{"id":6767,"date":"2017-07-20T08:20:30","date_gmt":"2017-07-20T08:20:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6767"},"modified":"2017-08-06T13:55:48","modified_gmt":"2017-08-06T13:55:48","slug":"reise-nach-asbest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6767","title":{"rendered":"Reise nach Asbest"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6767&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6767&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Wo der Teufel nicht selbst hinwill, schickt er einen Pfaffen oder ein altes Weib.<br \/>\nRussische Volksweisheit<\/em><\/p>\n<p>Es war einer dieser unvergleichlichen Vorfr\u00fchlingstage, die nur in Russland so wunderbar sein k\u00f6nnen, weil Mensch und Natur sich nach acht Monaten des Eises und der Finsternis in das Ende des Winters hineinsehnen.<\/p>\n<p>Eine schwarze Regierungslimousine, ein dem Opel Kapit\u00e4n nachgebauter Wolga, holte mich am Morgen von meinem Hotel in Jekaterinburg ab. Ich war in der Funktion der \u00f6sterreichischen Kulturr\u00e4tin an der Botschaft in Moskau Gast der Stadt- und Regionsregierung. Offenbar damit eines Wolga mit Chauffeur w\u00fcrdig. Eigentlich w\u00e4re ich viel lieber mit den jungen Musikern aus Vorarlberg im Bus mitgereist. Das gestattete man mir nicht, man empfand das einer Vertreterin der Republik nicht angemessen. Wenn man die Busse in Russland kennt, ist das auch irgendwie zu verstehen. Diese russische imperiale Mentalit\u00e4t \u2013 nur nicht zu viel Volksn\u00e4he f\u00fcr die Repr\u00e4sentanten der Staatsmacht.<\/p>\n<p>Das \u201eYoung Brass Ensemble\u201c war zum Endbewerb des \u201eInternationalen Festivals der Kinder &#8211; und Jugendorchester\u201c eingeladen, und so fuhren wir nach Asbest, in eine Kleinstadt neunzig Kilometer hinter dem Ural. In Sibirien nennt man eine solche Distanz einen \u201eFlohsprung\u201c oder gleich nebenan. Alles unter tausend Kilometer ist gleich nebenan. Nach dem Zerfall des Ostblocks und der Sowjetunion bedeutete \u201einternational\u201c Russland, die GUS-Staaten plus zwei befreundete Nationen, T\u00fcrkei und \u00d6sterreich. Die zw\u00f6lf Gymnasiasten aus Vorarlberg hatten zuvor schon den Stadtwettbewerb in Jekaterinburg gewonnen. Jetzt sollten in Asbest die \u201eInternationalen\u201c gegen die Regionsorchester antreten. Im Ausbau der Sowjetunion zu einer Wirtschaftsmacht war es beliebt, neue St\u00e4dte nach ihren Bodensch\u00e4tzen oder Produkten zu benennen: Nikel ist so eine, Magnitogorsk, Peschtschannij (Sand), Lesnoj (Wald), Izjumowka (Rosinen), Tekstilnik und eben Asbest.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberquerte den Ural nicht zum ersten Mal, vor vielen Jahren schon einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Irkutsk. Damals hatte ich den Nachtschaffner der Transsib bestochen, mich unbedingt aufzuwecken, ich wollte den sagenhaften Ural nicht verpassen, diese magische Linie zwischen Europa und Asien sehen und erleben.