holte, sprach ich die Meisterin der Wiener K\u00fcche an:<br \/>\n\u201eGlauben Sie, ob ich ihn mir ausborgen kann?\u201c<br \/>\n\u201eSicher, fragen Sie ihn, der Ivan sucht eh immer eine Arbeit.\u201c<br \/>\nDa kam dieser Ivan aus dem Schankraum wieder auf die Stra\u00dfe.<br \/>\n\u201eW\u00fcrden Sie auch bei mir in der Wohnung die Fenster putzen?<br \/>\nAcht St\u00fcck hab ich, da vorne wohne ich, auf Nummer 39, gleich da dr\u00fcben.\u201c<\/p>\n<p>Wir vereinbaren den n\u00e4chsten Montag, 9. J\u00e4nner um neun Uhr Fr\u00fch. Das kann man sich merken. Ich erkl\u00e4re ihm noch die etwas eigenwillige Gegensprechanlage an unserem Haustor und wir verabschieden uns.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass er kein Handy bei sich hat. Da nehme ich eine alte Hofer-Rechnung aus meiner Geldb\u00f6rse und schreibe ihm meine Adresse, Tag und Uhrzeit auf. Zur Sicherheit.<\/p>\n<p>Es kommt der Montag, neun Uhr, und Ivan ist zehn Minuten zu sp\u00e4t. Da P\u00fcnktlichkeit, das hei\u00dft Verl\u00e4sslichkeit, f\u00fcr mich eine Form von Respekt ist, geh\u00f6rt sie zu den von mir eingeforderten Kardinalstugenden. Ivan entschuldigt sich damit, dass das Tor nicht aufgegangen sei.<br \/>\nSie h\u00e4tten doch bei 34 l\u00e4uten m\u00fcssen oder bei meinem Namen, aber es hat hier nicht gel\u00e4utet.<\/p>\n<p>Okay, wenn er bei mir arbeiten will, werde ich ihn mir schon herrichten. Hab ich bei anderen auch schon gemacht. Zumindest versuchen werde ich es. Ich war nicht immer erfolgreich. Von dem Majstor Tschiko, einem Rom aus dem serbischen Poscharewatz, musste ich mich schnell trennen, weil der nicht nur Stunden vertauschte, sondern ganze Tage. Einmal kam er nicht zum verabredeten Termin, weil es angeblich geregnet hat. Und bei Regen kann man ja nicht Fenster putzen. Bei ihm hat\u2018s vielleicht geregnet, nicht bei mir. Ich wei\u00df nicht, wo er wohnte. Au\u00dferdem hat er ziemlich bald zu betteln begonnen: Enkelin braucht Computer, Tochter Mantel, er selbst Handy, gut f\u00fcr Arbeit, Kundschaft.<\/p>\n<p>Ivan will kein Fr\u00fchst\u00fcck, keine Jause, nur Tee und Zigaretten.<br \/>\nEr ist begeistert von meinem Orangentee und nimmt keinen Zucker. Etwa 35 Jahre alt, klein gewachsen, rotblond, leichter Buckel, fr\u00fche Glatze, nicht sehr gut gen\u00e4hrt und ein Gebiss mit zahlreichen L\u00fccken. Eine schnelle ethnologische Diagnose: Armut, Dauerarmut, Fundamentalarmut.<br \/>\nIch setze mich mit meinem Kaffee zu ihm an den Esstisch, und das Frage-Antwort-Spiel beginnt.<\/p>\n<p>Er ist Bulgare und lebt seit f\u00fcnfzehn Jahren in Wien. Sein Deutsch ist ganz passabel, man kann sich flie\u00dfend mit ihm unterhalten. Er hat es sich selbst beigebracht, und er schaut viel fern.<br \/>\nGelernt hat er in Bulgarien Maler, sagt er, kriegt aber als solcher keine Arbeit, weil die keine Ungelernten nehmen oder nur f\u00fcnf Euro in der Stunde zahlen. L\u00e4nger hat er als G\u00e4rtner-Gehilfe in Himberg gearbeitet, aber sein R\u00fccken ist kaputt, er konnte die schweren Scheibtruhen mit Erde und die Blumenkisten nicht mehr schleppen. Dann Autow\u00e4scher in einer t\u00fcrkischen Garage, ging auch nicht mehr.