{"id":6785,"date":"2017-07-26T16:07:10","date_gmt":"2017-07-26T16:07:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6785"},"modified":"2017-08-06T13:53:39","modified_gmt":"2017-08-06T13:53:39","slug":"die-eule-und-der-bussard","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6785","title":{"rendered":"Die Eule und der Bussard"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6785&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6785&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>An einem Maitag sa\u00df die Eule auf dem starken Ast eines alten Baumes, ihrem liebsten Platz, um den Tag, der sich im dichten Wald keineswegs durch gro\u00dfe Helligkeit erkennbar machte, zu verbringen und auf die Nacht zu warten, die Zeit, zu welcher Nachtgreifv\u00f6gel aktiver sind als w\u00e4hrend des Tages, wo sie, wenn nicht schlafend, so doch d\u00f6send auf einem Ast sitzen, und um einen guten Platz zu haben f\u00fcr das Warten auf unter dem Baum vorbeilaufende Beutetiere, auf welche sie sich st\u00fcrzen w\u00fcrde, lautlos, ohne dass die Mahlzeit durch von dem Vogel verursachte Ger\u00e4usche gewarnt werden k\u00f6nnte, wie Fl\u00fcgelschlag oder gar Laut\u00e4u\u00dferungen, denn das Gefieder von Eulen und K\u00e4uzen ist so beschaffen, dass es kein Ger\u00e4usch erzeugt.<\/p>\n<p>Zur selben Zeit flog der Bussard gem\u00e4chlich, mit langsamen Fl\u00fcgelschl\u00e4gen durch das Waldst\u00fcck, als tagaktiver Raubvogel war er auf der Jagd nach Beute, seine orangen Augen suchten den von Fichtennadeln bedeckten Boden nach solcher ab, gleichzeitig musste der Bussard achtgeben, sich nicht zu sehr auf seine Suche nach Nahrung zu konzentrieren, zu dicht war das St\u00fcck Wald bewachsen, durch das er flog, die Gefahr, sich an einem Ast zu verletzen oder im Flug gegen einen Baum zu prallen, war gro\u00df und die Folge eines durch Unachtsamkeit hervorgerufenen Unfalls w\u00e4re gewesen, dass der Bussard ernstlich verletzt oder gar fl\u00fcgellahm zu Boden fiele, wo er ein gefundenes Fressen f\u00fcr vorbeilaufende Raubtiere sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Bussard ersp\u00e4hte eine Maus, und als er sie im schnellen Flug verfolgte, prallte er gegen den Baum, auf dem die Eule sa\u00df. Benommen vom Aufprall st\u00fcrzte der Bussard zu Boden, die Eule, nun hellwach, be\u00e4ugte das Schauspiel mit Interesse und schwebte schlie\u00dflich zu Boden, um sich dem Bussard vorsichtig zu n\u00e4hern, f\u00fcrchtend, dieser k\u00f6nnte entweder aufgrund seiner Benommenheit oder aus simplem Frust \u00fcber sein Missgeschick aggressiv reagieren und sie attackieren. Diese Furcht erwies sich als unbegr\u00fcndet, vielmehr starrte der Bussard die gro\u00dfe Eule \u00e4ngstlich an, wohl f\u00fcrchtend, von ihr get\u00f6tet und aufgefressen zu werden, doch machte sie keine diesbez\u00fcglichen Anstalten, vielmehr hockte sie neben dem schwarzen Taggreifvogel und sah ihm interessiert aus ihren gro\u00dfen Augen in seine orangen Augen, kr\u00e4chzte halblaut auf eine den Bussard beruhigende Art und Weise und als seine Benommenheit verschwunden war, erkannte der Schwarze die Sch\u00f6nheit und Sanftmut, die die Eule ausstrahlte. Sie flog zur\u00fcck auf ihren bevorzugten Ast und er, der sich die Fl\u00fcgel nicht verletzt hatte, folgte ihr.<\/p>\n<p>Der Bussard und die Eule bildeten von nun eine Art Gemeinschaft von Tag und Nacht. Der schwarze Vogel, dem an der Jagd gelegen war, sie bereitete ihm Freude, schlug die doppelte Anzahl an Beutetieren, solange es Tag war, und wenn die D\u00e4mmerung hereinbrach, sa\u00dfen sie auf dem Ast des Baumes, der ihre Bekanntschaft eingeleitet hatte, er liebte es, ihren Rufen zu lauschen, die ab und an von m\u00e4nnlichen Vertretern der Gattung Strigiformes beantwortet wurden, doch als diese herangeflogen kamen und des schwarzen Taggreifvogels ansichtig wurden, der neben der vermeintlich paarungswilligen Eule auf dem Ast sa\u00df, flogen sie verst\u00f6rt und wohl auch mit dem Gef\u00fchl, zum Narren gehalten worden zu sein, keine einzige m\u00e4nnliche Eule lie\u00df sich ein zweites Mal blicken, davon.