<br \/>\nEr weckte mich nicht auf, ich erwachte am Morgen und sah aus dem Zugfenster \u2013 es war nichts zu sehen, nur der lange Zug in einer Schneise durch endlose W\u00e4lder, links und rechts Birken und Fichten. Keine Spur von Ural-Gebirge, das wie ein Gebirge ausgesehen h\u00e4tte. Wenn man wie ich aus den Alpen kommt und diese seit der Kindheit besteigt, waren das nicht einmal wahrnehmbare H\u00fcgel. Langgezogene Bahnd\u00e4mme h\u00f6chstens. In dem schlenkernden Eisenbahnwaggon konnte man keine H\u00f6hen und Tiefen empfinden, geschweige denn eine Steigung oder einen Abstieg sehen.<br \/>\nBei der ersten Reise \u00fcber den Ural hatte ich noch kein K\u00f6rpergef\u00fchl und keine Augenlust entwickelt f\u00fcr die Weiten, in denen sich \u00fcber tausend Kilometer nichts \u00e4ndert. Und die Zeiten, die vergehen sollten, bis sich irgendein Unterschied auftat, um sich zu versichern, dass man \u00fcberhaupt weitergekommen war. Wie in alten Filmen, in denen ein Bild stehenbleibt und alles wieder zur\u00fcckl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Aber an diesem April-Tag des Jahres 2004 sa\u00df ich in einem Staats-Wolga und schaukelte durch die leere Landschaft Asbest entgegen. Ich sagte mir immer wieder: Ich bin hinter dem Ural, ich bin in Sibirien, in Asien. Die hinteren Seitenfenster hatten noch aus der Zeit vor der Einf\u00fchrung des get\u00f6nten Glases dunkle Vorh\u00e4nge, festgehalten an St\u00e4ben, sodass sie in R\u00fcschen herabfielen.<br \/>\nIch machte nach vorne einige Gespr\u00e4chsversuche, es kam kein ganzes Wort zur\u00fcck. Dieser Chauffeur hielt es offenbar noch mit der Propaganda von den feindlichen Ausl\u00e4ndern, Imperialisten, Kapitalisten, Agenten, Spionen und Verr\u00e4tern. Oder war das im vierten Putin-Jahr schon die Wende von der Wende? Eine gro\u00dfe Tellerm\u00fctze auf dem klobigen Kopf , darunter ein r\u00f6tliches Gesicht mit platter Nase, schmalen Lippen und geschlitzten Augen. Meine Einsch\u00e4tzung: eine Mischung aus Lette und Sibijrak.<\/p>\n<p>Immer noch schaukelte ich im Fond des Wolga \u00fcber die Landstra\u00dfe. Wie lange sind zweihundertf\u00fcnfzig Kilometer? Der Chauffeur umfuhr geschickt und weitl\u00e4ufig die tiefsten L\u00f6cher. Der Permafrost war nach den Monaten mit Eis und Schnee aufgebrochen. Ich war nicht b\u00f6se \u00fcber das Rumpeln, eine kleine Entsch\u00e4digung f\u00fcr das Fehlen des Gebirges. Ich wei\u00df nicht, wer das erfunden hat, der Opel Kapit\u00e4n oder der Nachbau des Wolga, auf jeden Fall sa\u00df ich im Wagen so tief unten, dass ich vom Chauffeur meistens nur seine Kappe zu sehen bekam. Nach einem kurzen D\u00f6sen am Anfang der Reise rappelte ich mich aus dem falschen Leder auf, schaute rechts aus den Fenstern und versuchte mich auf die Landschaft einzulassen, sie zu verstehen, in sie hineinzukriechen, sie einzuatmen, sie in mich aufzunehmen.<\/p>\n<p>Wenn einmal die W\u00e4lder zur\u00fcckwichen, gab es auch nicht viel zu sehen, endlose Wellen, manche noch mit Schneeresten, die D\u00f6rfer in die Landschaftsfalten hineingekauert, Katen, H\u00fctten, Stadel, D\u00e4cher, Z\u00e4une, alles aus grauem Holz, fahl, ausgebleicht und abgeschabt, ohne einen Farbtupfer. Kein h\u00f6heres Geb\u00e4ude, selten ein Kirchturm. So konnte es noch siebentausend Kilometer weitergehen durch Sibirien bis nach Nachodka am Japanischen Meer. Ein g\u00e4ngiger russischer Spruch hei\u00dft, du musst Russland lieben, einfach weil es deine Heimat ist. Dieser Liebeshunger, auch noch das H\u00e4sslichste zu lieben.