{"id":6725,"date":"2017-07-04T05:31:16","date_gmt":"2017-07-04T05:31:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6725"},"modified":"2017-07-16T08:35:06","modified_gmt":"2017-07-16T08:35:06","slug":"das-geheimnis-in-der-bassena","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6725","title":{"rendered":"Das Geheimnis in der Bassena"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6725&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6725&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Solange du nicht zu steigen aufh\u00f6rst, h\u00f6ren die Stufen nicht auf, unter deinen steigenden F\u00fc\u00dfen wachsen sie aufw\u00e4rts.<br \/>\nFranz Kafka. F\u00fcrsprecher.<\/em><\/p>\n<p>Sie sperrt die T\u00fcr auf, durchquert den Gedenkraum und legt zuerst die Blumen auf das Kaminsims. Im Winter sind es Rosen, sp\u00e4ter, im M\u00e4rz und April Tulpen oder Narzissen, im Mai Flieder oder Pfingstrosen. Wasser in die Bassena gie\u00dfen, frisches einlassen und die neuen Blumen drapieren; die St\u00e4ngel sollen nicht am Boden ansto\u00dfen, hat er auf einen der Gespr\u00e4chszettel geschrieben. Links davon stehen die siebzehn B\u00e4nde des Gesamtwerkes, daneben eine dicke, abgebrannte Kerze. Ein bisschen Altar.<br \/>\nSitzen und Warten. Ins Stiegenhaus horchen. Auf die Glocke unten, die Schritte zwei Stockwerke hoch. Nichts, niemand. Wieder einmal kein einziger Besucher. Die Einsamkeit passt zu ihm. Die Stunden schleichen z\u00e4h dahin, sie meint, die Zeit am Stand ticken zu h\u00f6ren, stillgestanden seit dem 3. Juni 1924.<\/p>\n<p>Es ist aber nur das banale Knistern der Heizung, wenn sie an- und abspringt. Dann von oben ein dumpfes Poltern, Schieben, Kratzen und Rollen \u00fcber dem Plafond.<br \/>\nDie Geister sind immer und \u00fcberall. Sie lassen sie niemals in Ruhe und dringen \u00fcberall ein. Wahrscheinlich verr\u00fcckt der Hausherr aber nur wieder einmal die Blumenk\u00fcbel auf seiner Terrasse, als wollte er mit seinen Oleandern und Lebensb\u00e4umen das Orakel von Stonehenge nachbauen. Dieser Herr Odradek ist ein pain in the neck and in the ass. Pia denkt oft auf Englisch. H\u00e4ufige Reisen nach London, eintauchen ins Theaterleben, nichts geht \u00fcber Shakespeare, aber f\u00fcr das Leben dort reicht ihr Gehalt nicht.<br \/>\nAuf der Hauptstra\u00dfe, vor den Fenstern, rauscht der Verkehr, unterbrochen von j\u00e4hem Abbremsen, nerv\u00f6sem Hupen und reifenquietschendem Abbiegen zum A-H-Supermarkt. Ein Get\u00f6se, b\u00f6sartig im Ton, aber gestaltlos und ohne Bedeutung. Sie sollten mit Kotfl\u00fcgeln aufeinander schlagen wie mit rauchenden Colts. Dazwischen das banale Klirren von Einkaufsw\u00e4gen und hysterisches Kindergeschrei.<\/p>\n<p>Die Bibliotheksarbeit ist schnell erledigt, es gibt ja nicht allzu viele Neuzug\u00e4nge, die Mitgliederkartei auf den neuesten Stand gebracht, die Liste der neuen E-Mail-Eintr\u00e4ge ist kopiert, seit Jahresbeginn ganze sieben. Sie sitzt einige Zeit am Schreibtisch und studiert wie schon so oft die rohe Ziegelwand, da kann sie sich verlieren, ihre eigene Meditation. Einmal sieht sie sich im Raum um, zu den B\u00fccherregalen. Franz\u00f6sische, koreanische, russische, chinesische, arabische \u00dcbersetzungen, alle interessieren sich f\u00fcr K. Au\u00dfer den fremdsprachigen \u00dcbersetzungen hat sie alle B\u00fccher gelesen, manche schon mehrmals. Auf die reichen Bildb\u00e4nde \u00fcber Leben, Orte und Werke hat sie gerade keine Lust. Zu oft gesehen, gelesen, studiert, und nie zu Ende gekommen, zu einem Ende, einem eindeutigen. Gerade heute braucht sie keine fremden R\u00e4tsel.