{"id":6842,"date":"2017-08-10T08:23:44","date_gmt":"2017-08-10T08:23:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6842"},"modified":"2017-09-01T06:04:48","modified_gmt":"2017-09-01T06:04:48","slug":"auf-den-pelz-gerueckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6842","title":{"rendered":"Auf den Pelz ger\u00fcckt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6842&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6842&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Meinen Job, den h\u00e4tte ich beinahe durch schlichte Schlamperei verloren. Sie wollen wissen, wie das in einer gem\u00e4chlichen Kultureinrichtung wie dem Dorotheum passieren kann? Also gut.<\/p>\n<p>Jeweils eine Woche vor den Versteigerungsterminen werden die Exponate zur Besichtigung dargeboten, potenzielle Interessenten k\u00f6nnen diese aus der N\u00e4he begutachten und f\u00fcr sich eine Vorentscheidung treffen, manches verwerfen, anderes in die Wahl ziehen.<br \/>\nMir oblag es, R\u00e4ume f\u00fcr diese Besichtigungen vorzusehen, die zust\u00e4ndigen Kollegen anzuweisen, die Waren dort bereitzulegen und Datum und Uhrzeiten der Besichtigungen rechtzeitig \u00f6ffentlich anzuk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Eines Dienstags im Oktober sollten die T\u00fcren um zehn Uhr ge\u00f6ffnet werden. Ich begann meinen Dienst wie gewohnt so gegen neun und die Kollegen waren bereits seit den fr\u00fchen Morgenstunden am Herbeischaffen der zu pr\u00e4sentierenden Objekte. Ich war alarmiert, denn schon als ich die Stufen hochstieg, h\u00f6rte ich die Arbeiter fluchen. Auch meine Vorgesetzte h\u00f6rte ich mit leicht erhobener Stimme Kalmierungsbeschw\u00f6rungen von sich geben.<\/p>\n<p>In mir stieg Unbehagen hoch, noch h\u00e4tte ich umdrehen, heimgehen und mich krankmelden k\u00f6nnen. Doch nichts dergleichen geschah, und so wurde ich kurz darauf \u2013 noch bevor ich der Misere ansichtig wurde \u2013 von einem messerscharfen und entt\u00e4uschten Blick meiner Vorgesetzten getadelt: ein knapp und wortlos konstatiertes \u201eSchade!\u201c.<br \/>\nNoch wusste ich nicht warum.<\/p>\n<p>Mir schlug ein recht strenger Geruch entgegen \u2013 die j\u00e4hrliche Pelzauktion stand an und heute wurden die guten alten Erbst\u00fccke dem Publikum pr\u00e4sentiert. Vor mir dicht beh\u00e4ngte Kleiderstangen auf Rollen. Wieso hatten die Arbeiter nicht (wie sonst auch) vorher die Tische entfernt, um gen\u00fcgend Platz zu schaffen f\u00fcr die volumin\u00f6sen Kleidungsst\u00fccke?<br \/>\n\u201eWir haben ein Problem\u201c, raunte mir mein Assistent zu und wies mit dem Kopf auf die Tische, auf denen sich nummerierte Mappen in immenser Anzahl stapelten.<\/p>\n<p>Muss ich extra erw\u00e4hnen, dass R\u00e4ume nicht doppelt gebucht werden sollten? Das genau war n\u00e4mlich geschehen. Und dummerweise war ich daran schuld.<\/p>\n<p>So geschah es also, dass es am Dienstag, dem 11. Oktober 2016, im Kolowrat-Saal im zweiten Stock des Wiener Dorotheums eng wurde: In weniger als einer Stunde w\u00fcrden Philatelisten aus nah und fern eintrudeln, um die dargebotenen Briefmarken zu sondieren, und gleichzeitig auf eine Schar aufgeregter Frauen treffen, die sich Pelzschn\u00e4ppchen f\u00fcr den Winter sichern wollten.