<br \/>\nIch liebe mein Volk, ich liebe meine Heimat. Das tr\u00e4gt jeder Russe viel zu leicht auf den Lippen. Ist es denn nicht schwer genug, einen Menschen zu lieben?<br \/>\nDas ist nicht nur ein primitives Gef\u00fchlskonstrukt, sondern auch Ideologie. Denn wer kann, darf kritisieren, was man liebt? Wer sein Land nicht liebt, soll es verlassen. Aber wer bestimmt, wie man sein Land zu lieben hat? Mir kommt vor, es handelt sich dabei um so etwas wie Trotz-Patriotismus, Beharrungspatriotismus. In dieser Heimat-Mystik liegt eine Parallele zur Mutterliebe.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstie\u00df, aber ich versuchte trotzdem, ein Gespr\u00e4ch mit dem Fahrer aufzunehmen. Neugierig wie immer, vorlaut, meines Russisch sicher und Volksn\u00e4he suchend. Dieser Mann aber war unerbittlich, geschult beim KGB. Er antwortete nie mit einem eindeutigen Wort, keinem ganzen Satz. Hm, ahm mit und ohne Fragezeichen in Variationen von H\u00f6hen und Tiefen, von St\u00f6hnen und Grunzen. Nie wandte er sich zu mir mehr zur\u00fcck als bis ins Halbprofil. Ich bemerkte seine tiefen Falten, die von den Augenwinkeln die Wangen hinunterkrochen. Ein sch\u00fctterer Schnurrbart in Blond-Grau. Er blickte geradeaus auf die Stra\u00dfe, ein Asphaltband mit einer wei\u00dfen Mittellinie, eine schnurgerade Schneise durch den Ural.<\/p>\n<p>Manchmal bogen sich die d\u00fcnnen, kahlen Birkenst\u00e4mme \u00fcber die Stra\u00dfe und bildeten einen fast geschlossenen Tunnel. Die B\u00e4ume standen tief im Wasser, viele waren umgest\u00fcrzt oder abgestorben. Tauwasser oder Sumpf, zu dieser Jahreszeit konnte man das nicht sagen.<br \/>\nWen hatte der schon alles gefahren? Sergej Kirow, den beliebten Parteichef von Swerdlowsk, \u00fcberlegte ich. Einige Zeit der Konkurrent von Stalin. Das geht sich nicht aus. Den hatte Stalin 1935 in Leningrad umbringen lassen. Aber vielleicht den jungen Kommunisten Boris Jelzin, sp\u00e4ter Parteichef von Swerdlowsk, bevor er Moskau und ganz Russland eroberte.<br \/>\nDer Kappenkopf wandte sich nie nach rechts oder links, war auch nicht n\u00f6tig, denn die Stra\u00dfe f\u00fchrte immer geradeaus \u00fcber sanfte Wellen, dazwischen d\u00fcrftiges Unterholz aus Str\u00e4uchern von Vogelbeeren und Haselnuss. Er musste nur seine Augen bewegen, um alles zu \u00fcberblicken. Alles? Kein Gegenverkehr. Einige Lastwagen, je mehr wir uns der Stadt Asbest n\u00e4herten. Einmal blieb der Chauffeur unvermittelt stehen, hie\u00df mich barsch aussteigen und knurrte: Fotografiere! Snimi! Er war also innerlich per Du mit mir.<\/p>\n<p>Am rechten Stra\u00dfenrand stand in einer kleinen Waldbucht ein Denkmal, unter einem riesigen Schriftzug AC-ECT, das B fehlte gerade, ein unbehauener Felsbrocken, auf dessen Spitze einige aus dem Stein gehauene Figuren kauerten. An ihren demonstrativ hochgehaltenen Werkzeugen waren sie als Bergleute zu erkennen. An der Vorderseite prangte in goldenen Lettern die Inschrift Heldenstadt Asbest 1889 \u2013 1989, wahrscheinlich eines der letzten Denkm\u00e4ler der alten Sowjetunion. Ich war folgsam und fotografierte. Als wir kurz danach an den Gruben vorbeifuhren und ich die Kamera z\u00fcckte, gab der Fahrer Gas, sodass ich nur verwackelte Fotos zustandebrachte, im Vordergrund die verwischten B\u00e4ume, dahinter einige Bohrt\u00fcrme, Kranmasten, Schlote, Fabriksgeb\u00e4ude und Baracken.