{"id":6748,"date":"2017-07-17T11:34:14","date_gmt":"2017-07-17T11:34:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6748"},"modified":"2017-07-22T13:48:16","modified_gmt":"2017-07-22T13:48:16","slug":"das-lebensbuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6748","title":{"rendered":"Das Lebensbuch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6748&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6748&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>(das wahrscheinlich wichtigste Buch meines Lebens)<\/em><\/p>\n<p>Wie das Buch hie\u00df und woher es zu mir kam, wei\u00df ich nicht mehr. Ob von der \u00e4lteren Schwester geerbt oder ob ich es selbst entdeckt habe, in der Buchhandlung Sigmund am Tullner Hauptplatz oder in der Stadtb\u00fccherei ausgeborgt, das ist wahrscheinlich f\u00fcr immer in der Vergangenheit versunken. Eher hatte ich es zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekommen, unsere Eltern waren sehr aufmerksam um unsere Lekt\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, ein Schwellenalter. Das, wovon das Buch handelte, konnte mich weder fr\u00fcher noch sp\u00e4ter so fasziniert haben, dass ich das Buch bis heute geradezu sp\u00fcren und schmecken kann. Es riecht noch immer nach diesem Sommer in meiner Erinnerung.<br \/>\nMilde Sonne und Lavendel zum Greifen. Bis zum heutigen Tag bin ich ergriffen von diesem Gl\u00fccksgef\u00fchl, das dieses Buch ausl\u00f6ste. Gerne und oft kehre ich in diese Glocke zur\u00fcck, in diese Versprechungen.<\/p>\n<p>Mehrere franz\u00f6sische Familien machen Ferien auf einem Landgut nicht weit von Paris. Vage Bilder, eine konkrete Handlung ist nicht h\u00e4ngengeblieben. Es gibt eine Schar junger Leute, alle etwas \u00e4lter als ich, reicher, sch\u00f6ner, fr\u00f6hlicher und freier. Sie sind unsagbar begehrenswert und feiern jeden Tag das Fest des Lebens. Keine Sorgen, Ferien eben. Sie leben in wundersch\u00f6nen H\u00e4usern, machen Ausfl\u00fcge in die lieblichsten Landschaften, sie fahren Rad durch duftende Wiesen und an Hecken mit bl\u00fchenden Wildrosen entlang, die ich bis heute in der Nase habe. Sie baden in einem Fluss und lassen sich in der Sonne trocknen. Pan spielt mit dem Sommerwind, dar\u00fcber trillern Lerchen, jeder ist in jede verliebt, oder sie spielen damit mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. Ja, diese von nichts beschwerte Leichtigkeit des Umgangs miteinander, glaube ich, faszinierte mich am meisten. Es war wie der Unterschied zwischen einem Baguette zu unserem Bauernbrot. Wie der Tanz von Schmetterlingen zum Kr\u00e4henflug.<\/p>\n<p>Eigentlich waren diese franz\u00f6sischen Jugendlichen ein fremder Stamm, den ich mit ethnologischem Interesse untersuchte und von dem ich das Universelle zu \u00fcbernehmen versuchte. Ich studierte ihre Sprache, Blicke, Codes \u2013 die Sprache unterhalb der Oberfl\u00e4che. Das war es, was sie in meinen Augen so frei machte. Heimlich \u00fcbte ich vor dem Spiegel Rede und Gegenrede, Mienen und Gesten, Grimassen und Haltungen.<\/p>\n<p>Es klingt kitschig und romantisch, war es aber nicht. Diese franz\u00f6sische Autorin war supermodern. Nichts von der armen Enge der Hochreiter-Kinder von Marlen Haushofer, der Stifter\u2018schen Bunten Steine oder der Waggerl-Welt, wie ich sie bis dahin kannte. Dem Winnetou- Kult, den meine \u00e4lteren Geschwister um die Wette betrieben, konnte ich nichts abgewinnen. Von Karl May habe ich nur Die Weber, Im Land der Skipetaren und Der Schut gelesen, wahrscheinlich weil sie gerade ungelesen herumlagen. An die 80 anderen B\u00e4nde kam ich zu meiner Zeit nicht heran, weil sie st\u00e4ndig unter den \u00c4lteren kreisten. Ich hab schon 40, pah, ich schon 56, so ging das damals.<\/p>\n<p>Meine franz\u00f6sischen Teenager waren in meinen Augen alle ein bisschen exzentrisch und taten verr\u00fcckte Dinge, wof\u00fcr ich sie heftig beneidete. Aber ich h\u00e4tte das bei mir nirgendwo ausprobieren k\u00f6nnen. Sie hatten jeder einen bestimmten Stil und dr\u00fcckten ihre Pers\u00f6nlichkeit ungehindert aus. Sie schienen schon alles \u00fcber das Leben und die Welt zu wissen, wobei mich nat\u00fcrlich das Mysterium zwischen M\u00e4nnern und Frauen am meisten interessierte. Die Sexualit\u00e4t k\u00f6nnte die Br\u00fccke zur \u00dcberwindung der Fremdheit sein. Aber bei uns wurde sie aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden unterdr\u00fcckt. Die jungen Franzosen schienen davon vollkommen unber\u00fchrt zu sein, sie wurden nicht bel\u00e4stigt und bedroht von den Erwachsenen, sie konnten sich so frei entwickeln wie ihre Heckenrosen und Blumenwiesen. Wir dagegen wurden aufgezogen wie Spalierobst und beschnitten wie Buchsb\u00e4ume. Reih und Glied.