{"id":6752,"date":"2017-07-17T14:07:14","date_gmt":"2017-07-17T14:07:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6752"},"modified":"2017-07-31T06:17:17","modified_gmt":"2017-07-31T06:17:17","slug":"6752","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6752","title":{"rendered":"Mein Oster-Erweckungserlebnis"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6752&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6752&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>April 1971<\/em><\/p>\n<p>Meine Freunde Pashka und Wjeta wussten davon \u00fcber Mundpropaganda.<br \/>\nIn der Christi-Himmelfahrts-Kirche von Kolomenskoje soll es einen geheimen Oster- Gottesdienst geben, eine Auferstehungsfeier die ganze Nacht hindurch.<br \/>\nWir fuhren mit der Metro hinaus zur Endstation Kolomenskaja und gingen \u00fcber die fast schon gr\u00fcnen Wiesen der Parkanlage zur Kirche. Vor allen Seiten str\u00f6mten Menschen herbei.<br \/>\nMir fiel auf, dass sie alle geb\u00fcckt gingen, als w\u00fcrden sie sich vor etwas verstecken wollen, als wollten sie so tun, als ob sie gar da seien. Ich erkl\u00e4rte mir das mit dem frommen Insichgekehrtsein, der Verz\u00fccktheit nach dem strengen vierzigt\u00e4gigen Fasten. V\u00f6llig daneben, wie sich sp\u00e4ter herausstellte.<\/p>\n<p>S\u00fcdlich vom Stadtzentrum liegt in einer Moskwa-Schleife inmitten einer Parklandschaft mit sechshundertj\u00e4hrigen Eichen die einstige Sommerresidenz der fr\u00fchen Zaren. Nach dem Sieg \u00fcber die Tataren auf dem Schnepfenfeld im Jahr 1380 lie\u00df sich der triumphale Dmitrij Donskoj hier, hoch \u00fcber dem Steilufer der Moskwa, eine Sommerresidenz erbauen. Wegen ihrer Pracht nannten sie Zeitgenossen das achte Weltwunder. Zuletzt gestaltete Zar Aleksej 1667 den Palast um, sein Sohn Peter, sp\u00e4ter der Gro\u00dfe, verbrachte hier seine Kindheit, sp\u00e4ter ben\u00fctzten ihn die Zarinnen Katharina I., Anna und Elisabeth.<br \/>\nKatharina die Gro\u00dfe mochte ihn nicht, sie bevorzugte das von ihr erbaute Schloss Zarskoje Selo bei St. Petersburg. Sie lie\u00df den Moskauer Palast abrei\u00dfen, trotz vieler Pl\u00e4ne kam aber nie ein Neubau zustande. Von der alten Pracht bleiben nur das Erl\u00f6sertor als Eingang, der Glocken- und der Wasserturm und die Kirche der Gottesmutter von Kazan stehen. Das war die Hauskirche des Zaren Aleksej mit einem unterirdischen Geheimgang zur Christus-Erl\u00f6ser-Kirche. Dies ist der sch\u00f6nste und gr\u00f6\u00dfte Zeltdachbau der Rus mit einem 63 Meter hohen Turm. Hier versuchten die unbekannten Baumeister zum ersten Mal, den traditionellen Holzbaustil in Stein zu \u00fcbertragen, mit den fr\u00fchesten Einfl\u00fcssen der italienischen Renaissance in Russland. Typisch f\u00fcr die russische Gotik sind die schlanken S\u00e4ulen, dar\u00fcber die dreifach gestaffelten Kokoschki, die die aufragende Gestalt optisch noch verst\u00e4rkten. Sinnbild f\u00fcr das Streben zu Gott, die Himmelfahrt Christi, aber auch den Ruhm des Russischen Reiches.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wusste ich an diesem Karsamstag im April 1971 das alles noch nicht, geschweige denn h\u00e4tte ich das sehen oder benennen k\u00f6nnen. Aber in den n\u00e4chsten drei\u00dfig Jahren bin ich immer wieder an diesen Ort gekommen, er wurde einer meiner Moskauer Herzenspl\u00e4tze, und allm\u00e4hlich verleibte ich mir Kolomenskoje immer mehr ein. Es war der Ort, an dem ich eine Ahnung vom Inneren Russlands bekam, die ganze russische Geschichte wie durch eine Osmose zu sp\u00fcren vermeinte. Und den besten Blick auf Moskau hatte. Nah genug, um das Sch\u00f6ne zu sehen, weit genug weg, um das H\u00e4ssliche zu vergessen.