<\/p>\n<p>Aber doch konnte ich sehen, dass der Tagebau riesig war, tiefe Krater wie umgekehrte Kegel in die Erde gegraben, auf deren Grund ich in meiner Lage nicht blicken konnte. Der Globus war \u00fcber viele Kilometer aufgegraben. In vielen Terrassen konnte ich Schichten von gr\u00e4ulichem und gr\u00fcnlichem Gestein erkennen, ein Blick in die aufgeschnittene H\u00f6lle. Die Gruben zogen sich \u00fcber Kilometer hin, bis wir den Stadtrand erreichten.<\/p>\n<p>Im B\u00fcrgermeisteramt wartete man schon auf mich. Neben den Organisatoren des Musik-Festivals war eine Wirtschaftsdelegation aus Japan zu Besuch. Der junge B\u00fcrgermeister hielt eine dynamische Lobrede auf das Produkt seiner Stadt, das ber\u00fchmte russische Asbest. Auf dem langen Tisch waren Brosch\u00fcren und B\u00fccher \u00fcber das Mineral aufgelegt, und der B\u00fcrgermeister hatte f\u00fcr die G\u00e4ste als besonderes Schmankerl S\u00e4ckchen mit Asbest-Brocken vorbereitet. Wir sollten uns daran bedienen. Die Westeurop\u00e4er griffen nur z\u00f6gerlich zu, wussten sie doch, dass Asbest bei uns schon l\u00e4ngere Zeit in Verruf geraten war, ja sogar als Baumaterial verboten war, wie ich mir nicht verkneifen konnte, einzuwenden.<br \/>\nF\u00fcr den B\u00fcrgermeister der Anlass, das russische Asbest in den h\u00f6chsten T\u00f6nen zu loben und den Gegensatz zu dem giftigen aus dem Westen herauszuarbeiten. Er sch\u00e4umte \u00fcber vor Asbest. An seiner Seite ein Chemiker und ein Geologe als Vertreter des \u201eTrest Uralasbest\u201c, die die Vorz\u00fcge und Harmlosigkeit mit vielen Formeln und Tabellen wissenschaftlich nachzuweisen versuchten. Asbestos kannten schon die alten Griechen und bedeutet unverg\u00e4nglich, obwohl der B\u00fcrgermeister es lieber vom englischen as best abgeleitet gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das russische Asbest ist ein Chrysotil und geh\u00f6rt zur Serpentingruppe, faserf\u00f6rmige, kristallisierte Silikat-Minerale. So wie es jetzt in den Plastiks\u00e4ckchen am Tisch liegt, k\u00f6nnte man meinen, es sei vergilbter Minzetee oder gr\u00fcnstichige Schafwollb\u00e4llchen. Es habe eine andere chemische Zusammensetzung, die keinen Krebs, keinen heimt\u00fcckischen, unheilbaren Bauch- und Brustfelltumor, keine Asbestose &#8211; das Eindringen von Asbeststaub und -fasern in die Lunge &#8211; verursache. Der Stadtobere kam geradezu ins Schw\u00e4rmen \u00fcber die hohe Qualit\u00e4t, Reinheit, Dichte, Effizienz.<br \/>\nNicht einmal die sch\u00f6ne gr\u00fcn-wei\u00dfe F\u00e4rbung verga\u00df er hervorzuheben. Lange verbreitete er sich \u00fcber die g\u00fcnstigen Investitionsbedingungen im gr\u00f6\u00dften Asbestlager der Welt. Sicher weniger an mich und die Kinderkulturaktivisten, denn an die Japaner gerichtet. Das war in etwa so komisch, wie damals, als uns Anh\u00e4nger der sozialistischen Atomkraft \u00fcberzeugen wollten, dass die Neutronen im Ostblock in einer anderen, unsch\u00e4dlichen Richtung marschieren oder Mascherl haben, auf denen steht: Keine Angst, wir sind die Guten. Die Japaner nickten zu allem h\u00f6flich, verzogen keine Miene, stellten keine Fragen, behielten ihre Handschuhe an und die Masken vor den Gesichtern.