<br \/>\nEs war vor allem das Lebensgef\u00fchl des Aufbruchs, dass alles m\u00f6glich war und nur Sch\u00f6nes vor einem lag, das dieses Buch vermittelte. Die Zukunft stand weit offen und winkte mit goldenen Aussichten.<\/p>\n<p>Ein unvergessliches Buch, von dem ich nicht einmal den Namen die Autorin mehr wei\u00df? Warum bin ich mir so sicher, dass es \u00fcberhaupt eine Autorin war? Sie war eine Frau, weil ich mich von ihr vollkommen verstanden f\u00fchlte, auf gruselige Art durchschaut, aber nicht verraten, sondern aufgehoben. Auch an die Handlung kann ich mich kaum erinnern, kein einziges Detail, alles nur vage, alles Stimmung und Schwingung. Keine Probleme und Verwicklungen, die es ja auch gegeben haben muss, denn ansonsten h\u00e4tte das Buch nicht von lebendigen Menschen gehandelt. Die eventuell st\u00f6renden Erwachsenen sind ausgeblendet. Es war die Atmosph\u00e4re, die Lebensluft, die mir wie der Gegenentwurf zu meiner eigenen Welt vorkam. Ein Entwurf in meine eigene ertr\u00e4umte Zukunft.<\/p>\n<p>Bei uns zu Hause war es \u00fcblich, dass alle \u00fcber ihre Lekt\u00fcren sprachen, dass dar\u00fcber am Esstisch diskutiert wurde, auch gestritten, und die Eltern, die alles wussten, oft als Schiedsrichter auftraten. Obwohl ich meinen franz\u00f6sischen Traum h\u00fctete wie den Augapfel, kam meine zwei Jahre j\u00fcngere Schwester hinter mein Geheimnis. Sie wollte nat\u00fcrlich das Buch auch sofort lesen, was ich in jeder Hinsicht f\u00fcr unangemessen hielt. Sie war ja viel zu jung f\u00fcr so eine Geschichte, ein Baby! Ich wollte meinen Altersvorsprung als Autorit\u00e4t ausspielen. Aber vor allem wollte ich meine neue Traumwelt mit niemandem teilen. Ich h\u00fctete sie eifers\u00fcchtig und egoistisch, sie war mein Privatkosmos, mein eigenes kleines Paradies, das ich bis ins Letzte verbissen verteidigte.<br \/>\nIch las nur noch heimlich und versteckte das Buch unter der Bettmatratze. Es war ein Skandal, weil ich behauptete, es sei verschwunden. Nach einer peniblen Zimmerkontrolle durch die Mutter musste ich es herausr\u00fccken und nach dem Auslesen der kleinen Schwester ausliefern. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so gehasst wie die beiden, ich wei\u00df nicht, wen mehr. Es war ein \u00dcberfall, ein Raub, ein Einbruch, eine Entweihung, ein Hineintrampeln in meine Welt. Das dort waren meine Menschen, meine Freunde, meine Lieben. Ich lebte mit ihnen, sie lebten mit mir.<br \/>\nIch sp\u00fcre noch immer Zorn aufsteigen, dass sie mir mutwillig den ersten gro\u00dfen Kummer meines Lebens zugef\u00fcgt haben. Und die Scham dar\u00fcber, dass ich dieses Buch, das Intimste, das Privateste, das Sch\u00f6nste, was ich hatte, nicht hatte sch\u00fctzen k\u00f6nnen vor fremden Blicken und Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p>Trotz aller pers\u00f6nlicher Tragik waren in der Folge drei Dinge tr\u00f6stlich, ja sogar begl\u00fcckend. Es kamen noch zwei Fortsetzungsromane, die ich geheimhalten konnte, weil ich sie nicht mehr zu Hause las, sondern in einem sicheren Depot bei einer Freundin.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich ist dieses Erlebnis ein Beweis daf\u00fcr, dass es ein gutes Buch gewesen sein muss. Denn ohne diese Qualit\u00e4ten, die ich so sehr sch\u00e4tzte, dass sie unvergesslich sind, w\u00e4re ich vielleicht erst sp\u00e4ter oder gar nicht drauf gekommen, was ein gutes Buch ausmacht: die Erschaffung einer neuen Welt, in der man besser leben kann als in der eigenen, mit Menschen, Ereignissen, Gef\u00fchlen und Erkenntnissen, Landschaften und Ger\u00fcchen, die das erste Leben anreichern und ins Endlose ausweiten. Die dritte Entdeckung war, dass Lesen eine wunderbare, nie endende Art von Selbstfindung ist. Zumindest verstand ich seit damals, dass wir nie das Fremde suchen, sondern immer auf der Suche nach dem Eigenen sind. Es wird immer belohnt. Meine Liebe zu den Autoren, die so etwas zu bewirken verm\u00f6gen, ist ungebrochen. So haben sie mich zu einer ma\u00dflosen B\u00fccher-Fresserin und Welten-Entdeckerin gemacht.<\/p>\n<p>Mutter und Schwester habe ich nat\u00fcrlich l\u00e4ngst verziehen.<br \/>\nWir sind schlie\u00dflich alle aus demselben Holz geschnitzt.<\/p>\n<p>30.6.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17135<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(das wahrscheinlich wichtigste Buch meines Lebens) Wie das Buch hie\u00df und woher es zu mir kam, wei\u00df ich nicht mehr. 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