<\/p>\n<p>Im Fall des Bussards verhielt es sich \u00e4hnlich, jedes Mal, wenn ein Bussardweibchen dem Bussard ihre Aufwartung machen wollte, und die Eule in dessen N\u00e4he erblickte, stie\u00df es gellende Schreie aus und ward nicht mehr gesehen.<br \/>\nDie Eule, die herausgefunden hatte, dass es unm\u00f6glich war, Nachwuchs mit dem Bussard zu haben, stellte die Nahrungssuche fast zur G\u00e4nze ein, nur ab und an brachte sie eine Maus oder ein Eichh\u00f6rnchen, eine Kr\u00e4he oder ein Rehkitz an den Horst, und verlegte sich an Mordes statt auf das n\u00e4chtliche In-den-Schlaf-Singen ihres Gef\u00e4hrten, der tags\u00fcber die Nahrung beschaffte und den Horst sauber hielt. Mit der Zeit begann auch der Bussard, einen Hang zu n\u00e4chtlichen Aktivit\u00e4ten zu entwickeln, welcher ihn den Horst verlassen lie\u00df, sobald die D\u00e4mmerung hereinbrach und ihn oftmals erst sp\u00e4tnachts zur\u00fcckkehren lie\u00df. Es ergab sich einige Male, dass er in bemitleidenswertem Zustand wiederkehrte, was die Eule anfangs hinnahm, doch mit der Zeit wurde sie seines Verhaltens \u00fcberdr\u00fcssig, und um herauszufinden, was er trieb, w\u00e4hrend er weg war, was die Ursache f\u00fcr sein zerzaustes Gefieder und seine fallweise abgebrochenen Federn war, folgte sie ihm eines Abends heimlich, was ihr ein Leichtes war mit ihrem kein Ger\u00e4usch verursachenden Gefieder und ihren an das Sehen in der Dunkelheit angepassten und gew\u00f6hnten Augen, und was sie da sehen musste, verst\u00f6rte sie.<\/p>\n<p>Er flog zu einem vom gemeinsamen Horst ein gutes St\u00fcck entfernten Baum, auf welchem sich eine gro\u00dfe Anzahl Raben niedergelassen hatte, um auf diesem die Nacht zu verbringen. Er suchte sich einen ausgewachsenen Raben aus, nicht viel kleiner als ein Bussard, und lieferte sich mit diesem einen mit Klauen und Schn\u00e4beln gef\u00fchrten Kampf auf Leben und Tod. Der Bussard siegte, doch lie\u00df er seinen im Kampf get\u00f6teten Kontrahenten einfach liegen, er fra\u00df nicht von ihm, und flog zur\u00fcck in Richtung des gemeinsamen Horstes. Als die Eule die n\u00e4here Umgebung des Schlafbaumes der Raben in Augenschein nahm, entdeckte sie etliche Kadaver von Raben auf dem Boden verstreut, offenbar alles Opfer ihres Gef\u00e4hrten. Auf dem Weg zur\u00fcck zum Horst schlug die Eule einen Fuchs, der aufgrund seiner Jugend noch unerfahren, was die Gefahren des n\u00e4chtlichen Waldes anlangt, und dementsprechend unvorsichtig war, um sich den Anschein zu geben, als w\u00e4re sie gerade von der Jagd zur\u00fcckgekommen. Sie fra\u00dfen den Fuchs, der Bussard gl\u00e4ttete mit dem Schnabel sein zerzaustes Federkleid und strahlte dabei eine Art Zufriedenheit aus, die die Eule \u00e4ngstigte.<\/p>\n<p>Der Bussard setzte seine n\u00e4chtlichen Aktivit\u00e4ten fort und die Eule konnte sich diese nicht so recht erkl\u00e4ren, bis er einmal mit einer klaffenden Wunde auf seiner Brust in den Horst zur\u00fcckkehrte. Da war ihr klar, aus welchem Grund er sich beinahe allabendlich mit den Raben einlie\u00df. Er musste seines Daseins \u00fcberdr\u00fcssig geworden sein.<br \/>\nDiesen Umstand konnte und wollte die Eule weder ignorieren noch hinnehmen. Sie dachte daran, mitten in der Nacht zu dem Baum, auf dem die Raben schliefen, zu fliegen und die St\u00e4rksten von ihnen zu t\u00f6ten, um ihrem Gef\u00e4hrten die gef\u00e4hrliche Besch\u00e4ftigung zu verunm\u00f6glichen, doch verwarf sie diesen Plan. Einige Male r\u00fcckte sie dicht an ihren Gef\u00e4hrten heran, wenn dieser arg mitgenommen an den Horst kam, versuchte auf diese Art und Weise N\u00e4he zwischen ihnen beiden herzustellen, doch nachdem dies keinen Erfolg einbrachte, verwies sie ihn des Horstes.