<\/p>\n<p>In Europa und den USA hat es Jahrzehnte gebraucht, bis die heimt\u00fcckische Asbestose er- und anerkannt wurde. Aber viele Menschen leiden noch immer unter den Sp\u00e4tfolgen und k\u00e4mpfen bis heute um eine Entsch\u00e4digung. Das in Baumaterialien verarbeitete Asbest findet sich als Eternit aber noch immer in vielen H\u00e4usern, Mauern, D\u00e4chern und Schalungen, deren Beseitigung gef\u00e4hrlich ist und Unsummen verschlingt. Aber bevor man die Sch\u00e4dlichkeit von Asbest erkannte, verwendete man es auch in feuersicheren Textilien, in Estrichen, D\u00e4mmungen, im Schiffsbau und sogar in Zahnpasten.<\/p>\n<p>Endlich entlie\u00df uns der B\u00fcrgermeister, nicht ohne dass er uns reich beschenkt h\u00e4tte mit Literatur \u00fcber Asbest, die Stadt und das Mineral, und wer wollte, mit einem Plastiks\u00e4ckchen, durch das die fasrigen Brocken gr\u00fcnlich durchschimmerten. Mir gelang es, aus den H\u00e4nden einer B\u00fcrgermeister-Assistentin ein solches P\u00e4ckchen anzunehmen und ohne es zu ber\u00fchren, mit Hilfe einer Brosch\u00fcre in meine Tasche zu bugsieren.<\/p>\n<p>Bis zum Konzert blieb noch etwas Zeit, die ich f\u00fcr einen Spaziergang durch die Stadt ben\u00fctzte. Im Zentrum zwei breite Stra\u00dfen mit gemauerten H\u00e4usern, den Lenin- und den Sowjetski-Prospekt, an deren Kreuzungspunkt eine gro\u00dfe Lenin-Statue stand. Sakralarchitektur als \u00f6ffentliches Machtsymbol.<br \/>\nWeiter verliefen sie sich in einem Gewirr von vierst\u00f6ckigen Plattenbauten, typischen Chruschtschowkas, schnell und billig aufgezogenen Wohnbl\u00f6cken. Im Sommer k\u00f6nnten sie vielleicht ganz h\u00fcbsch aussehen mit den Baumgruppen und Gr\u00fcnfl\u00e4chen dazwischen, nun im April wirkten sie r\u00e4udig wie ein getretener Hund. Der gerade auftauende Ural-Frost hat in die Stra\u00dfenbel\u00e4ge tiefe, erodierende L\u00f6cher gerissen, in die ich in der Dunkelheit nicht stolpern m\u00f6chte. Manche so gro\u00df wie kleine Kraterseen ohne Grund. Ob darunter nicht gleich der Reichtum der Stadt lag, das Asbest, schoss es mir durch den Kopf. Es ist fr\u00fcher Nachmittag des sonnigen Apriltages. In den zwei Hauptstra\u00dfen mit ein paar Gesch\u00e4ften sind Menschen unterwegs. Meistens Frauen, junge, alte, Kinderrudel aus den Schulen, aber keine M\u00e4nner. Das f\u00e4llt mir auf. Eine Stadt ohne M\u00e4nner. Sie sind in der Arbeit.<br \/>\nAber Alte wird\u2019s doch ein paar geben. Die sitzen doch so gerne vor den H\u00e4usern und w\u00e4rmen sich die alten Knochen. Die Stadt uferte aus in vielen l\u00e4ndlichen Str\u00e4\u00dfchen, die Holzh\u00e4uschen, manche mit geschnitzten und bunt bemalten Verzierungen, windschief standen sie in den endlosen Weiten von Chagalls wei\u00dfrussischen Landschaften bis hinter den Ural. Von G\u00e4rtchen umgeben, zehn Quadratmeter, war die stalinsche Norm f\u00fcr Privatbesitz, es reichte f\u00fcr Petersil, Zwiebel, ein paar Erd\u00e4pfel, Gurken, Kraut. Lattenz\u00e4une darum so l\u00fcckrig wie ein durchschnittliches russisches Gebiss. In einer kahlen Hollerstaude tschirpen Spatzen, irgendwo auf einer Zaunzacke sitzt eine schwarze Katze, in einer trockenen Kuhle r\u00e4keln sich herrenlose Hunde in den ersten Sonnenstrahlen. Ein leicht eingef\u00e4rbter Stich von Sibirien aus dem 19. Jahrhundert. Das unver\u00e4nderliche, ewige Russland, ewig arm und elend, denke ich.