<br \/>\nIch versuchte oft, mich in Napoleon auf den H\u00fcgeln von Borodino zu versetzen, als er im September 1812 die ersten Blicke auf das viertausendfach golden gekr\u00f6nte Moskau warf. Ich bin \u00fcberzeugt, dass er genau hier den Verstand verloren hat, so verr\u00fcckt wurde, dass er meinte, es einnehmen und beherrschen zu k\u00f6nnen. Er war wie geblendet von dieser Pracht und verga\u00df, dass hier nicht Zar Alexander I. herrschte, sondern K\u00f6nig Winter. Heutzutage hat Moskau immerhin noch 400 Kuppeln und T\u00fcrme.<\/p>\n<p>Wjeta, Pashka und ich waren fr\u00fch gekommen, noch bei Tageslicht. Die Feierlichkeiten begannen erst mit der D\u00e4mmerung. Die Kirche war schon halb gef\u00fcllt, die Gl\u00e4ubigen verrichteten ihre rituellen Handlungen: das Waschen, Kerzenanz\u00fcnden, Ikonen-Umkreisen und -K\u00fcssen, Kopeken-Einwerfen, das Schreiben der F\u00fcrbitte-Zettel und Abholen der kleinen Sauerbrote in der Sakristei. Die Besucher waren fast nur alte Frauen mit Kopft\u00fcchern, kaum M\u00e4nner und Jugendliche.<br \/>\nAuf der Galerie an der Hinterwand sang ein Frauenchor in endlosem Auf und Ab Gebete und Chor\u00e4le, die Gl\u00e4ubigen antworteten mit gleichem Singsang: Gospodi pomilui. Herr, erbarme dich unser. Tausende Male. Oh Gott, wie viel hatte er ihnen zu verzeihen! Bekreuzigen, in die Knie gehen und niederwerfen, den Boden k\u00fcssen, aufstehen und wieder bekreuzigen. Es war mein erster orthodoxer Gottesdienst, alles war neu und fremd. Ich erkannte noch nicht den Rhythmus, in dem sich das alles vollzog. Nicht einmal, dass es einen Rhythmus hatte. Inzwischen hatte sich die Ikonostas ge\u00f6ffnet und Geistliche erschienen in der Apsis. Reiches Ornat, viele Kerzen, geschwenkte Weihrauchf\u00e4sser und aus Wasserbecken reich verspr\u00fchtes Wasser.<\/p>\n<p>Die Menge war dicht zusammenger\u00fcckt und dr\u00e4ngte immer st\u00e4rker nach vorne. Bald standen wir in einer kompakten Masse von Leibern. Pashka, Wjeta und ich bem\u00fchten uns, aufrecht stehend beieinander zu bleiben. Auch sie Atheisten, machten sie nicht mit bei Bekreuzigung, Niederwerfung und Bodenk\u00fcssen. Da h\u00f6rte ich von drau\u00dfen L\u00e4rm, Pferdewiehern, Hundgebell, Schl\u00e4ge an das Tor. Lautsprecheransagen von au\u00dfen an die towarischtschi verujuschtschije, die Genossen Gl\u00e4ubigen, dass nun die Kirche geschlossen w\u00fcrde, und wer nach drau\u00dfen wollte, sollte das jetzt tun. F\u00fcr den Rest der Nacht w\u00fcrde die Kirche von au\u00dfen versperrt. Das war die berittene Miliz, die den Gottesdienst vor den m\u00f6glichen erz\u00fcrnten kommunistischen Volksmassen sch\u00fctzen sollte. Ich wei\u00df nicht mehr, ob meine russischen Begleiter so unerfahren waren oder ich so naiv, dass ich darauf bestand zu bleiben: In jedem Fall, wir gingen nicht nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Tor fiel krachend in seine Angeln, und die Milizion\u00e4re schlugen noch einmal fest auf das alte Holz. Ges\u00e4nge, Kerzen, Weihrauch, Niederwerfen, Aufstehen. Der Sauerstoff war aufgebraucht. Allm\u00e4hlich verschmolz bei mir alles zu Schlieren, ich konnte mit den Augen nichts mehr unterscheiden, es blieb der Singsang als letzte Erinnerung in den Ohren. Gospodi pomilui. Nein, die allerletzte war das Gef\u00fchl der dicht gepressten K\u00f6rper rund um mich, die mich aufrechterhalten hatten. Als sich die Masse wieder einmal beugte, niederkniete und sich auf den Boden warf, kippte ich heraus und fiel und fiel. Mein K\u00f6rper auf den runden R\u00fccken der betenden Weiblein, das war die letzte Empfindung, bevor ich das Bewusstsein verlor. Ein langsames Gleiten ins Nirgendwo.