<br \/>\nVon ihrem Stuhl aus sieht sie auf die gro\u00dfen Portr\u00e4t-Fotos von Dora Diamant und Robert Klopstock, die beiden Begleiter auf seinem letzten Weg. Dora war schon im Sanatorium Wienerwald und im Allgemeinen Krankenhaus an seiner Seite, Robert kam Anfang Mai nach Kierling geeilt. Er \u00fcbernahm einen Gro\u00dfteil der medizinischen Betreuung und die Korrespondenz, Dora bekochte und f\u00fctterte ihn und versuchte, ihm einige Schlucke von Fl\u00fcssigkeit einzufl\u00f6\u00dfen. Sprechen konnten sie nicht mehr miteinander, sie schrieben einander auf Zettel ihre Mitteilungen.<br \/>\nPia sch\u00fcttelt sich in ihrem ganzen runden K\u00f6rper und wedelt mit den Armen, wie um einen Insektenschwarm abzuwehren. Der soll nu mal ne Ruh geben, endlich. Dabei ist sie doch nur wegen ihm da.<\/p>\n<p>Auf den Boden kommen. Jetzt einmal einen Kaffee und eine Zigarette auf dem Balkon mit langen Blicken ins Maital. Auch so vergeht die Zeit. Auf der Tanne sitzen die jungen Zapfen dicht wie Haifischz\u00e4hne, um den Wipfel herum vergn\u00fcgen sich Blaumeisen, dar\u00fcber quengeln Dohlen und Kr\u00e4hen. Unten im Rasen wachsen einige Fliederb\u00fcsche mit wei\u00dfen und dunkellila Bl\u00fcten, die Pfingstrosen noch nicht aufgebl\u00fcht. Sie sind alt und schon knorrig. Ob sie schon zu Kafkas Zeit hier standen? Dora und Robert haben aus Wien immer frische Str\u00e4u\u00dfe mitgebracht. Franz, riech mal, wie sch\u00f6n. Um diese Zeit, die letzten Maitage, stellen sie eine Schale mit Erdbeeren und Kirschen auf den Tisch, die liebte er, Dora hielt sie ihm unter die Nase, zuletzt konnte er nur noch ihren Geruch genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Zimmer, es ist d\u00e4mmrig geworden, der April bringt wieder einmal ein Gewitter ins Tal. Der braune Parkettboden dunkelt in zwei oder drei Schattierungen, und die W\u00e4nde ziehen sich in weite Ferne zur\u00fcck. In den Ecken h\u00e4ngen Erinnerungen wie Spinnengewebe. Der hat hier seine Gespenster ausgehaucht und zur\u00fcckgelassen. Heute ist sie diejenige, die das h\u00fctet. Die Pflege von Spinnweben und Todeshauch. Ein sch\u00f6ner Job, aber sie hat ihn sich ausgesucht, und er ist ja ehrenamtlich. Ohne Amt, nur Ehre.<\/p>\n<p>Pia g\u00e4hnt und streckt sich in ihrem Sessel, die Arme zur\u00fcck und die Beine unter dem Tisch. Sie legt den Kopf auf die Seite und lauscht der schwachen, zittrigen Musik aus dem Radio. Sie runzelt die Stirn und wei\u00df nicht, warum ihr der H\u00e4ndel heute l\u00e4stig ist. Weil ihr heute alles auf die Nerven geht, sogar ihr vielgeliebter Landsmann aus Halle\/Saale? Ihr Gott, der gr\u00f6\u00dfte Mensch, der je gelebt hat, alle anderen, sogar Mozart und Beethoven sind nur seine Propheten. H\u00e4ndel ist meine Religion, pflegt sie vor Freunden zu sagen, die einzige, und das hat nichts mit Halle zu tun.