{"id":6836,"date":"2017-08-06T14:19:46","date_gmt":"2017-08-06T14:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6836"},"modified":"2017-08-24T06:28:32","modified_gmt":"2017-08-24T06:28:32","slug":"pearl-s-buck-1892-1973-zum-125-geburtstag-am-26-juni","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6836","title":{"rendered":"Der Ruf aus dem Gestern. Pearl S. Buck (1892-1973) zum 125. Geburtstag am 26. Juni"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6836&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6836&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Beginnt man \u00fcber Pearl Sydenstricker Buck zu schreiben, f\u00fchlt man sich fast auf verlorenem Posten. Es stellt sich die Frage, ob man sich nicht mit einer doppelten vergangenen Welt besch\u00e4ftigt: mit dem China, in dem die Autorin \u00fcber Jahrzehnte lebte, und welches sie Zeit ihres Lebens in zahlreichen Schriften behandelte, ein Land, das, wie bekannt, seither mehrfach gewaltigste Umbr\u00fcche erlebte. Sowie mit der amerikanischen Gegenwart der 1950er\/1960er Jahre, in der die Autorin massgebend stilbildend zu wirken versuchte, eine Welt, die im 21. Jh. ebenfalls bereits fast allzu weit zur\u00fcckzuliegen scheint. Wenn ich trotzdem eine positive Antwort gebe \u2013 es lohnt sich unbedingt, an Frau Buck zu erinnern \u2013, dann aufgrund ihrer literarischen Bedeutung f\u00fcr ihre Zeit und aufgrund ihrer Thematiken, die heute, in einer Zeit der fast \u00fcberbordenden Sinnfragen, wieder Konjunktur bekommen.<\/p>\n<p>Es ist, obgleich fast von Beginn ihrer Schreibt\u00e4tigkeit an vielfach und namentlich von M\u00e4nnern ge\u00e4u\u00dfert, wohl doch eine sehr einseitige Sicht, Pearl S. Bucks Stil als eine biedere (amerikanische) Hausfrauenschreibe abzuqualifizieren. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen bei einer hohen Produktion von achtzig Titeln, darunter knapp drei\u00dfig Romane, nicht zwingend stets \u00e4u\u00dferst differenzierte \u00c4u\u00dferungen erwartet werden. Gewiss kennzeichnet ihren Stil eine Disziplin ohne alle Schn\u00f6rkel und eine wenig komplexe Ausdrucksweise. Man darf dabei nicht vergessen, in welch starkem Ma\u00df die Schriftstellerin zum einen von evangelisch-presbyterianischem Missionselternhaus und erster Ehe in China gepr\u00e4gt wurde, zum anderen vom nachfolgenden gesellschaftlich ausgerichteten Wirken in den USA. So mag die an Bucks Qualit\u00e4ten zweifelnde Haltung \u2013 die im \u00dcbrigen bereits parallel zur Verleihung des Nobelpreises 1938 (\u00bbf\u00fcr ihre reichen und epischen Schilderungen [\u2026]\u00bb) ge\u00e4u\u00dfert wurde \u2013 sich als eine Art self fulfilling prophecy erweisen.<br \/>\nDer die Autorin insofern selbst Stoff gab, indem sie sich niemals als novelist, als Romancier, bezeichnete, sondern (lediglich) als Erz\u00e4hlerin. Und auf wen dieser Stil misslich schlicht wirkt, muss sich klarmachen, wann ihre ersten B\u00fccher erschienen. Mit dem Drang nach unkomplizierter Sprache, mit der Suche nach unmissverst\u00e4ndlichen Aussagen, mit einer Linearit\u00e4t des \u00abFort-Schreibens\u00bb ist sie in der Zwischenkriegszeit und den folgenden Jahren bei Weitem nicht allein. Ihr lassen sich viele andere Mitautoren anschlie\u00dfen, die, weil zeitgebunden, gleichfalls nicht einfach \u00abbescheiden\u00bb zu bezeichnen sind: aus unseren Regionen etwa Gertrud Fussenegger, Karl Heinz Waggerl oder Stefan Andres. Bei Pearl S. Buck scheint der Stil \u00fcberdies unserem Empfinden f\u00fcr die \u00c4u\u00dferungsart Ostasiens zu entsprechen \u2013 oder hat gerade sie mit ihrer Produktion wom\u00f6glich dieses Empfinden erst in diese eine Richtung kanalisiert?<\/p>\n<p>Dies, weiter gedacht, f\u00fchrt zur Frage, wie ihr Stil zum Inhalt steht. Im Wesentlichen handelt insbesondere das gel\u00e4ufige Gros ihrer Geschichten im China der 1920er und 1930er Jahre, jener Zeitspanne, in der das alte Kaiserreich mit seinen jahrhundertelang bindenden Traditionen in Gesellschaft und Kultur zusammenbrach. Die Autorin stellt sich dabei nicht dezidiert gegen die Neuerungen, setzt ihnen indessen eine geh\u00f6rige Dosis Traditionalismus entgegen \u2013 dies nicht zuletzt, weil sie die besonderen Werte dieser vergehenden Zeit nicht allein aus der interpretierenden Distanz der \u00abAbendl\u00e4nder\u00bb kannte, sondern insbesondere aus der inneren Welt ihrer einheimischen Freundinnen. In der Mischung aus Teilnahme und Abstand und in ihrem Wunsch, gegens\u00e4tzliche Vorstellungen auszugleichen, ist sie nicht nur ehrlich; sie wird zu einer authentischen Zeugin: Bei aller dichterischen Freiheit der Romanstoffe hat sie gelebt, was sie schreibt. Diesen Hinter-, besser: Untergrund schildert sie eindringlich bereits im Prolog von \u00abDie Gute Erde\u00bb \u2013 1931 (dt. 1933) und nach wie vor wohl ihr bekanntestes Werk \u2013, eingedenk des gew\u00e4hlten Untertitels: \u00abDie Geschichte des chinesischen Menschen\u00bb (!).