<\/p>\n<p>Als ich einmal von einer solchen Stra\u00dfe aufsah, erschrak ich zutiefst. Wo war ich hingeraten, hatte ich mich verirrt? Eine Fata Morgana im Ural, am Westrand von Sibirien? Ich kann beschw\u00f6ren, dass ich beim B\u00fcrgermeister keinen Tropfen Wodka anger\u00fchrt habe, sowenig wie das Asbest! Ich befand mich pl\u00f6tzlich ohne Vorwarnung, Andeutung oder \u00dcbergang auf einem anderen Planeten. Vor mir \u00f6ffnete sich ein Platz so weit, dass er der Hauptstadt w\u00fcrdig gewesen w\u00e4re. Aus dem Nichts der absoluten Leere erstand ein griechischer Tempel, nicht in Marmor, ganz in Kalkwei\u00df \u00fcber russischen Ziegeln, eine breite Treppe, ein doppelreihiger Portikus mit dorischen S\u00e4ulen, umgeben von korinthischen Girlanden, gekr\u00f6nt von einer gigantischen Kuppel wie die der Isaaks-Kathedrale auf dem Newski-Prospekt. Ich f\u00fchlte mich in einem einzigen Augenblick zur Gr\u00f6\u00dfe von einer Ameise geschrumpft. Mit vorsichtigen Schritten durchwatete ich die Kraterseen auf dem Platz und n\u00e4herte mich and\u00e4chtig \u00fcber breite Stufen dem \u201eKulturhaus der Stadt Asbest\u201c. Vor der Giganten-Statue Maxim Gorkis machte ich nat\u00fcrlich meinen Kotau.<\/p>\n<p>Im Dreiecksgiebel \u00fcber dem Portikus k\u00fcndeten die goldenen Lettern \u201eDem siegreichen sowjetischen Volk\u201c von der Entstehungszeit des Kulturtempels. V\u00e4terchen Stalin. Da ich allein hier war, konnte ich mit niemandem die S\u00e4ulen ausmessen, meine zwei eigenen Arme plus mein Mittelk\u00f6rper reichten vielleicht f\u00fcr ein Viertel des Umfangs. Weil der Giebel aus unerfindlichen Gr\u00fcnden nach hinten versetzt war, machte das leere Flachdach des Portikus den ern\u00fcchternden Eindruck einer Garage.<br \/>\nIch war viel zu fr\u00fch dran f\u00fcr das Konzert, stand oben unter dem sibirischen Portikus und sah mich im Rund um: Menschen str\u00f6mten aus allen Richtungen auf das Kulturhaus zu, viele Kinder, Frauen, M\u00fctter, Gro\u00dfm\u00fctter, Tanten, aber keine M\u00e4nner. Naja, die arbeiten wohl alle, normal, dachte ich.<\/p>\n<p>Der falsche Tempel in Sibirien. Ein leerer Platz mit Schneematsch, Pf\u00fctzen und Gatsch. Rundherum grindige Holzkaten und schiefe Lattenz\u00e4une. Ich ertappte mich beim Gedanken an den franz\u00f6sischen Marquis de Custine mit seinen Blicken auf St. Petersburg im Jahr 1839. \u201eDreckige, verlauste Bauern lagern in Lumpen auf Stroh und Dreck unter falschen griechischen Tempeln.\u201c So fasst er polemisch seine Eindr\u00fccke vom Newski-Prospekt zusammen. Astolphe de Custine, ein reaktion\u00e4rer franz\u00f6sischer Adeliger, hatte in Paris in polnischen Exilantenkreisen verkehrt und bereiste drei Monate Russland ohne Russisch-Kenntnisse und Kontakt zum Volk. Mit seinem bahnbrechenden Werk \u201e La Russie en 1839\u201c pr\u00e4gt er noch immer das westliche Bild vom barbarischen Russland. Er beschreibt den zaristischen Absolutismus als \u201eexpansionistische und despotische Gefahr f\u00fcr die freiheitliche Kultur und die ganze nicht-orthodoxe Christenheit\u201c. Es erlebte in Frankreich gleich sechs Auflagen und erschien in ganz Europa. In Russland und der Sowjetunion blieb es immer verboten und wurde erst 1985(!) unter Gorbatschows Glasnost auszugsweise als \u201eRussische Schatten\u201c ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Einmal war es mir schon \u00e4hnlich ergangen, als ich die zentralrussische Stadt Arsamas besuchte.