<br \/>\nGoodman w\u00e4re jetzt besser. Ein hei\u00dfes, scharfes Geschmetter, die nerv\u00f6s zerrissenen Sequenzen einer Jam-Session, New Orleans und nicht Kierling. Aber auf \u00d61 l\u00e4uft gerade kein Goodman. Sie dreht das Radio etwas lauter. Vielleicht w\u00e4ren sogar Walzer jetzt besser. Aber seit Wien gestorben ist, sind alle Walzer Schatten. Wien, das gro\u00dfe absterbende Riesendorf, hat er einmal festgestellt. Aussichtslos. Vielleicht doch noch das Album mit den Fotografien hernehmen. Die Kinderbilder, mit und ohne Schwestern, als Maturant, der neue Doktor juris, mit der Lieblingsschwester, mit dem Freund und allein auf dem Altst\u00e4dter Platz. Das alte Katzenkopfpflaster unter den eleganten Schuhen. Hochgewachsen, schmal trotz mehrfacher Schicht von dreiteiligem Anzug, auf dem Kopf einen hohen Hut. Nicht unfreundlich im Ausdruck und leicht zugeneigt, aber nicht wirklich l\u00e4chelnd. Prag, das einen nicht losl\u00e4sst, das M\u00fctterchen mit Krallen, schreibt er in sein Tagebuch. Prag pr\u00e4gt. Die Stadt ist eine Heimsuchung.<\/p>\n<p>Sie streicht sich mit beiden H\u00e4nden \u00fcber das straff zur\u00fcckgek\u00e4mmte Haar und steckt die Klammer \u00fcber eine ungehorsame Str\u00e4hne am Hinterkopf fester. Sie spielt mit der langen, silbernen Uhrkette vor der Brust, die Zeiger im ovalen Ziffernblatt bewegen sich nicht. Sie streicht ihre lange Bluse aus gerippter Seide \u00fcber den pfirsichfarbenen Knien glatt und betrachtet lange die mit violetten Lotosknospen bestickten Leggings. Die Farbe ihrer Augen, ihr \u201e absolutes Alleinstellungsmerkmal\u201c, sagt der Therapeut immer, dazu gro\u00df, tief liegend und gl\u00e4nzend. Ja der, und sie ballt ihre F\u00e4uste in der Uhrkette. Der ist ja magers\u00fcchtig, und ich bin dickdickdick.<br \/>\nAber sie hat sich in ihn verliebt. Das geht nun schon f\u00fcnf Jahre, dass sie von ihm tr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Soll sie vielleicht etwas essen? Ihren Quinoa-Salat mit Avocados und Cherry-Tomaten. Sie sieht ihn geradezu vor sich, die Plastikbox steckt in ihrer Tasche, heute fr\u00fch mit frischen Kr\u00e4utern zubereitet f\u00fcr ihren Samstags-Dienst im Gedenkraum. Nein, es ist noch zu fr\u00fch, sagt der strenge Kopf, obwohl der l\u00e4ssigere Magen schon etwas aufnehmen k\u00f6nnte. Der Appetit geht immer von Bildern aus, es ist Kopfhunger, nicht Magenhunger. Sie wei\u00df das schon lange, versucht in Therapien und Tanz-Workshops die Bilder zu \u00e4ndern und kommt doch nicht von ihren \u00fcberz\u00e4hligen Kilos los. Und \u00fcberhaupt, in dem Zimmer, wo er verhungert ist, ans Essen zu denken. Ihre Kollegin Sybille hielt das f\u00fcr unmoralisch.<br \/>\nSie schaut auf den Parkett-Boden und sieht pl\u00f6tzlich, dass hier ein blauer Teppich liegen sollte. Ein Wahrnehmungsanfall- oder -ausfall? Sehen violette Augen andere Farben als braune, blaue oder graue?<br \/>\nEinen Augenblick zuvor war sie entspannt zur\u00fcckgelehnt im Sessel dagesessen, und im n\u00e4chsten stand sie auf den F\u00fc\u00dfen, absolut ruhig und im Gleichgewicht.<br \/>\nPutzen! Das ist es! Ordnung machen, auch wenn alles in Ordnung ist. Wenn etwas sauber ist, dann ist immer auch alles andere in Ordnung. Das kann nicht falsch sein, nicht in der DDR und auch anderswo nicht. Dreck l\u00e4sst sich immer noch irgendwo finden. Das gibt Sicherheit.