<br \/>\nDass die Briefmarkenliebhaber das Besichtigungsprozedere in gebotener Ruhe vollziehen wollten und die pelzaffine Damenwelt an ebenjene nicht im Traum dachte, liegt auf der Hand.<br \/>\nJa, wir hatten ein Problem, kurz: Wunderliche Kauzigkeit trifft auf kribbeliges Eventshopping.<\/p>\n<p>Wir waren nerv\u00f6s, der doppelte Andrang musste irgendwie bew\u00e4ltigt werden.<\/p>\n<p>Edel verarbeitete Pelze auf Kleiderhaken &#8211; das Angebot umfasste sorgf\u00e4ltig verarbeitete Nerze in vielen Modellen, sowie auch sonst hochwertige Pelze in modischen bis klassischen Schnitten. W\u00e4hrend der Vorbesichtigung konnten alle Modelle begutachtet und auch anprobiert werden, was zus\u00e4tzlich Platz erforderte.<br \/>\nDas pelzige Angebot ruft immer eine gro\u00dfe Zahl von Frauen auf den Plan, oft allein, manchmal in m\u00e4nnlicher Begleitung, aber auch in kleinen Gr\u00fcppchen, die sich beim Probieren gegenseitig beurteilen, jedenfalls aber das zu Erwerbende ausgiebig kommentieren. Ob denn nicht besser doch der Ozelot statt des Zobels zur eigenen Pers\u00f6nlichkeit passend oder der Lammfellmantel in seiner L\u00e4nge zur K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe der Interessentin inad\u00e4quat, ja der Stilsicherheit abtr\u00e4glich w\u00e4re (ein k\u00fcrzerer Mantel wirkt zudem j\u00fcnger als ein langer), von der Inkompatibilit\u00e4t der Fuchsfell- mit der tizianroten Haarfarbe der Tr\u00e4gerin in spe ganz zu schweigen.<br \/>\n(Fehlte blo\u00df noch das Auftauchen der vermummten Anti-Pelz-Aktivistin, die im letzten Herbst in einer Blitzaktion zwei Drittel der Exponate in Neongr\u00fcn bespr\u00fcht hatte und derma\u00dfen schnell gefl\u00fcchtet war, dass sie nur von hinten fotografiert und nicht belangt werden konnte, ein Schadensfall mit h\u00e4mischer Presse f\u00fcr die ehrw\u00fcrdige Institution.)<\/p>\n<p>Der gemeine Briefmarkensammler wird gerne als ein wenig unbeholfen und schrullig dargestellt. Ich kann mich dem nicht anschlie\u00dfen, es sind angenehme Menschen, die unaufgeregt und sehr systematisch die Best\u00e4nde sichten. Ein wenig eigen, nun denn, wer w\u00e4re das nicht, wenn viel Zeit mit \u00dcberlegungen verbracht wird, ob etwa f\u00fcr einen ungez\u00e4hnten Viererblock mit \u201eAugust dem Starken\u201c ein Online-Gebot abzugeben, eine gute Idee w\u00e4re; oder nachzudenken, ob eine F\u00fcnf-Pfennig-Marke der Reichspost mit diagonalem Aufdruck \u201eMarschall-Inseln\u201c zu Hause schon vorr\u00e4tig sei; oder mit anderen Experten \u00fcber den Wert der Serie albanischer Briefmarken, die mit Aufdruckfehlern in den Handel kamen, zu debattieren.<\/p>\n<p>Sie alle trafen im ehrw\u00fcrdigen Kolowrat-Saal aufeinander. Dass sie nicht aneinander gerieten, daf\u00fcr mussten wir sorgen, darauf hatten wir uns vor dem \u00d6ffnen der Tore eingeschworen.<\/p>\n<p>Die Frauen waren die ersten, die die allesamt an den W\u00e4nden aufgereihten Felljacken und -m\u00e4ntel ansteuerten. Sofort lagen Gemurmel und Gel\u00e4chter in der Luft, und der modrig-muffige Pelzgeruch reicherte sich mit einer Duftvielfalt von Parfums an.