<\/p>\n<p>Die Empathie liegt bei Pearl S. Buck nicht \u00abobenauf\u00bb. Empfindung ist eher zwischen den Zeilen, genauer: zwischen den Worten zu finden. Denn sie breitet, beschreibend, \u00e4u\u00dfere gesellschaftliche Situationen aus, deren Ablauf eben durch den inneren Habitus innerhalb der handelnden Familienverb\u00e4nde ganz wesentlich bestimmt wird. Nicht das Gef\u00fchl tr\u00e4gt also das (Auf-)Schreiben, sondern das Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Dies impliziert allerdings, auch, das Vorhaben eines \u00abauktorialen\u00bb Erkl\u00e4rens. Doch gilt hier wiederum eine Einschr\u00e4nkung: Die Autorin f\u00e4llt nicht in die (ansonsten leider h\u00e4ufige) Unsitte, nacherz\u00e4hlend gleichsam Bericht zu erstatten. Sie h\u00e4lt konsequent den Blick auf das jeweilige Geschehen gerichtet \u2026 und ihre Ausdrucksform, den ihr eigenen Stil, durch. Aus einem anderen Blickwinkel erweist sie sich dabei \u2013 vermutlich durch das Angloamerikanische erleichtert \u2013 durchaus versiert in der Kunst des Weglassens und versteht gerade dadurch, \u00abin den Bann zu schlagen\u00bb.<\/p>\n<p>Diese R\u00fccksicht auf den Anteil des Lesers und bei dieser Autorin ausdr\u00fccklich der Leserin mag seinerseits zur Auseinandersetzung durch Filmschaffende gereizt haben; im Kino waren bald nach dem Erscheinen der B\u00fccher etwa \u00abDie Gute Erde\u00bb (nat\u00fcrlich) oder \u00abDrachensaat\u00bb zu sehen, 2000 wurde dann noch \u00abDie Frauen des Hauses Wu\u00bb herausgebracht. Eine gute Grundlage f\u00fcr diese Weiterf\u00fchrung liegt sicherlich in P.S. Bucks gekonnter Handwerklichkeit, wobei bei der Vielschreiberin fast naturgem\u00e4ss die Professionalit\u00e4t\u2013 und darin die Absicht, spezielle Haltungen zu erzeugen \u2013 zunimmt. War sie niemals frei davon, die missionarische Stimme mitsprechen zu lassen, so erweist sich der Wille zur unmissverst\u00e4ndlichen Deutung deutlich im Sp\u00e4twerk, etwa in \u00abLebendiger Bambus\u00bb (1963, dt. 1964), das ausnahmsweise in Korea spielt und vor dem Hintergrund des unl\u00e4ngst zu Ende gegangenen Kriegs (1950-53) letztlich fast etwas aufdringlich den amerikanischen Einfluss thematisiert.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt war die Buck bereits seit drei Jahrzehnten definitiv aus China in ihre Heimat, die sie vollst\u00e4ndig als solche empfand, zur\u00fcckgekehrt, hatte in zweiter Ehe ihren Verleger geheiratet und sich umfassend dortigen sozialen Themen zugewandt. Namentlich engagierte sie sich in der Organisation f\u00fcr Kinder in schwierigen Lagen, sicherlich mitbeeinflusst durch die Behinderung ihrer ersten, in China geborenen Tochter und ihrer zahlreichen Adoptivkinder. Dies \u00abamerikanische\u00bb Engagement wirkte sich naturgem\u00e4ss auf ihre literarische T\u00e4tigkeit aus, die sich unter anderem nunmehr der Rassenfrage widmete. Neuartig war dieser Stoff f\u00fcr sie nicht, ging es ihr doch vom presbyterianisch-christlichen Schreib-Beginn an um Toleranz und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Wohl nicht von ungef\u00e4hr also beginnt sie einerseits sp\u00e4t unter dem Pseudonym John Sedges zu publizieren und schreibt andererseits in kurzem Abstand zwei Autobiographien (1954, 1962).<br \/>\nDiese fallen in eine Zeitspanne, in der Pearl S. Buck sich intensiv mit anderen kreativen F\u00e4higkeiten befasst wie Bildhauerei oder Filmregie \u2026 und mit der Landwirtschaft, die sie zum Kauf einer Farm in Vermont f\u00fchrte, wo sie auch ihre letzte Ruhest\u00e4tte fand. Wobei sie neuerlich einen Bogen zu ihren \u00abchinesischen\u00bb Erstlingswerken schl\u00e4gt, die bewusstmachen wollten, dass sich auf explizit diesem Gebiet die beiden von ihr er-, nein: gelebten Welten gar nicht gewaltig unterscheiden.<br \/>\nUnterschieden haben, sollte man wohl hinzuf\u00fcgen \u2013 in einer nach der Lekt\u00fcre ihrer B\u00fccher kenntnisreicheren Spannung von Gestern und Heute, die sich auf das Wirken von Pearl Sydenstricker Buck gr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17146<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beginnt man \u00fcber Pearl Sydenstricker Buck zu schreiben, f\u00fchlt man sich fast auf verlorenem Posten. 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