<\/p>\n<p>Warte, he, pass auf, die Bandscheiben, das ist eine schwere Arbeit. Die paar Kr\u00fcmel von ihrem Quinoa-Salat mit Kn\u00e4ckebrot hat sie schnell weggewischt, ansonsten war alles sauber wie Brokat. Alle ehrenamtlichen Raumw\u00e4chter waren darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen, weder eigene noch fremde. Aber Pia ist geradezu von einem Putzfimmel besessen, noch das letzte Kr\u00fcmel- oder St\u00e4ubchen entdeckt sie mit Adleraugen und entfernt sie mit Besen und Wischmopp. Feucht aufwischen ist heute nicht notwendig, das Parkett gl\u00e4nzt ohnedies; wenn sie sich vorbeugt, kann sie sich darin spiegeln. Ein verrutschtes Spiegelbild, genauso wie seine Traumspiegelwelt. Vielleicht hat er zu oft auf seinen Parkettboden geschaut, geht ihr zum ersten Mal durch den Kopf. Oh Gott, bin ich banal, da mach ich doch gleich etwas ganz Banales. Sie steht auf und holt mit gezielter Geste aus der Abstellkammer ein Staubtuch. Sie kennt dort jeden Millimeter, hat sie sie doch selbst eingerichtet und ausgestattet.<\/p>\n<p>Sie wischt mit dem Staubtuch \u00fcber die dunklen Holzw\u00e4nde der Sitzecke, dort sammeln sich gern die Fusseln oder die Flankerl, wie die \u00d6sis sagen. Als sie sich wieder aufzurichten versucht \u2013 vielleicht mit einer zu heftigen Bewegung \u2013 st\u00f6\u00dft sie mit der linken Schulter von unten an das B\u00fccherbrett. Diese kleine Ersch\u00fctterung bringt die schr\u00e4g aufgestellten Bildb\u00e4nde ins Rutschen, und wie eine Dominoreihe fallen sie um. Ein Buch auf das andere, langsam, wie in Zeitlupe, aber irgendwann haben sie keinen Platz mehr auf dem schmalen Brett und poltern herunter, auf sie, die noch immer halb geb\u00fcckt vor der Bank steht. Eines trifft den Kopf, eines die rechte Schulter, mehrere treffen die Mitte des R\u00fcckens und gleiten \u00fcber die H\u00fcften. Wie die B\u00fccher in ihre rechte Kniekehle eindringen konnten, welche Dynamik, welche Drehungen der Physik wirksam wurden, wei\u00df sie nicht. Das gro\u00dfe Buch von Kafkas Tagen in Wien, Kafkas Prag, einige Bildb\u00e4nde \u00fcber das alte Prag, die drei B\u00e4nde der Biographie von Reiner Stach, ein Prachtband mit Fotos von Kafkas Familie, zwei Ausgaben \u00fcber Kafkas letzten Freund, Robert Klopstock, einer \u00fcber Kafkas letzte Liebe Dora Diamant, \u00fcber Kafka und das Judentum. Welches von denen war ihr in die Kniekehle eingefahren? Prag, Wien, Liebe, Freund, Judentum? Ah, er versucht mir nah zu sein, ein Wink aus dem Himmel. Aber mit welcher Bedeutung? So gro\u00df wie ein Taubenschiss auf den Kopf?<\/p>\n<p>Aber das sind schon \u00dcberlegungen von danach, nach allem, als es vorbei war. Sie f\u00fchlt sich noch am Boden krabbeln, hinaus aus dem ersten Raum, vor die T\u00fcr, auf den Korridor.<br \/>\nGleich links von der Eingangst\u00fcr befindet sich eine Bassena, ein Wasserbecken auf dem Gang, \u00fcblich in alten Wiener H\u00e4usern. Was erinnert sie noch? Den Geruch von feuchten Steinen im Hausflur, Putzfetzen und Wischmopp. \u201eDer Geruch von nassen Steinen im Hausflur\u201c, nicht mehr und nicht weniger &#8211; die Definition von (guter) Literatur nach Hugo von Hofmannsthal. Sie kr\u00fcmmt sich, die Beine gehorchen nicht, das ganze Gewicht h\u00e4ngt in den Armen. Nur nicht alt werden, nicht schwach! Nach mehreren Versuchen bekommt sie mit einer Hand das Rohr unter der Bassena zu fassen und kann sich an ihm hochziehen.