<br \/>\nT\u00fcrken nix gutte Leute.<br \/>\nWer sind denn gute Leute?<br \/>\nDie \u00d6sterreicher.<br \/>\nAlle anderen sind schlecht?<br \/>\nJa, Ausl\u00e4nder alle nix gutt.<br \/>\nBulgaren auch nicht?<br \/>\nDas sind die Schlimmsten.<br \/>\nEr muss das wissen.<\/p>\n<p>So, jetzt aber an die Fenster. Ivan hat seine eigene Ausr\u00fcstung mitgebracht, meine sei auch nix gutt. Er sei Profi mit einer Profi-Ausr\u00fcstung. Voll Stolz zeigt er mir die Teleskopstange mit drei verschiedenen, auswechselbaren Kopfst\u00fccken: f\u00fcr B\u00fcrsten, Schw\u00e4mme und Trockent\u00fccher. Er arbeitet sehr genau, aber auch sehr langsam, tr\u00f6delt, wie ich finde, dabei kriegt er pro Fenster bezahlt, nicht nach Stunden. Das habe ich mit ihm ausgemacht, und er war einverstanden. Vielleicht hat er das vergessen.<br \/>\nWieder Tee- und Zigarettenpause, er will noch immer nichts essen. Er sagt, er habe zu viel Zucker und sei zu dick. Dabei klopft er sich auf den nicht vorhandenen Bauch. Ich habe ihm zwei dicke Schinken-K\u00e4se-Semmeln mit Ei und Salat, eine Banane, ein Fruchtjoghurt und eine Topfengolatsche vorbereitet und packe ihm alles ein.<br \/>\nVielleicht sp\u00e4ter.<br \/>\nDa erz\u00e4hlt er, er werde das seiner Schwester mitbringen.<br \/>\nAh, er hat eine Schwester.<br \/>\nJa, die ist gerade aus Bulgarien angekommen und sucht Arbeit.<br \/>\nLeider, mehr hab ich nicht.<\/p>\n<p>Er schaffte in f\u00fcnf Stunden nur vier Fenster, da riss mir die Geduld, ich musste ihm ja beim Aus- und Einh\u00e4ngen der Oberlichten immer assistieren. Immer wieder rief er mich von meinem Schreibtisch weg:<br \/>\nMadame, bitte.<br \/>\nWer hatte ihm das Madame beigebracht?<br \/>\nAlso machte ich einen zweiten Termin mit ihm aus.<br \/>\nWieder n\u00e4chsten Montag um neun Uhr, aber p\u00fcnktlich diesmal! Ich schreibe ihm noch einmal alles auf. Ich bemerke, dass er nicht auf den Zettel schaut, sondern meine Worte memoriert. Sp\u00e4ter sehe ich, dass er das Papier auf dem Tisch liegen gelassen hat.<br \/>\nDa schwant mir, dass Ivan Analphabet ist; deswegen hat er die Gegensprechanlage nicht bedienen k\u00f6nnen und musste warten, bis jemand anderer die T\u00fcre aufmachte.<\/p>\n<p>Es war an diesem J\u00e4nner-Montag eisig kalt, und Ivan kam ohne M\u00fctze, Schal und Handschuhe. Nur eine kurze Blouson-Jacke aus gestepptem Ostblock-Jeansstoff. Seine Putz-Utensilien trug er in einem gro\u00dfen Billa-Plastiksackerl. Also kramte ich sofort eine Ikea-Tasche hervor, dazu eine Wollhaube, die ich vor Kurzem auf der Stra\u00dfe gefunden hatte, gef\u00fctterte Lederhandschuhe, die mir immer schon zu gro\u00df waren, und einen warmen Schal, kariert. Toll, fand ich und f\u00fchrte ihn vor den Spiegel im Vorzimmer. Er l\u00e4chelte schief hinein, ein Foto von ihm zu machen lehnte er ab.<br \/>\nNicht nur ungesund zu frieren, sondern sonst finden Sie keine Arbeit. Die Leute schauen auf die Kleidung. Je armseliger man aussieht, desto armseliger bleibt man. Kleider machen Leute, das verstand er nicht.