<br \/>\nDort hatte man nach dem Sieg \u00fcber Napoleon 1812 die Auferstehungs-Kathedrale erbaut, in der der Petersdom leicht zweimal Platz h\u00e4tte. Auch er auf einem leeren Platz von enormen Ausma\u00dfen, wie ein Meteor von einem Planeten heruntergefallen. Aber der Unterschied zu Asbest ist wichtig: Arsamas ist ein h\u00fcbsches, altes Landst\u00e4dtchen, eingebettet in eine liebliche Landschaft, idyllisch wie in eine Turgenjew-Erz\u00e4hlung oder die Tschechow\u2018sche Kirschgartenlandschaft vor der Zerst\u00f6rung. Vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass ich an einem herrlichen Sommertag nach Arsamas kam. Die Stra\u00dfen sind ges\u00e4umt von den K\u00f6stlichkeiten aus G\u00e4rten und W\u00e4ldern, K\u00fcbel und K\u00f6rbe voll mit Obst, Gem\u00fcse, Beeren und Pilzen. Ich erinnere mich mit Wonne daran, einen 10-Liter-K\u00fcbel mit den sch\u00f6nsten Herrenpilzen um 40 Rubel gekauft zu haben. Es sieht aus wie das biblische Land, in dem Milch und Honig flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Arsamas liegt auf einem H\u00fcgel am Steilufer der Tjoscha, einem Nebenfluss der Oka. Ein Balkon, von aus dem man meinte, in die Ebenen Sibiriens bis nach Wladiwostok sehen zu k\u00f6nnen. Kein Hindernis dazwischen. Arsamas besitzt die gr\u00f6\u00dfte Ansammlung von Holzh\u00e4usern, damals schon viele stilvoll restauriert, die ich bis dahin gesehen hatte. Ein Gef\u00fchl, durch eine Gem\u00e4ldegalerie zu spazieren. Die Anmut dieses Ortes und seiner Umgebung hatten auch schon einige Peredwischniki entdeckt. Die russischen Wandermaler der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wandten sich gegen den steifen Akademismus, einige von ihnen haben sich hier niedergelassen. Bis heute ist ihnen ein kleines, aber liebevoll zusammengestelltes Museum gewidmet.<\/p>\n<p>Noch zwei Besonderheiten hat Arsamas aufzuweisen. Beim Bau der Eisenbahnstrecke Moskau- Nishnij Nowgorod hat man auf Arsamas vergessen und an ihm vorbeigebaut. Arsamas, das einen aufbl\u00fchenden Handel und eine Textilindustrie hatte, fiel in Dornr\u00f6schenschlaf, bis etwa hundert Jahre sp\u00e4ter die Atomindustrie es aufweckte und gleichzeitig wieder versteckte. Eine der gr\u00f6\u00dften Forschungs- und Produktionsst\u00e4tten legte man in die N\u00e4he des St\u00e4dtchens, eine geheime, geschlossene Stadt, von der man erst erfuhr, nachdem Andrej Sacharow nach Nischnij Nowgorod verbannt worden war. Arsamas 16 war einst sein Arbeitsplatz gewesen, wo er die sowjetischen Atombomben entwickelte.<br \/>\nBis zu mir, heute vor dem Kulturtempel in Asbest, dringen die Bilder des Marquis de Custine ein.