<br \/>\nSie ist doch kein Ungeziefer wie Gregor, keine Maus wie Josefine, kein Hund, nicht der Affe Rotpeter, keine Ratte und kein Schakal. Kurz bevor es ihr gelingt, sich aufzurichten, gibt das Wasserrohr nach, und die Sch\u00fcssel kracht auf sie herab, Vollmetall der Firma Gerb &amp; S\u00f6hne Wien. Die massiven Armaturen aus Edellegierungen prasseln auf sie herab, das schwere Gitter trifft sie an der Schl\u00e4fe. Aber bevor sie im Geruch der muffigen Bodenfliesen versinkt, sp\u00fcrt sie etwas um sich, nicht die schweren B\u00fccherb\u00e4nde aus der Ecke, sondern einzelne Bl\u00e4tter, Hefte, Notizb\u00fccher, Papier, viele Bl\u00e4tter, einen Berg, eine Decke, weit verstreut \u00fcber die Steinplatten des zweiten Stockwerkes. Sie riechen noch nach dem Park von Berlin-Steglitz, nach Astern, Laub und feuchter Erde, nach dem Herbst von 1923.<\/p>\n<p><em>Liebe Lotte, steht oben auf den Bl\u00e4ttern. Du bist traurig, weil Du suchst Deine Puppe. Sie ist nicht mehr da, sie hat Dich verlassen und ist auf eine Reise gegangen. Du bist traurig, aber sei sicher, sie hat Dich lieb! Sie hat jetzt andere Pl\u00e4ne und schreibt mir Briefe \u00fcber ihr neues Leben. Sie geht in die Schule, weit weg von hier. Es geht ihr gut und sie denkt oft an Dich. Ich erz\u00e4hle Dir ihre Geschichte. Wenn ich nicht kommen kann, wird Dir Dora die Briefe vorlesen.<\/em><\/p>\n<p>An einem warmen Tag Anfang November trafen sie im Park ein kleines M\u00e4dchen, das bitterlich weinte, weil es seine Puppe verloren hatte. Franz erfindet sofort eine tr\u00f6stliche Geschichte, dass die Puppe eine Reise macht, er wei\u00df es, weil sie ihm einen Brief geschickt hat. Drei Wochen lang schreibt Franz nun t\u00e4glich im Namen der Puppe an das kleine M\u00e4dchen: von der Reise, der neuen Heimat, wo sie in die Schule geht, von ihren Abenteuern und wie sie neue Leute kennenlernt. Die Puppe ist erwachsen geworden und versichert sie immer wieder ihrer Liebe. Aber sie will nicht mehr zur\u00fcckkommen, sie habe jetzt andere Menschen um sich und viele Verpflichtungen. Er bereitet sie auf den endg\u00fcltigen Verzicht vor. Aber wie soll das enden, wie aus diesem Dilemma herauskommen, ohne das Vertrauen zu verlieren? Zuletzt l\u00e4sst er die Puppe heiraten und erkl\u00e4rt dem M\u00e4dchen, dass sie es jetzt nat\u00fcrlich nicht mehr besuchen k\u00f6nne.<br \/>\nFranz hat den Konflikt eines Kindes durch die Kunst gel\u00f6st, durch das wirksamste Mittel, \u00fcber das er pers\u00f6nlich verf\u00fcgte, um Ordnung in die Welt zu bringen. Er verwandelt die L\u00fcge in die Wahrheit der Fiktion.<br \/>\n23 Briefe und vier Postkarten, handgeschrieben, in seiner steilen und doch runden Handschrift, die Buchstaben besonders gro\u00df, ohne Korrekturen und Streichungen. Dora hat sie aus Berlin mitgenommen und im Hohlraum unter dem Wasserbecken des Sanatoriums versteckt, eingewickelt in \u00d6ltucher. Nachdem Franz im Februar weggefahren war, hatte sie keine feste Bleibe und niemanden, dem sie ihre Sch\u00e4tze anvertrauen h\u00e4tte k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Pia verliert das Bewusstsein.