<br \/>\nAber meine Belehrungen hat er sicher nicht gebraucht, wie es l\u00e4uft, das wird er in den f\u00fcnfzehn Jahren in Wien schon mitgekriegt haben.<br \/>\nIch stattete ihn noch mit drei Gl\u00e4sern Marmelade und einigen Packungen aus dem Tiefk\u00fchlfach aus &#8211; meine selbst gemachten Vorr\u00e4te, die ich haupts\u00e4chlich aus Entspannungsgr\u00fcnden produziere.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich bei der Volkshilfe nebenan einen dicken, langen Pullover gekauft, dazu ein Flanellhemd mit m\u00e4nnlichem Karo und zwei Pullunder. Zusammen 13,50 Euro.<br \/>\nDazu ist die Volkshilfe da.<br \/>\nNach der Arbeit gehe ich mit Ivan zum kroatischen Reifenh\u00e4ndler an der Ecke Floragasse. Der jammert immer \u00fcber zu viel Arbeit, und keiner will arbeiten. Alle wollen nur Geld, trinken und bembembemti, und er h\u00e4lt dabei den Kreuzschraubschl\u00fcssel hoch. Interessant, auf Kroatisch stottert er.<br \/>\nMirko bedauert, gerade jetzt hat er zwei gute Helfer gefunden. Da schau an. Ich sehe keinen Arbeiter rund um sein Gesch\u00e4ft.<br \/>\nDie haben heute frei.<\/p>\n<p>Ivan sieht sich best\u00e4tigt.<br \/>\nSag ich doch, Ausl\u00e4nder nix gutte Menschen.<br \/>\nMirko kommt aus Waraschdin (wie die Rosen), ist vierzig Jahre in Wien. Kein Fl\u00fcchtling, ein echter Gastarbeiter, schon sechsunddrei\u00dfig Jahre mit \u00f6sterreichischem Pass.<br \/>\nIch gehe mit Ivan weiter zur Diskonttankstelle am Naschmarkt. Die drei M\u00e4nner in der Halle winken schon von Weitem ab, keine Arbeit. Keine weitere Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Es ist immer noch kalt, sehr kalt. Sp\u00e4ter habe ich bei der Volkshilfe nebenan einen dicken, langen Pullover gekauft, dazu ein gro\u00dfes Herrenhemd aus Flanell, gro\u00dfkariert in Blaugr\u00fcn und zwei gestrickte Pullunder. Alles zusammen um 17,50 Euro. Genau dazu ist die Volkshilfe da.<br \/>\nAlso, Ivan kommt am n\u00e4chsten Montag tats\u00e4chlich p\u00fcnktlich, hat aber wieder nicht unten angel\u00e4utet. Wieder ohne M\u00fctze, Schal und Handschuhe. Auch zu dem Billa-Sackerl f\u00fcr seine Ger\u00e4tschaft ist er zur\u00fcckgekehrt.<br \/>\nIvan, wo sind die Sachen?<br \/>\nAch, brauch ich nicht, mir ist immer so warm, der Schwester gegeben. Frauensachen.<br \/>\nOk, geht mich nichts an, ob er\u2019s verkauft oder in ein Kanalloch steckt. Geschenkt ist geschenkt.<br \/>\nAber es ist verdammt kalt heute, minus sieben.<br \/>\nMacht nix, fahr U-Bahn.<br \/>\nWohin?<br \/>\nBis Ottakring, dann noch ein St\u00fcck zu Fu\u00df. Nix weit.<br \/>\nDiesmal schaffte er die vier Fenster in vier Stunden. Passt, genau wie der Stundenlohn. Dann wieder ein Gespr\u00e4ch bei Tee und Zigaretten. Stolz erz\u00e4hlt er mir, er hat sich jetzt auch so einen Orangentee gekauft. W\u00e4rmt.<\/p>\n<p>Wie heizt er denn seine Wohnung?<br \/>\nNix Wohnung, ein Zimmer.<br \/>\nFr\u00fcher hat er einmal mit einem elektrischen Heizstrahler geheizt, bis die erste Rechnung kam, die konnte er sich nicht leisten.<br \/>\nIch entscheiden, essen oder heizen.<br \/>\nAber diese Woche kamen er und seine Schwester mit meinem Essen durch, und sie konnten ein bisschen einheizen.