<\/p>\n<p>Befremdet von der ungewohnten Enge im Raum, dem zugleich strengen und blumigen Geruch, und nat\u00fcrlich der Schar der weiblichen Besucher dr\u00e4ngten dann die Philatelisten, alle m\u00e4nnlich, die meisten in unauff\u00e4lligem Beige oder Grau gekleidet, eher z\u00f6gerlich zu den verbliebenen Freir\u00e4umen an den Tischen in der Mitte des Raumes. Die vielen Ringordner hatten wir nicht wie sonst \u00fcblich in Regale an den W\u00e4nden einsortiert sondern einfach auf den Tischen aufgelegt, was zu Verstimmung und Murren der Kunden f\u00fchrte. Man merkte aus ihren Kommentaren, dass das alberne Getue der Frauen um die schn\u00f6de Mode und \u00fcberhaupt deren Anwesenheit als deplatziert empfunden wurde.<\/p>\n<p>Ich versuchte vor allem, den verstimmten Freunden der Postwertzeichen bei der \u00dcbersicht \u00fcber das Angebot zu helfen.<br \/>\nGerade war einer der Briefmarkeninteressierten dabei, die Sonderpostwertzeichen zu Gunsten der Berliner W\u00e4hrungsgesch\u00e4digten mit Sonderstempel vom ersten Verwendungstag, Rufpreis EUR 380,- mit der Lupe auf fehlende Z\u00e4hnchen zu untersuchen, als hinter ihm eine exaltierte, nicht mehr ganz junge Frau mit wallenden blonden Locken beim fahrigen \u00dcberwerfen eines langfelligen gemusterten Capes ganz viel Wind und ein paar briefmarkenbest\u00fcckte Steckbl\u00e4tter aufwirbelte.<br \/>\nSie meinte echauffiert zu ihm: \u201eOh, entschuldigen Sie bitte, ich habe hoffentlich nicht Ihre Briefmarken vom Tisch gefegt?\u201c, mit ungarisch anmutendem Akzent und einem unsteten Flackern im Blick, das der Angesprochene wahrscheinlich in so charmanter Ausf\u00fchrung und aus solcher N\u00e4he noch nie gesehen hatte.<br \/>\n\u201eIch war unschicklich, verzeihen Sie.\u201c<br \/>\nEr war aufgestanden und unbeholfen korrigierte er: \u201eUngeschickt.\u201c<br \/>\n\u201eOh.\u201c<br \/>\n\u201eAber das macht nichts.\u201c<br \/>\n\u201eMeinen Sie, die Schultern\u00e4hte h\u00e4ngen zu sehr \u00fcber, der Mantel ist schwer? Wie sehe ich aus?\u201c<br \/>\nSie drehte sich und machte wieder Wind und die m\u00e4nnliche Umgebung unruhig.<br \/>\n\u201eH\u00fcbsch. Wirklich sehr h\u00fcbsch.\u201c<br \/>\nSie beugte sich deutlich n\u00e4her zu ihm.<br \/>\n\u201eUnd riecht der Mantel nicht nach Keller? Er ist wirklich preiswert.\u201c<br \/>\n\u201e\u00c4h, schon etwas, aber wenn man den Mantel im Garten ausl\u00fcftet \u2026\u201c<br \/>\n\u201eSie haben einen Garten?\u201c<\/p>\n<p>Ich konnte den Dialog nicht verfolgen, denn ich musste zwei Tische weiter ein kleines Gez\u00e4nk schlichten.<br \/>\nEtwas sp\u00e4ter sah ich die beiden gemeinsam im hauseigenen Caf\u00e9 sitzen.<br \/>\nDie Vorstellung, er h\u00e4tte letztendlich auch noch angeboten, ihr seine private Briefmarkensammlung zu zeigen, will ich hier nicht strapazieren, aber nat\u00fcrlich ist das denkbar.<\/p>\n<p>Ein Kollateralnutzen, ausgel\u00f6st durch mein Missgeschick, war also gegeben, aber das macht mich nicht stolz. Schlie\u00dflich hatte ich beinahe meinen Job verloren. (Mir wurde zum Gl\u00fcck verziehen, wobei ich aber die gesammelte Kollegenschaft auf ein Feierabendbier einladen musste.)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen<\/a> | Inventarnummer: 17147<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinen Job, den h\u00e4tte ich beinahe durch schlichte Schlamperei verloren. Sie wollen wissen, wie das in einer gem\u00e4chlichen Kultureinrichtung wie dem Dorotheum passieren kann? Also gut. 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