<br \/>\nGefunden hat sie Herr Odradek, der Hausherr. Sie wei\u00df nicht, wie lange sie so dagelegen war. An den Samstagen mit dem open door im Gedenkraum hat er ja immer die Ohren am Boden. Kaum sperrt sie auf, steht er schon da und bietet einen Kaffee an. So etwas von Quasi-Kaffee aus dem neumodischen Hausautomaten von N., brr. Sieht freundlich aus, ist aber sein samst\u00e4glicher Kontrollgang. Vielleicht hat er schon den Krach geh\u00f6rt, mit dem die B\u00fccherkaskade auf sie niedergegangen war. Er sieht sie da wie einen Lurch am Boden kriechend und ruft die Rettung, keine zehn Minuten sp\u00e4ter ist diese zur Stelle und b\u00fcndelt sie auf eine Bahre. Mit Martinshorn ins Krankenhaus Klosterneuburg.<br \/>\nEs geht glimpflich aus, keine Sp\u00e4tfolgen, eine Gehirnersch\u00fctterung und eine klaffende Wunde auf der Stirn, einige Stiche, links \u00fcber die Augenbraue kommt ein Klebeverband. Die Bluterg\u00fcsse und Schrammen am R\u00fccken sieht niemand, am wenigsten sie selbst. Nur die Innenseite ihres rechten Knies schmerzt noch lange und l\u00e4sst sie humpeln, wahrscheinlich eine Prellung.<\/p>\n<p>Wohin die Papiere gekommen sind, kann Pia bis heute nicht herausfinden. Das Ehepaar Odradek hat unterschiedliche Erinnerungen und kann sich nicht einigen. Sicher war das eine gro\u00dfe Aufregung f\u00fcr diese alten Leutchen. Und der Gedenkraum war ihnen nie ganz recht gewesen, die vielen fremden Leute im Haus, man wei\u00df ja nie. Herr Odradek meint, die Rettung hat das Zeug mitgenommen, auf die Bahre gepackt, weil die Frau so geschrien hat: Die Briefe, die Briefe, bitte, rettet die Briefe! Frau Odradek erinnert sich nur daran, dass sie sp\u00e4ter die Treppen ges\u00e4ubert hat. Da war viel Blut, eine Sauerei war das, alles durcheinander, die Bassena heruntergerissen, die Mauer offen und rundherum das viele alte Papier. Pah, Briefe, welche Briefe, lauter Fetzen sind auf dem Treppenabsatz herumgelegen. Und wer zahlt den Schaden? Den Mist hat sie hinuntergetragen, eine Plackerei, und in den Containern vor dem Haus entsorgt. Die Eimer mit Mauerwerk in den Restm\u00fcll, das Altpapier in den so bezeichneten K\u00fcbel. Alles muss seine Ordnung haben. Wer kann da widersprechen.<\/p>\n<p>Pia selbst hat keine gesicherten Erinnerungen, nur das \u201eLiebe Lotte\u201c steht ihr f\u00fcr immer eingebrannt vor den Augen. Kein k\u00f6rperlicher Schmerz kann so tief sein wie der um den zweiten Verlust der Puppenbriefe. Dora hat gelogen, als sie Brod versicherte, Franz\u2019 letzte Schriften seien in Berlin verlorengegangen, als die SS ihre Wohnung durchsuchte.<\/p>\n<p><em>Von einem gewissen Punkt gibt es keine R\u00fcckkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.<br \/>\nFranz Kafka. Blaue Oktavhefte <\/em><\/p>\n<p>Wien, zwischen 13. und 25.5.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 17134<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solange du nicht zu steigen aufh\u00f6rst, h\u00f6ren die Stufen nicht auf, unter deinen steigenden F\u00fc\u00dfen wachsen sie aufw\u00e4rts. Franz Kafka. F\u00fcrsprecher. Sie sperrt die T\u00fcr auf, durchquert den Gedenkraum und legt zuerst die Blumen auf das Kaminsims. Im Winter sind es Rosen, sp\u00e4ter, im M\u00e4rz und April Tulpen oder Narzissen, im Mai Flieder oder Pfingstrosen. 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