<\/p>\n<p>Das Weitere erinnere ich nicht, sondern ist Erz\u00e4hlung. Mein Gl\u00fcck, meine Begleiter, meine Lebensretter. Sie erkannten die Situation und k\u00e4mpften sich durch die K\u00f6rpermassen robbend nach hinten in Richtung des Eingangs, eine Schneise, mich im Schlepptau. Ich kam so zu liegen, dass ich unter dem undichten Torschlitz etwas Luft zu atmen bekam. Pashka und Vjeta schrien und trommelten mit allen Kr\u00e4ften von innen an das Tor. Ein Notfall, eine Frau ist bewusstlos, bitte, aufmachen, um Gottes Willen, gospodi pomilui!<br \/>\nEs \u00f6ffnete sich ein Spalt, und meine Freunde zogen mich hinaus, zwischen Pferde- und Hundebeinen hindurch. Sie brachten mich auf eine Wiese, atzten mich mit Wasser und f\u00e4chelten meine Stirn, t\u00e4tschelten meine Wangen und ermunterten mich mit guten Zuspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Das Erste, was ich wieder bewusst aufnahm, war eine Kohorte von Polizisten hoch zu Ross mit freilaufenden Sch\u00e4ferhunden. Sie umkreisten uns unruhig, sie wogten dahin und dorthin, immer wieder auch um die Kirche. Das Ger\u00e4usch von Pferdehufen gegen die Kirchenmauern. Schl\u00e4ge mit Holzst\u00f6cken gegen die Kirchent\u00fcr und Fenstergitter. Ganze Einheiten belegten die offenen Galerien, Arkaden und Treppenaufg\u00e4nge an der Vorderseite. Sie taten uns nichts an, verlangten nicht einmal unsere Dokumente.<br \/>\nMein elender Zustand war ihnen offenbar Beweis genug. Feind liquidiert. Ausgeschaltet. Keine Gefahr. Ein unscharf gestellter Film, untermalt von Chorges\u00e4ngen, Kommandos, Pferdewiehern und Hundegebell.<\/p>\n<p>Es schien ein Krieg zu toben rund um die Christus-Erl\u00f6ser-Kirche. Historische Schlachtenbilder, Borodino, Napoleon gegen Kutusowski 1812, langsam kam ich wieder zu mir, etwas zeitverschoben allerdings, denn ich meinte, tausende Kirchenglocken zu h\u00f6ren. Da erst bemerkte ich, dass viele Menschen keinen Platz in der Kirche gefunden hatten. Sie lagerten im Park, immer bedr\u00e4ngt von der Miliz und deren Tieren. Die Kirche geh\u00f6rte zu einem Museumsreservat, war nicht geweiht und eigentlich nicht geeignet f\u00fcr einen Gottesdienst. Das war auch der zynische Grund f\u00fcr das Verbot der Auferstehungsfeier. Da sich die Gl\u00e4ubigen nicht aufhalten lie\u00dfen, wurden sie maximal gest\u00f6rt und eingesch\u00fcchtert.<br \/>\nAm st\u00e4rksten aber der Geruch einer russischen Fr\u00fchlingswiese, von den Eichen, vom Fluss unten und die Sterne dar\u00fcber. Mein Erweckungserlebnis fand nicht innerhalb einer Kirche statt, so viel war sicher.<\/p>\n<p>Ob es in Kolomenskoje noch andere Zwischenf\u00e4lle gegeben hat? Wir wussten es nicht, h\u00e4tten es auch nie erfahren. Die sowjetische Presse ver\u00f6ffentlichte nie lokale Vorf\u00e4lle, die nicht ins Bild passten.<br \/>\nDas erl\u00f6sende Jubeln bei Sonnenaufgang, das Ausbrechen aus der Kirche: Christos voskres`- voisstenno voskres` \u2013 Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden \u2013 die Umarmungsk\u00fcsse am Morgen nach der Auferstehungsfeier, die Weidenzweige, die Ostereier und Osterkuchen &#8211; das alles habe ich sp\u00e4ter noch oft erlebt und genossen, aber nie wieder nach einer Nacht in einer verschlossenen Kirche.<\/p>\n<p>23.6.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17136<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>April 1971 Meine Freunde Pashka und Wjeta wussten davon \u00fcber Mundpropaganda. 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