<\/p>\n<p>Ein weiteres Mal war er schlimm verwundet angeflogen gekommen, schon aus der Ferne hatte die Eule erkennen k\u00f6nnen, dass es ihn arg erwischt haben musste, denn sein Flug war ungleichm\u00e4\u00dfig, er taumelte in der Luft, und als er Anstalten machte, sich im Horst niederzulassen, verhinderte sie dies, indem sie ihre Fl\u00fcgel spreizte, sodass er nicht h\u00e4tte landen k\u00f6nnen, ohne sie dabei mit seinen Krallen zu verletzen, was er keinesfalls wollte, ihn mit ihren gro\u00dfen Augen, die sie \u00fcberdies weit aufgerissen hatte, anstarrte und ihn anfauchte, so furchteinfl\u00f6\u00dfend, dass er im Flug wendete und sich auf einem Ast niederlie\u00df, der aus einem Baum neben dem wuchs, auf dem sich der ehemals gemeinsam bewohnte Horst befand. Der Bussard sa\u00df auf dem Ast, sah die Eule an, die sich beinahe demonstrativ abwandte und verbrachte die Nacht dort sitzend.<\/p>\n<p>In den N\u00e4chten, die auf seine Abweisung folgten, verzichtete er darauf, mit den Raben zu k\u00e4mpfen, er lie\u00df diese intelligenten V\u00f6gel in Ruhe auf ihrem Baum schlafen. Er kam oft an den Horst, lie\u00df stets zwei Beutetiere, meist handelte es sich bei diesen um M\u00e4use, die er sorgf\u00e4ltig ausgeweidet und deren Fell er abgezogen hatte, in den Horst fallen und nahm wieder Platz auf seinem Ast des Nachbarbaumes. Die Eule nahm die M\u00e4use mit ihrem Schnabel auf, schleuderte sie aus dem Horst und wandte sich um, um den Bussard nicht sehen zu m\u00fcssen. Nach vielen Versuchen, sie doch noch umzustimmen, verschwand der Bussard.<\/p>\n<p>Nach einer Weile begann die Eule, nach ihm zu rufen, sie suchte in den N\u00e4chten die Umgebung nach ihm ab, doch konnte sie ihn nicht finden. Sie begann, die Sache als erledigt abzutun und lernte eine m\u00e4nnliche Eule kennen. Bald jedoch war sie sich der Tatsache bewusst, dass diese m\u00e4nnliche Eule dem schwarzen Bussard in mehrerlei Hinsicht unterlegen war. Zum einen hatte sie den Eindruck, dass der Bussard \u00fcber ein gr\u00f6\u00dferes Denkverm\u00f6gen verf\u00fcgte, zum anderen hatte dieser Euler die Angewohnheit, zwar sich selbst mit Nahrung zu versorgen, ihr jedoch nichts von dieser abzugeben, au\u00dferdem war er, was die Reinhaltung des Horstes anlangte, ein wenig aktiver Vogel. Die Eule verwies ihn auf die selbe Art des Horstes, die sie im Fall des Bussards zur Anwendung gebracht hatte, noch bevor sich h\u00e4tte Nachwuchs einfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie begann abermals den Bussard zu vermissen und suchte erneut nach ihm. In einer tiefen Schlucht wurde sie schlie\u00dflich f\u00fcndig. Von ihrem Bussard war nur noch das Gefieder \u00fcbrig, verstreut auf dem Grund der Schlucht, zwischen den Federn fand sie Bruchst\u00fccke zerschmetterter Knochen. Die Eule konnte die Umst\u00e4nde seines Todes nicht erkennen, doch sie hatte da so eine Vermutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> |Inventarnummer: 17140<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem Maitag sa\u00df die Eule auf dem starken Ast eines alten Baumes, ihrem liebsten Platz, um den Tag, der sich im dichten Wald keineswegs durch gro\u00dfe Helligkeit erkennbar machte, zu verbringen und auf die Nacht zu warten, die Zeit, zu welcher Nachtgreifv\u00f6gel aktiver sind als w\u00e4hrend des Tages, wo sie, wenn nicht schlafend, so [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[108],"class_list":["post-6785","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-fantastiques"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6785"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6785\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6798,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6785\/revisions\/6798"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}