<br \/>\nWas macht er, wenn es kalt ist?<br \/>\nEr liegt im Bett und schaut TV.<br \/>\nJetzt f\u00e4llt der Groschen: Er brodelt mit der Arbeit herum, weil es bei mir warm ist. Arbeit als Broterwerb und W\u00e4rmestube. Er hat jede Menge Zeit.<br \/>\nDiesmal bekommt er ein paar Decken mit nach Haus, warme Socken und einen Bettvorleger. Nat\u00fcrlich auch wieder reichlich von meinen Essensvorr\u00e4ten und eine Tee-Packung mit Winterzauber. Oder waren es die Kamintr\u00e4ume?<\/p>\n<p>Eigentlich habe ich keine Fensterputz-Arbeit mehr f\u00fcr ihn, aber ich lade ihn doch zu einem weiteren Termin ein. Es gibt in meiner Wohnung noch eine Glast\u00fcre, ein Innenfenster zwischen K\u00fcche und Badezimmer und zwei T\u00fcren mit Glasziegeln. Die putze ich in der Regel selbst. Aber ich nehme mir vor, Ivan \u00fcber die k\u00e4ltesten Wochen zu bringen.<\/p>\n<p>Er kommt wieder halb angezogen, aber um Punkt neun.<br \/>\nGleich an der T\u00fcr strahlt er mich an: Er hat sich ein Handy gekauft, gebraucht, drei\u00dfig Euro. Sein erstes. Er hat erstmals drei\u00dfig Euro \u00fcbrig gehabt. Profit. Sieht er sich auf dem Weg zum Million\u00e4r?<br \/>\nWie geht das?<br \/>\nEine zweite Putzstelle.<br \/>\nAlte Frau wie Sie, ehm, wirklich alte, nicht weit von hier, hat gro\u00dfe Wohnung mit dreizeh Fensta.<br \/>\nIch frage, ob die etwa in Schloss Sch\u00f6nbrunn wohnt.<br \/>\nWie? Wo? Sch\u00f6nbrunn?<br \/>\nEr versteht meinen Witz nicht.<br \/>\nF\u00fcnfzehn Jahre in Wien, aber in Sch\u00f6nbrunn war er noch nicht.<br \/>\nEr kennt praktisch nichts, was nicht an der U3 liegt.<br \/>\nWien zwischen Ottakring und Simmering. Eigentlich nicht wenig.<\/p>\n<p>Diesmal frage ich ihn, ob er das n\u00e4chste Mal die B\u00f6den feucht wischen und die Teppiche saugen k\u00f6nnte. Ich denke an seinen kaputten R\u00fccken, aber immerhin muss er nicht schwer tragen oder heben.<br \/>\nKlar ist er einverstanden. Aber seine Schwester k\u00f6nnte auch putzen. Nein, nein, ich kenne sie nicht, das will ich nicht, sie spricht null Deutsch, und an den Ivan hab ich mich schon zu gew\u00f6hnen begonnen.<br \/>\nSchon beim ersten Zimmer wird mir klar, dass Ivan nicht das geringste Gef\u00fchl f\u00fcr eine Wohnung und ihr Mobiliar hat. Wenn er etwa einen Sessel, den Schirmst\u00e4nder oder einen Blumenstock wegr\u00fcckt, kommt er nicht auf den Gedanken, ihn nach dem Wischen wieder auf seinen alten Platz zu schieben. Er hat wahrscheinlich noch nie in einer richtigen Wohnung gelebt. Er hat absolut kein Raumgef\u00fchl. Die Gem\u00e4lde an den W\u00e4nden nennt er \u201eFottos, viele scheene Fottos haben Sie!\u201c Die B\u00fccherw\u00e4nde dagegen beeindrucken ihn nicht. Was er sonst noch sieht und was ihm gef\u00e4llt, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Meine Freunde, denen ich von Ivan erz\u00e4hle, sind entsetzt. Und so jemanden l\u00e4sst du in deine Wohnung? Hast du keine Angst? Nein, hab ich nicht. Er wird mich doch nicht abkrageln, er will Geld verdienen, und dazu braucht er mich. Er hat noch nicht aufgegeben, er sitzt nicht auf der Stra\u00dfe und bettelt. Ich finde Ivan ganz toll.