<br \/>\nWeil er ein verdammt genaues Auge hatte und eine genaue Sprache f\u00fcr diese Unterschiede, diese Diskrepanzen. Er hat das Falsche, das nur Nachgeahmte an der russischen Kultur erkannt, ohne jede Kenntnis von ihr zu haben. Das Nachgemachte, das Angenommene, das aus Europa \u00dcbernommene und oft falsch Verstandene. Der gr\u00f6\u00dfte Irrtum war wohl der Marxismus.<\/p>\n<p>Das Innere des Kulturhauses \u00fcberraschte wiederum mit seiner N\u00fcchternheit: Halle, Garderoben, Treppenh\u00e4user und Korridore \u2013 alles war in der sowjetunionweiten Nutzbauweise aus Beton gehalten. Aber daf\u00fcr hatte es der zentrale Konzertsaal in sich. Ich stand wie geblendet da und brachte meinen Mund nicht mehr zu. Ein in einem Halbrund amphitheaterartig aufsteigender Raum, bestuhlt mit rot-goldenen Reihen in Samt, eine B\u00fchne und ein Orchestergraben vorne. Die Decke bildete eine Kuppel, die zur G\u00e4nze ausgemalt war. In den Segmenten konnte man Stalin in verschiedenen lebensnahen Situationen sehen: von Kindern umringt, die ihm Blumen in K\u00f6rben und Girlanden \u00fcberreichen, wof\u00fcr er sie wie der gute Hirte mit ausgebreiteten Armen segnet, von diversem Arbeitsvolk umgeben, das ihm Produkte aus Wald, Feld, Fabriken und Bergwerken \u00fcberreicht.<br \/>\nWo in den Barockgem\u00e4lden die Putti sind, schwebten hier Blumen, einzeln, in K\u00f6rben oder in Gebinden durch die blauen Hintergr\u00fcnde. Die Stuckrippen prangten in Gold. Vom h\u00f6chsten Punkt in der Kuppel hing ein riesiger Luster aus Kristallglas, w\u00fcrdig einer Staatsoper. Eindeutig, die Maler kannten sich gut aus in der Kunstgeschichte, praktisch von allen Epochen war etwas in Asbests Theaterhimmel versammelt. Ich bemerkte beim Staunen \u00fcber dieses in der Provinz vergessene \u00dcberbleibsel des grenzenlosen Stalin-Kults, dass ich nach k\u00fcrzester Zeit in die hier angebrachte K\u00f6rperhaltung verfiel, in eine Nackenstarre. Um all diese gemalte Pracht und Herrlichkeit zumindest mit Blicken zu erfassen, musste ich den Kopf extrem nach hinten beugen. Mit dem Geist ist es f\u00fcr einen Westler nicht so einfach. Vielleicht ist in Asbest Stalin noch gar nicht tot, so wie manche Zeitgenossen glauben, dass Elvis lebt. Vielleicht ist in Asbest auch der 2. Weltkrieg noch nicht zu Ende?<\/p>\n<p>Unser Sch\u00fcler-Ensemble gewann wieder unter den ausl\u00e4ndischen Formationen. Das Balalaika-Orchester aus Asbest trug nat\u00fcrlich den Gesamtsieg davon. Beim nachfolgenden Bankett kam ich neben einer Journalistin aus Jekaterinburg zu sitzen. Sie kl\u00e4rte mich \u00fcber das Geheimnis des eklatanten M\u00e4nnermangels auf: In Asbest werden die M\u00e4nner nicht \u00e4lter als f\u00fcnfzig, bis f\u00fcnfzig graben sie den Schatz aus der Erde.<\/p>\n<p>19., 20.6. 17<br \/>\nFortsetzung Jekaterinburg &#8211; An den St\u00e4tten des Zarenmordes<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 17138<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo der Teufel nicht selbst hinwill, schickt er einen Pfaffen oder ein altes Weib. Russische Volksweisheit Es war einer dieser unvergleichlichen Vorfr\u00fchlingstage, die nur in Russland so wunderbar sein k\u00f6nnen, weil Mensch und Natur sich nach acht Monaten des Eises und der Finsternis in das Ende des Winters hineinsehnen. 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