{"id":6761,"date":"2017-07-15T18:56:40","date_gmt":"2017-07-15T18:56:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6761"},"modified":"2017-07-19T19:02:30","modified_gmt":"2017-07-19T19:02:30","slug":"im-einundsechzigsten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6761","title":{"rendered":"Im Einundsechzigsten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6761&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6761&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Hauptperson fehlt.<br \/>\nNoch nicht alt. Nicht mehr jung.<br \/>\nZu jung.<\/p>\n<p>Eine gebrochene hochbetagte Mutter, deren Schmerz nur kurz Linderung erh\u00e4lt durch Momente der \u00a0Erleichterung dar\u00fcber, nun nicht mehr Sorge f\u00fcr die Zukunft der kranken Tochter tragen zu m\u00fcssen.<br \/>\nKartenspielen mit der Mutter, beiderseitige F\u00fcrsorge.<br \/>\nWas wird sein, wenn die Mutter geht?<br \/>\nWer rechnet schon mit der umgekehrten Reihenfolge?<br \/>\nDer hei\u00dfgeliebte Kater in der Obhut der Mutter.<\/p>\n<p>Ein ebenso alter Vater im j\u00e4gerlichen Lodenrock, verkniffen, ersch\u00f6pft.<br \/>\nDer Kontakt zur Tochter war nicht der beste.<\/p>\n<p>Der Cousin, angereist aus Wien, der J\u00fcngste und Letzte der Familie.<\/p>\n<p>Zwei ehemalige Kolleginnen, zwei Kameradinnen aus der Kindheit und einige der Freundinnen, die sp\u00e4ter dazustie\u00dfen. Gemeinsame Reisen, unbeschwerte Plauderstunden, Salzburgfahrten (zum Patenkind), bei denen erste Gehst\u00f6rungen auftreten.<br \/>\nBesuche bis zuletzt, aber bestimmt zu selten! Keine Vorw\u00fcrfe oder Klagen.<\/p>\n<p>Eine feierliche Stimmung will nicht aufkommen, bedr\u00fccktes Schweigen.<br \/>\nDer Tross folgt der Urne in der Sommerhitze quer \u00fcber den Friedhof. Auf knirschendem Kies und unter Verkehrsget\u00f6se und Baustellenl\u00e4rm.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner in ihrem Leben sind auch gekommen.<\/p>\n<p>Die Verlobung mit dem ersten Freund empfindet sie gerade noch rechtzeitig als zu eng. Da war immer schon ein gro\u00dfer Wunsch nach Eigenst\u00e4ndigkeit, danach, selbst zu entscheiden. Die Freundschaft bleibt dennoch bis zuletzt. Ich hab ihn mir anders vorgestellt, agiler, aber nat\u00fcrlich ist er ein grauer Mann.<\/p>\n<p>Die Gesellige, stets Freundliche \u2013 es war Verlass auf sie.<br \/>\nDie Lebenslustige, Aktive und Sportliche war eine attraktive Frau und hatte sch\u00f6ne Zeiten.<\/p>\n<p>Ihre gro\u00dfe Liebe ist auch hier, ein elegant ergrauter Herr. Der, der sie vor Jahrzehnten einmal sehr verletzt hat. Dem verziehen wurde, und mit dem es danach weiterlief, so nebenbei, aus seiner Sicht in Teilzeit sozusagen.<br \/>\n(Zu der Zeit trat der erste Schub auf, die Sehbeschwerden wurden erst im Nachhinein auf\u00a0 ihre Krankheit zur\u00fcckgef\u00fchrt.)<br \/>\nWie gut, dass er gekommen ist, aber kurz str\u00e4uben sich meine Nackenhaare, wie er jetzt da eine Zeitlang so neben mir hergeht.<br \/>\nEr hat etliche Frauen in sein ruhmreiches Leben gepackt.<br \/>\nDie Freundschaft bleibt aber tragf\u00e4hig bis zuletzt.<\/p>\n<p>Danach eine Vollzeitbeziehung, im Nachhinein gesehen aber nicht mit dem Richtigen. Nachdem sie diese beendet hat, holt er sich eine junge Frau aus Thailand, empfindet als st\u00f6rend, dass sie ein S\u00f6hnchen nachholen will und auch, dass sie schiefe Z\u00e4hne hat. Der falsche Partner, aber ein Freund, auf den sie z\u00e4hlen konnte. Auch er ist grau; er war es schon immer.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste und letzte Mann in ihrem Leben hat ihr gutgetan, in Teilzeit und unverbindlich \u2013 an ihre Unabh\u00e4ngigkeit hatte sie sich gew\u00f6hnt. Als das Leben beschwerlich wird, ist er ein Freund, achtsam in guten wie in schlechten Tagen. Eine gewisse Treue. Auch er ist unter jenen, die sie jetzt begleiten.<\/p>\n<p>Die Tapfere, Zuversichtliche.<br \/>\nDer es dreckig ging, und die kaum geklagt hat.<br \/>\nDie bitteren Entscheidungen: das Auto aufgeben, von der Freiheit ganz zu schweigen!, sich Hilfe suchen, das Pflegebett, der verhasste Rollstuhl, der Badewannenlift, vorzeitige Pensionierung und Pflegegeld beantragen.<br \/>\nUnd das niederschmetternde Aufwachen, nachdem im Traum das Gehen-K\u00f6nnen wieder m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>H\u00f6lzern absolvierte katholische Abschiedsrituale, Trauer nach Regieanweisung. Das Geschehen und der Schauplatz unter der sengenden Sonne und dem nahen Alltagsl\u00e4rm auf seltsame Weise surreal.<br \/>\nDie Mutter untr\u00f6stlich.<br \/>\nBei uns anderen wird die Beklommenheit dem Kummer erst sp\u00e4ter weichen.<\/p>\n<p>Nach einem sehr schlechten Tag mit massiven Sprachst\u00f6rungen beginnt der folgende mit viel Zuversicht und einem guten Gef\u00fchl. Aus diesem heraus verlangsamt sich in der Fr\u00fch pl\u00f6tzlich der Herzschlag, ihr Sterben ein erstauntes Aus-dem-Leben-Gleiten ohne Kampf und Angst.<\/p>\n<p>Wir sind traurig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 17137<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hauptperson fehlt. Noch nicht alt. Nicht mehr jung. 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