<\/p>\n<p>Bevor er den ersten Teppich angeht, bitte ich ihn, die gro\u00dfe Jukka-Palme zu verschieben und den Stab, mit dem sie gest\u00fctzt wird, geradezustellen; ganz oben an der Spitze soll er sie mit einem Band anbinden. Ich sichere die gro\u00dfe Leiter, Ivan steigt hinauf, und ich halte ihm einen dicken Spagat hoch. Ich sehe, wie Ivan die Schnur um die Spitze wirft, zwischen den Bl\u00e4ttern herumnestelt, aber die Schnur gleitet immer wieder zu Boden oder bleibt irgendwo in den Bl\u00e4ttern h\u00e4ngen.<br \/>\nSo geht das mehrmals, bis ich frage:<br \/>\nIvan, was ist los? Schlinge rum um den Stamm und den Stab und Masche machen.<br \/>\nEs geht nicht.<br \/>\nKommen Sie runter!<br \/>\nMir rei\u00dft der Geduldsfaden, und ich steige selbst hinauf.<br \/>\nEr soll die Leiter sichern.<\/p>\n<p>Da sehe ich, dass er an seinen Sportschuhen keine Schn\u00fcrsenkel hat, sondern Klettb\u00e4nder wie kleine Kinder an ihren ersten Schuhen.<br \/>\nIvan kann keine Maschen binden.<br \/>\nEr gibt es genant lachend zu.<br \/>\nKommt man so durchs Leben? Ja, es geht.<br \/>\nIch fange mit ihm zu \u00fcben an.<br \/>\nHat er das nicht von seinen Eltern gelernt?<br \/>\nEltern tot.<br \/>\nIm Kindergarten?<br \/>\nNein, er war nicht im Kindergarten, sondern im Kinderheim. Waisenhaus?<br \/>\nJa, aber nicht in Sofia, sondern in einer Stadt am Schwarzen Meer. Sch\u00f6ner Strand, ich war einmal in Varna, am Goldstrand.<br \/>\nBl\u00f6der geht\u2018s nimmer. Ich bei\u00dfe mir auf die Zunge.<br \/>\nIvan wird unruhig, er will die Maschen zu Hause \u00fcben, ich gebe ihm die ganze Spagatrolle mit.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich habe ich mit Ivan eines von diesen Waisenkindern in Ostblock-Heimen kennengelernt, f\u00fcr die wir nach den Schreckensbildern im Fernsehen eifrig gespendet haben. An Pater Sporschill, zum Beispiel.<\/p>\n<p>Ich habe ihn nie wieder gesehen. Er kam einfach nicht mehr, spurlos verschwunden, vom Erdboden verschluckt oder von sonstwas. Ich kann ihn nicht einmal suchen, bemerke ich, seine Handy-Nummer habe ich nie aufgeschrieben. Ich mache mir Sorgen, wegen der anhaltenden K\u00e4lte. Eine Freundin, eine ehemalige Sozialarbeiterin, will mich beruhigen: Solche Leute wissen, wo sie sich w\u00e4rmen k\u00f6nnen. Westbahnhof, Gruft, Praterstern. Hoffentlich hat er noch die alte Frau mit den dreizehn Fenstern. Aber wie oft kann man die Fenster putzen? Bei minus neun Grad? Vielleicht ist er an seine Goldk\u00fcste zur\u00fcckgekehrt? Dieser Winter war besonders lang und kalt, ein richtiger Winter wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>9.7.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 17148<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der K\u00fcbel stand mitten auf dem Gehsteig vor dem Restaurant. Fast w\u00e4re ich dar\u00fcber gestolpert, weil ich gerade die Einkaufstasche auf der Schulter zurechtr\u00fcckte und dabei in die Lindenallee schaute. Ein Mann balancierte hoch oben auf einer Leiter und putzte eine der Glasscheiben. Es sind sehr hohe Fenster vom zweiten Stock bis auf den Boden. 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